St. Michael in Wien  (P. Dr. Waldemar Posch, SDS)

GESCHICHTE

BAUGESCHICHTE

DER BAUPLAN

RUNDGANG

FASTENTÜCHER

BEDEUTUNG DER MICHAELERKIRCHE

 

GESCHICHTE

An einem der schönsten Plätze Wiens gelegen, zählt St. Michael zu den ältesten und interessantesten Kirchen Wiens. Stolz trug sie einst den Titel: „k.k. Hof-Stadt-Pfarr- und Collegiums-Kirche St. Michael".

Der Ursprung der Kirche lag lange im Dunkel. Eine mit 1221 datierte Urkunde wurde von Mitis als Fälschung des 14. Jahrhunderts erkannt. Möglicherweise entstand diese Gründungsurkunde aber erst im 18. Jahrhundert im Streit mit der benachbarten Burgpfarre, um ihren Vorrang dieser gegenüber zu beweisen. 1772 wurde der Text dieser Urkunde von Leopold Fischer in seiner „Brevis notitia urbis Vindobonae" erstmals veröffentlicht. Das Original soll sich im Turm des alten Rathauses, „Lädlein Nr. 45" befunden haben und gilt seither als verschollen. Nach umfangreichen baustofflichen Untersuchungen kam Alois Kieslinger zu dem Ergebnis: das Fundament enthält Mauerwerk, das älter ist als die derzeitige Kirche. Außerdem wurde der Beweis erbracht für die einheitliche Entstehung der spätromanischen Michaelerkirche: alle Steine der Friese tragen die gleichen Steinmetzzeichen. Die 1951 erfolgte Entdeckung des reichgegliederten Bogens des Westportals sowie die 1982/83 durchgeführte Freilegung des Nordportals im Querschiff und der „porta laterale" hinter dem Allerseelenaltar im Jahre 1987/88 bestätigen den Baubeginn der Kirche um 1220.

Der Priester Gerhard, seit 1252 Pfarrer von St. Stephan, erwähnt in einer Handschrift vom 25. November 1267 im Bayrischen Hauptarchiv zu München St. Michael an der Spitze jener ihm anvertrauten Filialkirchen, die schon 1252 bestanden. Es ist dies die erste gesicherte schriftliche Nachricht über St. Michael. Obwohl sie der Pfarre St. Stephan unterstand, hatte sie einen eigenen Seelsorgesprengel. Zusammen mit dem Baubefund und der Handschrift von 1267 kann die Bauzeit der Michaelerkirche von 1220 bis 1250 angenommen werden.

Am 30. April 1276 brach in Wien ein Großbrand aus, der weite Teile der Stadt verwüstete und auch St. Michael schwer in Mitleidenschaft zog. Alle Urkunden gingen dabei verloren. Bedingt durch die politischen Ereignisse - Auseinandersetzung zwischen Rudolf von Habsburg und König Przemysl Ottokar II. - war an einen raschen Wiederaufbau nicht zu denken.

Die zeitlichen Güter der Michaelerkirche wurden damals von der Wiener Bürgerschaft durch einen Kirchmeister verwaltet. Da die Eigenmittel nicht ausreichten, wandte man sich an den damals in Wien weilenden Fr. Inzelerius, Bischof von Budva in Süddalmatien. Dieser stellte am 25. Juni 1288 einen Ablaßbrief zugunsten des Wiederaufbaus der Michaelerkirche aus. Es ist dies die älteste Urkunde des Michaeler-Kollegsarchivs. (Seit dem 11. Jahrhundert konnte man aufgrund eines solchen Briefes Nachlaß der zeitlichen Sündenstrafen erlangen, wenn man die im Brief enthaltenen Bedingungen erfüllte: reumütige Beichte, Verrichtung eines guten Werkes etc. Auf diese Weise wurden im Mittelalter zahlreiche Bauvorhaben - Spitäler, Brücken und Kirchen - finanziert.) Bis 1302 erhielt St. Michael von verschiedenen Bischöfen sieben Ablaßbriefe. Am 23. März 1327 brannte der Michaeler Glockenturm aus, dabei schmolzen drei Glocken. Die Wiener Bürgerschaft und Herzog Albrecht II. (1330-1358) brachten die Mittel zur Restaurierung auf. Auch ein am 26. März 1333 von mehreren Bischöfen in Rom ausgestellter Ablaßbrief dürfte dazu einen Beitrag geleistet haben.

Um 1340 scheint das Chorquadrat erneuert worden zu sein. Darauf deutet ein am 12. Januar 1340 zu Avignon gegebener Ablaßbrief hin. (Man konnte den Ablaß auch gewinnen, wenn man für den verstorbenen Herzog Friedrich, den lebenden Herzog Albrecht II. und seine Gemahlin Johanna v. Pfirt betete.) Die Errichtung des gotischen Hauptchors währte von 1404 bis 1416. Am 5. April 1416 weihte Georg von Hohenlohe, Bischof von Passau, die Kirche ein. Von 1445 bis 1448 schuf Jakob Kaschauer die Tafeln für den gewaltigen Hochaltar.

Am 25. August 1350 wurden die Glocken, Ornate und Kelche ein Opfer der Flammen. Ein Sammelaufruf des Passauer Offizials Ulrich von Lisereck brachte so viel, daß nicht nur die Schäden behoben, sondern auch ein neuer Fronleichnamsaltar errichtet werden konnte.

1350 stiftete der herzogliche Küchenmeister Stiborius Chrezzel dreihundert Pfund Wiener Pfennig zum Bau des südlichen gotischen Nebenchores aus Dank, daß er von der wider ihn vorgebrachten Anklage des versuchten Giftmordes an seinem Herrn Albrecht II. freigesprochen worden war. Eine ebenso hohe Summe gab er für das von Herzog Albrecht gestiftete Kloster Gaming. Im Michaeler Südchor sollte ein Altar zu Ehren des hl. Nikolaus, St. Stefan und der hl. Katharina errichtet werden. Außerdem stiftete er 50 Pfund Wiener Pfennig für ein Familienbegräbnis in dieser Kapelle. Der etwa zwischen 1430 und 1434 erbaute Nordchor, von dem es hieß, er hätte 1620 dem Neubau der barocken Werdenbergkapelle weichen müssen, ist - verdeckt durch das Mauerwerk der barockisierten Kapelle - in seinem gotischen Altbestand vollkommen erhalten geblieben.

