Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band VI (1993)Spalten 960-963 Autor: Josef Johannes Schmid

NOAILLES, Louis Antoine de, Cardinalerzbischof von Paris, * 27.5. 1651 auf dem Schloß Peynières (Cros-de-Montvert/Cantal), dem Wohnsitz seiner Eltern, des Grafen Anne-André de N. und seiner Gemahlin Louise, + 4.5. 1729 in Paris. - N. verbrachte seine Studienzeit gemeinsan mit Fénelon im Collège du Plessis und promovierte, nach bestandenem Lic.theol. am 14.3. 1676 zum Doktor der Theologie an der Sorbonne. Seine vornehme Herkunft und seine angenehmen Tugenden bereiteten ihm einen schnellen Aufstieg: mit nur 28 Jahren ernannte ihn Ludwig XIV. zum Bischof von Cahors und am 18. Juni 1679 wurde ihm durch François de Harlay, dem Erzbischof von Paris, in Gegenwart von 20 Bischöfen die höchste Weihe erteilt. Doch noch bevor der junge Prälat seine Diözese besuchen konnte, hatte ihm der König bereits das Bistum Châlons-sur-Marne übertragen (21.6. 1680). Damit war N. zum pair écclésiastique de France avanciert. Seine fromme, umsichtige Hiertensorge in diesem Sprengel und seine sich bereits damals abzeichnende Aversion gegen die Jesuiten machten ihn in den Augen der Mme. de Maintenon zum geeigneten Nachfolger des 1695 verstorbenen Harlay. Durch ihren Einfluß und gegen den Willen des P. de La Chaisse ernannte Ludwig XIV. N. im August 1695 zum Erzbischof von Paris. Ebenfalls auf Geheiß des Königs creierte Innozenz XII. N. am 21.6. 1700 zum Cardinalpriester mit der Titelkirche S. Maria sopra Minerva, jedoch nahm N. nur am Konklave von 1700 teil, da 1721 und 1724 sein Verhältnis zu Rom nicht das beste war. Dies lag vor allem in der unentschiedenen Haltung N.s zu den dominierenden Fragen der Zeit, Quietismus und Jansenismus, sowie den gallikanischen Freiheiten. 1682 hatte N. als Bischof von Châlons an der berühmten Klerusversammlung teilgenommen und die Position des Königs vertreten. Ebenfalls noch in Châlons hatte er die `Reflexions morales' Quenels als mit dem Glauben übereinstimmend approbiert. 1699 jedoch zensierte er auf den Rat der Professoren der Sor-bonne und Bossuets hin die `Exposé de la foi' des Abbé Barcos. Aufgrund dieses offensichtlichen Widerspruchs erhob sich in Paris ein offener Glaubensstreit und es zirkulierten satirische Blätter mit der Frage, welchem N. denn zu glauben sei. Die Frage nach `foi divine, oder `foi humaine' ging schließlich bis nach Rom, wo Clemens XI. am 15.7. 1705 die Bulle `Vineam Domini' erließ, wonach das factum fidei ohne subtile Unterscheidungen zu glauben war. Obwohl N. der Bulle eine für den Papst eher beleidigende Restriktionsklausel beifügen ließ, bestand er doch auf ihrer Annahme in seinem Sprengel. Als der Konvent von Port-Royal-des-Champs sich weigerte, war dies der Anfang seiner Katastrophe. Entgegen anderen Versicherungen an das Kloster stimmte N. der Zerstörung von P.R. am 22.1. 1709 zu. Als die Jesuiten schließlich die gänzliche Verurteilung des Jansenismus - mit Unterstützung des Königs - in der Bulle `Unigenitus' vom 8.9. 1713 erreichten, bezog N. eindeutig Stellung und lehnte diese ab, auch als sie 1713 vom Parlament als Staatsgesetz registriert worden war. Trotz aller Widrigkeiten, die ihm nun entstanden (Gefahr der Absetzung, Verbannung) blieb N. unnachgiebig. Die Vermittlungen Plilippe d'Orléans, des Regenten, schlugen ebenso fehl wie die Bemühungen des frz. Botschafters in Rom, Lafitau. Erst im Angesicht des nahen Todes entschloß N. sich am 11.10. 1728 auf den Rat Fleurys hin zur Annahme der Bulle und der Verurteilung Quesnels. Ebenso standhaft war N. aber in der Frage des Qiuetismus: über den `Maximes des saints' entfremdete er sich seinem Studienfreund Fénélon und vertrat die Linie Bossuets. - Als Oberhirte war N. ein umsichtiger, tatkräftiger und frommer Bischof und ein freundlicher und integrer Mensch. Im Schreckenswinter 1709 verkaufte er all seine Schmuck- und Silberstücke und verteilte den Erlös unter die Armen von Paris. 1696 stiftete er ein Priesterseminar, 1697 hielt er eine Diözesansynode ab. Auch richtete er die Abhaltung von öffentlichen Disputationen über Moral- und Glaubensfragen ein. Auf liturgischem Gebiet leitete er die Neuordnung des Breviers und schrieb selbst Kommentare zu den einzelnen Tagzeiten. Als echtem Barockfürsten verdankte ihm Paris die Neugestaltung des Innenraumes von Nôtre-Dame und das Palais Episcopal. - N. war ohne Zweifel eine der herausragenden Gestalten der Kirche des Ancien Régime. Als gutem Bischof und Seelsorger fehlte ihm vielleicht manchmal die letzte theologische Durchdringung der anstehenden Fragen, so daß er oft auf das Urteil anderer angewiesen war, jedoch kamen die Zeitumstände erschwerend hinzu. U.U. war er seiner politischen Aufgabe nicht immer ganz gewachsen (Chapeau), der ihm häufig gemachte Vorwurf der mangelnden Charakterstärke ist jedenfalls zu hart. - Das Grab N.s befindet sich vor der Chapelle de la Sainte Vièrge in Nôtre Dame de Paris.

