Geographisches Institut
Georg-August-Universität Göttingen

Abteilung Kultur- und Sozialgeographie


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Kleiner Geländekurs in die EUREGIO Maas-Rhein

13. Mai - 16. Mai 1999


Die Stellung und Rolle der deutschsprachigen Minderheit in Ostbelgien

innerhalb des belgischen Nationalstaats

Kathrin Fischer



INHALTSVERZEICHNIS
1. Die deutschsprachige Minderheit in Ostbelgien
2. Belgien - Ein geschichtlicher Abriß der letzten zwei Jahrhunderte

2.1. Geschichtlicher Überblick des deutschsprachigen Gebiets in Belgien

2.2. Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen - Auslöser für sprachpolitische Neuregelungen in Belgien

3. Besonderheiten des föderalen Systems Belgiens

3.1. Die Gemeinschaften und Regionen

4. Schluß

Literaturverzeichnis





1. Die deutschsprachige Minderheit in Ostbelgien
Belgien hat neben zahlreichen Dialekten und Mundarten drei offizielle Landessprachen: Niederländisch, Französisch und Deutsch. Die niederländischsprachigen Flamen bilden mit etwa 57 % der Bevölkerung die größte Sprachgruppe Belgiens. Sie nehmen in Flandern den nördlichen Landesteil ein. Die zweitgrößte Sprachgruppe, die hauptsächlich im Süden des Landes, Walloniens, sowie in der Hauptstadt Brüssel angesiedelt ist, wird von den frankophonen Wallonen und Belgiern dargestellt. Etwa 42 % der belgischen Bevölkerung sind französischsprachig (Baratta, 1995: 97).

Neben diesen beiden Hauptsprachgruppen gibt es etwa 70.000 deutschsprachige Belgier (Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft, 1997:3), das sind weniger als 1 % der Gesamtbevölkerungszahl, die 1993 bei knapp über 10 Millionen Menschen lag (Baratta, 1995:97). Der Großteil dieser Sprachgruppe (rund 68.000 Menschen) lebt im Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft, einer im kulturellen und personenbezogenen Bereich autonomen, offiziellen Vertretung der deutschsprachigen Belgier (s. Kap. 3.1.1.).

Das der Deutschsprachigen Gemeinschaft unterstellte, 854 km2 große Gebiet erstreckt sich auf einem Gebietsstreifen im Osten Belgiens, der sich vom Dreiländereck Belgien - Niederlande - Deutschland längs der deutschen Grenze zum Dreiländereck Belgien-Luxemburg-Deutschland hinzieht (Abb. 1). Das Territorium besteht aus zwei unterschiedlich strukturierten und vom - hauptsächlich zum französischen Sprachgebiet gehörenden - Hohen Venn geographisch getrennten Teilgebieten: dem Eupener Land im Norden und der Belgischen Eifel im Süden.

Der flächenmäßig größere, recht dünn besiedelte südliche Teil umfaßt die Gemeinden Bütgenbach, Büllingen, Amel, St.Vith und Burg Reuland. Er ist überwiegend landwirtschaftlich geprägt, seit einigen Jahren gewinnt hier jedoch auch der Fremdenverkehr an Bedeutung.

Im nördlichen Teil, der die Gemeinden Kelmis, Lontzen, Raeren und Eupen umfaßt, leben auf etwa 30% der Gesamtfläche fast 60 % aller Einwohner dieses Gebiets. Grund dafür ist sicherlich auch der vom südlichen Teil deutlich abweichende Wirtschaftscharakter der Gegend: Neben landwirtschaftlichen Betrieben sind hier auch Industrieansiedlungen von teilweise überregionaler Bedeutung vorhanden. Seit einigen Jahren hat außerdem - besonders an der Grenze zu Deutschland - eine rege Bautätigkeit eingesetzt, die eine zunehmende Zersiedlung des ländlichen Raumes zur Folge hat.