1389 stiftete der Bucharzt (akademisch gebildeter Arzt) Hans Seitz und seine Ehefrau Margarethe einen Dreifaltigkeitsaltar. Sein ehemaliger Standort dürfte sich in dem mittelalterlichen Anbau an der Südseite der Kirche befunden haben, da dieser Teil der Kirche der Überlieferung nach als Dreifaltigkeitskapelle bezeichnet wurde. Sie wurde später in drei Kapellen unterteilt: Anna-, Vesperbild- und Blasiuskapelle. 1428 erfolgte die Stiftung der Lukaskapelle an der Nordseite der Kirche durch den Bucharzt Christian und dessen Ehefrau Anna.

Infolge eines Erdbebens stürzte am 15. September 1590 die steinerne Turmspitze „bis auf die Uhr" (später Turmgalerie) ein. Beim Wiederaufbau (1590-1595) erhielt der Turm seine heutige Gestalt. Die Baukosten trugen zum Großteil Susanna Berchtoldt und ihre Erben.

Bis 1626 wurde das Vermögen der Kirche von einem städtischen Kirchmeister verwaltet. Kaiser Ferdinand II. entzog St. Michael dem Einfluß des protestantisch gesinnten Stadtrates und übergab Kirche und Pfarre am 4. Mai 1626 den aus Italien herbeigerufenen Barnabiten. Durch den Vertreter Kardinal Melchior Khlesls erfolgte am 16. Mai die Übertragung an die Barnabiten P. Don Florius Cremona und P. D. Venustus de Venustis. Die Barnabiten brachten neue Baugedanken aus dem Süden und bereiteten der gotischen Inneneinrichtung zwischen 1633 und 1636 zum Großteil ein Ende. Eines der ersten Opfer war die Entfernung des seit 1419 nachweisbaren Lettners, der die drei Ostabschlüsse der Kirche vom Querhaus trennte. Von den anfangs des 16. Jahrhunderts gezählten 21 Altären gab es jetzt nur mehr 12. Die treibende Kraft der Barockisierung war P. D. Florentius Schilling, der Vorläufer von Abraham a Santa Clara. (1602 zu Scherweiler in der Diözese Straßburg in Elsaß geboren, studierte er in Molsheim und trat im August 1628 in Rom in die Kongregation der Regularkleriker des hl. Paulus ein. Im Alter von 27 Jahren legte er zu Zagaroli 1629 seine Profeß ab. War Prediger in Rom und Neapel und wurde in dieser Eigenschaft 1634 nach Wien entsandt. Er wurde zum bedeutendsten Prediger Wiens.) St. Michael verdankt ihm vor allem die Umgestaltung der Vesperbildkapelle zu einem frühbarocken Juwel.

1724/25 erhielt die Westfassade nach dem Entwurf von Antonio Beduzzi einen Portalvorbau mit den Giebelfiguren des Engelsturzes von Lorenzo Mattielli. 1780/81 wurde der grandiose Hochaltar aufgestellt und im Zusammenhang damit auch der Chor umgestaltet. Nachdem bereits 1792 die Westfassade durch Ernest Koch klassizistisch verkleidet worden war, entstanden im Kircheninnern zur Zweihundertjahrfeier der Barnabiten in Österreich einige Altäre in einem dem Biedermeier sich annähernden Klassizismus.

Nach nahezu 300jähriger segensreicher Tätigkeit in Österreich übergaben die Barnabiten wegen Personalmangels 1923 die Verwaltung ihres Besitzes den Salvatorianern. Die Pfarre St. Michael wurde mit Wirkung vom 1. 1. 1926 aufgelassen, ihr Sprengel auf Nachbarpfarren aufgeteilt. Unter dem Salvatorianerprovinzial P. Theophilus Muth kam wieder neues Leben; einige Denkmäler fanden zur Erinnerung an die Habsburgermonarchie hier eine Heimstätte. Am 1. 2. 1939 wurde die Pfarre wiedererrichtet. 1972/74 fand eine umfangreiche Innenrestaurierung statt, die zur Freilegung von Wandmalereien des 14. Jahrhunderts führte. 1976 übernahm die Pfarre St. Michael Teile der aufgelassenen Pfarre St. Peter. 1982 wurde ein romanisches Portal an der Nordseite des Querschiffs und 1987 ein zweites hinter dem Allerseelenaltar wiederentdeckt.

 

BAUGESCHICHTE

DER DONAULÄNDISCHE KUNSTKREIS. Die Michaelerkirche gehört dem „Übergangsstil" von der Romanik zur Frühgotik an, der im Donauraum in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts einen Höhepunkt erreichte. Unter Herzog Leopold Vl. (1198-1230) aus dem Hause Babenberg wurden erstmals Bauformen der französischen Kathedralgotik (Reims, Auxerre) nach Österreich gebracht und führten zum Entstehen einer „babenbergischen Sondergotik" im Bereich der herzoglichen Stiftungsbauten. Auch die Zisterzienser wirkten bei der Vermittlung gotischer Stilelemente mit. Querrechteckige Gewölbejoche und Kelchknospenkapitelle fanden rasch Eingang in den heimischen Bauhütten. Unter Kaiser Friedrich II. (1212-1250), der im normannischen Sizilien geboren und aufgewachsen war, feierte der normannische Stil eine Wiedergeburt. Allerdings nicht als eigentlicher Baustil, sondern mehr als solcher der Dekoration.

Geographisch ist der Raum des donauländischen Kunstkreises im wesentlichen auf Wien (Alt-St. Stephan, St. Michael), Niederösterreich (Wr. Neustadt, Kleinmariazell), Westungarn (Ják, Lébény) und vereinzelt auf die Slowakei und Mähren beschränkt. War unter Leopold Vl. Wien das Zentrum dieses Kreises, so verlagerte es sich nach dem Tod Leopolds Vl. (1230) nach Ungarn. Der Mongoleneinfall von 1241 gab für kurze Zeit Wien die führende Stellung zurück.

SPÄTROMANIK 1220-1250. Diese Entwicklung fand in der Michaelerkirche ihren Niederschlag. Das Querschiff wurde wohl noch unter Leopold Vl. vollendet. Die Form der Vierungspfeiler sowie die Kapitelle besitzen Übereinstimmungen mit dem 1217 vollendeten Querschiff der Klosterkirche Lilienfeld, einer Stiftung dieses Herzogs. 1982 wurde das spätromanische Nordportal der Michaelerkirche freigelegt. Das Tympanonrelief zeigt mit einer Lamm-Gottes­Darstellung Stilbezüge zu Ják in Westungarn. Unter teilweiser Mitverwendung von Grundmauern eines älteren Baues wurde das dreischiffige Langhaus mit vorgebautem Querhaus und einem Chorquadrat errichtet. Nach Osten gerichtet waren - ähnlich wie in Ják - drei Apsiden mit Viertelkugelwölbungen.

