Der Schwäbisch Gmünder Kaplan und Bücherfreund Jörg Ruch - 1470 ein Kunde des Geislinger Buchbinders Johannes Richenbach

© Klaus Graf 2002 - Fassung vom 24.1.2002


Illigatus est anno 1470 per me Johannem Richenbach capellanum in Gijslingen ("Gebunden im Jahr 1470 durch mich Johannes Richenbach, Kaplan in Geislingen") - diesen Vermerk eines der berühmtesten Buchbinder des 15. Jahrhunderts (Einbandbeispiel um 1482) trägt eine Inkunabel (Augustinus: De civitate Dei), die sich heute in Kopenhagen befindet. Sie gehörte dem Gmünder Kleriker Jörg Ruch (domini Georgio Rvch de Gamundia). Auch dessen Halbbruder, der Kaplan Magister Marcus Wolf, der 1469 beim Ankauf des Bandes in der Stube Ruchs anwesend war, zählte zu Richenbachs Kunden, wie eine Stuttgarter Handschrift von 1471 dokumentiert (Glauning Nr. 16). Richenbach arbeitete in Gmünd daneben noch für den Schulrektor Jakob 1469 (Glauning Nr. 1) und die Kapläne Bartholomäus Scherrenbach und Bartholomäus Stolz (Nr. 7 und 9).

Jörg Ruch ist 1437 und 1441 urkundlich als Pfarrer zu Lautern (heute Stadtteil von Heubach) zu belegen, erscheint dann aber bis zu seinem Tod 1477 (?) nur noch als Kaplan in Schwäbisch Gmünd. 1450 und 1467 amtiert er als Pfleger der Priesterbruderschaft, 1469 und 1476 als Leonhardskaplan. Daneben war er auch Kaplan des Jakobsaltars. Er war der Sohn des Johannes Ruch aus vornehmer Gmünder Familie und der Agnes, die sich danach mit Konrad Wolf (aus der Geschlechterfamilie) verehelichte. Aus dieser Ehe ging der Magister Marcus Wolf hervor.

Bislang konnten fünf Bände ermittelt werden, die Ruch mit teilweise ausführlichen Besitzeinträgen versah. Davon stammen die ersten beiden aus seiner Lauterner Zeit (von 1438 und 1441). Wer sich für die durchaus aufschlußreichen und originellen lateinischen Texte dieser Vermerke interessiert, kann von vier Bänden Beschreibungen, in denen diese wiedergegeben werden, im Internet nachlesen. Der fünfte Band von 1470 mit einem Richenbach-Einband (Glauning Nr. 3) befindet sich in der Sammlung Otto Schäfer in Schweinfurt (OS 92, von Arnim Nr. 25).

MS 3 des Bryn Mawr College, 1438
Handschrift der Bodleiana Oxford Douce 355, geschrieben 1441 von Folmar Bruckner von Tübingen
Inkunabel (Madsen 397) mit Eintrag von 1469 in Kopenhagen
Inkunabel (Madsen 1908) mit Eintrag von 1475 in Kopenhagen, zusammengebunden mit einem weiteren Druck (Madsen 3951)

Die Kopenhagener Bände stammen aus dem Besitz des Frankfurter Bibliophilen Georg Kloss, der nach der Säkularisation viel aus Gmünder Klosterbibliotheken erwarb.

Der Kleriker Jörg Ruch ist der einzige private Buchbesitzer im spätmittelalterlichen Schwäbisch Gmünd, von dem mehrere Bücher nachzuweisen sind.

 

Anmerkung

Eine wissenschaftliche Publikation zu den Büchern Ruchs ist geplant. Biographisches zu ihm haben Otto Glauning (in: Die Bibliothek und ihre Kleinodien, Leipzig 1927, S. 110) und Georg Burkhardt (Gmünder Heimatblätter 8, 1935, S. 121) veröffentlicht; auf seine Familie ging Rudolf Weser (Gmünder Heimatblätter 9, 1936, S. 19f.) ein (aufgrund dieser Quellen kurz dargestellt bei Hedwig Röckelein/Alexandra Lahr, Sum ex Bibliotheca Gamundiana, Schwäbisch Gmünd 1989, S. 10f.; ebd. S. 20 Nr. 8 zum Richenbach-Band für Marcus Wolf LB Stuttgart Cod. theol. et phil. fol. 154). Die Lebenszeugnisse weitgehend nach den Gmünder Regestenbänden (Nitsch/Deibele). Die Richenbach-Forschung stagniert derzeit etwas: Isabelle Pingree hat im Gutenberg-Jahrbuch 1998, S. 296-303 von den (mir bekanntgewordenen) europäischen Neufunden (zwei im Katalog Sack Freiburg Nr. 94 und 2710, einer in Aarau, Dahm Nr. 21 sowie einer in Schweinfurt, von Arnim, Sammlung Otto Schäfer Nr. 6) keine Notiz genommen. Die Handschrift in den USA habe ich durch Zufall im Internet entdeckt.


English   English abstract: This page contains the interim results of research on the Schwaebisch Gmuend curate Joerg Ruch, who was in 1470 a customer of the famous Geislingen bookbinder Johannes Richenbach. Richenbach also worked for Ruch's half brother, the curate Mag. Marcus Wolf, the school rector Jacobus and two other Schwaebisch Gmuend curates (Bartholomaeus Scherrenbach and Bartholomaeus Stolz). The cleric Joerg Ruch (+ 1477 ?) is the only private book owner in latemedieval Schwaebisch Gmuend, from whom several books (actually two manuscripts and three incunabula) are known. He is documented in charters from 1437 and 1441 as the parish priest of Lautern (near Schwaebisch Gmuend) and then, since the middle of the century, as a chaplain at Schwaebisch Gmuend (sancti Leonhardi and sancti Jacobi). Temporarily he was officiating as the curator of the local priest brotherhood. From four of the five books the quaint latin ownership notes of Ruch are available via the net - see the links given above. Only the description of the Schweinfurt Richenbach binding for Ruch (in the collection Otto Schaefer) is not online. If you have further information on Ruch's books or other Richenbach customers I would be very pleased to get in contact with you!

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