Diskussion

 

Inhaltsverzeichnis:

Gunnar Schedel : Wir sind die Guten! [lesen]

Michael Schmidt-Salomon : Sind AtheistInnen die besseren Menschen? [lesen]

Gerhard Kern : Die MIZ, Hubertus Mynarek und andere Merkwürdigkeiten [lesen]

Edgar Baeger : Noch nicht einmal falsch [lesen]

Tanja Großmann : Sind “Atheisten” überhaupt Menschen? [lesen]

Christoph Lammers : Das Definitionsproblem und andere Ungereimtheiten... [lesen]

Michael Schmidt-Salomon: Die offene Diskussion und ihre Feinde Eine Erwiderung auf den Beitrag von Gerhard Kern [lesen]

Zum Werteproblem im Atheismus und Theismus - Eine Antwort auf “Sind Atheisten die besseren Menschen” von Michael Schmidt-Salomon in MIZ 4/00 [lesen]

Gerhard Kern, Morbach: Zu den Schwerpunktartikeln der letzten beiden MIZ-Ausgaben [lesen] 

Manfred Gebhard: Leserbrief zu Mynarek [lesen]

Klaus Blees, Trier: Zum Artikel Weder Antisemit noch Faschist von Hubertus Mynarek (MIZ 2/01) [lesen]

Gunnar Schedel

Wir sind die Guten!

Wir, die Atheistinnen und die Agnostiker, wir sind die Guten. Ohne Zweifel, wir waren immer für Aufklärung und Volksbildung, haben immer die Kirchen und ihre Machenschaften – und deren gab es viele – kritisiert und bekämpft. Keinen atheistischen Papst gibt es, keine agnostischen Kreuzzüge, keine freidenkerische Indianermission, keine humanistische Hexenverbrennung, keinen “Syllabus” und keinen “Index”. Immer waren wir für die Selbstbestimmung des Menschen, konnten sie aber leider nur selten durchsetzen, weil unsere Widersacher, die klerikalen vorneweg, den Fortschritt nach Kräften zu behindern suchten; und da sie ebenso mächtig wie boshaft sind, zumeist mit Erfolg. Also nochmal: Wir, die Atheisten und Agnostikerinnen, wir sind die Guten!

Aber bei diesem Schritt dürfen wir nicht stehenbleiben. Denn was ändert diese Erkenntnis? Kommt es doch nicht nur darauf an, die Welt in gut und böse einzuteilen, sondern sie zu verändern. Und so liegt der Schluß nahe, die Welt atheistisch umzugestalten. Die Guten an die Macht, und alles wird besser. Und wenn ich jetzt noch anfüge: dann hätten wir das Paradies auf Erden, habe ich damit wohl deutlich genug signalisiert, daß vielleicht jeder einzelne Satz richtig sein mag, der ganze Gedankengang hingegen verkehrt.

Natürlich ist es richtig, daß die Inquisition eine katholische und keine atheistische Einrichtung war; aber diese Feststellung ist ebenso aussagekräftig wie der von einschlägigen konservativen Kreisen immer wieder gerne vorgebrachte Hinweis, die kulturelle Basis des Abendlandes sei seit der Spätantike eine ausschließlich christliche. Klar, da alle anderen Traditionen verfolgt und vernichtet wurden, sind ab einem bestimmten Zeitpunkt alle Heldentaten Christen zuzuschreiben. Für die Schandtaten gilt das jedoch auch. Umgekehrt gab es Atheisten – wenn überhaupt – jahrhundertelang nur in so geringer Stückzahl, daß sie weder Leistungen noch Verbrechen historischen Ausmaßes zustande bringen konnten. Ein Schelm, wer nun behauptet, wir seien nach dieser Argumentation nur deshalb die Guten, weil die anderen die Bösen sind und im dualistischen Denken alles ein Gegenüber verlange...

Und die neuere Geschichte widerlegt solch schelmische Einwände zumindest nicht. Denn sobald es ausreichend Gottesleugner, auch an den Schaltstellen der Macht, gab, verhielten sich – bedauerlicherweise läßt es sich nicht leugnen – nicht alle so, wie wir es für “unsere Seite” gerne reklamieren (und das gilt für die liberalen ebenso wie für die sozialistischen). Das Ideal und die Realität klafften beizeiten doch recht weit auseinander; Details lassen sich in Michael Schmidt-Salomons Beitrag nachlesen. Nun könnten wir dieser Auseinandersetzung mit der “Kriminalgeschichte des Atheismus” ausweichen, indem wir darauf verweisen, daß diese zwar von Menschen zu verantworten sei, die sich als Atheisten verstanden, die einzelnen Taten hingegen jeweils aus einer anderen Motivation heraus begangen hätten. Die sowjetischen Atheisten waren eben Kommunisten, in Spanien herrschte 1937 Bürgerkrieg und die Säkularisation war Begleiterscheinung der Machtausweitung der großen Fürsten zu Lasten der kleinen – geistlichen wie weltlichen – Herrschaften. Das ist natürlich alles richtig, erinnerte mich aber ein wenig an die reichlich hilflose Argumentation, die “Amtskirche” hätte sich von Gottes Weg entfernt, die Missionare in Südamerika, Papst Clemens VIII. oder Josemaria Escriva seien eigentlich keine “richtigen” Christen gewesen und wer als Grabesritter “fehle”, tue dies nicht, weil sondern obwohl er in diesem ehrenwerten Stoßtrupp des Herrn Mitglied sei. Ein selbstbewußter Umgang mit unserer Geschichte wäre dies nicht und Lernbereitschaft würde sich auch nicht unbedingt darin spiegeln.

Aber bevor nun jemand anfängt zu wehklagen, daß die ganze Menschheit, einschließlich der Atheisten und Agnostikerinnen, böse sei, behaupte ich flugs, daß es in den 250 Jahren seit der Aufklärung bedeutende Fortschritte gegeben hat und daß diesseitsbezogenes Denken viel dazu beigetragen hat. Jedenfalls aus einer Perspektive, der es weniger um Moral geht, um die Vorstellung, auf der Seite der Guten zu stehen, nicht einmal in erster Linie um Weltanschauung, sondern um Politik. Nicht um gut und böse, sondern um Kategorien wie Begründetheit, Menschendienlichkeit, Mehrheits- und Pluralismusfähigkeit. Von der Vorstellung, daß es zwei klar getrennte Lager gibt, sollten wir uns lösen (Himmel und Hölle, für mich oder gegen mich, das sind Vorstellungen aus fast 2000 Jahre alten Schriften, die sich eben im Horizont ihrer Zeit bewegen). Wenn Religionen resp. ihre Anhänger an Macht einbüßten, entfalteten sie durchaus die ihnen innewohnenden menschenfreundlichen Anteile; dafür gibt es – wie für die Unmenschlichkeit der Religionen – genügend historische Beispiel. Und im Umkehrschluß sei die Frage erlaubt, ob der Atheismus sein progressives Potential nicht einbüßen könnte, wenn er zur herrschenden Ideologie würde.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich lassen sich richtige und falsche Aussagen voneinander unterscheiden. Und nach wie vor halte ich die Zeit der Suche nach Gott für eine verlorene Zeit. In unserem relativ kurzen Leben kann es nur darum gehen, das Leben hier zu gestalten. Und die philosophischen und ethischen Traditionen, die ohne Heiligkeiten und Jenseits auskommen und den Menschen als selbstbestimmungsfähiges Wesen ansehen, haben in meinen Augen die wichtigsten Marksteine für Menschenrechte und Freiheit gesetzt. Aber genau hier wäre der Punkt, wo wir uns von den Religiösen unterscheiden müßten: da wir nicht von der absoluten Wahrheit, Offenbarung usw. unserer weltanschaulichen Inhalte ausgehen, müssen wir unsere Weltanschauung auch nicht als für alle verbindlich durchsetzen, noch – wie in der westlichen Welt als light-Variante solchen Denkens – nach dem Motto “für uns das meiste” andere dominieren. Es gibt keinen fundamentalistischen Atheismus (oder falls es ihn doch gibt, stellt sich die Frage, ob es dann ein “Wir” gibt). Wenn wir die Ideale, auf die wir so gerne Bezug nehmen, umsetzen wollen, muß unsere Zielsetzung sein, eine säkulare, nicht eine atheistische Gesellschaft durchzusetzen.  

[Inhaltsverzeichnis]


Michal Schmidt-Salomon

Sind AtheistInnen die besseren Menschen?

Anmerkungen zur Kriminalgeschichte des Atheismus

Dass “gute ChristInnen” nicht unbedingt auch “gute Menschen” sind, ist kein Geheimnis. Gerade diejenigen, die sich besonders stark um eine buchstabengetreue Umsetzung der biblischen Botschaft bemühen, sind selten in der Lage, tolerant und liebevoll auf ihre (oft andersgläubigen) Mitmenschen zuzugehen. Auch die rigorosen Verfechter des Korans und der Thora fallen nicht unbedingt durch ihre grenzenlose Nächstenliebe auf. Selbst der ewig lächelnde Dalai Lama hat – glaubt man den Darlegungen der in der letzten Zeit sich mehrenden Buddhismuskritiker – so manche Leiche im Keller.

Im Wettstreit um den ultimativen “Gutmenschen-Status” scheinen die Atheisten dank der Disqualifizierung ihrer religiösen Kontrahenten also auf den ersten Blick gute Karten zu besitzen. Doch sind Atheisten wirklich die “besseren Menschen”, wie so mancher Konfessionslose glaubt? Oder handelt es sich hierbei nur um eine selbstwertdienliche Wahrnehmungsverzerrung? Wäre eine Menschheit, die sich von den jenseitigen Verheißungen der Weltreligionen losgesagt hat, wirklich eine geläuterte, eine bessere Menschheit? Werfen wir, um diese Frage beantworten zu können, einen Blick auf die in konfessionslosen Kreisen gern übersehenen1 dunklen Seiten der Religionskritik.

Kriminalgeschichte des Atheismus

Es gibt sicherlich nicht wenige AtheistInnen, die die “moralische Überlegenheit” ihres Denkansatzes mit einem schlichten Verweis auf Deschners Kriminalgeschichte des Christentums begründen. Doch: So richtig es auch ist, die frohe Botschaft des Christentums an ihren wenig erfreulichen Früchten zu messen, ein solcher Schuss kann durchaus nach hinten losgehen: Viele AtheistInnen übersehen nämlich allzu gerne, dass zahlreiche “Staatsatheisten” in der Vergangenheit kaum ein besseres Bild abgaben als z.B. der Initiator des ersten Kreuzzugs, Papst Urban II.

Joseph Stalin beispielsweise, der sich bekanntlich im Theologischen Seminar von Tiflis zum überzeugten Atheisten mauserte,2 ging als einer der größten Schreibtisch-Massenmörder in die Geschichte ein. In der Zeit des “Großen Terrors” (1936-38) ließ er breit angelegte “Säuberungsaktionen” durchführen, die u.a. auch das Ziel hatten, die “letzten Reste der Geistlichkeit zu liquidieren”.3 Hierzu heißt es in einem der besseren Aufsätze des insgesamt durchaus problematischen Sammelbandes Schwarzbuch des Kommunismus4: “Tausende von Priestern und nahezu alle Bischöfe fanden sich in den Lagern wieder, und dieses Mal wurde ein großer Teil von ihnen hingerichtet. Von den 20.000 Kirchen und Moscheen, die 1936 noch für religiöse Zwecke genutzt worden waren, standen 1941 nicht einmal mehr 1000 für den Gottesdienst offen. Die Zahl der amtlich registrierten Geistlichen wurde Anfang 1941 mit 5665 angegeben [...] 1936 waren es noch mehr als 24.000 Geistliche gewesen.”5

Zugegeben: Stalin als Beleg für die Inhumanität des Atheismus anzuführen, ist reichlich perfide und dementsprechend würden sich viele Verteidiger des Atheismus (mit Recht) gegen das Beispiel wehren. Stalin, würden sie sagen, war alles andere als ein Musterbeispiel des Atheismus. Gab es nicht Legionen von Atheisten, die keine Morde begangen haben, Abertausende, die selbst den Säuberungsaktionen Stalins zum Opfer fielen?

Eine solche Argumentation klingt plausibel, hat aber einen Haken: Christen könnten zur Verteidigung ihres Glaubens nahezu das Gleiche sagen, schließlich verhielten sich nur (relativ!) wenige unter ihnen wie Papst Urban II. Außerdem waren es ja häufig auch Christen, die den Säuberungsaktionen der Kirche zum Opfer fielen. Ein gescheiter Christ könnte an diesem Punkte sogar in die Offensive gehen, könnte Deschners berühmtes Wort von den “guten Christen”6 umdrehen und behaupten, dass die so genannten “guten Atheisten”, die gefährlichsten seien, weil man sie allzu leicht mit dem Atheismus verwechsle. Sein wahres Gesicht zeige der Atheismus erst, wenn er an die Macht kommt. Und triumphierend könnte er auf eine durchaus aussagekräftige Statistik verweisen, derzufolge die relative Anzahl mordender christlicher Staatsoberhäupter gering sei – verglichen mit der relativen Anzahl mordender atheistischer Staatschefs (Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot etc.).

Ein gescheiter Atheist könnte hier freilich einwenden, dass es ein bedauerlicher, tragischer Zufall gewesen sei, dass der Atheismus in Gestalt des Staatssozialismus7 an die Macht gekommen sei, dass die Menschen nicht unter dem Atheismus zu leiden hatten, sondern unter der Ideologie bzw. den Repräsentanten des Staatssozialismus, die den Atheismus nur für ihre Zwecke ausbeuteten. Außerdem könnte er darauf verweisen, dass die meist bürgerkriegsähnlichen Umstände der kommunistischen Machtergreifungen die Zahl der Opfer beinahe zwangsläufig in die Höhe treiben mussten.

Aber auch diese Argumente könnte ein cleverer Christ leicht für seine Zwecke ummünzen. So könnte er erklären, dass im Fall der Religion doch wohl Ähnliches gelte, dass die Menschen in der Vergangenheit weniger unter der Religion selbst zu leiden hatten als unter denen, die die Religion für ihre Interessen einspannten. Zudem könnte er behaupten, dass es ein unglücklicher Zufall war, dass sich das Christentum unter den Umständen einer Sklavenhaltergesellschaft durchsetzen musste und dass auch die Bedingungen des Feudalismus es lange Zeit nicht ermöglicht hätten, eine humanere Version des Christentums zu praktizieren. Kurzum: Die Verbrechen des Christentums seien nicht auf die Religion selbst zurückzuführen, sondern auf die widrigen historischen Rahmenbedingungen, die religiöse Führer immer wieder dazu zwangen, Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die heute (unter veränderten gesellschaftlichen Umständen) zweifellos als inhuman eingestuft werden müssten.

Was könnte unser gequälter Atheist nun gegen diese – wie es scheint – gut durchdachte Argumentation einwenden? Sollte er, das böse Vermächtnis Stalins auf der Schulter tragend, zähneknirschend einem Patt zustimmen und eingestehen, dass Atheisten doch nicht die “besseren Menschen” sind? Und – falls er wirklich zu dieser Einsicht kommen sollte: welche Konsequenzen wären daraus zu ziehen? Müsste er fortan die Religionskritik an den Nagel hängen und die Frage der Weltanschauung zur bloßen Geschmacksache erklären? Müsste er sich dem sogenannten “postmodernen Zeitgeist” unterwerfen, der uns ohnehin weismachen will, dass die Entscheidung für oder gegen Religion etwa gleichbedeutend ist mit der Frage, ob man Schokoladen- oder Vanillepudding vorzieht?