FRÜHGOTIK 1276-1300. Nach der zur normannischen Formenwelt neigenden Periode um die Mitte des 13. Jahrhunderts kommen beim Wiederaufbau nach dem Brand von 1276 frühgotische Elemente in verstärktem Maß zum Durchbruch. Bau des Südwestturmes über eine quadratische Grundfläche.

GOTIK 1327-1525. Nach dem Turmbrand von 1327 wurde auf dem Rest des viereckigen Turmes ein achteckiger mit drei Geschossen aufgebaut. Die steinerne Turmspitze war mit Krabben geziert, wie die Ansichten Wiens von Hirschvogel 1547 und Lautensack 1558 zeigen. Die Neugestaltung der Kirche vollzog sich im Ostteil in folgenden Phasen: um 1340 Chorquadrat, um 1350/55 der südliche Nebenchor, 1404-1416 der Hauptchor. Bezüglich des gotischen Nordchores, der in seinem Altbestand erst 1951 entdeckt wurde, schwanken die Zahlenangaben. Auf die Zeit der Gotik gehen auch die später unterteilten Zubauten an der Nordseite (Lukaskapelle, 1428) und an der Südseite (Sakristei vor 1379, Annakapelle vor 1484) zurück. Der große Stadtbrand vom 18./19. Juli 1525 fügte der Kirche Schäden nicht näher bekannten Grades zu, bis 1527 aber war sie größtenteils „auf das zierlichste" wiederhergestellt. Jedoch der Brand von 1525 markiert das Ende der gotischen Periode.

RENAISSANCE 1590-1595. Nach dem Erdbeben vom 15. September 1590 erhöhte der Steinmetzmeister Balthasar Burckhaußer den Turm von der Galerie weg um zwei Geschosse. Der Kupferschmied Hans Sulzer gab dem Turmhelm die überaus spitze Form.

BAROCK 1626-1725. Mit der Übergabe der Kirche an die Barnabiten begann für St. Michael das Barockzeitalter: 1627/29 Umbau des nördlichen Nebenchores (Krippenkapelle), 1633-1636 Abbruch des Lettners und Entfernung der meisten mittelalterlichen Altäre, 1637-1639 Umgestaltung des Zubaues an der Südseite der Kirche in drei Kapellen. Prunkvolle Ausstattung der mittleren Kapelle, in die 1641 die Gnadenstatue Maria im Pfeiler übertragen wurde. 1659 Unterteilung der früheren Lukaskapelle, angrenzend an die 1630 von Graf Cavriani errichtete Karl-Borromäus-Kapelle. 1724/25 Portalvorbau an der Westfassade: Entwurf von Beduzzi, Engelfigun von Lorenzo Mattielli.

KLASSIZISMUS 1781-1826. Die Errichtung eines neuen Hochaltars 1781/82 bedingt die Umgestaltung des gotischen Hauptchores. Frühestes Beispiel einer Regotisierung im Sinne einer Rokokogotik in Wien. 1791/92 Verblendung der Westfassade nach dem Entwurf von Ernest Koch. Neuerrichtung und Angleichung mehrerer Seitenaltäre an einen sich dem Biedermeier nähernden franziszeischen Klassizismus.

20. JAHRHUNDERT. 1935/36 Restaurierung der spätromanischen Turmkapelle und Einbau einer stilisierten Lourdesgrotte. Aufstellung verschiedener Denkmäler: Kaiser Karl I. 1928, österreichische Marine 1931, Landwehr-Offiziere 1932. Nach vielen Vorarbeiten 1972/74 umfassende Innenrestaurierung, die neue Erkenntnisse über die Wiener Wandmalerei des 14. Jahrhunderts brachte.

 

DER BAUPLAN

Die Michaelerkirche ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit Vierung, Querhaus, einem Hauptchor und zwei Nebenchören - alle mit 5/8-Schluß - und einem Südwestturm. An das südliche Seitenschiff sind vier Kapellen (Anna - Vesperbild - Blasius - Taufkapelle) und die Vorhalle, an das nördliche drei (Antonius - Paulus - Alexander Sauli-Kapelle) angebaut.

Dem 13. Jahrhundert gehören an: das fünfjochige basilikale Langhaus mit dem Kreuzrippengewölbe, das aus drei quadratischen Jochen zusammengesetzte Querhaus, das erste Chorquadrat des Hauptchores und ein beachtlicher Rest des viereckigen Südwestturmes.

Die Kreuzrippen der Vierung und teilweise auch die Wulstvorlagen der Gurtbogen ruhen samt ihren Deckplatten und Kapitellen an der Ostseite auf Lisenenkonsolen und Konsolensäulchen, ein Motiv, das schon um 1150 in der Stiftskirche zu Heiligenkreuz und im Kapitelsaal zu Zwettl vorkommt.

An den Seitenschiffchören ist hinter den spitzen Gurtbogen der Querschiffjoche ein Rundbogen wie in Ják oder Lébény erkennbar, an dem sich einst die Viertelkugelwölbungen der halbkreisförmigen Nebenchöre anschlossen.

Den Grundriß mit seinen nicht ganz gleichförmigen querrechteckigen Mittelschiffsjochen und den besonders gegen Westen verzogenen, ungefähr quadratischen Seitenschiffsjochen führen Oettinger und Kieslinger auf den Miteinbezug des Mauerwerkes einer aus der Zeit um 1100 stammenden Vorläuferin der heutigen Michaelerkirche zurück.