Die Gebiete sind nicht nur räumlich voneinander getrennt, sondern stellen auch sprachlich keine Einheit dar. Die im Norden und Süden gesprochenen Dialekte können sogar so stark voneinander abweichen, daß eine Verständigung zwischen bspw. einem Limburger und einem luxemburgischen Deutschbelgier nicht möglich ist.

Das Eupener Land und die Belgische Eifel verbindet jedoch die Tatsache, daß Amts-, Schul- und Gerichtssprache Deutsch ist. Für die Französischsprachigen bestehen sprachliche Sonderrechte.

Die relativ schlechte Arbeitsmarktsituation im deutschsprachigen Gebiet Belgiens führt dazu, daß viele Deutschbelgier in Wallonien, Flandern oder sogar in Deutschland arbeiten. Daher ist es verständlich, daß bereits in der Schule gesteigerter Wert auf eine breite sprachliche Basis gelegt wird und viele Kinder intensiven Deutsch- und Französischunterricht erhalten (s. auch Schmitz, 1994:17ff). Die Tatsache, daß die Deutschbelgier zwangsläufig zwei- oder mehrsprachig aufwachsen, bringt für sie sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich: Einerseits bewirkt dies, daß viele Deutschbelgier insbesondere in der schriftlichen Ausdrucksweise Sprachschwierigkeiten haben. Es gibt in Belgien keine deutschsprachige Universität, so daß die deutschsprachigen Belgier ihr Studium entweder in französischer oder niederländischer Sprache absolvieren oder aber an einer deutschen Universität studieren müssen, was allerdings die Anerkennung der Studienleistungen und des Abschlusses erschwert und oftmals wesentlich teurer ist als ein Studium in Belgien.

Andererseits stellt die Mehrsprachigkeit vieler Deutschbelgier natürlich auch eine wichtige Qualifikation dar, die es ihnen ermöglicht, nicht nur in Belgien, sondern auch im Ausland qualifizierte Arbeitsplätze und Positionen einzunehmen.

Im folgenden soll nun die geschichtliche Entwicklung Belgiens erläutert und mit verschiedenen Aspekten der deutschsprachigen Minderheit in Zusammenhang gebracht werden. Hierbei beschränke ich mich auf die Ereignisse der letzten zwei Jahrhunderte.

2. Belgien - Ein geschichtlicher Abriß der letzten zwei Jahrhunderte
2.1. Geschichtlicher Überblick des deutschen Sprachgebiets in Belgien
Das heutige Belgien blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Allein in der Zeit zwischen 1515 und 1815 wurden die Provinzen, die heute zu Belgien gehören, von Spanien, Österreich und Frankreich regiert.

Im Jahre 1815 wird während des Wiener Kongresses das unter der Herrschaft der Franzosen stehende Belgien gemäß einer Verfügung der Großmächte den nördlichen Provinzen der Niederlande angegliedert und bildet mit ihnen zusammen das Königreich der Niederlande (Vertrag von Wien, April 1815). Die Zeit des Ancien Régime ist vorbei. Eine neue, willkürlich gezogene Grenze zerschneidet die ehemaligen Herzogtümer Limburg und Luxemburg sowie die Fürstabtei Stavelot-Malmedy und zerreißt somit sprachliche, kulturelle und historische Einheiten; der östliche Teil der Territorien wird preußisches Staatsgebiet unter König Friedrich Wilhelm III. Dieser proklamiert folgendes kurz nach der Übernahme:

"Diese deutschen Urländer müssen mit Deutschland vereinigt bleiben; sie können nicht einem anderen Reich angehören, dem sie durch Sprache, durch Sitten, durch Gewohnheiten, durch Gesetze fremd sind." (aus: Minke:3)

Der preußische König vernachlässigt jedoch die Tatsache, daß einige Teile seines nun vergrößerten Reiches frankophon sind (etwa 10.000 französischsprachige Wallonen im Malmedyer Raum).