Nun, wir sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. So richtig und wichtig es auch ist, zu erkennen, dass die Geschichte des Atheismus keineswegs so ruhmreich ist, wie viele Atheisten glauben – dieses Eingeständnis bedeutet keineswegs, dass wir künftig auf Religionskritik verzichten könnten. Im Gegenteil. Die Tatsache, dass die Kriminalgeschichte des Atheismus zwar kürzer, aber doch ähnlich bluttriefend ist wie die Kriminalgeschichte des Christentums, beweist umso mehr, wie wichtig religionskritische Ansätze auch heute noch sind. Warum? Ganz einfach: Weil wir es in beiden Fällen mit religiösen Phänomenen zu tun haben.

Zentrales Problem ist die Religion – nicht der Theismus

“Theismus und Atheismus sind die beiden Enden einer Wurst.” Ich gebe zu: Früher habe ich mich über diesen Ausspruch ziemlich geärgert. Er schien mir ohne jegliche Begründung, zwei höchst unterschiedliche Phänomene in einen Topf zu werfen. Außerdem hielt ich ihn für eine schlecht getarnte Ausrede für Menschen, die sich den zentralen, existentiellen, aber mühsam zu bewältigenden Fragen des Lebens einfach nicht stellen wollten.

Im Laufe der letzten Jahre traf ich aber im freigeistigen Spektrum eine beachtliche Anzahl von Menschen, auf die der Satz dummerweise doch erschreckend zutraf: Atheisten, die so religiös fanatisiert über Atheismus sprachen, dass sie auf mich den Eindruck missionierender Wanderprediger machten, freigeistige Märtyrer, die das Misslingen ihres eigenen Lebens ausschließlich auf das Wirken klerikaler Seilschaften zurückführten, Menschen, die alle Katastrophen der letzten 2000 Jahre der katholischen Kirche anlasteten und deren Kirchenhass das Einzige zu sein schien, was ihrem Leben noch Halt zu geben vermochte.

Ich hatte den Eindruck, dass diese Menschen, die in der Regel der christlichen Religion entflohen waren, zwar ihren Gottesglauben verloren, das entscheidende Problem aber nicht gelöst hatten: Sie waren religiös geblieben, überzeugt von der unumstößlichen Wahrheit ihrer Glaubenssätze. So fest sie zuvor glaubten, Gott existiere, so waren sie nun davon überzeugt, dass er (sie oder es) nie existiert habe. Ihre Propheten der Wahrheit hießen nun nicht mehr Markus, Matthäus, Lukas und Johannes, sondern Nietzsche, Marx und Feuerbach. Widerrede war verpönt wie eh und je, die Schwarz auf Weiß gedruckte Wahrheit durfte nicht in Frage gestellt werden.

Die Konfrontation mit dieser Art religiöser Atheisten rief mir immer wieder zu Bewusstsein, was mir eigentlich schon seit Beginn meines Ausstiegs aus der Religion klar war, nämlich dass das entscheidende Problem nicht der Theismus ist, sondern die Religion. Schon in dem ersten religionskritischen Aufsatz, den ich jemals veröffentlichte8, war dies die Grundthese. Ich plädierte dafür, den traditionellen Begriff der Religion zu erweitern: er müßte sowohl die theistischen als auch die atheistischen Heilsgeschichten umfassen.

Religionen brauchen keine Götter

Dass Religionen nicht unbedingt Gottesbilder aufweisen müssen, dürfte jedem klar sein, der sich schon einmal mit den Ursprüngen des Buddhismus beschäftigt hat. Buddhas ursprüngliche Konzeption kam ohne Götter aus und für traditionelle Buddhisten besteht insofern auch kein Gegensatz zwischen Atheismus und Religion. Wie problematisch die automatische Kopplung von Theismus und Religion bzw. Atheismus und Religionsfreiheit ist, zeigen aber auch andere Beispiele. So ist es mitunter problematisch, gewisse pantheistische Vorstellungen eindeutig zu klassifizieren. Wenn man wie Spinoza den personalen Gottesbegriff aufgibt, Gott als “Summe allen Seins” begreift, ist das nun Theismus oder Atheismus, Religion oder Philosophie? Zweites Beispiel: Wenn man wie viele New Age-Apostel den Begriff “Gott” durch den Begriff “Schicksal” ersetzt, handelt es sich dann um ein religiöses oder ein philosophisches Aussagensystem? Drittes Beispiel: Wie ordnen wir die sogenannten “Stammesreligionen” ein, die häufig auf die Vorstellung eines Gottes bzw. mehrerer Götter verzichten, aber ihren Ahnen magische Kräfte zusprechen? Sind das keine “Religionen”, nur weil sie auf die Rede von “Gott” verzichten?

Ich denke, es wäre überaus problematisch, den Religionsbegriff weiterhin an der Existenz klar umrissener Gottesbilder festzumachen. Denn erstens würden wir damit zahlreiche traditionelle Formen der Religion ausklammern. Zweitens würden wir verkennen, dass religiöse Grundmuster auch in scheinbar säkularen Zusammenhängen von zentraler Bedeutung sein können. Damit meine ich weniger die Verehrung gewisser “Fußballgötter” oder “Popidole” (obwohl auch dies ein spannender Gegenstand religionssoziologischer Betrachtungen sein kann) als das erst in letzter Zeit wieder entdeckte Phänomen der “politischen Religion”.

Nationalsozialismus und Kommunismus als politische Religionen

Lange Zeit war es verpönt, über den Nationalsozialismus als politische Religion zu sprechen.9 Dabei kann gerade die religionssoziologische Betrachtung des Nationalsozialismus viele Phänomene erhellen, für die Historiker ohne religionssoziologisches Inventar bislang keine einleuchtenden Erklärungen finden konnten.10 Wie z.B. war es möglich, dass so große Teile der Bevölkerung mit Enthusiasmus ihr Leben für den “Führer”, die Inkarnation des “germanischen Volksgeists”, aufs Spiel setzten? Welche Bedeutung hatten die von Speer inszenierten rituellen Massenkundgebungen und das immer wieder in den Vordergrund gerückte Symbol des Hakenkreuzes? Religionssoziologische Analysen können aufzeigen, dass die Nazi-Strategen immer wieder Elemente religiöser Kulte in ihre Propaganda aufnahmen und damit ungeheuren Erfolg hatten. Selbst die unfassbare Singularität des Grauens, Auschwitz, kann unter religionssoziologischer Perspektive besser verstanden werden. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang nicht nur der traditionelle christliche Antijudaismus, der sich im Nationalsozialismus auf verheerende Weise entlud,11 sondern vor allem auch der rituelle Charakter der nationalsozialistischen Judenvernichtung selbst. So klingt bei Joseph Goebbels unübersehbar ein archaischer (wie christlicher) Opferglaube durch, wenn er formuliert: “Opfer! Im Opfer liegt die Reinigung von Schuld! Geht den harten Gang um der Zukunft willen... Das Opfer ist alles.”12 Der Sozialwissenschaftler Michael Ley hat hierin wohl zu Recht eine der wesentlichen Antriebsfedern der nationalsozialistischen Politreligion gesehen. Er schreibt: “Das Menschenopfer, das die Nationalsozialisten darbrachten, die ‘Tötung des ewig wandernden Juden’, war die politische Theologie des Nationalsozialismus. Adolf Hitler sah sich als Werkzeug Gottes, der mit dem Holocaust die Heilung Deutschlands und der ganzen Welt bringen wollte. Die nationalsozialistische Apokalypse ist das größte Menschenopfer, das die Weltgeschichte kennt. [...] Der Holocaust ist die Exekution des Mythos vom Antichrist in der Moderne.”13

Die Nazistrategen selbst waren sich der religiösen Komponente ihrer Ideologie durchaus bewusst. Nur ein Beispiel unter vielen: In einem internen Strategiepapier (“Sitzungsprotokoll vom 14. August 1943”) wurde vorgeschlagen, alle religiösen Bekenntnisse nach dem “Endsieg” abzuschaffen und gleichzeitig Adolf Hitler als “neuen Messias” zu proklamieren, dem als “Erlöser/Befreier” und “Gott-Gesandter” göttliche Ehren zukommen müssten. Die Propaganda müsse zu diesem Zweck nicht nur die Geburt, sondern auch das künftige Ableben des Führers in völlige Dunkelheit verhüllen, als “Rückkehr in die Gralsburg”. Dieses Papier, das u.a. vorsah, die traditionellen religiösen Kultstätten (Kirchen etc.) in “Adolf Hitler Weihestätten” umzubenennen, stieß bei Hitler auf Lob und Anerkennung. Er unterzeichnete das Schreiben mit: “Der erste brauchbare Entwurf! Zur Bearbeitung an Dr. Goebbels. Adolf Hitler.”14

Was Hitler recht war, war Stalin nur billig, auch wenn es ihm als zum Atheismus verdammten kommunistischen Staatschef natürlich nicht vergönnt war, sich der Öffentlichkeit als Gesandten Gottes zu präsentieren. Dem Personenkult um Stalin tat dies indes keinen Abbruch. Stalin stilisierte sich als übermenschlichen Propheten der bolschewistischen Säkularreligion, als vom Histomat bestimmten Führer der auserwählten Volksgruppe “Arbeiterklasse”, als unfehlbaren Papst des kommunistischen Parteipriestertums. Wie u.a. Hans Maier aufzeigte, übernahmen die russischen Kommunisten schon sehr früh zahlreiche Elemente der heftigst bekämpften theistischen Religionen. Zu denken ist hier u.a. an den kommunistischen Reliquienkult (Einbalsamierung Lenins), die Überführung der Ikonenecke in die sogenannte “Friedens-ecke”, die Umgestaltung der Kirchen in weihevolle “Gedächtnisstätten des Atheismus” usw.15

Wie stark die Wirkung der kommunistischen Politreligion und insbesondere die quasireligiöse Verehrung Stalins war, tritt deutlich in den vielen literarischen Lobpreisungen Stalins hervor, die mitunter stark an liturgische Weihegesänge erinnern. So verfasste Johannes R. Becher (der prominente Verfasser des Textes der DDR-Nationalhymne) zum Tode Stalins folgende religiös-kitschige “Danksagung”: “Nun lebt er schon und wandert fort in allen / Und seinen Namen trägt der Frühlingswind / Und in dem Bergsturz ist sein Widerhallen / Und Stalins Namen buchstabiert das Kind. [...] Und kein Gebirge setzt ihm eine Schranke / Kein Feind ist stark genug, zu widerstehn / Dem Mann, der Stalin heißt, denn sein Gedanke / Wird Tat, und Stalins Wille wird geschehn.”16 – Wie im Himmel, so auf Erden, möchte man fast ergänzen.

Ähnlich weihevolle Klänge schlug damals auch KuBa, wie Becher ein prominenter literarischer Messdiener der DDR, an: “Gesiegt! / Und alles, alles, alles ist vollbracht. / Er ruht! / Die Millionen sind die Seinen. / Sein Lächeln leuchtet uns auch diese Nacht. / Er hat die armen Leute reich gemacht. / Wir aber weinen. / Wir wissen freilich, / dass wir unbesiegbar sind. / Wir trinken seine Lehren wie den reinen / kristall’nen Wein Grusiniens. / [...] Gesiegt! / Der Schwur an Lenins Bahre ward erfüllt / Vollbracht! / Er gab uns noch ein Buch voll guter Lehren. / Die Fahnen neigen sich, in Flor gehüllt. / Wir schwör’n, Genosse Stalin! / Unser Schwur wird treu erfüllt! / In Ehren!”17

Es ist sicherlich kein Zufall, dass Stalins Lebensbilanz hier mit biblischen Worten umschrieben wird. “Es ist vollbracht”, sagt der christliche Erlöser Jesus am Kreuz, “alles, alles, alles ist vollbracht”, jubelt KuBa über das Lebenswerk des bolschewistischen Erlösers Stalin. Ihm, dem unbeugsamen “Hammer und Sichel-Messias” von Lenins Gnaden, gilt die bedingungslose Nachfolge, seine Lehren gilt es zu trinken wie Wein – eine kaum verdeckte Anspielung auf den Ritus des christlichen Abendmahls.

Entsprechend groß war natürlich der Schock, als die KPdSU nach dem Tode des Diktators mit der Entstalinisierung begann und die ganzen Ausmaße des stalinistischen Terrors bekannt wurden. Damals fielen viele Kommunisten vom Glauben ab, die Politreligion des Kommunismus zeigte erste Risse, gewann aber für kurze Zeit weltweit wieder an Attraktivität, als Mao den apostolischen Auftrag zur Kulturrevolution gab und mit seiner “roten Bibel” das Evangelium des Weltkommunismus um eine neue (Un-)Heilsgeschichte erweiterte.

Was lernen wir aus der Kriminalgeschichte des Atheismus?

Wenn wir die Kriminalgeschichte des Atheismus Revue passieren lassen, wird deutlich, dass die anfangs gestellte naive Frage, ob Atheisten die besseren Menschen sind, in dieser Generalisierung sicherlich nicht positiv zu beantworten ist. Wohl gemerkt: Dies bedeutet nicht, dass nicht doch einige gute Argumente für den Atheismus sprechen. Hier sind vor allem die Widersprüche zu nennen, in die sich die Vertreter personaler Gottesbilder beinahe zwangsläufig verstricken müssen (Beispiel: Theodizeeproblem). Außerdem kann der Atheismus als Denkmethode für sich in Anspruch nehmen, dass er die wichtige Maxime der wissenschaftlichen Eleganz ernst nimmt, d.h. dass er im Unterschied zum Theismus nicht von vornherein gezwungen ist, überflüssige, komplizierte und unbekannte Größen (Gott) in seine Theorie der Welt einzubauen.

Aber – um dies noch einmal zu wiederholen: Die erkenntnistheoretischen Vorteile des Atheismus sind nicht notwendigerweise mit einem Zuwachs an Humanität verbunden. Das entscheidende Problem ist nicht die Frage, ob Götter oder Göttinnen existieren. Das entscheidende Problem ist die weitgehend anerzogene Unfähigkeit vieler Menschen, sich der eigenen Vernunft zu bedienen, ihr fehlender Mut, vermeintlich unantastbare Behauptungen in Frage zu stellen.

Mit der Frage des Gottesglaubens hat dies vergleichsweise wenig zu tun. Viele Anhänger der Weltreligionen haben durchaus ihren Beitrag zur Aufklärung und damit auch zur Befreiung von religiösen Dogmen geleistet. Dass sie dabei vielfach auf halbem Wege stehen geblieben sind, ist bedauerlich, aber beileibe keine besondere Eigenschaft theistisch denkender Menschen. (Atheisten, die sich in der Sowjetunion trauten, die offizielle Doktrin in Frage zu stellen, ging es in der Regel auch nicht anders.)

Halten wir fest: Religionen brauchen – das demonstriert das Beispiel des Stalinismus wohl am besten – keine im Jenseits beheimatete Götterwelt. Insofern ist es auch problematisch, den Atheismus als Allheilmittel gegen religiösen Dogmatismus zu verordnen. Solange Menschen glauben, es gäbe “heilige”, d.h. für alle Zeiten unantastbare Aussagen, solange unterstellt wird, dass gewisse geistige oder gar politische Führer einen privilegierten Zugang zu diesen ewigen Wahrheiten haben (das Grundwesen jeder Religion!), wird sich die Menschheit kaum in Richtung einer größeren Humanität, Offenheit und Toleranz verändern können.