 

RUNDGANG

A. WESTFASSADE UND TURM. Tempelartiger Portalvorbau 1724/25. Entwurf von Antonio Beduzzi, Giebelfiguren - die drei Erzengel Gabriel, Raphael und Michael, der Luzifer stürzt - von Lorenzo Mattielli. Rechts vom Portal Bronzetafel gewidmet den Frauen Österreichs 1914-1918. Die Fassade wurde 1792 nach dem Entwurf von Ernest Koch klassizistisch verblendet, um mit den sie einschließenden Häusern eine einheitliche Front zu bilden. Beiderseits des großen Mittelfensters Doppelpilaster. Über dem kräftigen Gesims ein quadratischer Aufbau mit einem Rundfenster und flankiert von Vasen. Darüber ein Dreieckgiebel. Der Turm ruht auf einem spätromanischen Sockel von quadratischem Querschnitt wie dies der Stich von Pfeffel-Kleiner um 1723 zeigt. Nach dem Brand von 1327 wurde darauf der gotische Turm von achteckigem Grundriß mit drei Geschossen bis zur Galerie aufgebaut. 1590 stürzte die steinerne Turmspitze ein. Darauf wurde der Turm um zwei Geschosse erhöht und erhielt den nadelspitzen Turmhelm. Im Turm eine der ältesten Glocken Wiens, „der Michel", um 1520. Die Höhe des Turmes beträgt 78,34 m, davon entfallen auf das Mauerwerk 50,34 m.

B. NORDSEITE. Links von der Kirche das Große Michaelerhaus 1711/12. Gedenktafeln für Pietro Metastasio, Hofdichter und Joseph Haydn. In der Einfahrt Kohlmarkt 11 schöne Deckenstucchi. Reizendes Alt-Wiener Idyll: Wohnhaus mit im Freien laufenden Gängen (Pawlatschen), Wagenremisen um 1810, der Kuppelbau der Antoniuskapelle, dahinter mächtiges Quaderwerk der spätromanischen Kirche mit drei - teilweise verdeckten - Friesbändern. Eine Besonderheit des Friesbandes auf dem Seitenschiff: jeweils an der Grenze zweier Joche ist der absteigende Bogen zu einer Lisene herabgezogen. Am Querhaus romanisch-frühgotische Ecklisenen mit giebelartiger Bekrönung.

C. SÜDSEITE. Rechts der Kirche das Kleine Michaelerhaus 1732/33. Das oberste Stockwerk um 1848. Diente zeitweise als Schulhaus für die Kinder der in der Pfarre wohnenden Hofbediensteten.
DER ÖLBERG. Im Durchhaus vom Michaelerplatz 6 zur Habsburgergasse. 1732 von der Mauer des Michaelerfriedhofs an die Südwand der Kirche übertragen. 1480 von Johann dem Maler aus Siebenbürgen und seiner Ehefrau Ursula gestiftet und errichtet (fundaverunt et instituerunt). 1494 auf Veranlassung des Land- und Urteilschreibers Hans Huber neu aufgestellt - dabei dürften einige Veränderungen vorgenommen worden sein.
„Die unbeschreiblich lebendige Gruppierung dieser Figuren und ihre lebhaften Bewegungen stehen in einem gewissen Gegensatz zu den etwas leeren ... Formen der großen Hauptfigur des betenden Christus" (Kieslinger). Julius Langbehn, der Rembrandtdeutsche, hat hier die Impulse zu seiner inneren Läuterung erfahren.
Das Material des Ölbergs besteht aus feinkörnigem Kalkstein, die herausragenden Glieder und ein Teil der Figuren aus Holz. Die Maße: Höhe 3,85 m, Breite 2,60 m, Tiefe 0,70 m.

D. DAS MITTELSCHIFF. Das Mauerwerk wird getragen von Pfeilern mit kreuzförmigem Grundriß, verbunden durch spitzbogige Arkaden, die das Mittelschiff von den Seitenschiffen trennen. Die Pfeiler sind bereichert durch auf Lisenen anliegende Halbsäulen und werden vom zweiten Joch an von Viertelsäulen begleitet.
Die Kapitelle springen weit vor und weisen einen großen Reichtum an Formen auf: spätromanische mit schlinggewächsartigen Ranken um 1225, spätromanische Kelchknospenkapitelle um 1230 und Blätterkapitelle um 1240. Vom Boden aufragende Dienste tragen das spitzbogige Kreuzrippengewölbe mit schönen Schlußsteinen.
Die Gurtenbogen ruhen auf diesen Diensten, die Kreuzrippen dagegen meist auf Viertelsäulen, die beiderseits der Lisenen vom Boden aufsteigen. Die Mittelschiffgewölbe wurden nach dem Brand von 1276 erneuert.
Durch die schwere Lichtgadenmauer wirkt die Kirche düster. 1828 wurden im Hauptschiff einige Fenster herausgebrochen, um den Lichteinfall zu verstärken. Unter den Kirchenstühlen zahlreiche Grabsteine.

1. DRACHENKAPITELL: gefiederte und geschuppte Fabeltiere, deren Schweifenden ineinander verschlungen. Normannisch-spätromanisches Motiv, wie wir es auch in den Domen zu St. Stephan und Wr. Neustadt finden.
Kanzel. Klassizistisch um 1819, Bildhauerarbeit von Franz Käßmann. Darunter formschöner Renaissance-Grabstein für das Kleinkind Anna Margareta Papazoni, 1619.

E. DER HAUPTCHOR. Das erste Chorquadrat ist romanisch. Um 1340 wurde der Chor verlängert. Er besitzt drei querrechteckige Joche. Die Kreuz- und Querrippen vereinigen sich und verlieren sich dann ohne weitere Vermittlung in die Wand. Der letzte Gewölbeabschnitt ist mit Dekor von 1781/82 überdeckt.

2. TRIUMPHBOGEN. Wandmalerei gegen 1350: das Jüngste Gericht. Christus sitzt vor dem Kreuz mit ausgebreiteten Armen. Auf den Balken des Kreuzes liegen die Marterwerkzeuge. Maria und Johannes knien, die Apostel sitzen. Links vom Beschauer die Seligen, rechts die Verdammten. Beim Choreingang spätbarocke Holzskulpturen: links St. Josef, rechts Johannes v. Nepomuk.
Etwas über der halben Höhe des ersten Chorquadrates zwei vermauerte romanische Fenster im Verputz angedeutet. Oberhalb der klassizistischen Empore an der Nordwand wurden Fragmente der Wandmalerei freigelegt und abgenommen: Marientod und ein Fragment des ungläubigen Apostels Thomas, beide nach 1330.