Ein völkerrechtliches Kuriosum stellt die Regelung für die Gemeinde Moresnet (die heutige Gemeinde Kelmis) dar: Da weder Preußen noch die Niederlande auf das mit reichen Galmeivorkommen ausgestattete Gebiet verzichten wollen, wird es der gemeinsamen Verwaltung durch die beiden Mächte unterstellt und "Neutral-Moresnet" genannt.

Im Jahre 1830 erklärt sich das neue Königreich Belgien, dem sich alle deutschsprachigen Gebiete im Süden der Vereinigten Niederlande anschließen, unabhängig. Die Niederländer werden aus den belgischen Provinzen vertrieben, und unter Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha wird Belgien erstmals eine selbstregierte konstitutionelle Monarchie. Etwa 1/16 der Gesamtbevölkerung Belgiens (ca. 250.000 Menschen) ist deutschsprachig und nimmt somit einen ähnlichen Rang ein wie die Flamen. Zwar ist Französisch die einzige Amtssprache im neugegründeten Königreich, doch werden schon bald Gesetzestexte und andere wichtige Dokumente ins Deutsche und Niederländische übersetzt.

Erst 1839 wird die belgische Unabhängigkeit auch international anerkannt ("Londoner Protokoll"). Voraussetzung dafür ist allerdings die Verkleinerung des belgischen Staatsgebietes: Holländisch-Limburg (die heutige niederländische Provinz Limburg) fällt an Holland zurück, und auch das heutige Großherzogtum Luxemburg muß abgetreten werden (Abb. 2). Da die Gebietsverluste hauptsächlich sprachdeutsches Land betreffen, wird die deutsche Sprachgruppe in Belgien auf weniger als ein Fünftel ihrer bisherigen Stärke reduziert. Dies hat zur Folge, daß die Sprache des nun zu einer kleinen Minderheit gewordenen sprachdeutschen Bevölkerungsteils in der belgischen Gesetzgebung und Verwaltung stark an Bedeutung verliert. Gleichzeitig kann das ursprünglich dem Deutschen gleichgestellte Niederländisch seine Rechtsposition stetig verbessern. Erst kurz vor der Jahrhundertwende erfährt das deutsche Sprachgebiet in Belgien einen Aufschwung, was mit einer stärkeren Berücksichtigung der deutschen Sprache in der belgischen Gesetzgebung und in der Personalpolitik einhergeht.

In großen Teilen der den Preußen zugesprochenen Provinzen entwickelt sich - aufgrund der deutschsprachigen Schulbildung, Bismarcks Politik und seiner militärischen Erfolge - gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein preußisches Nationalgefühl. Dies erklärt auch die Tatsache, daß die Kreise Eupen und Malmedy während des Ersten Weltkriegs auf deutscher Seite kämpfen.

Nach dem Krieg werden sowohl diese als auch Neutral-Moresnet im Rahmen des Versailler Friedensvertrags von 1919 Belgien zugesprochen (Abb. 1). Nach einer umstrittenen Volksbefragung erkennt auch der neu gegründete Völkerbund die Annexion dieser Gebiete im Jahre 1920 an. Die Kantone Eupen, St. Vith und Malmedy werden von nun an als "Neubelgien", "Ostkantone" oder "Ostbelgien" bezeichnet.

Allerdings verläuft der Staatenwechsel nicht so konfliktfrei wie erwartet: Zwischen 1920 und 1940 werden die Auseinandersetzungen zwischen den "Pro-Belgiern" und den "Pro-Deutschen" immer radikaler. Die nach dem Ersten Weltkrieg gegründete antibelgische "Christliche Volkspartei Eupen-Malmedy-St.Vith" gerät zunehmend unter nationalsozialistischen Einfluß, und so ist es nicht verwunderlich, daß während der Parlamentswahlen von 1939 eine nahezu bürgerkriegsähnliche Atmosphäre in den Ostkantonen Belgiens herrscht.