Werke: aus der unübersehbaren Zahl der Mandements seien hier nur die wichtigsten herausgenommen: Declaratio... Ludovici Antonii de Noailles archiep. parisiensis, Jacobi Benigni Bossuet... circa librum... Explications des Maximes des saints... par messire François de Salignac de Fénelon, Paris 1697; Status synodaux publiez dans le synode tenu à Paris... par Monseigneur l'Archévèque de Paris, 1697; Instruction pastorale de monseigneur l'archevesque de Paris sur la perfection chrétienne et sur la vie intérieure, Paris 21698; Lettre de son éminence monseigneur le cardinal de N. aux réligieuses de Port-Royal des Champs, qui ne sont point encore soumises..., Paris 1711; Lettre du card. de N. au pape Clément XI., 1714; Mandement... pour ordonner des prières au sujet des calamités publiques, Paris 1720; Actes, terres et discours..., qui montrent l'opposition qui se trouve entre les sentiments... qu'il a conservez jusqu'à la mort, et le Mandement d'acceptation de la bulle Unigenitus... qui a paru sous le nom de son éminence (Pamphletsammlung), Paris 1729 - zu Unigenitus: Première Instruction pastorale (1719) und Séconde Instruction (1729) zu den liturgischen Neuerungen: Ceremoniale Parisiense c. 1710.

Lit.: Gallia Christiana vol. I (Paris), 1725, 153 und vol. VII (1744), 188-191; - Nécrologe des plus célèbres defenseurs et confesseurs de la vérité au XVIIle siècle I, 1760, 132-134; - Dictionnaire historique des auteurs écclésiastiques III, 1767, 232sq.; - Honoré Fisquet, La France pontificale I, 1864; - Victor d'Avenel, Les évèques et archévèques de Paris depuis S. Denys jusqu'à nos jours I, 1878; - Eduard de Barthélemy Le Cardinal de N., évèque de Châlons, archévèque de Paris d'après sa correspondance inédite, 1886; - Armand Jean, Les évèques et les archévèques de France depuis 1682 jusqu'à 1801, 1891; - Albert le Roy, La France et Rome de 1700 à 1715, 1892; - Pierre Blet, Les assamblées du clergé et Louis XIV de 1670 à 1693 (Diss. Rom) 1972; - Louis Cognet, Le Jansenisme, 1975; - René Taveneaux, Le catholicisme de la France classique, 2 vols, 1980; - Léon Mention, Documents rélatifs aux rapports du clergé avec la royauté de 1682 à 1789, (Ndr.) 1983: - Dict. Théol. Cath X1/1 (1931), 678-681; - Nouv. Biogr. Gén. XXXVIII (1968), 132-138; - Catholicisme IX (1982), 1296-1298; - Hier.Cath. V, 150 f., 307.

Josef Johannes Schmid

Letzte Änderung: 05.02.1999