Es gilt daher, eine skeptische Geisteshaltung zu fördern, die unbrauchbare Ideen sterben lässt, bevor Menschen für unbrauchbare Ideen sterben müssen. Gegen diesen kategorischen Imperativ jeder aufklärerischen Religionskritik haben religiös denkende Menschen aller Zeiten verstoßen – und zwar losgelöst davon, ob sie an die Existenz eines Gottes glaubten oder nicht. Es ist an der Zeit, nicht nur aus der Kriminalgeschichte des Christentums, sondern auch aus der Kriminalgeschichte des Atheismus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

 

Anmerkungen:

1 Das Buch von Finngeir Hiorth Atheismus - genau betrachtet. Eine Einführung (erschienen im Angelika Lenz Verlag. Neustadt 1995) ist in dieser Hinsicht symptomatisch: Die “Kriminalgeschichte des Atheismus” fällt bei dieser insgesamt durchaus beachtlichen “genauen Betrachtung” völlig unter den Tisch.

2 vgl. Payne, Robert (1978): Stalin. Macht und Tyrannei. München, S. 31ff.

3 Werth, Nicolas (1998): Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion. In: Courtois, Stephane et al (Hrsg.) (1998): Das Schwarzbuch des Kommunismus. München, S. 223

4 Zur Kritik des Schwarzbuchs siehe Mecklenburg, Jens/Wippermann, Wolfgang (Hrsg.) (1998): “Roter Holocaust”? Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus. Hamburg

5 Werth,Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion, S. 224

6 “Die guten Christen sind am gefährlichsten – man verwechselt sie mit dem Christentum.” In: Deschner, Karlheinz (1989): Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom. Aphorismen. Basel, S. 83

7 Unser gescheiter Atheist spricht hier von “Staatssozialismus” statt von “Marxismus-Leninismus”, weil letzterer Begriff einen Widerspruch in sich darstellt. Marxismus und Leninismus unterscheiden sich in einigen Punkten gewaltig, man kann sogar von einer Aufhebung des Marxismus durch den Leninismus sprechen (vgl. Schmidt-Salomon, Michael (1999): “Proletarier aller Länder, verzeiht mir?” Plädoyer für einen zu unrecht angeklagten Philosophen. In: Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für humanistische Philosophie und freies Denken 2/1999).

8 Schmidt-Salomon, Michael (1994): Offenheit statt Offenbarung. Über Humanismus, Agnostizismus und die Diskursunfähigkeit “der Religiösen”. In: MIZ 4/1994

9 Der Begriff der politischen Religion wurde bereits im Jahr 1938 durch Eric Voegelin geprägt und von ihm anhand der damals brandaktuellen Beispiele Nationalsozialismus und Kommunismus erläutert. Sein Ansatz wurde von der Geschichtswissenschaft in der Folgezeit allerdings weitgehend ignoriert, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil für viele Experten der Begriff der Religion eher positiv besetzt war. Erst Mitte der Neunziger Jahre hat eine verstärkte Beschäftigung mit dem Phänomen der politischen Religion eingesetzt. Zu nennen sind hier vor allem die Bücher von Hans Maier (Politische Religionen. Die totalitären Regime und das Christentum. Freiburg 1995; Totalitarismus und politische Religionen. Paderborn 1996/97) und Michael Ley (Genozid und Heilserwartung. Wien 1993; zusammen mit Schoeps: Der Nationalsozialismus als Polititsche Religion. Bodenheim 1997). Einen kurzen Überblick über den Forschungsstand bietet Armin Pfahl-Traughber (Sind Kommunismus und Nationalsozialismus politische Religionen? In: humanismus aktuell 3/98).

10 Dies darf freilich nicht auf eine Verabsolutierung des Ansatzes herauslaufen. Wie schon Pfahl-Traughber schrieb, lassen sich “mit den Untersuchungen von religiösen Dimensionen bei politischen Bewegungen und Ideologien [...] nur begrenzt Aussagen über das Gesamtphänomen treffen.” (Pfahl-Traughber, Sind Kommunismus und Nationalsozialismus politische Religiuonen?, S. 66)

11 vgl. Czermak, Gerhard (1997): Christen gegen Juden. Geschichte einer Verfolgung. Reinbek.

12 Goebbels zitiert nach Ley, Michael (1997): Apokalyptische Bewegungen in der Moderne. In: Ley, Michael/Schoeps, Julius H.: Der Nationalsozialismus als politische Religion. Bodenheim, S. 26

13 Ley, Der Nationalsozialismus als politische Religion, S. 26

14 vgl. hierzu die vorzügliche Videodokumentation Herrn Hitlers Religion von Petrus van der Let.

15 vgl. Maier,Politische Religionen, S. 14f.

16 Johannes R. Becher (1953): Danksagung. In: Sinn und Form 2/1953, S. 9

17 KuBa (1953): 5. März 1953, 21.50 Uhr. In: Sinn und Form 2/1953, S. 13  

[Inhaltsverzeichnis]


Gerhard Kern: Die MIZ, Hubertus Mynarek und andere Merkwürdigkeiten

Nun ist es also soweit. Prof. Hubertus Mynarek bekommt in der ach so toleranten MIZ ein Forum zur Selbstdarstellung. Zunächst wird ihm in der MIZ 2/2000 in einem Interview die Möglichkeit gegeben, seine Buchveröffentlichung in der faschistoiden Sekte Universelles Leben zu rechtfertigen und in der aktuellen Ausgabe folgt der nächste Streich in Form eines Beitrages zu Bruno und Galilei. Da empört sich endlich ein erster Leser zu Recht, wenn er auf die Nähe des Herrn Mynarek zu den Unitarieren verweist, deren völkischer und rassistischer Background bekannt sein dürfte.

Was aber macht die Redaktion der MIZ? Mit einer seichten Anmerkung windet sie sich aus der Verantwortung. Man sei eine Plattform für kontroverse Debatten und habe gar – man höre und staune – eine Debatte zum “Mörderphilosophen” Peter Singer zugelassen.

Sehr geehrte KollegInnen (immerhin bin ich noch freier Mitarbeiter der Redaktion), Ihr habt eine Verantwortung als ÖffentlichkeitsarbeiterInnen. Die aber muß Grenzen setzen, spätestens da, wo das eigene politische Weltbild (sofern es überhaupt ein solches der Redaktion gibt) und/oder die eigene Ideologie beschädigt wird. Die Phrase von der Toleranz zieht nicht mehr, wo es zu verhindern gilt, daß faschistoide Einflüsse unter die Menschheit gebracht werden. Ich bin zumindest davon ausgegangen, daß die Kolleginnen und Kollegen aus der MIZ eine inhumane Einflußnahme auf ihre LeserInnen verhindern wollen.

Für Nicht-Ignoranten gibt es die Möglichkeit die Kritik des Peter Kratz an Herrn Mynarek zu prüfen und dann eine eigenständige Entscheidung zu fällen. Kratz hat darauf verwiesen, daß die Vordenkerin der extremen Rechten, Sigrid Hunke, auch die des Hubertus Mynarek ist. Mehr noch, auch der NS-Theologe Wilhelm Hauer sei sein Vorbild. Von Hunke habe Mynarek fast die komplette Weltsicht übernommen, so Kratz; und er belegt dies auch in einem differenzierten Beitrag, der auf der Homepage des BIFFF (Berliner Institut für Faschismusforschung) nachgelesen werden kann.

Weiter hat Mynarek ja wohl ein zumindest wohlwollendes Verhältnis zu den Anthroposophen und schreibt u.a. in Gemeinschaft mit dem Anthro-Rassisten Günter Bartsch im Achberg-Verlag das  Buch Abschied vom Wachstumswahn und dort den Artikel “Ökologischer Humanismus als weltanschaulicher, ethischer und religiöser Impuls”. Kratz schreibt: “Zu den fünf Autoren des im von der Neuen Rechten infiltrierten Achberger Verlag erschienenen Buches zählte auch der rechtsextreme ‘Nationalrevolutionär’ Günter Bartsch mit seinem Beitrag ‘Ökologischer Humanismus – Eine neue Stufe der Menschwerdung?’. Bartsch gehört seit Ende der 60er Jahre zu den Insidern der extremistischen ‘Nationalrevolutionäre’, über deren Entwicklung er seitdem kontinuierlich publiziert.”

Es mutet wie ein Witz an, wenn man andererseits sieht, daß der Alibri Verlag seit Jahren versucht, die antiaufklärerische und teils rassistische Ideologie der Anthroposophen zu analysieren. Mal mit, mal gegen Rassismus?

Nun kann es ja sein, daß die MIZ-Redaktion schlechte Erfahrungen mit Kratz gemacht hat. Allein, das ist kein Grund, nachvollziehbare Aussagen zu ignorieren und Personen mit völkischen Religionsanschauungen eine Plattform zu bieten. Nur weil einer gegen die katholische Kirche und den Papst ist, ist mir nicht Grund genug.

Ein diesseits-Leser (Manfred Gebhard) meint zu Mynarek: “Mynareks simple Grundthese lautet: Die beiden Großkirchen sind aufgrund ihrer unmenschlichen Praxis und Machtpolitik in Geschichte und Gegenwart als religiöse und moralische Instanz endgültig desavouiert. Während sie ferner massiv an religiöser und gesellschaftlicher Bedeutung verlieren, ist der wahre Glaube und tiefe Spiritualität nur noch in neureligiösen Gruppen wie beispielsweise dem Universellen Leben zu finden. Deshalb werden fanatische Sektenpfarrer von der Kirchenleitung beauftragt, mittels moderner inquisitorischen Praktiken gegen solche Gruppen vorzugehen. Diese manipulieren und lügen, intrigieren und hetzen in Medien, Öffentlichkeit und politischen Gremien. Auch staatliche Informations- und Dokumentationsstellen, Eltern- und Betroffeneninitiativen, Selbsthilfegruppen von Menschen, die in (neu)religiösen Gruppen Schaden genommen haben, Initiativen für psychische und seelische Freiheit und Warnungen vor dem politischen und religiösen Extremismus einzelner Gruppen – all das ist für Mynarek nur der verlängerte inquisitorische Arm, der von Sektenpfarrern gelenkt wird, um gegen religiöse Gruppen vorzugehen, die er für ein letztes Bollwerk von wahrer Spiritualität und Transzendenz in unserer Gesellschaft gegen Säkularismus und Konsumismus sieht.

Mynareks unreflektierte Parteilichkeit für jegliche Form von ‘neuer Spiritualität’ und seine undifferenzierte fanatische Haltung gegenüber den Kirchen verhindert, die Bedeutung und teilweise auch Konfliktträchtigkeit neuer religiöser Bewegungen in einer sich immer weiter säkularisierenden Gesellschaft angemessen zu betrachten.

Ein humanistischer Autor, der auf sozialwissenschaftliche Kriterien im Dienste einer obskuren Religion verzichtet und sich in einen interreligiösen Konflikt verwickeln lässt, verhält sich fragwürdig. Ferner ist Mynareks Verständnis von Naturwissenschaft – wie er es in bewusster Abgrenzung gegen den scheinbar veralteten Rationalismus der Theologen hervorhebt – deutlich von ‘esoterisch-spirituellen’ Vorstellungen geprägt. Parapsychologie und selbst dubiose Theorien wie die Biolumineszenz und Kirlianfotografie sind für ihn Beispiele eines Wissenschaftsverständnisses, das sich dem ganzheitlichen und energetischen Wesen der Welt öffnet. Solche Theorien haben allerdings wenig Gemeinsamkeit mit der Art wissenschaftlicher Analyse und Erkenntnis, wie sie unter Wissenschaftlern und im weltlichen Humanismus diskutiert werden.”

Dem ist fast nicht mehr hinzu zu fügen; außer dem politischen Aspekt eben: Herr Mynarek bereitet inhaltlich den Boden für Ideologen vor, die zwar die herrschende Kirche/Religion kritisieren, gleichzeitig aber neiheidnische und esoterische/anthroposophische Weltanschauungen befürworten. Die aber sind allemal Bestandteile neurechten Gedankengutes.

Ein Genosse aus Trier berichtete mir nach einem Vortrag von Herrn Mynarek im Januar 2001, dieser sei seiner Ansicht nach zwar kein Faschist, aber er verbreite nach wie vor antisemitische Ideen in seinem Vortrag. Die Legalisierung von Abtreibungen rechtfertige Mynarek ausgerechnet am Beispiel von Massenvergewaltigungen im Kosovo!

Meines Wissens hat er sich von den kritisierten völkischen Inhalten, von der Unitarier Sekte und von Leuten wie Bartsch und Hunke nie eindeutig und öffentlich distanziert. Aber er hat ja nun eine Plattform, auf der er dies nachholen kann.

Und die MIZ?

... ist auf dem besten Wege ein selbstgenügsames Insiderblatt zu werden. Es fehlt ihr eine politische Linie, was sie einerseits schwach und andererseits zum Spielball für diverse Interessen macht. Libertäre, sozialistische, liberale und (s.o.) auch neurechte Positionen streiten um die Gunst der LeserInnen.

Hierzu paßt auch ein Beitrag in der neuen MIZ: Michael Schmidt-Salomon kenne ich ja nun schon einige Zeit mehr oder weniger gut persönlich und ich bin davon überzeugt, daß er ein intelligenter und kreativer Kopf ist. Dennoch stört mich bei seinen Beiträgen und Artikeln der (schlecht) versteckte Antikommunismus, der so vielen Libertären gemein ist.  Auch im letzten Beitrag “Sind AtheistInnen die besseren Menschen?” muß das “durchaus problematische” Schwarzbuch des Kommunismus dafür herhalten, den verhassten Feind, nämlich der Kommunismus, zu verunglimpfen. Im Kontext anschließend werden weitere dazu gehörige “Bösewichte” aufgezählt: “Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot etc.”. Damit aber nun der Anti-Kommunismus nicht ganz so platt herauskommt, wird sozusagen als ausgleichende Gerechtigkeit der Nationalsozialismus als rechter Gegenpol herausgearbeitet. MSS walsert, daß die deutsche Schwarte kracht. Dann geht es Schlag auf Schlag: Hitler-Stalin, Stalin-Hitler, Linke-Rechte, usw. Benutzt wird das Ganze als Feldzug gegen die Religion an sich und als Beweisführung, daß AtheistInnen auch keine besseren Menschen sind.

Für diese banale Weisheit, die nichts anderes sagt, als: Menschen sind eben Menschen, werden viele Seiten einer anspruchsvollen Zeitschrift gefüllt.

Auffällig ist, daß der Beitrag völlig ohne Kapitalismuskritik auskommt. Im kompletten Text fehlt der Begriff oder ein Verweis auf die alles Gesellschaftliche prägende, je zwingende ökonomische Struktur ganz einfach. Sie ist (im Beitrag) nicht da. Das Allerwichtigste, das was Hinz und Kunz und ganze Staatsgebilde wesentlich bestimmt, wird von Michael ausgeklammert. Das ist wahrlich ein Kunststück und zeigt, warum die Agnostiker um die MIZ herum politisch so einflußlos geblieben sind. Sie machen nämlich keine zielgerichtete Politik, sondern nur Religionskritik ganz über den alltäglichen Dingen stehend, und das ganz hemmungslos.