3. DER HOCHALTAR. Durch die barocke Kommunionbank (1670) ist der Altarraum vom übrigen Chor getrennt. Nach dem Entwurf des Ingenieurhauptmanns Jean Baptiste d'Avrange ist er in zwei Zonen eingeteilt: der Altar mit dem Gnadenbild und die Rückwand mit dem Engelsturz. Der Opferaltar (1781) bringt den Klassizismus in seiner josephinischen Abart am deutlichsten zum Ausdruck. Die tumbaförmige Mensa mit den zopfartigen Ornamenten ist überragt von dem kubusartigen Tabernakel und flankiert von den blockhaften Seitenportalen. Die verwendeten Marmorsorten zeigen die für das ausgehende 18. Jahrhundert typischen blassen Farben. Nur der Tabernakel und die Mensaverkleidung sind aus weißem Carrara-Marmor. Die Steinmetzarbeiten sind von Stefan Gabriel Steinböck.
Der Bildhauer Philipp Jacob Prokop schuf die über den Seitenportalen stehenden Statuen: links St. Sebastian, rechts St. Rochus. Ferner: zwei Putti über dem Tabernakel, zwei das Gnadenbild tragende Engel und zwei bei der Kommunionbank stehende. Die beiderseits des Tabernakels sitzenden Evangelisten sind von Johann Martin Fischer.
Alle Statuen sind von Margarethener Sandstein, mit Gips überzogen und poliert. Die Bronzeornamente am Tabernakel, an der Tumba und an den Säulen sind ein Werk des Bildhauers Benedikt Henrici.
Das GNADENBILD MARIA WEGWEISERIN (HODEGETRIA) ist ein Werk der italo-byzantinischen Kunst um 1540. In Temperafarben auf Zypressenholz gemalt, 77 cm breit, 105 cm hoch und 2,5 cm dick. Die Ikone wurde 1672 aus der Nikolauskirche zu Candia auf Kreta vom Oberbefehlshaber des kaiserlichen Expeditionskorps Heinrich Ulrich von Kilmannsegg der Hofkirche St. Michael übergeben. Das Gnadenbild ist der ikonographische Mittelpunkt des Altars. Der Rahmen ist vom Goldschmied Joseph Moser.
Der ENGELSTURZ von Karl Merville stellt die Verbindung vom Wolkenhimmel zur Altarzone her. Die Vertikale der stürzenden Gestalten bildet zur ruhigen Horizontale des Opferaltars einen wirkungsvollen Gegensatz.
Der Hochaltar mit dem Engelsturz ist der letzte und schönste Ausklang einer glanzvollen Epoche österreichischer Kultur, ein grandioses Gesamtkunstwerk, voll Dramatik und barocker Bewegtheit, von rokokohafter Grazie verbunden mit der stillen Größe klassischer Verhaltenheit und vermählt mit dem gotischen Drang zur Höhe.

4. DER PRIESTERCHOR hinter dem Altar ist nur mit Führung zugänglich. Er bringt als große Kostbarkeit die Bleireliefs von Karl Merville. Der Zyklus des Marienlebens beginnt schon an den Außentüren des Hochaltars: links Verkündigung und rechts die Heimsuchung. Der Verlauf des irdischen Lebens Mariens wird im Priesterchor unter den vier Fenstern weitergeführt: Christi Geburt, Opferung im Tempel, Mariä Reinigung und Himmelfahrt. Unmittelbar hinter dem Tabernakel tragen zwei Putten das Medaillon: Maria Immaculata. Darunter ein Kruzifix. Rechts davon König David mit der Harfe, links der Prophet Isaias, der kündet, daß die Jungfrau einen Sohn gebären soll. Signatur der Tafeln: 1782.
Unter dem Engelsturz mamorne Gedenktafel, die Geschichte der Michaelerkirche von den Babenbergern bis Joseph II. betreffend. Der Wand entlang Chorstühle. Im Boden rote Marmorplatte zur Priestergruft.
MONUMENTE IM HAUPTCHOR. Vor dem Hochaltar im Boden zeigt eine Marmorplatte mit der Jahreszahl 1617 die Grabstätte des aus Tirol eingewanderten Adelsgeschlechtes der Trautson an. Dem jeweiligen Mitglied, das dem Geschlecht eine Rangerhöhung - Freiherr, Graf, Fürst - brachte, wurde ein Prunkgrab gesetzt.

5. JOHANN FREIHERR V. TRAUTSON, +1589 zu Prag. Links vom Hochaltar unter der Arkade eine Tumba von sechs Löwen getragen, darauf eine liegende Rittergestalt. 1670 aus der Mitte des Chores hierher übertragen. Das Grabmal wird Alexander Colin zugeschrieben, der in Innsbruck und im Dom zu Prag für die Habsburger Grabmäler schuf.

6. GRAF PAUL SIXT TRAUTSON, +1621. Grabmal mit drei Nischen. Der kniende Graf in reichverzierter Rüstung ist ein Meisterwerk des Innsbrucker Bildhauers Caspar Gras und des Gießers Heinrich Reinhart. Die Statue wurde 1614 zu Lebzeiten des Paul Sixt angefertigt. Die Marmorwand wurde nach 1670 aufgestellt. Die beiden sich völlig gleichenden Büsten sind aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wahrscheinlich für Johann Franz Graf v. Trautson, 1663, Landmarschall und Statthalter von NÖ., und dessen Sohn Paul Sixt, +1678 als Gesandter in Spanien, erst 1680 in St. Michael beigesetzt.

7. JOHANN LEOPOLD DONAT FÜRST V. TRAUTSON, +1721. Die zusammensinkende Gestalt wird von einem Genius gestützt, der ihm den Fürstenhut reicht, ein zweiter Genius hält die Grafenkrone. Entwurf von Joseph Emanuel Fischer, 1727 von Ferdinand Maximilian Brokoff ausgeführt.
Unter den Betstühlen Marmorplatte für Hans Trautson, 1566, der nach Wien in die 1617 errichtete Gruft überführt wurde.

8. PETER V. MOLLART, +1576. Oberstallmeister der Kaiserin. Relief: Ritter mit Kreuzfahne,
darunter Familie des Verstorbenen. Renaissance-Prunkgrab gestiftet 1591.
Unter den Betstühlen Fragmente des Steines zur Mollartgruft. Beim Durchgang zur nördlichen Apside Grabstein für den Säugling Karl Maximilian Milser, +1620. Am linken Abschlußbogen gegen das Querschiff eine schwarze Marmorplatte: Georg v. Lagusius (Hasenöhrl), +1796, k.k. Hofrat. Beim Durchgang zur südlichen Apside Gruftplatte der Familie Sprinzenstein, errichtet 1639. Am Abschlußbogen auf der rechten Seite rotes Marmorepitaph mit aufgesetztem Wappen aus feinkörnigem weißen Marmor: Franz Silvius Graf v. Pückler, +1754, geheimer Rat und Kämmerer.