Am 10. Mai 1940 marschieren deutsche Truppen - von Teilen der (neu)belgischen Bevölkerung jubelnd empfangen - in Eupen-Malmedy ein; wenige Tage danach werden die neubelgischen Gebiete sowie weitere altbelgische Gebiete westlich von Eupen-Malmedy auf Befehl Adolf Hitlers annektiert (Abb. 1). Die meisten Einwohner dieser Region erhalten die deutsche Staatsbürgerschaft. Es werden 8.700 Männer zwangsrekrutiert, von denen 3.400 ihr Leben an der Front verlieren. Zahlreiche Ortschaften werden vollständig verwüstet. Der vormals weitverbreitete Jubel über die Wiedereingliederung schlägt nun um in Trauer, Angst und Resignation. Nach der Befreiung Eupen-Malmedys durch amerikanische Verbände im September 1944 gibt es daher keine pro-deutsche Bewegung mehr.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit setzt nun eine undifferenzierte "Säuberungspolitik" ein, bei der die Kriegsgerichte sehr rigoros vorgehen und die Zahl der Verurteilten weit über dem Landesdurchschnitt liegt. Ziel ist es, die deutsche Sprache vollständig aus dem öffentlichen Leben zu verbannen.

Erst in den 50er Jahren, unter anderem ausgelöst durch die wachsenden Auseinandersetzungen zwischen Flamen und Wallonen (s. Kapitel 2.2.), fordern mehr und mehr deutschsprachige Belgier eine stärkere Berücksichtigung ihrer sprachlichen und kulturellen Belange. Bei der Festlegung neuer Sprachengrenzen 1962/63 entsteht auch ein deutsches Sprachgebiet, dem seit der ersten großen Staatsreform (1968-71) in ausgewählten Belangen der Rat der deutschen Kulturgemeinschaft und seit 1984 der Rat der deutschsprachigen Gemeinschaft mit erweiterten Kompetenzen vorsteht. Seit 1962 wird neben Niederländisch und Französisch nun auch die deutsche Sprache als offizielle Amtssprache anerkannt.

Die sprachpolitischen Neuregelungen seit dem Zweiten Weltkrieg werden zusammen mit einem Überblick über die Entstehung und den Verlauf des Sprachenstreits zwischen Flamen und Wallonen im folgenden dargestellt.

2.2. Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen - Auslöser für sprachpolitische Neuregelungen in Belgien
Das Thema der Auseinandersetzungen zwischen den beiden größten Sprachgruppen Belgiens, den Flamen und den Wallonen, steht aus verschiedenen Gründen in engem Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit: Einerseits wäre es ohne den Sprachenstreit vermutlich nicht zu der Einführung eines föderalen Systems, wie es heute in Belgien besteht, gekommen. Wie Schmitz (1994:35) richtig äußert, ergab sich durch die Konflikte zwischen Wallonen und Belgiern eine völlig neue Situation für die deutsche Sprachgruppe, "da [diese] als dritte Sprachgruppe nicht unberücksichtigt bleiben konnte". Andererseits profitiert die deutschsprachige Bevölkerung auch auf politischer Ebene insofern aus den Auseinandersetzungen der Flamen und Wallonen, als diese, um Vertretern der anderen Volksgruppe ein politisches Amt nicht zugestehen zu müssen, sich statt dessen auf einen deutschsprachigen Belgier einigen.

Clauss (1979:39) bringt den Zusammenhang - sehr überspitzt formuliert - auf einen Punkt, indem er die relativ hohe Stellung der deutschsprachigen Belgier als "Nebenprodukt eines gesamtstaatlichen Lösungsversuches zur Überwindung des seit mehr als hundert Jahren bestehenden Antagonismus zwischen frankophonen und niederländischsprachigen Belgiern" bezeichnet. Die Entwicklung des Sprachenstreits soll deshalb im folgenden dargestellt werden.

Im Jahre 1830, zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit Belgiens, stand für das niederländischsprachige Volk der Flamen und das frankophone Volk der Wallonen der Gedanke im Vordergrund, in einem unabhängigen und selbständigen Staat zu leben. Die offenkundigen Unterschiede zwischen den beiden Volksgruppen waren zunächst einmal zweitrangig.