Merke: Wer die Kapitalismuskritik auf der Basis der Marx’schen Analyse (eine bessere gibt es derzeit nicht) vernachlässigt, ist zumindest kein linker (Medien)Politiker und arbeitet bestenfalls neoliberalen oder neurechten (das sind nicht notwendig faschistische) Gesellschaftsentwürfen zu. Aber vielleicht soll das so sein. Dann aber sollten sich die BetreiberInnen der MIZ dazu bekennen. Ich weiß dann, daß ich nicht mehr dazu gehöre und kein “freier Mitarbeiter” mehr sein kann.  

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Edgar Baegar: Noch nicht einmal falsch

Eine Stellungnahme zu Thesen von Michael Schmidt-Salomon

Es wird erzählt, dass Voltaire mit einer Bibel unter dem Arm von einem Bekannten auf der Straße angetroffen wurde. Auf den erstaunten Ausruf “Aber Maître Voltaire, ihr mit der Bibel!” antwortete Voltaire: “Man sollte den Schriftsatz des Gegners immer zur Hand haben.”

Ich stelle mir nun vor, ich wäre Beschäftigter in einem bischöflichen Ordinariat und studiere einen Schriftsatz des weltanschaulichen “Gegners” und lese deshalb die Ausgabe 4/00 der MIZ. Schon bei der Lektüre des Vorwortes von Gunnar Schedel aber noch sehr viel mehr bei dem Hauptartikel von Michael Schmidt-Salomon (‘Sind Atheisten die besseren Menschen?’) käme mir ein “Halleluja” über die Lippen und ich würde sofort Auszüge aus dieser Veröffentlichung für den dienstlichen Gebrauch drucken lassen. Geben doch “die Atheisten” endlich einmal zu, dass auch ihre Weltanschauung Grundlage vieler politischer Verbrechen gewesen sei (Schmidt-Salomon nennt namentlich die Verbrechen von Lenin, Stalin, Mao, Pol-Pot) und dass der misslichen “Kriminalgeschichte des Christentums” (nach Deschner) ebenso eine “Kriminalgeschichte des Atheismus” (nach Schmidt-Salomon) an die Seite gestellt werden könne. Letztere sei zwar kürzer, doch ähnlich bluttriefend wie die “Kriminalgeschichte des Christentums”. Die Geschichte des Atheismus, resümiert Schmidt-Salomon, sei keineswegs so ruhmreich, wie “die Atheisten” glauben, möglicherweise sei die “relative Anzahl mordender christlicher Staatsoberhäupter gering, verglichen mit der Anzahl mordender atheistischer Staatschefs”.

Das ist starker Tobak. Da sich viele konfessionsfreie Menschen als Atheisten bezeichnen, müssen sich diese nunmehr wohl oder übel fragen, ob zwischen ihrer Weltanschauung und den Verbrechen kommunistischer Diktatoren der Neuzeit irgendein nachvollziehbarer Zusammenhang besteht, wie ihn Michael Schmidt-Salomon und in seinem Vorwort auch Gunnar Schedel herstellen. Zur Klärung dieser Frage will ich versuchen, einen kleinen Beitrag zu leisten.

“...denn eben wo Begriffe fehlen

da stellt das Wort zur rechten Zeit sich ein”. Dieser Ausspruch des Mephisto aus dem ersten Teil des Faust könnte als Motto über dem Beitrag von Schmidt-Salomon stehen. Die für seine Veröffentlichung grundlegenden Begriffe “Atheismus”, “Religion”, “Ideologie” werden an keiner Stelle seiner Arbeit definiert. Wenn aber nicht eingangs verabredet wird, was unter verwendeten Begriffen überhaupt zu verstehen sei, dann ist jedwedem intellektuellen Pfusch Tür und Tor geöffnet.1

Ich möchte nachfolgend versuchen, die für den Beitrag von Schmidt-Salomon wichtigsten Begriffe zunächst zu definieren, mit dem Ziel, anschließend zu prüfen, ob nach dieser Begriffsklärung die Thesen von Schmidt-Salomon haltbar sind oder nicht. Der für seinen Beitrag zentrale Begriff ist “Atheismus”, weshalb ich mit diesem beginnen möchte.

Was ist Atheismus?

Ein Atheist behauptet, dass es allen bis heute erdachten theistischen Religionen, den polytheistischen ebensowenig wie den monotheistischen, bisher nicht gelungen ist, auch nur einen einzigen logisch schlüssigen Nachweis für die Notwendigkeit der Begriffe “Götter” oder “Gott” zu erbringen. Alle so genannten “Gottesbeweise” sind kläglich gescheiterte Konstruktionen. Alle auf theistischen Weltanschauungen beruhenden Gedankengebäude zeichnen sich durch Irrationalismen und unauflösliche Widersprüche aus. Ebensowenig bedarf es zur Begründung humanitären ethisch-sittlichen Handelns theistischer Denksysteme.

Atheismus ist also nichts anderes als eine weltanschaulich-philosophische Aussage, welche die Möglichkeit einer rationalen Begründung für jede Art von Gottes- oder Götterglaube verneint. Vielleicht am kürzesten wurde dieses ausgedrückt durch den französischen Physiker Pierre Simon Laplace (1749-1827), der, von Napoleon befragt, warum denn in seinen Schriften Gott nicht vorkomme, erwidert haben soll: “Sire, dieser Hypothese bedurfte ich nicht!”2

Atheismus ist also ein philosophischer Begriff – ähnlich wie Existenzialismus, Nihilismus, Positivismus – mit einer Aussage zu bestimmten Formen von religiöser Weltdeutungen (eben den theistischen Religionen). Dass eine solche Aussage, die den überwiegend verbreiteten Religionen jede rationale Grundlage abspricht, allen religiösen Organisationen, die von der Verbreitung einer religiösen Ideologie leben, ein Gräuel ist, versteht sich beinahe von selbst. Aus eben diesem Grunde war eine atheistische Einstellung während der längsten Zeit der europäischen Geschichte für jeden so denkenden Menschen existenzgefährdend. Sie ist es in Ländern mit fundamentalistischen theistischen Systemen auch heute noch.

Wenn Menschen zu weltanschaulichen Lehren Stellung nehmen, wie es Atheisten tun, führt dieses noch keineswegs zu darauf basierenden Verbrechen. Damit weltanschauliche, religiöse oder politische Ideen zu Erscheinungen wie Krieg, Minderheitenverfolgung oder Völkermord führen, bedarf es einer entscheidenden Entwicklung: aus der Idee muss eine Ideologie werden!

Was kennzeichnet Ideologien?

Unter einer Ideologie wollen wir eine weltanschauliche Konzeption verstehen, in der Ideen der Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele dienen (so definiert u.a. der Duden diesen Begriff). Erfolgreiche Ideologien führen stets dazu, dass sich ein, an die Anhänger der jeweiligen Ideologie gebundenes, <M>System von Grundeinstellungen und Wertungen herausbildet.

Eine Ideologie weist folgende Merkmale auf:

Sie wird von einer Organisation getragen, die die Durchsetzung dieser weltanschaulichen Konzeption zum Ziel hat. Diese Organisation sammelt gesellschaftlichen Reichtum und begründet Herrschaftsverhältnisse.

Die weltanschauliche Konzeption ist als geschlossene Lehre festgeschrieben (kanonisiert).

Für die Mitglieder dieser Organisation ist die jeweilige Lehre verpflichtend. Daher wird eine solche Lehre immer mehr oder weniger dogmatisiert sein.

Alle Mitglieder dieser Organisation sind zur Weitergabe und Weiterverbreitung der Lehre verpflichtet (Prägung im Kindesalter, Mission, Propaganda). Erst dadurch wird eine Lehre selbsterhaltend, ein entscheidendes Merkmal aller Ideologien.

Die Organisation hat mindestens einen Führer, bei geschichtlich relevanten Systemen immer eine Führungskaste, deren Macht, Einfluss und berufliche Existenz von dem Erhalt, besser noch von der Ausbreitung, dieser Lehre abhängen.

Religiöse und politische Ideologien

Durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch wurden die Völker mit Hilfe religiöser und politischer Ideologien beherrscht. Die religiösen Ideologien (die Religionen) knüpfen an Urängste der Menschen an: Angst vor Leid, Krankheit und Tod. Sie bieten Hoffnung auf ein endgültiges Ende allen Leides (beispielsweise im Buddhismus durch das “endgültige Verlöschen”, das “Nirvana”) oder auf ein Leben nach dem Tode (etwa durch ein “ewiges Leben im Paradies”). Bei sehr vielen Religionen wird jedoch, parallel zu den erzeugten Hoffnungen, zusätzlich gedroht, welch fürchterliches Schicksal denjenigen beschieden sein wird, die den Lehren der betreffenden Religionsgesellschaft nicht folgen. Konsequenterweise bieten die Religionsführer denn auch in aller Regel Heilsmittel an, mit deren Hilfe die Gläubigen ihr Schicksal angeblich günstig beeinflussen können (Gebete, Wallfahrten, Amulette, Opfer, Gottesdienste u. dergl.). In Anlehnung an Gerhard Szczesny könnte man die Führungseliten der Religionen als “Angst- und Hoffnungmacher” bezeichnen.3

Verglichen mit den religiösen Ideologien, sind die politischen Ideologien meistens sehr viel schlichter. Die weltlichen Führer stützen ihre Macht beispielsweise auf Nationalismen, auf politische Utopien oder auf eine angebliche Überlegenheit der eigenen Rasse oder Kultur. Entscheidend ist jedoch, dass die politische Führungsschicht über Machtmittel verfügt, mit denen sie ihre Ziele gewaltsam durchsetzen kann, wie etwa Polizei, Geheimdienste, Militär, paramilitärische Kampfgruppen. Im Grenzfall stützt sich die weltliche Herrschaft auf die Durchsetzung ihrer Interessen mit reiner Gewalt und verzichtet notfalls sogar auf einen ideologischen Überbau.

Das Verhältnis zwischen religiösen Führern und weltlichen Herrschern ist vom Prinzip her ein gespanntes Verhältnis. Beide Führungsschichten wollen Macht, Einfluss, Reichtum und sind potentiell Konkurrenten. Wie die Geschichte lehrt, arrangieren sich geistliche und weltliche Herrscher in den meisten Fällen jedoch im Sinne einer Symbiose, bei der jede Gruppe die Herrschaft der anderen Gruppe stützt. In selteneren Fällen erringt eine der beiden Gruppen die alleinige Herrschaft über ein Volk oder ein Land. Beispiele für die Dominanz geistlicher Herrscher ist heute der Iran und war früher Tibet. Zu den Fällen, in denen ein weltlicher Diktator die geistliche Konkurrenz nahezu vollständig ausschaltete, gehörten eben die diktatorischen Systeme, die Schmidt-Salomon aufführt: Lenin, Stalin, Mao, Pol-Pot. Die zugehörige Ideologie war jedoch in allen diesen Fällen die Lehre einer allein herrschenden Partei! Es mögen sich die Spezialisten darüber den Kopf zerbrechen, wie man diesen Verschnitt aus Sozialismus, dialektischem Materialismus, Marxismus, Leninismus, Kommunismus und verschiedenen ostasiatischen Mutationen der Originalideen im Einzelfall bezeichnet. Die mit den religiösen Systemen konkurrierende Ideologie jedenfalls war die Lehre einer totalitären Partei, nicht jedoch “der Atheismus”.

Ist der Atheismus eine weltanschauliche Ideologie?

Wir können nun die Probe aufs Exempel machen. Wenn der Atheismus eine Ideologie wäre, geeignet zur Begründung politischer Verbrechen, dann müssten folgende Kriterien erfüllt sein:

Es müsste eine organisierte atheistische Weltanschauungsgemeinschaft bestehen, mit einer Führungskaste die von dieser und für diese Ideologie lebt.

Es müsste eine kanonisierte Fassung einer atheistischen Lehre geben, deren Inhalte für die Mitglieder der Organisation verpflichtender Glaube wäre.

Die Mitglieder der Organisation müssten zur Weitergabe und zur Ausbreitung des Atheismus verpflichtet sein.

Keines dieser Merkmale war je gegeben. Mit der Kritik theistischer Lehren und den gesellschaftlichen Auswirkungen theistischer Religionen im Laufe der Geschichte haben sich stets nur einzelne Individuen beschäftigt: Schriftsteller, Dichter, Philosophen, Historiker, Naturwissenschaftler. Mit anderen Worten, Atheismus hat gerade nicht zu Weltanschauungsorganisationen mit politischer Macht geführt, sondern kennzeichnet eine Stellungnahme unabhängig denkender Menschen zum Phänomen der theistischen Religionen. Aus eben diesem Grund haben es die Verbände, die sich für eine Interessenvertretung nichtreligiöser Menschen (d.h. immer für einen weltanschaulich neutralen, niemals für einen atheistischen, Staat!) einsetzen, so ungeheuer schwer, auch nur einen bescheidenen Organisationsgrad zu erreichen.

Der Umstand, dass politische Schwerverbrecher, die durch Verfolgung und Vernichtung der religiösen Konkurrenz die Alleinherrschaft ihrer totalitären Partei und deren Ideologie zu sichern suchten, sich als Atheisten bezeichneten, diskreditiert den Atheismus ebensowenig wie der katholische Glaube eines Mafiabosses den Katholizismus diskreditiert. Erst wenn das organisierte Christentum (die Kirchen) mit ihren religiösen Führern Verbrechen gegen die Menschlichkeit als handelnde Organisation zu verantworten haben, kann eine “Kriminalgeschichte des Christentums” geschrieben werden.

Wenn in einer Veröffentlichung der fundamentale Unterschied zwischen weltanschaulich-philosophischen Aussagen (wie z.B. dem Atheismus) und dem Treiben ideologisch geprägter, politisch wirksamer, Organisationen mit dogmatisch fixierten Lehren, Machtstrukturen und Führungskadern nicht zur Kenntnis genommen wird, dann braucht man sich über abenteuerliche Schlussfolgerungen und Fragestellungen im Zuge solcher “Untersuchungen” nicht zu wundern. So wird beispielsweise die Frage

Sind Atheisten die besseren Menschen?

von Schmidt-Salomon allen Ernstes gestellt, sie gibt sogar den Titel seines Beitrages ab. Auch Gunnar Schedel diskutiert in seinem Vorwort auf der gleichen Ebene. Aber welcher halbwegs intelligente Mensch mit einer nichtreligiösen Weltanschauung würde eine solche Frage mit ja beantworten. Es reicht schon eine minimale Lebenserfahrung aus, um festzustellen, dass menschliche Qualitäten mit der Religion oder Weltanschauung des Betreffenden in den meisten Fällen recht wenig zu tun haben. Nur ist ein (meist in der Kindheit) religiös geprägter Mensch gefährdet, von Religionsführern für deren Zwecke instrumentalisiert zu werden.

Und wie sieht es mit dem Rest der Ausführungen von Michael Schmidt-Salomon aus, beispielsweise mit der Aussage, der Atheismus greife ohnehin zu kurz, weil nichttheistische Religionen existieren und Phänomene wie der Nationalsozialismus und der Kommunismus als “politische Religionen” aufgefasst werden könnten, die ebenfalls nicht theistisch sind?

Erstens ist Atheismus keine “Theorie für alles”. Wer den theistischen Religionen eine nachvollziehbare Grundlage abspricht, der macht damit eine Aussage über die Grundlage von Ideologien, die auch heute noch überwiegend die Welt beherrschen und diese durch die Jahrtausende beherrscht haben. Die Bedeutung der atheistische Aussage wird nicht dadurch gemindert, dass nicht hundert Prozent der religiösen Ideologien dadurch abgedeckt und politische Ideologien nicht mit erfasst sind.