9. NOTHELFERALTAR (bis 1643 Apostelaltar). Das Altarblatt vom Konstanzer Maler Tobias Pock, 1642. Der 1821 in Gips (Granitimitation) errichtete Altar gehört zu den ersten vom k.k. Hofarchitekten Johann Zobel für die Michaelerkirche im Sinne des francisceischen Klassizismus entworfenen Altären. Die Bildhauerarbeiten von Franz Käßmann, die Vergoldung von Mazzini.

10. KREUZKAPELLE (Nikolauskapelle, 1729 Joh. Nepomuk-Kap.). 1350 vom herzoglichen Küchenmeister Stiborius Chrezzel zu Ehren der Heiligen Nikolaus, Stefan und Katharina gestiftet. Am Spitzbogen der Kapellenstirnwand 13 Engelmedaillons und in der Laibung desselben Ranken. Im Bogenfeld das Haupt Christi mit Stifterfiguren und einem Ornament aus Herzpalmetten. Wandmalerei nach 1350. Die Kapelle besteht aus zwei kreuzrippengewölbten Jochen mit 5/8 Schluß. Unter Baldachinen 170 cm große Sandsteinfiguren des Meisters von St. Michael: rechts St. Nikolaus, links St. Katharina um 1350/55. Im Gewölbe drei schöne Schlußsteine: St. Nikolaus, Maria mit dem Kinde und das Haupt Christi.
An der Chorwand großes spätgotisches Kruzifix um 1510/15. Höhe des Körpers ca. 180 cm, Armspanne ca. 150 cm. Dem Wiener Bildhauer Hans Schlais zugeschrieben. Beachtenswert das feinsträhnige Lendentuch, das vom Wind bewegt mit seinen Enden ausschwingt.
Rechts vom Altar eine kleine kleeblattartige Nische, rechts die 1973 freigelegte gotische Priesterbank. Im Maßwerk des nördlichen Fensters Reste mittelalterlicher Glasmalerei.
Über der Sakristeitür Ölbild „Beweinung Christi" um 1700, Anthoni Schoonjans zugeschrieben.
GRABMÄLER: Links vom Altar an der Wand ovales Epitaph für Johann Jakob Schaumberg, +1670, Notar beim kais. Kammergericht zu Speyer. Darunter: Pankraz v. Plankenstein, +1465. Im Boden: Eva Regina Freiin v. Krailsheim, geb. Jörger v. Kreuspach, +1655. Bei der Arkade zum Hauptchor großer gotischer Grabstein des Arztes Christian, des Stifters der Lukaskapelle, +1433.
Dem gegenüber: Carolus Schwetkovitz, Hauptmann, +1552. An der Westwand der Kapelle gemaltes gotisches Weihekreuz. Rechts daneben: Ungläubiger Thomas, um 1310/20. Fragment von der Nordwand des ersten Chorquadrats übertragen. Darunter kleine Solnhoferplatte: Katharina Prandtner, geb. Gattermaier, +1571. Unter dieser eine gotische Grabplatte für Hans Karnar, +1501. Beim Bogen zum Querschiff: Margaretha Elisabetha Freifrau v. Greiffen, Frau zu Stauffenberg, +1694. Auf dem Stein ein Totenkopf, der auf einer Seite noch mit Haut und Haaren überzogen ist. Rechts vom Altar im Boden Marmorplatte: Begräbnisstätte der Familie Seitz, 1670. Abgetretene Messingtafel: Joh. Michael v. Seitz, +1582, nö. Regierungs- und Klosterrat.
Beim Eingang zur Sakristei Bodenplatte 1577 gewidmet von Johann Listhius für die Familie Listhius aus Siebenbürgen. Rechts vom Eingang Grabplatte für Otto Achaz v. Hohenfeld, +1650. Die Sakristei wurde 1635 auf Kosten des Prinzen Eduard v. Portugal an die Südwand der Kreuzkapelle angebaut. Die Sakristei befand sich ursprünglich an der Nordwand der Krippenkapelle.

11. JULIUSALTAR (1319 Marienaltar, 1672-1782 Maria Candia Altar). Entwurf von Joh. Zobel, 1826 durch Böhm in Stuck ausgeführt. Statuen vom Bildhauer Franz Käßmann darstellend die Verherrlichung des jungen römischen Blutzeugen Julius.
Die Reliquien wurden 1773 nach Aufhebung des Jesuitenordens von der Kaiserin Maria Theresia der Michaelerkirche geschenkt. Ursprünglich waren sie in der kaiserlichen Schatzkammer und dann in der italienischen Kapelle des Jesuitenkollegs am Hof.
Über dem Gurtbogen zur Kreuzkapelle das ehemalige Hochaltarbild von Michelangelo Unterberger, 1751. Grabmäler: links vom Altar: Franz Georg Thad. Edler v. Thurnhoff, +1732. Kleiner Obelisk, davor ein Sarg. Gelungene Nachahmung verschiedener Marmorsorten in Stuck. Darunter rote Marmortafel: Barbara Valentini, Gattin des Hofkapellmeisters Joh. Valentini, +1627. Rechts neben dem Altar: Grabstein für Joh. Adam Hump v. Waltrans, +1616.
An der Querschiffwand oben drei Epitaphe. Von links nach rechts: Aemilius Vintha Volterano, +1566, Hofsekretär bei Maximilian II. und Florentinischer Ritter. Spätrenaissance; Joh. Adam v. Mayer, +1777, Maria Theresias geheimer Kammerzahlmeister. Marmorsarg, darüber kleiner Obelisk mit vergoldetem Reliefbild. Die Arbeit wird J. F. Hetzendorf v. Hohenberg zugeschrieben; Mang. Seicz, k. Rat und Hofzahlmeister, +1554. Epitaph mit Umrahmung aus Adneter Rotmarmor, Wappenrelief und halbrunder Aufsatz mit Christus auf dem Regenbogen.
Im Boden unter dem Beichtstuhl Grabplatte des Vitus Plezperkh v. Peuerbach, Benefiziat bei St. Michael, +1518.

12. GEORG VON LICHTENSTEIN, Nikolsburg und Steyerkh, +1548. Überlebensgroßer Ritter mit offenem Helm eine Fahne haltend. Renaissance, doch dem Typ der Darstellung nach spätgotischen Traditionen verhaftet.
An dem gegenüberstehenden Pfeiler des südlichen Seitenschiffes eine schwarze Draperie in stucco lustro von Engeln gehalten. Epitaph für Johann Peter Graf Arrivabene, *1736, Hof-kammerrat und Kameraldirektor in Siebenbürgen und seine Gattin Josefa Theresia, geb. Gräfin v. Hardegg, +1755.