Als Sprache der Bourgeoisie galt Französisch jedoch im gesamten Staatsgebiet als führende Sprache; alle Dialekte, wie z. B. Wallonisch, Flämisch und Pikardisch, wurden als minderwertige Sprachen angesehen.

Es entstanden daher sehr bald (ab 1840) flämische Bewegungen, die gegen den nationalen Zwang, französisch sprechen zu müssen, angingen. Ihre Proteste hatten Erfolg, so daß bereits 1873 neue Sprachgesetze eingeführt wurden, die zunächst den Gebrauch des Flämischen im Justizbereich, dann (1878) im Verwaltungswesen und schließlich (1883) auch als Unterrichtssprache zuließen. Trotz dieser Spracherleichterungen forderten viele Flamen ab 1914 eine Änderung der belgischen Staatsform. Als Möglichkeiten wurden die Einrichtung eines Bundes- oder Föderalstaates oder sogar der Zusammenschluß Flanderns mit den Niederlanden angesehen.

Die Aktivitäten der flämischen Bewegung beunruhigten wiederum die frankophonen Wallonen, die nun ihrerseits fürchteten, daß das Flämische zur Nationalsprache ernannt werden könnte. Auch sie schlossen sich in einer Bewegung zusammen, deren Ziel es zunächst war, die französische Sprache und Kultur zu verteidigen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich beide Gebiete in wirtschaftlicher Hinsicht in völlig unterschiedliche Richtungen: Wallonien, das seinen wirtschaftlichen Höhepunkt bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts verzeichnen konnte, erlebte nach dem Krieg einen wirtschaftlichen Abstieg aufgrund drastischer Rationalisierungen in den hier ansässigen Industrien (Bergbau und Stahlindustrie). Flandern hingegen, das bis ins letzte Viertel des 19. Jahrhunderts durch große wirtschaftliche Probleme gekennzeichnet war und dessen Bevölkerung häufig keine andere Wahl hatte, als in Wallonien Arbeit anzunehmen, erlebte direkt nach dem Krieg einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser basierte vor allem auf den Lagevorteilen der Häfen Antwerpen, Gent und Seebrügge sowie auf dem Reservoir an Arbeitskräften (Van der Haegen, 1986:376).

Die genannten Unterschiede waren Auslöser für eine Verschärfung der Konflikte zwischen Flamen und Wallonen.

Beide Volksgruppen waren davon überzeugt, daß sich innerhalb eines Einheitsstaates die gegensätzlichen Forderungen und Ansprüche nicht verwirklichen ließen. 1960 forderten die Wallonen außerdem die Autonomie in der Wirtschaftspolitik, da sie bei den Entscheidungen nicht mehr von den Flamen abhängig sein wollten, jedoch mit einer zahlenmäßig geringeren Vertretung im Parlament immer auf die Zustimmung der Flamen angewiesen waren.

Aus diesen Gründen erließ das belgische Parlament 1963 zunächst die Sprachgesetze, die mit der grundsätzlichen Einrichtung von Sprachgrenzen einhergingen: Es entstanden 4 Sprachgebiete, nämlich das niederländische Sprachgebiet im Norden Belgiens, das französische Sprachgebiet im Süden des Landes, das deutschsprachige Gebiet im Osten und der zweisprachige Bezirk der Hauptstadt Brüssel. In jeder dieser Regionen, ausgenommen Brüssel, herrschte das Prinzip der Homogenität vor, also der Einsprachigkeit innerhalb eines Gebiets. Generell wurde die Gleichberechtigung des Niederländischen und Französischen auf nationaler Ebene festgelegt. In Regionen mit einer bedeutsamen Minderheit an Anderssprachigen wurden sprachliche Sonderregelungen festgelegt.