Zweitens impliziert die Feststellung der Irrationalität aller “Gottes”- oder “Götter”-Religionen natürlich auch die Irrationalität aller Vorstellungen über Dämonen, Geister, Gespenster, magische Kräfte der Ahnen und ähnliche Hervorbringungen menschlicher Phantasie.

Drittens ist der Umstand, dass die Führungsschichten religiöser und politischer Organisationen sich derselben Machenschaften bedienen, um ihre Anhänger zu beeindrucken und gefügig zu machen (Prunk- und Prachtentfaltung, Massenauftritte, Kostümierung, Personenkult, Repressionen) und bei diesen Personen auch die entsprechenden Reaktionen auslösen (wie etwa Verehrung, Unterwürfigkeit, Vergötterung, Fanatismus) noch lange kein Grund, die wesentlichen Unterschiede zwischen religiösen und politischen Ideologien durch den völlig untauglichen Begriff der “politischen Religion” zu ersetzen. Dass hier entscheidende Unterschiede bestehen, zeigt sich allein schon darin, dass religiöse Ideologien eine wesentlich längere Lebensdauer haben, als politische Ideologien.

Schlussfolgerung

Der Leser möge meine Sicht der Dinge prüfen, den Ausführungen von Michael Schmidt-Salomon gegenüberstellen und sich ein eigenes Urteil bilden. Wie ich die von ihm veröffentlichten Thesen zum Atheismus beurteile, möchte ich durch eine Anekdote zum Ausdruck bringen, die der Nobelpreisträger für Physik, Steven Weinberg, in seinem Buch Der Traum von der Einheit des Universums zum Besten gibt: “Wolfgang Pauli (Nobelpreisträger für Physik, 1900-1958) wurde einmal gefragt, ob eine ganz und gar verhunzte physikalische Abhandlung seiner Meinung nach falsch sei. Das wäre eine zu freundliche Bewertung, erwiderte er, die Arbeit sei nicht einmal falsch.”4

 

Anmerkungen:

1 Wie wichtig eine klare Begriffsdefinition ist, zeigte geradezu klassisch das 1948 von der BBC ausgestrahlte Streitgespräch zwischen Bertrand Russell und dem Jesuitenpater F. C. Copleston über die “Existenz Gottes”. Da Copleston mit unsinnigen Begiffen argumentieren wollte, Russell ihm jedoch keine einzige dieser Leerformeln durchgehen ließ, brachte der Gottesstreiter nicht eine seiner ‘Beweisführungen’ zu einem erfolgreichen Abschluss. (B. Russell, Warum ich kein Christ bin, München, 1963)

2 Zitiert nach D. B. Herrmann: Die Entdecker des Himmels, Leipzig/Jena/Berlin, 1990, S.149

3 Gerhard Szczessy, Die Angst und Hoffnungmacher, in Club Voltaire II, München, 1965

4 Steven Weinberg: Der Traum von der Einheit des Universums, München, 1993  

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Tanja Großmann

Sind “Atheisten” überhaupt Menschen?

“Atheismus” kann verstanden werden als “kritische Religion”, denn er ist die “letzte Stufe des Theismus”, die “negative Anerkennung Gottes”, so Karl Marx in Die heilige Familie (MEW 7, S. 116). Der Kampf gegen ein ”Dasein” (verstanden als das reale Sein, in dem wir alle materiell gefangen sind) ist die “erste Form seiner Anerkennung, seiner Wirklichkeit und seiner Macht” (Marx, MEW 1, S. 152). Die mit dem Wort “Atheismus” ausgesprochene Verneinung Gottes ist ein derartiger Kampf, der die Existenz Gottes in seiner Negation bejaht. “Atheistisches” Denken ist krytogame Theologie!

Michael Schmidt-Salomon scheint der Meinung zu sein, daß die Leistung Feuerbachs ein entscheidender Beitrag zur Vollendung der Religionskritik gewesen sei, der Hegel auf hegelschem Standpunkt kritisierte und “vollendete, indem er den metaphysischen absoluten Geist in den wirklichen Menschen auf Grundlage der Natur auflöste” (Marx, MEW 7, S. 147). Die Philosophie Feuerbachs mit ihrem abstrakten Menschen ist ebenso wie die Philosophie des Selbstbewußtseins noch religiös (vgl. Marx/Engels, Deutsche Ideologie, S. 137ff.). Sie denkt ideologisch und nciht antiideologisch, ist deswegen zur Überwindung religiösen Denkens nicht geeignet. Eine Vollendung der Religionskritik ist nur möglich, wenn der Mensch und die Natur zum Denkprinzip erhoben werden.

Es gilt, die philosophische Theorie zu vertreten, die die “Wesentlichkeit” des Menschen und der Natur an den Anfang ihrer Entwicklung stellt. Natur und Mensch sind die Existenz, die in sich gründet und jedes Sein über sich ausschließt. Mensch und Natur sind das Sein schlechthin. Ihres absoluten Seinsanspruchs wegen bieten sie für ein transzendentes Sein keine Daseinsmöglichkeiten. Sie behaupten positiv und unmittelbar von sich, daß nur sie selbst in ihrer Einheit wahrhaft existent sind.

Der “Atheismus” leugnet zwar ebenfalls die Unwesentlichkeit des Menschen und der Natur, er negiert jedoch primär Gott und lehrt das wesentliche Dasein des Menschen und der Natur nur durch seine Negation. Der Mensch und die Natur treten bei uihm in ihrer absoluten Seinsfülle vermittelt in Erscheinung. Die philosophische Theorie, die unmittelbar von der sich gründenden Natur und dem Menschen ausgeht, bedarf keiner solchen Vermittlung. Für sie ist der “Atheismus” sinnlos! (vgl. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40)

Der “Atheismus” besitzt jedoch eine positive Komponente, insoweit sie für eine Übergangszeit in der Lage ist, eine Rolle im Kampf gegen die Entfremdung zu spielen. Das begründet einen antagonistischen und dialektischen Prozeß; der “positive Humanismus”, der mit dem Menschen und der Natur unmittelbar beginnt, muß den “Atheismus” aufheben. Das bedeutet, er muß ihn zugleich vernichten, aufbewahren und auf eine vollendete Stufe heben.

Ausgehen dvon der These, daß der “Mensch und die Natur ausschließlich das Wesenhafte in sich gründende Sein” ist, kann der in unserer Gesellschaft verwendete – falsch verwendete – Begriff des “Atheismus” nicht existieren, da dieses Denken Religion nicht nur negiert, sondern in ihm keinen Platz hat. In diesem Denken hat Religion weder positiv noch negativ als Religionsverneinung einen Platz. Der Mensch und die Natur sind allein seinswirklich!

Aus der Natur ist der Mensch durch die Generatio aequvoca entstanden, die somit logisch und zeitlich vor dem Menschen existiert. Durch die Geburt aus der Natur ist der Mensch ein Naturwesen, das im Austausch mit der Natur zu ihrem beherrscher wird. Der Mensch arbeitet sich buchstäblich zum Herrn über die Natur empor. Er unterwirft das naturhafte Sein seinen Fähigkeiten, seinem Vermögen und seinem Wollen. Die Entfaltung dieser Fähigkeit geschieht im Zusammenwirken der Menschen. Damit erfüllt er seine eigene Wesensbestimmung, die ihn als soziales Wesen, als Gattungswesen, zur Herrschaft prädestiniert.

Das bedeutet explizit den Ausschluß religiösen Denkens! Weil der Mensch als Sozialwesen Herr der Natur sein soll (vorausgesetzt er wirkt in ihr nicht gegen sie!) und weil allein der Mensch und die Natur seinsmächtig und real existent sind, ist die Lehre von Religionen und ihrem transzendenten Sein abzulehnen. Wenn überhaupt von “höchsten Wesen” gesprochen werden soll, dann ist es der Mensch und niemand sonst, dem diese Stelle zuzuweisen ist.

Atheisten sind keine Anhänger des “Atheismus”, da sie keinen Gott erkennen, anerkennen, kennen und zulassen, “Atheismus” jedoch durch die negative Anerkennung Gottes eine “kritische Religion” als eine “Stufe des Theismus” darstellt! Die Existenz des Menschen als Atheist ist die ursprüngliche, damit natürliche Seinsform des Menschen, jede andere unnatürlich – künstlich! Somit darf man sich dazu versteigen zu sagen: Wenn denn eine Frage “Sind Atheisten die besseren Menschen?” unbedingt gestellt werden soll, dann müßte die Antwort lauten: “Wirkliche” Menschen sind Atheisten!

Die Frage zu stellen, ob Atheisten die besseren Menschen seien, erfüllt nur die Erwartungshaltung der verchristeten BRD-Majorität und ist Mainstream-Humbug!


 

Christoph Lammers

Das Definitionsproblem und andere Ungereimtheiten...

Eine Anmerkung zu Michael Schmidt-Salomons Artikel “Sind AtheistInnen die besseren Menschen?”

“Geht nicht mit dem Zeitgeist, sondern haltet fest – rational abgefedert – an den Grundsätzen der christlich-abendländischen Ethik! Dann werdet Ihr keine Opfer totalitärer Versuchungen.”1

Der gute Atheist ist beileibe nicht der beste unter den Menschen, wenn man sich genauer die Geschichte des “Atheismus” anschaut. Das jedenfalls läßt sich feststellen, wenn man den Worten von Michael Schmidt-Salomon Glauben schenken will. Und noch mehr: “Die Tatsache, dass die Kriminalgeschichte des Atheismus zwar kürzer, aber doch ähnlich bluttriefend ist wie die Kriminalgeschichte des Christentums, beweist umso mehr, wie wichtig religionskritische Ansätze auch heute noch sind.”2

Wenn ich nun ein guter und gläubiger Christ wäre, und davon kann man bei den meisten Kultusträgern innerhalb der Staatskirchen ausgehen, dann ist zu erwarten, daß sie wissen, was die Gegenseite – die Atheisten – wissen und schreiben. Immerhin empfiehlt es sich für jeden Konfessionslosen und Atheisten die Bibel zur Hand zu haben, um aus diesem “Buch der Bücher” zitieren zu können. Angenommen ich wäre ein solcher “Würdenträger” würde ich mich Michael Schmidt-Salomon erkenntlich zeigen wollen. Denn dieser hat mit seinem Artikel zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: zum einen gesteht er selbst ein, daß Atheisten nicht nur nicht gut sind, sondern ihre Geschichte einer Kriminalgeschichte bedenklich nahe kommt. Zum anderen erweist er jedem Papst des 20. Jahrhunderts die Ehre und erklärt das verfaßte System des Sowjetkommunismus und des Staatssozialismus zum Feindbild des Guten schlechthin.

Ich sehe, wie sehr sich der Autor Michael Schmidt-Salomon sträubt, konsequente Kritik an der Gesellschaft und an sich selbst zu üben, und deshalb kann ich auch nachvollziehen, warum er Agnostiker ist. Das, was uns der Autor in diesem Text präsentiert, ist zum einen inkonsequente, agnostizistische “Arschkriecherei” und zum anderen Schwäche in der etymologischen Kenntnis der deutschen Sprache.

Sprache, unhinterfragt, zu benutzen, ist die eine Sache. Das passiert immer wieder und immer häufiger. Nicht zuletzt dort, wo wir Wörter einsetzen, ohne deren eigentlichen Ursprung näher zu betrachten (beispielsweise natürlich, notwendig...). Die andere Sache ist viel gefährlicher und irreführender: Michael Schmidt-Salomon definiert Wörter neu, in dem Bewußtsein, daß die Leserinnen und Leser ihm zustimmen werden (müssen). Das ist inakzeptabel. Daher sehe ich die Not-wendigkeit, seine Begriffsbestimmungen richtig zu definieren.

Den “Atheismus”, oder besser gesagt den “A-theismus” gibt es nicht. Es ist schlechthin falsch, den “Atheismus” mit einer Heilslehre in Verbindung zu bringen. Ich bin mir bewußt, daß unsere Sprache autoritär und christlich ist, doch sehe ich hier die Not-wendigkeit klare Aussagen zu machen, und mich von der Undifferenziertheit MSS’ zu distanzieren.

Der Begriff “A-theismus” bedeutet von seiner ursprünglichen Bedeutung her: “Ablehnung jeder Art von Gottesglauben, Gottesvorstellung als weltanschauliche Haltung. Zugrunde liegt griech.: átheos ‘gottlos, die (öffentlich verehrten) Götter leugnend, verachtend’, als Possessivkompositum gebildet aus verneinendem a- (à- privatum) und griech. theós ‘Gott’, daher wörtlich ‘nicht Gott habend’.”3 Diese Feststellung läßt deutlich werden, daß dieser definierte Seins-Zustand, und für jeden demokratisch denkenden Menschen Soll-Zustand, keine politische Religion und noch weniger eine Kriminalgeschichte sein kann. Entweder ich bin Atheist, oder ich bin es nicht. Ein Seins-Zustand “nicht Gott habend (Possessivkompositum)” läßt sich nicht prophetisch herbeiglauben.

Zu dem Begriff “religiös” läßt sich im etymologischen Sinn dieses festhalten: “‘Glaube’ an als existent vorausgesetzte überirdische, heilige, göttliche Mächte, dessen Lehre (Festlegungen, Dogmen u. dgl.) und seine Ausübung’, entlehnt (1. Hälfte 16. Jh.) aus lat. religio (Gen. religionis) ,gewissenhafte Beachtung dessen, was sich auf die Verehrung der Götter bezieht, Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit (gegenüber dem Heiligen), religiöses Gefühl, fromme Scheu, Gottesfurcht, Glaube, das Heilige, kultische Verehrung’.”4 “Religion braucht keine Götter”, so Michael Schmidt-Salomon in seinem Artikel. Und weiter unten formuliert er: “Ich denke, es wäre überaus problematisch, den Religionsbegriff weiterhin an der Existenz klar umrissener Gottesbilder festzumachen.”5 Religion braucht keine Götter mehr. Das bedeutet nichts anderes als, Demokratie braucht keine Volksherrschaft und die Neofaschisten brauchen keinen Führer mehr. Alles ist austauschbar und so zu verwenden, wie ein promovierter Wissenschaftler es braucht... Das mag die Überzeugung mancher Leserinnen und Leser sein und es gibt sicherlich den einen und den anderen, der diesen schwammigen Ausführungen zustimmen. Doch ist es unsere Pflicht, nicht nur für eine klare Sprache, sondern auch für einen ehrlichen Ansatz zu sorgen.

Weiterhin sollte der Begriff des Kommunismus betrachtet und dargestellt werden, da auch dieser, immer wieder in Verbindung mit dem Staatssozialismus und dem Stalinismus, schwammig verwendet wird. “m. Gesellschaftformation, die auf dem gesellschaftlichen Eigentum an Produktionsmitteln beruht, sowie die Lehre vom Aufbau, den Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten dieser Gesellschaftsordnung; [...] beginnt die zusammenhängende Geschichte der hier behandelten Wortgruppe im Frz., Engl. und Dt. Um 1840.”6 Es läßt sich noch ergänzen, daß dieser Begriff nicht zuletzt durch Karl Marx als auch Friedrich Engels eine füllende Bedeutung erlangt hat, die die Emanzipation des Menschen weiter in den Mittelpunkt rückten.