13. ANNAKAPELLE. Ein mittelalterlicher Zubau wurde 1637 von M. Antonio Carlone durch Aufführung zweier Zwischenwände in drei Kapellen unterteilt: Anna-, Vesperbild- und Blasiuskapelle. Letztere war damals den hhl. Sebastian und Leonhard geweiht.
1638 stiftete Heinrich Graf v. St. Julian für sich und seine Familie ein Erbbegräbnis und ließ 1642 über diese Gruft den Annaaltar errichten. 1695 erhielt der Altar auf Veranlassung des Propstes bei St. Michael, Don Karl Jung, das Ölbild „St. Anna mit ihrem Kinde Maria". 1825 wurde der Altar neu gefaßt und vergoldet.
Rechts an der Wand Ölbild: Der hl. Franz von Assisi u. die hl. Clara. Anschließend das Votivbild „Das Pestlazarett am Alsergrund" zum Gedenken an das Pestjahr 1679. Links: Denkmal für die Landwehr­Offiziere des 1. Weltkrieges von Otto Laserz, 1932. Schriftplatte aus rotem Adneter Marmor getragen von drei Köpfen aus Unterberger Forellenmarmor.
Im Boden die Gruftplatte der Grafen von St. Julian. 1638.

14. VESPERBILDKAPELLE. Über dem Altar gotische Pietä um 1435-1445 Holz, Werkstatt des Jakob Kaschauer.
Bis 1641 stand sie auf einem Pfeiler der Michaelerkirche. Die prachtvolle, mit überreichem Stuck versehene Kapelle wurde 1637/39 auf Betreiben des damals bedeutendsten Predigers Wiens, Don Florentius Schilling errichtet. Einen Teil der Kosten übernahm die Fürstin Margaretha von Eggenberg. Die Kammerfrau der Kaiserin Maria, Anna Segarra, stiftete die Altarschranken aus schwarzem, weißgeadertem Marmor. Als Maler der Kapelle wird Ambros Petrucci genannt. Er erhielt für 9 Gemälde 346 fl. 1721/22 errichtete der Bildhauer Josef Högenwald (vermutlich nach Plänen von Antonio Beduzzi) einen neuen Altar. Der Maler Joseph Schmidt war 17 Wochen hier tätig. Die Marmorierungs- und Vergoldungsarbeiten von Franz Pizenhofer. 1825 wurde der Altar umgestaltet. Bei den Wandmalereien über den Altarschranken sind beachtenswert die acht Kartuschen mit Leidenswerkzeuge tragenden Engelchen. Gemälde an der rechten Wand: Ölberg, darüber die Geißelung Christi. An der linken Wand: Veronika reicht das Schweißtuch dar, oben die Dornenkrönung.
Im Boden drei Marmorplatten (Adneter Rot). Von links nach rechts: Freiherren von Kaiserstein, 1644 gestiftet; Hans Heinrich von Salburg, Freiherr auf Falkenstein, nö. Regimentsrat, t 1633; Horatius Buccellini, Regimentsrat unter den Kaisern Ferdinand II. und III. für sich und seine Familie errichtet 1642.
Auf der rechten Seite der Kapelle Gedenkstein für Horatius und Juliana Buccellini, 1705 gestiftet von ihrem Sohn Julius Friedrich, Staatskonferenz-Minister. Feinkörniger Kalkstein, Engel aus Stuck. Links außerhalb des Gitters: Bartholomäus Seitz, +1708. Solnhofer Platte.

15. BLASIUSKAPELLE (Sebastian und Leonhardkapelle). 1649 überließ die Kaiserinwitwe Eleonora (war vermählt mit Ferdinand II.) den Barnabiten Reliquien des hl. Blasius als Leihgabe und 1654 als Schenkung. Um 1669 Umwidmung der Kapelle zu Ehren des hl. Blasius. Barockes Altarbild von Karel Skreta: Heilung eines halskranken Knaben durch St. Blasius. Die Mutter trägt wahrscheinlich die Gesichtszüge Eleonoras. 1824 wurde der Altar klassizistisch verändert. Rechts an der Wand Ölbild: HI. Abendmahl.
Links: Denkmal der österreichischen Marine mit Ehrenbuch von Hans Schwathe, 1931. Bronze auf Platten von Adneter Grauschnöll. Tafel des Ehrenbuches aus dunkelgrauem belgischem Seelilienkalk.

16. SCHMERZENSMANN in der Vorhalle des südlichen Seitentores. Überlebensgroße Statue aus Leithakalksandstein um 1415-1420. Ein künstlerisch beachtenswertes Werk. Der Leidensmann trägt in seiner Rechten den Kelch des Leidens. Der heruntergeglittene Mantel ist über beide Arme gelegt, dadurch ergeben sich „reiche, weichschlängelnde Faltenstürze" (Ginhart).

17. TAUFKAPELLE. 1640 rechts an die südliche Vorhalle und den Turm angebaut und 1732 vom Kleinen Michaelerhaus überbaut. Der Taufstein aus lichtgelbem, gewolktem Marmor wurde 1630 von der Nähe des Westportals in die Turmkapelle und 1646 in die Taufkapelle übertragen. Der Altar ist aus Zogelsdorferstein, die Figuren - Taufe Jesu - sind aus Holz.
Unter der Kapelle eine von den übrigen Grüften gesonderte Gruft.

