Die Machenschaften der Katholischen Pfadfinderschaft Europas
 

Selig, die reinen Herzens sind
 

Die obskure Jugendorganisation ist auch den Bischöfen ein Dorn im Auge

 

Quelle- Süddeutsche Zeitung vom 01. 07. 1995

Von Jens Steffek


„Nächstenliebe habe ich nicht gefunden, da waren nur Angst, Unterdrückung und Macht." Anita Bauer (Name von der Redaktion geändert) aus einer Kleinstadt im Allgäu war vier Jahre lang Mitglied in r Jugendgruppe der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE).

Schweige-Exerzitien und „Sühnenächte" hat Anita mitgemacht, Wallfahrten mit stundenlangem Rosenkranz-Beten. Bei der ..Lebensbeichte" musste sie offen vor KPE-Chef Andreas Hönisch niederknien. Als Anita, mittlerweile stellvertretende Leiterin einer Mädchengruppe, eines Tages begann, in der KPE kritische Fragen zu stellen, stieß sie auf Schweigen und Ablehnung.
Glaubenswahrheiten könne und dürfe man nicht hinterfragen, hieß es.

Mit 17 Jahren trennte sie sich, schwer an Bulirnie erkrankt, von der KPE und von ihrer in der „Enge!werk"-Sekte engagierten Mutter. Nach jahrelanger Psychotherapie spricht Anita nun offen über ihre Erfahrungen mit dem katholischen Fundamentalismus, ihren richtigen Namen möchte sie aber aus Angst um ihre Mutter nicht in der Zeitung sehen.
Die KPE wurde im Februar 1976 bei Gießen von dem Jesuitenpater Andreas Hönisch gegründet, der die KPE heute noch als „Bundeskurat" leitet. Hönisch, mittlerweile wegen seiner KPE-Aktivitäten aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen, wollte eine konservative Alternative zur katholischen „Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg" schaffen, deren Kurs ihm zu fortschrittlich und weltoffen geworden war.

Die KPE mit ihren vermutlich etwa 2500 Mitgliedern versteht sich als elitäre Gruppe, die die katholische Kirche auf einen konservativen, vorkonziliaren Kurs bringen will. Nach Ansicht der KPE leidet die Kirche wie die gesamte abendländische Welt an einem moralischen Niedergang, als Strafe droht die Apokalypse.
Gegen den Verfall setzt die KPE Sittenstrenge, sexuelle Enthaltsamkeit, intensive Sühnegebete, regelmäßige Beichte und fromme Marienverehrung. Jungen- und Mädchengruppen werden in der KPE getrennt, gemeinsame Fahrten und Lager gibt es nicht. „Als ich mich in einen KPE-Jungen verliebt habe, ließ man mich wissen, dass das nicht erwünscht sei", erinnert sich Anita Bauer. Intern ist die KPE hierarchisch aufgebaut, strikter Gehorsam gilt als wichtige Tugend.

Das Führungspersonal wird genau selektiert, Anita Bauer hat damit ihre Erfahrungen gemacht: „Wer nicht aus einem intellektuellen Elternhaus kam, hatte keine Chance, Gruppenleiter zu werden."
 

Radio Maria
Kernstück der KPE-Ideologie ist die äußerst rigide Sexualmoral. In der pädagogischen Handreichung „Selig, die reinen Herzens sind" heißt es dazu: „So ' sollen wir etwa Straßen meiden, in denen sich Sex-Shops befinden, oder Kneipen und Nachtlokale mit entsprechenden j Aushängen sowie Kioske, die ihre Illustrierten in den Blickfang stellen". Freibäder mit ihrer „öffentlichen Fleischbeschau" sind ebenfalls tabu. KPE-Mädchen dürfen wegen drohender „Einebnung" gottgegebener seelisch-geistiger Unterschiede zwischen den Geschlechtern" keine Hosen tragen.

Die Amtskirche steht der KPE skeptisch bis ablehnend gegenüber. Grund dafür ist neben dem pädagogischen Konzept vor allem die
Nähe der KPE zur umstrittenen Engelwerk-Bewegung, die der Münchner Weihbischof Heinrich von Soden-Fraunhofen als „Sekte kirchlicher Herkunft" einstuft.

Andreas Hönisch hat in mehreren deutschen Diözesen Predigtverbot, unter anderem im Erzbistum München und Freising. Die KPE-Pfad-finder dürfen sich zwar „katholisch" nennen, sind aber dennoch kein kirchlich anerkannter Jugendverband und gehören weder dem .Bund der Deutschen Katholischen Jugend" noch der Weltorganisation der Pfadfinder an. Im Februar 1995 warnte das Erzbischöfliche Jugendamt in München öffentlich davor, Kinder in KPE-Gruppen zu schicken.
 

Die Katholische Pfadfinderschaft Europas ist fest eingebunden in ein Netz fundamentalistischer Gruppierungen. Dazu gehören neben dem Engelwerk der frömmelnde „Freundeskreis Maria Goreti", „Radio Maria", die „Bewegung für das Leben" und der „Verein zur Förderung des Apostolats Mariens". Der Chefredakteur der KPE-Zeitung Pfadfinder Mariens, Claus Peter Clausen, gibt in eigener Regie den „Schwarzen Brief" zu kirchlichen und politischen Themen heraus.

In der Ausgabe 27/1993 zitiert Clausen unter der Überschrift „Amerikanische Juden verantwortlich für den Tod von 30 Millionen ungeborenen Kindern" ausgiebig einen Artikel des US-Journalisten und „Pro-Life"-Aktivisten Brian Clowes. Juden, heißt es dort, seien „führend im größten Holocaust der Geschichte der Erde", gemeint sind damit Abtreibungen.