Als Ergänzung zum bisher gesagten: Ideologie. “Ideologie f. System der gesellschaftlichen Anschauungen, die durch Gruppeninteressen bedingt sind und bestimmte Verhaltensnormen, Denkweisen und Wertungen zur Folge haben.”7 “Von grch. idéa, frz. idée (Idee), frz. idéologie (Ideenlehre). Philosophische Richtung, die durch Analyse der physiologischen und psychologischen Organisation des Menschen praktische Regeln für Erziehung, Recht und Staat zu gewinnen sucht.”8 Der Begriff der Ideologie wird im gesellschaftlichen Kontext ausschließlich negativ gebraucht, obwohl er von seiner Wurzel her nicht negativ besetzt ist. Aus dieser negativen Besetzung heraus ist Ideologie wie folgt definiert:

1. Kein Zusammenhang von Wahrheitsgehalt und Wirkung

2. Umwandlung von Ideen in sozialen Druck

3. Ideologie als Automat - Verantwortungsverlust

4. Freund-Feind-Polarisierung

5. Keine Anerkennung von falsifizierbaren Fakten

6. Stärke durch Leidenschaft und Glauben

Bezogen auf die Religionen in dieser Welt müßte noch folgendes ergänzt werden:

1. Glaube zur Überwindung von Angst (Jenseits, Krankheit etc.)

2. Kompensation von Gefühlen durch Symbolik

3. Institutionalisierung von Macht

4. Vereinfachung von Sinnstrukturen

5. Androhung und Darstellung von möglichen Konsequenzen für das Jenseits9

Zu behaupten, daß der Begriff des Religiösen “sowohl die theistischen als auch die atheistischen Heilsgeschichten umfassen” muß,10 beinhaltet, daß der “Atheismus” eine Heilsgeschichte hat. Eine Heilsgeschichte, die religiös ist und der ideologischen Definition nahe kommt. Das ist in diesem Zusammenhang der entscheidende Punkt, an dem Michael Schmidt-Salomon sich selbst und seine Beweisführung ad absurdum führt. Für den “Atheismus” gibt es keine Heilsgeschichte, da er nicht institutionalisiert ist und gleichfalls nicht religiös definiert worden ist und nie werden kann. Während sich die christlichen Kirchen in den letzten zweitausend Jahren ihrer (Un-)Heilsgeschichte widmen konnten und durch die Institutionalisierung geprägt worden sind, tragen die atheistischen und konfessionslosen Gruppen ihre “verdorbenen Früchte” bereits seit der Französischen Revolution mit sich herum. Nicht zuletzt konstatierte Marx, als er sich mit der Hegelschen Rechtsphilosophie auseinandersetzte: “Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.”11 Kritik an der Religion ist somit die Voraussetzung aller Kritik. Kritik an der Gesellschaft und Kritik an Autoren, die “pseudowissenschaftlich” durch ihre Inkonsequenz der Lebenserfahrung der Atheisten schaden.

Der Autor unterstreicht immer wieder in seiner Ausführung, daß die politische Religion im Sowjetkommunismus (oder Stalinismus?) und im Nationalsozialismus klar zu finden ist, daß die beiden “-Ismen” selbst politische Religionen waren (sind). Das muß bezweifelt werden. Zwar haben beide “-Ismen” stark ausgeprägte Tendenzen, die subjektiv als religiös bezeichnet werden können, doch objektiv nur als Mittel zum Zweck dienlich waren (sind). Eine politische Religion kann es m.E. auch wiederum nicht geben, da sich das politische auf die Gemeinschaft im Ganzen beziehen müßte; das tut es allerdings in der Religion nicht, da diese einen “transzendenten Glauben” aller voraussetzt. Was der Autor versucht zu vereinigen, ist eine Symbiose von “Atheismus” und Kommunismus (Staatssozialismus, Stalinismus). Fakt ist allerdings, daß diese Symbiose aus etymologischer, geschichtlicher als auch soziologischer Sicht zum Scheitern verurteilt ist. Für mich als politischen Menschen ist klar: wer Sozialist sein will, muß zumindest Agnostiker sein. Wer Atheist sein will, muß aber nicht Sozialist sein. Die Mengenlehre zeigt uns eindeutig, daß eine Teilmenge nicht berechtigt ist, eine Gesamtmenge zu definieren.

Es liegt mir fern, die politischen Verbrechen des Nationalsozialismus (besonders in Bezug zur heutigen Zeit) und des Staatskommunismus (diesen partiell) zu leugnen oder aber zu beschönigen. Doch stimme ich nicht mit der Meinung des Autors überein, die etwas vergleicht, was nicht zu vergleichen ist.

Wie man es auch dreht und wendet: Michael Schmidt-Salomon führt den Leser (bewußt oder unbewußt?) in die Irre, um ihn dann, durch Vorgaukeln von falschen Definitionen und “christlichen” Einwänden, zurück in den Schoß zumindest des Agnostizismus, wenn nicht sogar des Theismus zu holen. Sollen wir von unserer kritischen Sichtweise in Bezug auf “transzendentale Wesen” Abstand gewinnen und “sachlicher”, agnostizistischer argumentieren? Nein: “Es ist an der Zeit, nicht nur aus der Kriminalgeschichte des Christentums, sondern auch aus der Kriminalgeschichte des Atheismus die richtigen Schlüsse ziehen.”12 Mit anderen Worten: “Maybe shit happens, maybe it doesn’t.”

Zusammenfassung

Bei aller Kritik möchte ich nicht den einen Punkt außen vor lassen, in dem ich den Ausführungen von Michael Schmidt-Salomon zustimmen kann. “Das entscheidende Problem ist die weitgehend anerzogene Unfähigkeit vieler Menschen, sich der eigenen Vernunft zu bedienen, ihr fehlender Mut, vermeintlich unantastbare Behauptungen in Frage zu stellen.”13 Quod erat demonstrandum.14

 

Anmerkungen:

1 Konrad Löw: Das Rotbuch der kommunistischen Ideologie. Marx & Engels – Die Väter des Terrors. München 1999.

2 Michael Schmidt-Salomon: Sind AtheistInnen die besseren Menschen? MIZ 4/00, S. 4.

3 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. München, 41999, S. 68.

4 ebd., S. 1113

5 Michael Schmidt-Salomon: Sind AtheistInnen die besseren Menschen? MIZ 4/00. S. 5.

6 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. <R>S. 697

7 ebd., S. 570

8 ebd., S. 570

9 Alle diese hier genannten Punkte lassen sich in dem Text von Daniel Bell wiederfinden. Daniel Bell: The End of Ideology. 1965.

10 Michael Schmidt-Salomon: Sind AtheistInnen die besseren Menschen? S. 5.

11 Karl Marx: Einleitung in die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. MEW.

12 Michael Schmidt-Salomon: Sind AtheistInnen die besseren Menschen? S. 8.

13 ebd., S. 7f.

14 lat. “Was zu beweisen war.” Satz des Euklid.

[Inhaltsverzeichnis]


Michael Schmidt-Salomon

Die offene Diskussion und ihre Feinde

Eine Erwiderung auf den Beitrag von Gerhard Kern

Gerhard Kern hat die bewundernswerte Fähigkeit, seine Standpunkte messerscharf auf den Punkt zu bringen. Selten habe ich über eine Formulierung in der MIZ so herzhaft lachen können wie über seinen Kommentar zu meinem Aufsatz über die “Kriminalgeschichte des Atheismus”, in dem ich die Frechheit besaß, Nationalsozialismus und Kommunismus als totalitäre Politreligionen zu beschreiben. O-Ton Gerhard Kern: “MSS walsert, dass die deutsche Schwarte kracht.” Wahrlich, ein herrlich böser Satz! Auf den muss man erst einmal kommen! Gerhard Kern wirft der MIZ-Redaktion vor, einen mehr oder weniger plumpen Antikommunismus zu betreiben, Kapitalismuskritik zu unterlassen, faschistoide Neuheiden zu unterstützen und neoliberalen bzw. neurechten Gesellschaftsentwürfen zuzuarbeiten. Starker Tobak! Was steckt dahinter?

1. Vorwurf: Antikommunismus

Beginnen wir mit der Vorhaltung, die MIZ (insbesondere ihr verantwortlicher Redakteur) äußere sich antikommunistisch: Als ehrliche Gesinnungstäter bekennen wir uns in diesem Punkt der Anklage für schuldig, sofern man unter “Antikommunismus” nichts weiter versteht als die scharfe Kritik der zentralistischen Parteidiktatur leninistischer Prägung! Da gibt es auch nichts zu beschönigen: Die MIZ-Redaktion besteht in der Tat aus libertär denkenden Menschen, die totalitären Gesellschaftsentwürfen nichts abgewinnen können!

Seltsam ist nur, dass Gerhard Kern – immerhin ein gestandener Anarchist mit guter theoretischer Vorbildung! – aus dieser libertären Gesinnung einen regelrechten Antimarxismus ableiten will. Wie ich an anderer Stelle weit ausführlicher dargestellt habe,1 kann ein Mensch, der Marxens Schriften ernstnimmt, gar keine andere Position beziehen als eine antikommunistische, genauer gesagt: eine anti-staatssozialistische! In Lenins Sowjetunion wurde der Staat zum allmächtigen, abstrakten Kapitalisten, eine besondere Spielart des Kommunismus, die Marx verächtlich als “roh” bezeichnete, als “Erscheinungsform von der Niedertracht des Privateigentums”, welche “die Persönlichkeit des Menschen überall negiert”.2

Unumwunden teilte Marx den Hass der Pariser Kommune auf die – so Marx wörtlich im ersten Entwurf zum Bürgerkrieg in Frankreich – “zentralisierte Staatsmaschinerie, die mit ihren allgegenwärtigen und verwickelten militärischen, bürokratischen, geistlichen und gerichtlichen Organen die lebenskräftige bürgerliche Gesellschaft wie eine Boa constrictor umklammert”.3 Konsequenterweise wandte er sich wenige Zeilen später der Staatsbesessenheit vorangegangener Revolutionen zu, und seine Worte klingen beinahe wie eine böse Vorahnung des Elends von 1917ff.: “Alle Revolutionen vervollkommneten (...) nur die Staatsmaschinerie, statt diesen ertötenden Alp abzuwerfen. Die Fraktionen und Parteien der herrschenden Klassen, die abwechselnd um die Herrschaft kämpften, sahen die Besitzergreifung (Kontrolle) (Bemächtigung) und die Leitung dieser ungeheuren Regierungsmaschinerie als die hauptsächliche Siegesbeute an. Im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stand die Schaffung ungeheurer stehender Armeen, eine Masse von Staatsparasiten und kolossaler Staatsschulden.”4 Man sieht: Nicht nur die MIZ ist antikommunistisch eingestellt. Das gilt selbst für den guten alten Marx....

Erstes Fazit: Unsere Kritik an der totalitären Politreligion des Staatssozialismus bedeutet in keinster Weise, dass wir Karl Marx und seine Werke verdammen. Im Gegenteil! Wir nehmen ihn vielleicht ern­ster, als viele seiner meist schlechten Verteidiger! Wohl gemerkt: Das bedeutet nicht, dass Marx ein Säulenheiliger ist, dem unwidersprochen zu folgen ist. Wenn es um eine Kritik kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse geht, dürfen nicht nur marxistische Stimmen gehört werden. Das würde nur zu einer neuen Form der Politreligion führen und den Blick auf die Realität ideologisch verstellen.

2. Vorwurf: Fehlende Kapitalismuskritik

Zu diesem Anklagepunkt ist zunächst folgendes festzustellen: Die MIZ ist ein religionskritisches, politisches Magazin, das Konfessionslosen Informationen bietet, die andernorts nicht diskutiert werden. Schwerpunkt der MIZ kann und darf daher nicht die Universalkritik der bestehenden ökonomischen Verhältnisse sein. Mit einem solchen Anspruch würden wir uns hoffnungslos übernehmen. Glücklicherweise gibt es jedoch – wie jeder weiß – andere Magazine, die sich diesem wichtigen Thema widmen. So etwas nennt man Aufgabenteilung und die macht in einer komplexen Welt, wie der unseren, auch durchaus Sinn. Halten wir daher fest: Kapitalismuskritik hat in der MIZ nur dann etwas zu suchen, wenn tatsächlich eindeutige Überschneidungen der Themenbereiche Religion und kapitalistischer Wirtschaftsweise festzustellen sind.

Akzeptiert man diese Grundausrichtung der MIZ, stellt sich natürlich die Frage, warum ich in meinem Artikel über die “Kriminalgeschichte des Atheismus” die Politreligionen Nationalsozialismus und Kommunismus kritisiert habe, den Kapitalismus aber außen vor ließ. Ist das nicht inkonsequent und ideologisch in höchstem Maße verdächtig? Nein, denn diese vermeintliche Unstimmigkeit ist theoretisch gut begründet: Der Kapitalismus zeichnet sich nämlich im Unterschied zu den oben aufgeführten politischen Heils-erzählungen durch eine stark säkularisierende Grundtendenz aus, weshalb er mit religionskritischem Instrumentarium nur schwer zu fassen ist.

Auf den alles Frömmelnde aufhebenden Grundcharakter des Kapitalismus haben nicht zuletzt Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest hingewiesen. Dort heißt es: “Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und  mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.”5 Ende des Zitats. Besser kann man es auch heute kaum formulieren...

Zweites Fazit: Der Vorwurf der fehlenden Kapitalismuskritik wäre nur dann gerechtfertigt, wenn es sich im Fall der MIZ um ein polit-ökonomisches Magazin handeln würde, was aber offenkundig nicht zutrifft. Vielleicht – ich bin mir nicht sicher – beruhigt Gerhard Kern und Gleichgesinnte der Hinweis, dass ich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken spiele, einen Artikel über die globalen Messdiener des Warenfetischismus und die unheiligen Dogmen neoliberaler Darwinverwurstung zu verfassen. Sofern der Artikel genügend religionskritische Aspekte liefert, könnte er auch in der MIZ publiziert werden. (Gerne würden wir zu diesem Themenspektrum auch Artikel anderer Autoren veröffentlichen, aber bisher ist uns hierzu nichts angeboten worden...)

3. Vorwurf: Die MIZ, ein Forum für Neurechte?

Wir waren uns darüber im klaren, dass Beiträge von Hubertus Mynarek in der MIZ für böses Blut sorgen würden. Der Mann hat es in bemerkenswerter Weise geschafft, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Selbstverständlich kannten wir die scharfen Artikel von Peter Kratz & Co., die Mynarek als Theoretiker der Neuen Rechten entlarven sollten. Unserer Meinung nach sind viele der dort geäußerten Kritikpunkte aber nicht sonderlich stichhaltig. Sie beruhen in der Regel auf einem einfachen, der Sache nicht angemessenen Argumentationsmuster: M. war Referent auf einer Veranstaltung, an der auch der rechte Agitator X (bzw. ein guter Bekannter des Agitators) anwesend war; M. benutzte eine rhetorische Floskel, die schon X. verwendete.; M. schrieb einen Artikel in einem Sammelband, in dem auch ein Beitrag von X. zu finden ist; M. erstellte ein Gutachten für die Gruppe Y, die auch X. einmal eingeladen hatte... Aus solchen scheinbaren Übereinstimmungen leiten “antifaschistische” Empörer in einem logischen Kurzschluss ab, dass M. im Prinzip doch schon immer das Gleiche wollte wie der rechtsextreme X. Quod erat demonstrandum!

