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Band IV (1992) Spalten 346-348 Autor: Susanne Siebert

KOLLONITSCH, Leopold Karl v., Kardinalprimas von Ungarn, * 26.10. 1631 in Komorn (Ungarn), + 21.1. 1707 in Wien. - K., Sohn des Befehlshabers der Festung Komorn, Ernst v.K. u. Abkömmling eines alten kroatischen Geschlechtes, kam 1645 als Edelknabe des Erzherzogs Ferdinand an den Wiener Hof. 1650 zog er als Ritter des Johanniterordens nach Malta, wo er für seine Erfolge in den Kämpfen gegen die Türken - 1651 bei Kreta, 1655 in den Dardanellen - mit dem Amt des Kastellans betraut wurde. 1656 wurde ihm das Priorat der Kommenden Mailberg/Niederösterreich u. Eger/Böhmen zugesprochen. K. verzichtete schließlich auf seine Stellung als Johanniter u. wurde 1659 zum Kammerherrn Kaiser Leopolds I. ernannt. 1666 wurde K. Bischof von Neutra, erhielt aber erst 1668 die Priesterweihe. Seit 1672 hatte K. den Bischofsstuhl von Wien-Neustadt inne u. war zugleich Finanzminister. K. war ein entschiedener Verfechter der kaiserlichen Autorität u. der Gegenreformation. In diesem Sinne erwirkte er gemeinsam mit dem ungar. Primas Seleposényi die Besetzung Preßburgs i.J. 1672, damit die dortigen Protestanten zur Räumung ihrer Kirchen gezwungen würden. Anschließend gehörte K. dem Preßburger Gericht an, das in über 700 Fällen Protestanten zur Konversion zwingen wollte. Bereits seit dem Febr. 1672 war K. Präsident der ungar. Hofkammer in Preßburg, obwohl er als Geistlicher dieses Amt nicht hätte einnehmen dürfen. In dieser Stellung erwirkte er die Durchsetzung eines 1671 ohne den erforderliche Reichstagsbeschluß eingeführten Verzehrsteuer, die den Unterhalt der österr. Besatzung sicherstellte. Weiter sorgte K. dafür, daß der Erlös aus den konfiszierten Gütern ungar. Verschwörer der Wiener Hofkammer zufloß. Die ungar. Stände protestierten 1681 auf dem Reichstag v. Ödenburg u. zwangen Leopold I. zum Nachgeben. K. wurde der Palatin Paul Esterházy als Vizepräsident zur Seite gestellt, vom Amt des Finanzminsters trat er zurück. Die seit 1672 bestehende Überordnung der Wiener Hofkammer als Finanzbehörde auch für Ungarn mußte aufgehoben werden ebenso wie die 1678 eingeführte Steuerverteilung. Während der Belagerung Wiens 1683 führte K. die Aufsicht über die Spitäler u. sorgte für den Sold der Soldaten aus den in Wien deponierten Schätzen der Erzbischöfe von Gran u. Kalocsa. 1684 wurde er endgültig aus seinem Amt als Präsident der ungar. Hofkammer verdrängt. 1685 wirkte K. als Bischof von Raab. 1686 wurde er zum Kardinal erhoben. Im Jan. 1688 bestimmte Leopold I. K. zum Vormund von Julia u. Franz Rákóczy, den er den Jesuiten in Neuhaus u. Prag zur Erziehung übergab, um ihn dem Orden zuzuführen. Er konnte jedoch nicht verhindern, daß Rákóczy während K.s Abwesenheit zur Kardinalswahl 1693 in Rom rehabilitiert u. in den Besitz seiner Familie wieder eingesetzt wurde. Rákóczy stellte sich an die Spitze der Opposition gegen die habsburg. Herrschaft in der Gestalt des fünfzehnjährigen Erzherzogs Joseph, der 1687 auf dem Reichstag von Preßburg zum ungar. König gekrönt worden war. - In der 1688 geschaffenen »Kommission zur Errichtung d. Kgr.s Ungarn« wurde K. Leiter der Unterkommission (commissio neoacquisita), die den neu erworbenen Grundbesitz in Ungarn verteilen sollte. In seiner 1689 erschienenen Schrift »Hauptrelation über die Einrichtung des Königreiches Hungarn« schlug K. die dt.-österr. Hofkanzlei als Muster für die Einrichtung einer ungar. vor, außerdem eine Reform d. Rechtswesens, Gründung v. Schulen u. Universitäten, Neuordnung von Handel u. Gewerbe nach holländ. Vorbild, eine Verbesserung der Lage der Leibeigenen u. planmäßige Kolonisation. Seine Vorschläge scheiterten am Widerstand des Militärs. Seit 1689 amtierte K. als Erzbischof von Kalocsa, seit 1692 als kaiserlicher Staats- u. Konferenzminister, 1694 stand er an erster Stelle des kaiserlichen Geheimen Rates. Seit 1695 war er als Primas von Ungarn an der Spitze der kath. Hierarchie des Landes u. als Praeses der sog. »Gemischten Kommission« zu Wien, die sich mit der politischen Organisation Ungarns befaßte. In dieser Position war K. seit 1697 auch in der weltlichen Hierarchie ganz oben. In seinen letzten Lebensjahren bemühte sich K. verstärkt um eine Verständigung mit der griechisch-orthodoxen Kirche.