Diese neue Einteilung führte zwar zunächst zu einer Mäßigung der Auseinandersetzungen, doch wurden die Rufe nach einer stärkeren kulturellen Selbstverwaltung der Sprachgemeinschaften bald wieder lauter. Daher wurde 1970 eine komplizierte Umorganisation des belgischen Staates vollzogen: Man teilte das Land zunächst nach kulturellen Gesichtspunkten in drei Gemeinschaften ein: die flämische, die französische (jeweils einschließlich der niederländisch- und französischsprechenden Brüsseler) und die deutschsprachige. Gewisse Kompetenzen des Staates wurden auf die jeweilige Regierung der Gemeinschaften übertragen (s. Kapitel 3.1. und Abb. 3).

Neben die Einteilung in drei Gemeinschaften trat die räumliche Gliederung in drei Regionen: die flämische im Norden, die wallonische im Süden (einschließlich des deutschsprachigen Raumes) sowie die Brüsseler Region. Jede Region verfügt ebenfalls über eine eigene Regierung, die jedoch mit anderen, territorial bezogenen Befugnissen ausgestattet wurden (s. Kapitel 3.1. und Abb. 3).

Sicherlich hat die Übertragung gewisser Kompetenzen auf die jeweiligen Gemeinschaften und Regionen den Konflikt zwischen Wallonen und Flamen etwas gemildert, doch bestehen innerhalb Belgiens immer noch verschiedene Brennpunkte, an denen die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen immer wieder entflammen.

Hier ist zum einen Brüssel, die Haupstadt Belgiens, zu nennen, die mitten in Flandern liegt, obwohl heute etwa 85 % der Einwohner französisch- und nur 15 % niederländischsprachig sind. Bei der Gründung Belgiens war die Sprachenverteilung prozentual umgekehrt, doch während der letzten zwei Jahrhunderte hat eine stetige Französierung stattgefunden (De Boeck, 1999:13f).

Nun streiten sich Flamen und Wallonen über die Abgrenzung der Stadt: Die Flamen erachten die derzeitigen Stadtgrenzen als endgültig und verlangen von den Bewohnern der Hauptstadt, sich der niederländischen Kultur der lokalen Bevölkerung anzupassen. Die Frankophonen hingegen fordern eine Erweiterung der Brüsseler Region um die flämischen Randgemeinden, in denen ein Großteil der Bevölkerung französischsprachig ist. Es ist ihnen insbesondere daran gelegen, die Gemeinde Sint-Genesius-Rode an die Brüsseler Region anzugliedern, da so Brüssel keine Enklave innerhalb der flämischen Region mehr wäre, sondern an die wallonische Region angrenzen würde (van der Haegen, 1986:372ff; s. auch Abb. 4).

Das zweite geopolitische Problem besteht in den Gemeinden Voer und Comines, zwei Enklaven innerhalb der jeweils anderssprachigen Region: So liegt Voer, eine überwiegend niederländischsprachige Gemeinde, innerhalb Walloniens und Comines, eine überwiegend frankophone Gemeinde, innerhalb Flanderns (Abb. 3 a u. b). In diesen beiden Enklaven ist der Sprachenkrieg am extremsten:

In der flämischen Enklave Voer in der sonst wallonischen Provinz Liège artete der Streit sogar zu blutigen Krawallen aus - groteskerweise im Zentrum der "EUREGIO", eines übernationalen Modellversuchs auf regionaler Ebene im Dreiländer-Dreieck Aachen-Maastricht-Lüttich. (aus: Bauer, 1981:48). Auch heute noch bildet die Sprachgrenze zwischen Flandern und Wallonien immer wieder Anlaß zu Konflikten in Belgien. Da sie außerdem immer noch eine Konjunkturscheide darstellt, wobei der Norden Belgiens wirtschaftlich wesentlich besser "dasteht" als der Süden, ist wohl ein Ende der Auseinandersetzungen zwischen den beiden verschiedensprachigen Völkern noch lange nicht in Sicht.