Die MIZ-Redaktion ist bei aller Kritik an manchen Positionen Mynareks der Meinung, dass man sich die Sache nicht so einfach machen kann. Kritik verlangt, dass man genauer hinschaut, dass man die Quellen überprüft und auch die Wandlungen, die eine Person in ihrer intellektuellen Entwicklung durchmacht, nachvollzieht. Im Falle Mynareks weiß ich aus persönlichen Gesprächen (ja, ich habe mit dem Mann gesprochen, was einige selbst-ernannte Faschismusfahnder sicherlich zu der messerscharfen Annahme verleitet, auch ich sei letztlich nichts weiter als ein Blut-und-Boden-Neuheide!), dass er einiges von dem, was er in früheren Werken geschrieben hat, heute anders sieht.

Um nicht missverstanden zu werden: Mir geht es hier nicht darum, Hubertus Mynarek gegen berechtigte oder unberechtigte Kritik zu verteidigen (das kann und muss er schon selbst erledigen, ich bin nicht sein PR-Berater!), sondern um die Offenlegung einer leider weit verbreiteten, hysterisch-moralisierenden Denkweise, die allzu gerne auf Argumente verzichtet, weil es sich mit argumentativ leeren Händen scheinbar besser kämpfen lässt.

Damit komme ich meinem dritten Fazit: Ohne auf die Problematik rechter Religionskritik genauer einzugehen (hierzu wollen wir in naher Zukunft ein eigenes Schwerpunktheft machen!), sollte klar sein, dass die MIZ kein Forum für Neurechte bietet und auch nicht ansatzweise in Gefahr gerät, zu einer neuheidnischen Gazette zu verkommen. Hätte Hubertus Mynarek in seinen Aufsatz über Bruno und Galilei neuheidnische oder esoterische Argumente eingefügt, hätten wir den Aufsatz nicht veröffentlicht. Die MIZ ist und bleibt ein humanistisches, religionskritisches Magazin und dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern!

Konklusion: Die offene Diskussion und ihre Feinde

Ein kurzer Exkurs: Georg Batz, engagierter Mitarbeiter der Thomas-Dehler-Stiftung in Nürnberg, plante für Ende März ein Wochenend-Seminar zum Thema “Die neue Inquisition – Sektenjagd in Deutschland?”. Als Referenten zum Thema wurden neben Prof. Mynarek, Rechtsanwalt Dr. Christian Sailer (seit Jahren Jurist des Universellen Lebens) Prof. Konrad Löw (dem man Kontakte zur Mun-Sekte nachsagt), Dr. Armin Pfahl-Traughber (als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes und religionskritischer Autor in puncto Sekten unverdächtig) auch Vertreter der beiden christlichen Großkirchen eingeladen. Die kirchlichen Sektenbeauftragten erteilten dem Organisator – wie zu erwarten war – eine Absage, jedoch beließen sie es nicht dabei, sondern protestierten mit aller Vehemenz an verschiedenen Stellen gegen die geplante Veranstaltung. Es gelang ihnen sogar, die Verantwortlichen beim deutschen Verfassungsschutz so sehr einzuschüchtern, dass sie ihrem Rechtsextremismusexperten Armin Pfahl-Traughber kurzerhand die Teilnahme an der Veranstaltung untersagten. Auf die Frage, warum er denn seine Argumente nicht im Rahmen des Seminars frei zur Diskussion stelle, antwortete der katholische Sektenbeauftragte Hans Liebl, er wolle kein Feigenblatt für eine derartige Veranstaltung sein.

Neben den drei Schwerpunktartikeln sind weitere Diskussionsbeiträge eingegangen, einige finden sich  in der Rubrik “LeserInnenbriefe”, andere auf der MIZ-Homepage.

In konfessionslosen Kreisen wurde das Verhalten der christlichen Sektenbeauftragten logischerweise scharf kritisiert. Völlig zu Recht stellte man heraus, dass diejenigen, die eine öffentliche Diskussion ihrer Thesen scheuen oder gar unterbinden möchten, sich der Stichhaltigkeit ihrer eigenen Argumente wohl kaum sicher sein können.

Worauf ich mit diesem Beispiel hinaus will, sollte klar sein: Man kann nicht auf der einen Seite einen freien, offenen Diskurs einfordern – und auf der anderen Seite mit dogmatischer Härte verlangen, dass bestimmte argumentationswillige, aber unbequeme Mitmenschen aus dem Diskurs ausgeblendet werden! Leider hat sich mittlerweile in sogenannten linken Kreisen eine inquistorische Denkhaltung etabliert, die (altbekannten rechten Strategien folgend) allein auf Stimmung zielt – nicht auf Argumente. Naiv und moralinsauer werden Menschen, ja ganze Theorieschulen, mit Hilfe eines längst überkommenen, aber immer noch populären Gut-Böse-Schemas kategorisiert. Wer jemals (und warum auch immer!) in die untere böse Schublade der antifaschistischen Sittlichkeitswächter gerät, hat kaum Möglichkeiten dort wieder herauszukommen, denn die neulinke Inquisitionsmaschine ist ein wunderbar funktionierendes, selbstorganisierendes System: Ein Gutmensch schreibt vom anderen ab und so etablieren sich allmählich hart gepanzerte Werturteilsablagerungen, die allein derjenige noch hinterfragen könnte, der die Autoren im Original liest. Aber wer tut das schon? Es ist doch viel leichter, sich damit zu begnügen, was Peter Kratz über Mynarek geschrieben hat, oder was die theologische Fraktion von Peter Singer, dem angeblichen “Mörderphilosophen”, zu berichten wusste! Das moralische Gewissen des pseudolinken Gutmenschen ist schnell beruhigt, wenn sich in ihm das wohltuende Gefühl gerechter Empörung aufbaut. Kritische Analysen? Fehlanzeige!

Viertes und letztes Fazit: Kritik ist ein Geschenk, dass man gerne – aber nie ohne gründliche Untersuchung! – in Empfang nehmen sollte. Gerhard Kerns Kritik an der MIZ brachte vieles auf den Punkt, was heute einen Großteil kritisch denkender Menschen bewegt. Schon alleine deshalb war und ist sie wertvoll, auch wenn ich viele seiner Argumente (und ich bin hier nur auf einige wenige eingegangen!) nicht teilen kann. Ich hoffe, dass meine Darlegungen zumindest die gröbsten Missverständnisse ausräumen konnten.

Dabei steht fest: Die von Kern angesprochenen Themen werden uns sicherlich auch in Zukunft beschäftigen. Sie sind von zentraler Bedeutung – nicht nur für die MIZ, sondern für jede progressive Politik überhaupt! Denn nur wenn es gelingt, den inquisitorischen Geist zu bändigen, können wir der Gefahr des linken Sektierertums entgehen!

“Offenheit statt Offenbarung” lautete der Titel meiner ersten religionskritischen Veröffentlichung, die witziger Weise ausgerechnet in der von Gerhard Kern herausgegebenen Zeitschrift AKAZ erstmalig publiziert wurde. Ich denke, dass diese Losung nicht nur den Kampf gegen jede Form religiöser Entmündigung bestimmen sollte, sondern auch unseren Umgang untereinander. Ziel jeder humanistischen Religionskritik und jeder emanzipatorischer Sozialpolitik kann nach meinem Dafürhalten nur eine “offene Gesellschaft” sein, in der freie Menschen frei und gleichberechtigt miteinander kommunizieren können. Sollte diese Formulierung für Gerhard Kern und GenossInnen allzu sehr nach dem viel geschmähten Karl Popper schmecken (der Mann steht für gestandene Linke selbstverständlich ganz oben auf der Liste der philosophischen Buhmänner!), schicke ich als Gegengift gerne eine an Marx erinnernde Sentenz hinterher: In einer offenen Diskussion haben wir nichts zu verlieren als unsere (falschen Argumentations-)Ketten. Wir haben eine Welt (jenseits der Borniertheit) zu gewinnen! Freigeister aller Länder, vereinigt euch!

 

Anmerkungen:

1 Michael Schmidt-Salomon: “Proletarier aller Länder verzeiht mir”? Plädoyer für einen zu Unrecht angeklagten Philosophen. In: Aufklärung und Kritik 2/1999. (Der Aufsatz ist auch im Internet unter http://www.schmidt-salomon.de/ zu finden...)

2 MEW Bd. 40, S. 534f.

3 MEW Bd. 17, S. 538

4 MEW Bd. 17, S. 539

5 MEW Bd. 4, S. 464f.  

[Inhaltsverzeichnis]


 

 

Eine Antwort auf “Sind Atheisten die besseren Menschen”

von Michael Schmidt-Salomon in MIZ 4/00

 

Es ist lobenswert, daß die Problematik von religio im Atheismus sowie im Theismus angeschnitten wird, zumal in einer Zeit, in der mit diesen Begriffen Verwirrung gestiftet wurde und wird.

Anmerkungen von Dr. Schmidt-Salomon sind in ihrer Schärfe brisant und äußerst anregend auch wenn sie das Problem nur auf der zweiten oder dritten Ebene zu behandeln scheinen, doch dort sind sie durchaus treffend. Ebenfalls hier wird denn auch der Stellenwert einer “Kriminalgeschichte des Atheimus” anzusetzen sein, wie die im Text des Artikels kurz aufscheinenden Kostproben vermuten lassen.

“Theismus und Atheismus sind die beiden Enden einer Wurst.”

Ein netter Satz und so treffend?

 

Die Wurst: Allgemeingültiger Ausgangspunkt ist die natürliche Existenz der Wesen auf diesem Planeten; eines dieser Wesen ist (war) der Mensch, dessen einzige Aufgabe auf Erden seine Existenz und die Erhaltung derselben ist. Existenz heißt: Sein.

Schon früher als jedwede Kirchen machten sich Menschen durchaus Gedanken über Sinn und Funktion ihrer Existenz, waren begierig, ihren Wurzeln nachzuforschen. Nicht nur die Tatsache des Seins, des einfachen “Hier-Seins” (was zweifellos noch früher zur Diskussion gestanden haben dürfte) war Gegenstand des Denkens, bald schon kam die Frage nach dem “Wer bin Ich?” hinzu; und auf diesem Stand verharren wir noch heute!

Wer sich also auf der Ebene des Seins, des “so-wie-es-ist-Seins”, befindet, Sein als sein und sonst nichts hinnehmen kann, der ist auf der Ebene des “Ohne-Gott-seins”, d.h. Theis (Theós (gr.) = Gott) - Gott = ein außerhalb dieses Seins stehender Gott - existiert in seinem Denken NICHT...

Überspringen wir einige Entwicklungsschritte, wenden wir uns gleich dem angstbesetzten Wesen Mensch zu, dem Wesen, das durch sein Denken über den Sinn von Existenz sich über die Natur erhebt (glaubt überheben zu dürfen) mit dem Resultat, daß ihn seine Ünfähigkeit die selbstgestellten Fragen nach dem Sinn seines Lebens zu beantworten zu einem angstbesetzten Wesen werden läßt. Sein Lernprozeß ist der, daß es für alles Niedrige, daß ihm in seinem realen Leben begegnet eine handfeste, materielle Begründung im Sinne von Ursache und Wirkung gibt. Was liegt also näher, als sich für all die Vorgänge, die er sich auf Grund seines beschränkten Horizontes nicht erklären kann (aber unbedingt erklären zu können wünscht) reale Wesen - Gott/Götter/Humunkuli - in seinem Inneren zu virtualisieren?  Wir kennen es alle: Gib’ etwas Unbekanntem einen Namen mit dem es künftig benannt werden kann (obwohl eine eindeutige Definition nie erfolgt; Beispiel: Liebe) und schon verliert es seine Unheimlichkeit, seine Bedrohlichkeit.

Und so schuf denn der “Mensch Gott nach seinem Ebenbilde”, den er dann auch eindeutig durch seinen Namen “Elohim” (hebr. = Götter) als auch inhaltlich eindeutig “Ich bin der ich bin” definierte!

Welche beeindruckende und unwiderlegbare Definition...

So kam denn der Mensch auf den Theismus!

Wir sehen: Atheismus und Theismus, zwei Enden einer Wurst - wie wahr; nur daß das eine Ende der Wurst schon längst verdaut wurde, also Sch... ist.

Auf der einen Seite der Wurst: der Ausgangspunkt, die natürliche Existenz, das Sein an sich; was ich sehe ist real und ich sehe das Reale. Unverdaut: Atheismus (richtiger: nur ‘A theós)

Auf der anderen Seite: das Sein wurde verlassen, die Aktivität der Seins-Interpretation hat sich in Scheinbarkeit [Virtualität] manifestiert. Der außerreale definierte Gott wird zur geglaubten Wirklichkeit erhoben, das Imaginierte wird Realität, auch wenn das Reale nicht mehr als das Seiende gesehen wird (gesehen werden darf). Der Mensch beginnt im Widerspruch zu leben. Verdaut: Theismus.

 

Fazit: Theismus und Atheismus sind nicht im Sinne von Religiosität vergleichbar, da sie beide auf fundamental verschiedenen Seinsebenen existieren. Die bei etlichen Autoren zu erkennende Begriffsverwirrung hat häufig ihre Ursachen in der Nichtbeachtung ihrer Existenzebenen!

Wer also Begrifflichkeiten verwendet, muß sich immer im klaren sein, daß dem scheinbaren Gegensatzpaar Atheismus und Theismus, das so gerne einander zugeordnet wird große Differenzen der Verständnisebenen trennen. Es liegt wohl auch an der Schlamperei oder Bequemlichkeit der Menschen begründet, wenn sie einen Begriff wie Atheismus prägen, einen Begriff, den es so nur höchst eingeschränkt gibt.

Jedem “Ismus” liegt eine Wesenskern-Idee zugrunde:

Theismus hat Gott (Götter) als Wesenskern, eine Idee, die als Zentralaktivität alles in der Peripherie bewegt und bestimmt. Hier stimmt also der Begriff.

Atheismus hat keinen Gott als Wesenskern, auch keine Idee davon oder dagegen: Es ist das A (= nichts) und nicht das Contra (= gegen) Wesenskern! Hier ist folglich die Bildung eines Begriffes mit einer Ismus-Endung nicht zulässig.

Der Begriff des Atheismus kann folglich nur von Theisten geprägt worden sein. Vielleicht eine Art sich künstliche Gegner oder bekämpfenswerte Feinde zu schaffen?

Es bleibt jedem dringend empfohlen: Bei Arbeiten auf dem Gebiete des Atheismus sollten Begriffsdefinitionen kritischer Würdigung unterzogen werden.

Weiteres Unterscheidungsmerkmal dieses ungleichen (scheinbaren) Beziehungspaares/Gegensatzpaares sind die Aspekte der

a.  Aktivität (Theismus) und der

b.  Passivität (Atheismus).

Die Analyse der politischen Ausstrahlungen beider Begriffe zeigen für die Passivität ein Beharrungsvermögen auf einem bestimmten Stand; einen status quo. Für die Aktivität, die auch in der heutigen Gesellschaft a priori als positiv besetzt empfunden wird, ist die Eigenschaft des Durchsetzungswillens (es gibt ein Ziel, das es zu erreichen gilt) das hervorstechende Merkmal. Aus diesem Durchsetzungswillen erwächst, das zeigt die Geschichte, immer die Machtfrage und aus dieser (und nur aus dieser) die Gewaltfrage.