Werke: Augustana et anti-Augustana Confessio, Wien 1681; Hauptrelation über die Einrichtung des Königreiches Hungarn, o.O. 1689; Forma processus judicii criminalis, seu praxis criminalis ... Cardinalis a Kollonicz, Ed. II, Tyrnau 1697.

Lit.: Heinr. Kellerhaus, Ehrensäule der vornehmsten Tugenden des Hrn. Kard. Leopold v. K., EB. von Gran, Wien 1767; - Krones, Zur Gesch. Ungarns im Zeitalter Franz Rakoczis II, in: Archiv für östrr. Gesch. 42/43, Wien 1870; - Josef Maurer, Cardinal Leopold Gf. K., Primas von Ungarn. Sein Leben u. Wirken. Zumeist nach archivalischen Quellen geschildert, Innsbruck 1888; - Theodor Mayer, Verwaltungsreform in Ungarn nach der Türkenzeit, Wien, Leipzig 1911, 38-42 u.ö.; - Oswald Redlich, Österreichs Großmachtbildung in der Zeit Kaiser Leopold I (Geschichte Österreichs Bd. VI), Gotha 1921, 274, 279 f., 283, 293, 319, 332 f., 355, 375, 398, 445, 537, 539 f., 545-548; - Ders., Das Werden einer Großmacht, Österreich von 1700-1740, Brünn, München, Wien 1938; 156; - Ders., Weltmacht des Barock. Österreich in der Zeit Kaiser Leopold I, Wien 19614, 216, 220 f., 224, 231, 252, 263, 281, 296, 314, 351, 427, 428 f., 433-435; - F.G. Walter, H. Steinacker, Die Nationalitätenfrage im alten Ungarn u. die Südostpolitik Wiens, München 1959, 11; -. Die Gesch. Ungarns, v. I. Barta, I.T. Berend, László Makkai u.a., hrsg. v. Erwin Pamlényi, Corvina 1971, Kap. 3, 195, 197; - Jean Bérenger, Finances et absolutisme autrichien dans la seconde moitié du XVIIe siècle, Paris 1975, 151-153, 199 f., 220 f., 226 f., 231 f., 477-484, u.ö.; - Joh. Heinr. Zedler, Großes vollständ. Universal-Lexikon aller Wissenschaften u. Künste XV, 1458-1459, Halle u. Leipzig 1737; - Jöcher II, 2145 u. III, 716 f.; - Wurzbach XII, 361-362; - ADB XVI, 481-484; - Hugo Hurter, Nomenclator literarius theologicae catholicae IV, 702, New York 1910; - Kosch KD II, 2276; - LThK2 VI, 382; - Biographisches Lexikon zur Gesch. Südosteuropas II, 435-437, hrsg. v. Mathias Bernath u. Felix v. Schroeder, München 1976; - NDB XII, 467-469.

Susanne Siebert

Letzte Änderung: 09.06.1998