3. Besonderheiten des föderalen Systems in Belgien
Seit 1993 ist Belgien endgültig und verfassungsrechtlich ein Föderalstaat. Die Grundlagen für diese Neuerung wurden aber bereits 1970 mit der Einrichtung von jeweils drei, in bestimmten Bereichen autonomen Regionen und Gemeinschaften gelegt. Der Wandel vom Einheitsstaat zum Föderalstaat ist darin erkennbar, daß für bestimmte Angelegenheiten eine Dezentralisierung der Zentralgewalt erfolgt. Für folgende Bereiche ist allerdings auch heute noch der Föderalstaat zuständig: Wirtschaft und Währung, Justiz, Armee, Polizei, Soziale Sicherheit, nationale Forschungs- und Kultureinrichtungen, öffentliches Gesundheitswesen sowie verschiedene Teilbereiche der Kompetenzen, die "regionalisiert" oder den Gemeinschaften übertragen wurden.

3.1. Die Gemeinschaften und Regionen
Wie bereits in Kapitel 2.2. angedeutet, ist Belgien seit 1970 in jeweils drei Kulturgemeinschaften und drei Regionen unterteilt, welche jedoch weder in bezug auf die Abgrenzung noch auf die Aufgabenbereiche deckungsgleich sind. So gibt es die niederländische, die französische und die deutsche Kulturgemeinschaft (kleinste Komponente des belgischen Föderalstaats) sowie als Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel (Abb. 3). Nur für Flandern decken sich die "Flämische Gemeinschaft" und die "Region Flandern" (lediglich Brüssel bildet als eigene Region eine Enklave in Flandern).

Jede Gemeinschaft und jede Region hat einen Rat und eine Regierung. Die Gemeinschaftsräte werden durch insgesamt 21 Mitglieder (jeweils 10 niederländisch- und 10 französischsprachige sowie 1 deutschsprachiges) im Senat vertreten und können so an nationalen Entscheidungen mitwirken. Allerdings sind die deutschsprachigen Belgier nicht automatisch in der Kammer des belgischen Parlaments vertreten. Dies ist insofern relevant, als hier insbesondere all diejenigen Entscheidungen gefällt werden, die den Staatshaushalt betreffen.

Die Kompetenzen der Gemeinschaften betreffen den kulturellen und personenbezogenen Bereich der jeweiligen Gemeinschaft: Dazu gehören die Kultur, das Unterrichtswesen, die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften, die Sozialhilfe, die Gesundheits- und Familienpolitik und der Sprachgebrauch (in Verwaltung, Unterrichtswesen und im sozialen Zusammenleben).

Die Befugnisse der Regionen sind räumlicher Art und umfassen folgende Bereiche: die Raumordnung, den Umweltschutz, die Ländliche Erneuerung, den Wohnungsbau, die Wasser- und Energiepolitik, die Wirtschaftspolitik, die Aufsicht über die Provinzen und Gemeinden sowie deren Finanzierung, die Beschäftigungs- und Transportpolitik, den Außenhandel, die Landwirtschaft u.v.a..

Die deutschsprachigen Gebiete liegen in der Region Wallonien und sind ihr somit in allen räumlichen Fragen untergeordnet. Allerdings wird die deutsche Gemeinschaft in Zukunft (z. T. bereits jetzt) auch die Ausübung verschiedener Kompetenzen der wallonischen Region übernehmen und somit u. a. in bestimmten wirtschaftlichen Fragen autonome Entscheidungen treffen (De Boeck, 1999:26).

3.1.1 Der Rat der deutschsprachigen Gemeinschaft
Der Rat der deutschsprachigen Gemeinschaft ist das Parlament der deutschsprachigen Belgier und somit eine gesetzgebende Gewalt. Die Dekrete (also Gesetze) des Rates der deutschsprachigen Gemeinschaft haben seit 1983 im deutschen Sprachgebiet Gesetzeskraft und können weder vom Bundesparlament noch von den anderen Räten außer Kraft gesetzt werden.