Hieraus ergibt sich: Nur Ideen die eine gewaltsame Durchsetzung ihrer Ziele fordern setzen Handlungen destruktiven Inhalts in Gang. Im konkreten Falle bedeutet das, daß eine Idee, die nicht existiert (ohne Gott) kein Ziel hat, welches mit materieller Vorteilsnahme gewaltsam erreicht werden muß!

Aus dem gesagten geht denn folgerichtig hervor:

Wenn ein Diktator Atheist, homosexuell, Vegetarier und einäugig war, gleichzeitig an Hämorrhoiden litt, dem Alkohol verfallen war, eine Dysfunktion der Leber hatte und seine sexuelle Befriedigung durch Bekacken des Gesichtes seines Geschlechtspartners erzielen konnte, Wagner liebte, ein Verehrer Freuds und Nietzsches und Juden nur dann nicht haßte, wenn er mit ihnen in der Synagoge betete...

dann... ja dann ist doch eindeutig sein Atheismus schuld an seiner Diktatur, nicht wahr?

 

Eindeutig! Eindeutig wie die Statistik; sie beweist eindeutig, daß die Zahl der Geburten in Nordwestdeutschland signifikant korreliert mit der Häufigkeit des Storchenfluges...

 

Fazit zur Wertsetzung:

Ein Nichtbegriff wie Atheismus, als nichtaktive Seinsdefinition, eignet sich nicht als Wertmaßstab zur Gewichtung von Handlungen. Da Atheismus keinen Wert beinhaltet, geschweige denn Werte setzt, taugt er auch nicht - im Gegensatz zum Theismus - als Bewertungsmaßstab. Hieraus ergibt sich, daß die Frage, ob Atheisten die besseren Menschen sind, überaus unsinnig ist.

Kann es unter diesen Bedingungen eine “Kriminalgeschichte des Atheismus” geben? Imaginiert vielleicht, aber auch hier sind Zweifel angebracht...

Vielleicht hat diese die gleiche Bedeutung wie die Frage: “Was ist der Unterschied zwischen einem Huhn?”  

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Gerhard Kern, Morbach: Zu den Schwerpunktartikeln der letzten beiden MIZ-Ausgaben

Da ich mir schon beim Verfassen meines letzten Beitrages vornahm, die Debatte aus meiner Sicht zu beenden, möchte ich nun doch noch einen Leserbrief schreiben mit Bezug auf diverse aber nicht alle Vorwürfe. Daß Herr Mynarek nach der Steilvorlage von Michael Schmidt-Salomon so reagieren würde, ist nicht verwunderlich. Schließlich hatte MSS gemeint, ich schreibe von irgendwelchen Kritikern ab (“pseudolinke Gutmenschen, die von anderen abschreiben”). Ich gab deren durchaus begründete Kritik wieder! Ich hatte entgegen der Lesart von Hubertus Mynarek gar keinen “scharfen Angriff” auf diesen gefahren, sondern der MIZ den Vorwurf gemacht, dass sie sich als Plattform für rechtes Gedankengut hergibt und in diesem Zusammenhang insbesondere Herrn Mynarek mit seinen rechtslastigen (weil völkisch und biologistischen) Thesen anhand von Kritiken Dr. Peter Kratz’ erwähnt. Damit aber klar wird, daß nicht nur Kratz diese Kritik übt, sei auf weitere kritische Literatur verwiesen (Oliver Geden: Rechte Ökologie, Berlin 1996, S. 181f. und 210; Jürgen Lloyd u.a.: Akademischer Faschismus, in: In bester Gesellschaft, Göttingen 1992, S. 111).
(...) Ein Satz noch zu Gunnar Schedels Editorial, wo er tatsächlich meint anmerken zu müssen, daß ich doch bitte sehr die MIZ lesen möge, bevor ich Polemiken schreibe. Dazu ist anzumerken, daß dies erstens eine Frechheit ist, daß ich fast jede MIZ gelesen habe und mich gerade daher zu meiner Polemik veranlaßt sah. Sicher gibt und gab es viele Beiträge, die auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mit einbezogen. Das habe ich nie bezweifelt. Aber es gab in der Vergangenheit auch immer wieder Beiträge von Bioethikern (und die sind immer rechtslastig), Euthanasiebefürwortern und dem ZEGG nahestehende Autoren und Autorinnen. Also ist die MIZ auch deren Plattform. (In der Soziologie nennt man so was auch Drehpunktinstitution.)
Insofern arbeitet mir die MIZ zu sehr den Rechten zu. Das ist mein Ärger. Es gibt keine politisch linke Ausrichtung (es sei denn nachd er haarsträubenden Konstruktion von MSS); das fehlt mir. Auch wenn MSS das Wortspiel “lechz und rings” so sehr liebt: Tatsache ist, daß linke, liberale oder rechte Theorien und Taten die jeweilige Gesellschaft formen. Da muß sich auch eine Redaktion entscheiden, wo sie sich verortet. Natürlich mag sie sich auch für die Beliebigkeit entscheiden. Nun denn, das ist dann nicht mein Ding. Außerdem halte ich das Niveau der Kritiken für unerträglich und auf keinen Fall akzeptabel.
Es gab und gibt sicher noch immer Personen im MIZ/IBKA-Spektrum, denen ich mich auch politisch verbunden fühl(t)e und bei denen ich mich an dieser Stelle für gemeinsame Anstrengungen bedanken möchte. Doch will ich einem “Sprachrohr” des politischen Eklektizismus nicht mehr angehören.


Anmerkung der MIZ-Redaktion: Es ist unseres Erachtens falsch, eine offene, undogmatische Herangehensweise an gesellschaftliche Probleme mit Beliebigkeitsdenken zu verwechseln. Auch verstehen wir nicht, was “haarsträubend” sein soll an der Auffassung, dass eine zeitgemäße linke Theorie sich vor allem gegen Nationalismus, Ethnozentrismus, Fundamentalismmus, Totalitarismus und Sozialdarwinismus zu wenden habe. Vor allem aber verweisen wir nochmals darauf, dass wie zuvor auch in diesem Leserbrief nicht ein MIZ-Artikel benannt wurde, der rechtes Gedankengut transportiert haben soll. Wir bedauern sehr, mit Gerhard Kern einen engagierten Mitstreiter verloren zu haben, sehen aber keine Möglichkeiten, uns seinen pauschalisierenden Urteilen anzuschließen.

[Inhaltsverzeichnis]



Manfred Gebhard: Leserbrief zu Mynarek


Mynarek lässt seine Ausführungen mit der Feststellung ausklingen, dass er sich frage, ob die Kritik von Leuten wie Kratz, Kern, Tünsmeyer, Gebhard nicht doch vielleicht “nur auf bedauerlichen Missverständnissen” beruhe. Und: “Zweckdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen.”
Soweit von Mynarek auch mein Name genannt wurde, verdeutlicht mein in der gleichen MIZ-Ausgabe veröffentlichter Leserbrief, dass niemand sich gegen unkorrektes Zitieren im Vorfeld wehren kann. Der Protest dagegen kann erst dann einsetzen, wenn man die unseriöse Zitierpraxis schwarz auf weiß vor sich zu liegen hat. Insofern tangieren mich Mynareks Anwürfe nicht.
Da er aber ausdrücklich um zweckdienliche Hinweise bittet, möchte ich dieses Angebot gerne wahrnehmen und besonders in Form der Kritik an seinem Buch Die Neue Inquisition. Sektenjagd in Deutschland verdeutlichen. Liest man jenes Buch von Mynarek selbst, gewinnt man einen zwiespältigen Eindruck. Der Umschlagtext vermerkt, dass Mynarek es seinerzeit bis zum Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien brachte (1972). Weiter heißt es: “Mynarek war der erste Universitätsprofessor der Theologie im deutschsprachigen Raum des 20. Jahrhunderts, der es wagte, aus der Katholischen Kirche auszutreten. Mit einem Offenen Brief an den Papst, in dem er Herrschsucht, die Machtstrukturen und das Profitstreben der Hierarchie anprangerte, verabschiedete er sich aus diesem totalitären System.”
Man wird Mynarek bescheinigen können, dass er von seiner geschilderten Herkunft, eine kritische Durchleuchtung der Großkirchen bietet. Seinen diesbezüglichen Ausführungen kann ich über weite Strecken zustimmen. Auch die seinerzeitigen persönlichen Konflikte Mynareks ringen Respekt ab. (...)
Mynarek (und auch Besier, bei dem er auch in kritikwürdiger Weise publizierte), sind Kritiker der Großkirchen. Soweit, so gut. Aber im Falle Mynarek hat man als Außenstehender, der von den vorgenannten auch materiellen Konflikten Mynareks nicht direkt tangiert ist, doch den Eindruck, dass diese und eine Art ”verletzter Eitelkeit” bei ihm unterschwellig mitschwingen. Er, der es mal bis zum Dekan einer katholischen Fakultät brachte, musste sich nun in den nachfolgenden Jahren als “freier Schriftsteller” durchschlagen. Die seinerzeitigen ”Fleischtöpfe” sind für ihn nunmehr nicht mehr erreichbar. Neidvoll registriert er, dass jene kirchlichen Funktionäre, die mit ihren jeweiligen Systemen noch nicht formal gebrochen haben, eben noch an jenen “Fleischtöpfen Ägyptens” sitzen, wie er es gerne auch wollte. Seiner Verbitterung lässt er dann an jenen vermeintlichen neuen Inquisitoren aus.
(...) Ein Beispiel für die Argumentation von Mynarek. Auf Seite 64 schreibt er: “Die heutigen Sektenjäger oder Neu-Inquisitoren beschuldigen die neuen religiösen Bewegungen gern der Zerreißung der Familienbande, der Entfremdung der Kinder von ihren Eltern. Wie wär’s, wenn sie sich daran erinnerten, dass unter Papst Paul IV. und seinen Nachfolgern jüdische Kinder zwangsweise zur Taufe geholt und zu Christen gemacht wurden und die Eltern, die sich dem widersetzten vor das Inquisitionsgericht kamen?!”
Also bitte schön! Dieser geschichtliche Rückblick kann meines Erachtens doch nur eines erweisen: die berechtigte Kritik an der katholischen Kirche. Unerfindlich hingegen ist mir, wie dies zugleich eine “Entlastung” für kritisierte “Neureligionen” sein soll. Dieses Beispiel ist exemplarisch für die Gesamtargumentation von Mynarek! Es tut mir Leid, bei allem Verständnis für die persönliche Tragik Mynareks diese unzulässige Entlastung der “Neureligionen” meine ich mit Entschiedenheit zurückweisen zu müssen. (...)
Manfred Gebhard, Berlin

Klaus Blees, Trier: Zum Artikel Weder Antisemit noch Faschist von Hubertus Mynarek (MIZ 2/01)


Texte von Peter Kratz sind nach meiner Erfahrung tatsächlich mit Vorsicht zu genießen. Zu den Brauntönen im “alternativen” und/oder neureligiösen Spektrum leistet er zwar sehr fleißige Recherchearbeit, hat aber Schwierigkeiten, die von ihm zusammengetragenen Informationen angemessen in Zusammenhänge einzuordnen. Insbesondere ist, sofern er Quellen indirekt wiedergibt, oft nicht zu erkennen, ob er zitiert oder interpretiert. Dies ist mir beispielsweise an mehreren Stellen seines Buches Die Götter des New Age aufgefallen, was den Nutzen dieses Buches trotz seines Materialreichtums drastisch schmälert. Eine Berufung auf Peter Kratz ohne Gegencheck halte ich also für problematisch, seine Ergebnisse sollten höchstens als Anlässe für weitere Recherchen dienen.
Vielleicht ist also Mynareks Nähe zu neurechten Kreisen nicht so groß, wie Kern unter Bezugnahme auf Kratz vermutet. Vielleicht trifft ja Gerhard Rampp in seinem Leserbrief eher den Punkt, wenn er schreibt: “Mynarek kann als unpolitisch oder auch religionspolitisch naiv bezeichnet werden, aber rechte Ansichten sollte man ihm nicht unterstellen.” Aber ist es eine Entschuldigung, wenn sich jemand aus Dummheit auf Braunzonen-Sektierer einläßt, darf von rechter Gesinnung nur dann gesprochen werden, wenn sich die betreffenden Ideologen selbst als Rechte empfinden und bekennen? So leicht läßt sich die Kritik an Mynarek nicht vom Tisch wischen.
Es ist richtig, Mynarek ist nicht Mitglied im Universellen Leben. Aber er arbeitet eng mit diesem zusammen und verschafft der Sekte einen erheblichen Publicity- und Image-Zugewinn. Rampp verwahrt sich dagegen, das Universelle Leben als faschistoid zu bezeichnen. Doch wie, bitteschön, soll ein Verein sonst genannt werden, der zu den antisemitischen Hardlinern des Esoterik-Spektrums gehört, der 1991 beispielsweise eine Sonderausgabe seiner Zeitschrift Christusstaat - international ausschließlich mit antisemitischer Hetzpropaganda gefüllt hat und unter munterer Berufung auf einschlägig bekannte rechtsextreme Quellen das Märchen von der jüdischen Weltverschwörung verbreitet? (Christusstaat - international, Extrablatt Nr. 9, November 1991) Mir liegt das Original vor, dazu brauchte ich keine Auskünfte von Peter Kratz einzuholen.
Als dem von Kern zur Trierer Veranstaltung zitierten “Genossen” bescheinigt Mynarek mir einen “Denk-Salto” wegen meiner Feststellung, ich hielte ihn zwar nicht für einen Faschisten, aber er verbreite antisemitische Ideen - für ihn ein Widerspruch. Mit dem von Mynarek zum Lehrsatz erhobenen inflationären Gebrauch des Faschismusbegriffs nimmt er jedoch diesem nicht nur seine Trennschärfe, sondern idyllisiert zugleich die gewöhnliche bürgerliche Gesellschaft, zu deren ganz normalem Geschäft Antisemitismus und Rassismus dazugehören, besonders ausgeprägt in Deutschland. Aber er tut das ja nicht etwa, um von mir doch noch das Etikett “Faschist” verpaßt zu bekommen, sondern um sich im Gegenteil vom Antisemitismus-Vorwurf zu reinigen. Zu diesem Zweck wartet er dann mit dem alten Pappkameraden aus der antisemitischen Rumpelkammer auf, “der alle möglichen Verbrechen in der Welt anklagt, jedoch die Vergehen Israels an den Palästinensern dabei ausklammert” und dabei sogar noch “den Grund für die nächste antisemitische Angriffswelle legt”. Eigentlich sind ja die imaginären Helfershelfer der Juden am Antisemitismus schuld, und der braune Mob handelt bestimmt nicht ohne Grund.
Da wird ja doch umgekehrt ein Schuh draus. Mynarek jedenfalls vergaß in Trier nicht, unter die Beispiele vergangener und gegenwärtiger Verbrechen der Mensch-heitsgeschichte Israels Kriegführung gegen die Palästinenser an exponierter Stelle einzureihen, eine bei derartigen Aufzählungen bis weit ins linksalternative Lager hinein absolvierte Pflichtübung. (Zur als Anti-Israelismus und Antizionismus daherkommenden Variante des Antisemitismus siehe: Initiative Sozialistisches Forum: Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie. Freiburg 2000.) Zuvor schon hatte er die nationalsozialistische Judenvernichtung relativierend als eines unter anderen großen Verbrechen der Geschichte eingeordnet. Als größte Verbrecherorganisation der bisherigen Geschichte bezeichnete er nicht etwa den NS-Staat, sondern die Kirche, was er an der Zahl der Opfer festmachte, als gehe es um eine Frage der Quantität.

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