Im Unterschied zum Flämischen Rat und zum Rat der Französischen Gemeinschaft ist der RDG allerdings nicht befugt, Dekrete über den Sprachengebrauch in Verwaltungsangelegenheiten, im Unterrichtswesen und in den Sozialbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu verabschieden. Ansonsten ist die deutschsprachige Gemeinschaft als mit der flämischen und der französischen Gemeinschaft gleichgestellt einzustufen.

4. Schlußbetrachtung
Die deutschsprachige Minderheit in Ostbelgien genießt einen sehr hohen Status innerhalb des belgischen Nationalstaats. Vertreten durch die deutschsprachige Gemeinschaft, ist sie verfassungmäßig mit der flämischen und der französischen Gemeinschaft gleichgestellt und verfügt somit weitgehend über die gleichen Kompetenzen wie die Wallonen und Flamen.

Dies ist umso erstaunlicher, als weniger als 1 % der belgischen Bevölkerung deutschsprachig ist, jedoch dadurch zu erklären, daß die deutschsprachige Minderheit Belgiens vom Sprachenstreit zwischen den beiden großen Volksgruppen, den Flamen und Wallonen, profitiert.

Die deutschsprachige Minderheit Belgiens verfügt über eine einmalige kulturelle Selbständigkeit und ist innerhalb Europas wohl nur noch mit den deutschsprachigen Südtirolern in Italien zu vergleichen.

Die Stellung der deutschsprachigen Belgier soll in Zukunft sogar noch verbessert werden. So wird momentan darüber nachgedacht, das komplizierte Verwaltungssystem Belgiens zu vereinfachen. In diesem Zusammenhang sollen die Kompetenzen der deutschsprachigen Gemeinschaft noch auf regionale und föderale Befugnisse ausgeweitet werden.

Literaturverzeichnis
Baratta, Mario von (Hrsg.): Der Fischer Weltalmanach 1996. Frankfurt a. M., 1995.

Bauer, M.: Kabale und Hiebe.- Nannen, H. (Hrsg.): GEO - Das neue Bild der Erde. Nr. 4/1981, Hamburg, S. 34-50.

Clauss, J. U.: Die politische und verfassungsrechtliche Problematik des deutschsprachigen Belgiens. In: Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit in Brüssel (Hrsg.): Deutsch als Muttersprache in Belgien: Forschungsberichte zur Gegenwartslage. Wiesbaden, 1979, S.39-60.

De Boeck/Bund der Familien: Belgien verstehen. Brüssel, 1999.

Erbe, M.: Belgien, Niederlande und Luxemburg: Geschichte des niederländischen Raumes. Stuttgart, 1993.

Lietz, C.: Sprachgrenze bildet Konjunkturscheide. - Aachener Nachrichten, 21. Februar 1998, 54. Jahrgang, Nr. 44. Aachen, 1998, S. 3.

Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft (Hrsg.): Zu Hause im neuen Belgien. Eupen, 1997.

Minke, A.: Die Geschichte der deutschsprachigen Gemeinschaft. Eupen.

Pabst, K.: Politische Geschichte des deutschen Sprachgebiets in Ostbelgien bis 1944. In: Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit in Brüssel (Hrsg.): Deutsch als Muttersprache in Belgien: Forschungsberichte zur Gegenwartslage. Wiesbaden, 1979, S. 9-38.

Rosensträter, H.: Deutschsprachige Belgier - Geschichte und Gegenwart der deutschen Sprachgruppe in Belgien. Band 1. Aachen, 1985.

Schmitz, U.: Zur bildungspolitischen Entwicklung des Sprachenproblens in den belgischen Ostkantonen seit 1945. In: Pöggeler, F. (Hrsg.): Studien zur Pädagogik, Andragogik und Gerontagogik. Band 20. Frankfurt a. M., 1994.

Van der Haegen, H.: Belgien, ein Land im Umbruch - Vom Einheitsstaat zum Land von Regionen.- Geographische Rundschau, Jahrgang 38 (1986), Heft 7-8, S. 369-376.


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Letzte Änderung: 21.07.1999 - maw

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