18. TURMKAPELLE (Corporis Christi Bruderschafts-Lourdes­kapelle). Rechts vor dem Eingang Wandmalerei: St. Michael als Seelenwäger zwischen Maria mit dem Kinde als Verteidigerin und Satan als Ankläger, um 1350. Das Gesicht des Teufels ist völlig zerkratzt. Links vom Eingang Relief mit Schriftplatte und Wappentafel. Epitaph für Joseph Zoppel von Hauß, Reichshof- und nö. Regimentsrat, +1580. Das Relief zeigt den Verstorbenen mit drei Söhnen, den beiden Frauen und den vier Töchtern vor dem gekreuzigten Erlöser kniend.
Die Turmkapelle ist ein harmonisch abgestimmter Raum. Das wundervolle Kreuzgewölbe des 13. Jahrhunderts lagert über edlen Kapitellen auf Pfeilerbündeln. An der Nordwand die 1935/36 errichtete Lourdesgrotte. Die Marienstatue aus Laaser Marmor von Hans Schwathe ist umrahmt von stilisierten Felsen aus Phonolithtuff aus Weibern im Rheinland. Gegenüber der Grotte Denkmal des ermordeten Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß von Hans Schwathe, 1936. Links davon Wandmalerei um 1300: Apostel Thomas begleitet von den hhl. Cosmas und Damian. Das Wandbild befindet sich an der ursprünglichen Stelle und greift über die Baufuge des unteren Ortbogens. Vor Anbringung des Wandbildes war also der Raum niedriger und schließt nach Kieslinger die Möglichkeit einer Westempore nicht aus. Rechts vom Relief Wandmalerei um 1325: das Mysterium der hl. Messe. Priester erhebt Hostie mit eingezeichnetem Kreuz, über der das segnende Jesukind steht. 1935 wurde das Wandbild vom nordöstlichen Pfeiler hierher übertragen.
In der Kapelle schlichtes Holzkreuz vom Massengrab der im Konzentrationslager Dachau umgekommenen Österreicher.

19. GEDÄCHTNISINSCHRIFT ZUM TOD MAXIMILIANS I. auf dem Emporenbogen der inneren Westwand, um 1520. Im linken Zwickel weibliche Figur, im rechten eine reich gekleidete männliche. Der zweite Emporenbogen ist ein Einbau aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Unter der Empore beim Westportal Grabstein mit Kreuzrelief: Hans Anton Berchtoldt, kaiserlicher Kammerdiener, +1588. Seine Frau und seine Erben ermöglichten den Wiederaufbau des 1590 bei einem Erdbeben teilweise eingestürzten Turmes der Michaelerkirche.

20. JUDAS THADDÄUS-KAPELLE (1620 Georg-Erasmus-Kap., 1742 Alexander Sauli-Kap., 1827 Franziskus Salesius-Kap., 1897 Antonius Maria Zaccaria-Kap., um 1928 Judas Thaddäus-Kap.). Diese Kapelle befindet sich im ersten nördlichen Seitenschiffsjoch. Im Kreuzrippengewölbe Evangelistensymbole und Teile einer Rippenbemalung um 1300. Altar von 1827, Altarblatt um 1928: Judas Thaddäus Helfer in der Not.

21. ROMANISCHES PORTAL um 1245, in Vitrine Tympanon, Dreipaßform mit reichen Weinlaubranken, originale Polychromierung. Davor ehemaliger Allerseelenaltar, am Altartisch in Vitrine Christus an der Geißelsäule, barock.
Gegenüber am ersten nordwestlichen Pfeiler rote Marmorplatte: Elisabeth Harmann, Tochter des Bürgers und Handelsmannes Mathias Harmann, +1620.

22. ANTONIUSKAPELLE (Karl Borromäus-Kapelle). 1630 ließ Freiherr Friedrich von Cavriani (sein Wappen ober dem Eingang zur Kapelle) den kuppelgekrönten Raum als Grabkapelle für sich und seine Familie errichten und dem hl. Karl Borromäus weihen. 1826 Umwidmung und Übertragung des barocken Antoniusbildes von Michelangelo Unterberger aus der Nachbarkapelle auf die heutige Stelle. Im Boden die Gruftplatte der Familie Cavriani, 1654.
An der rechten Wand Denkmal für Kaiser Karl I., dem letzten Kaiser von Österreich, von Hans Schwathe, 1928. Inschrift: „Er suchte den Frieden und fand ihn in Gott." An der linken Wand ein mächtiger Kerzenständer. In der Kapelle befindet sich auch der Betstuhl des Kaisers. Am linken Wandpfeiler außerhalb der Kapelle rotmarmorne Tafel mit zwei Wappen: Johann Ludwig von Brassican, +1549, vermählt mit Apollonia Hauser von Karlstein, Geheimsekretär der verwitweten Königin von Ungarn und Infantin von Spanien, Maria, gewesener Rektor der Universität Wien, Jurist und Poet. Am rechten Wandpfeiler außerhalb der Kapelle zwei Epitaphe übereinander. Oben: Josef Sperges Freiherr von Palenz, +1791, kais. Rat, schrieb die Geschichte der tirolischen Bergwerke. Darunter: Karl Miglio Freiherr von Prumberg, +1664, Rat und geheimer Hofzahlmeister.

23. PAULUSKAPELLE (vorher Antoniuskapelle, dann Paulus-Borromäus-Kap., Theresienkap. und erneut Pauluskapelle). Diese und die anschließende Alexander Sauli-Kapelle bildeten die 1428 gestiftete Lukaskapelle. Während hier das Kreuzrippengewölbe erhalten blieb, wurde es in der Nachbarkapelle baulich verändert. Der klassizistische Altar mit dem Ölbild von Ludwig Schnorr v. Carolsfeld, 1826. Beiderseits des Altars Freskenreste um 1520. Darstellend Wappenträger einst zugehörig zur Gedächtnisinschrift auf den Tod Kaiser Maximilians I. unterhalb der Westempore. Vor dem Altar, in Vitrine volkstümliche Darstellung der Seelen der Verstorbenen im Feuer der Läuterungen.
Am linken Wandpfeiler lebensgroßes Relief eines geharnischten Ritters mit Kommandostab: Ulrich Mairhauser zu Poisprun „Hauptmann über ein Fahndl Landsknecht", +1569. Bemerkenswerte Renaissancearbeit.
An der linken Wand drei Grabplatten: Hans Goldtgeyer, + 1602; Julian Migazzi, Hofhandelsmann in Wien, +1601; Andre Marbacher, Bürger zu Wien, einfacher Renaissancestein.
Darüber: Marientod, nach 1330. Fragment übertragen von der Nordwand des ersten Chorquadrates.
Am rechten Wandpfeiler rotmarmorne Platte: Katharina Zollers v. Zollershausen, +1552. Am gleichen Pfeiler außerhalb der Kapelle: Augustin Freiherr v. Mayerberg, +1688, Staatsmann. Seine Gesandtschaftsberichte über Rußland (1661/62) zählen neben denen von Sigmund Freiherr v. Herberstein, der ebenfalls in der Michaelergruft beigesetzt wurde, zu den ältesten und vorzüglichsten Quellen russischer Topo- und Ethnographie. Am vierten Mittelschiffpfeiler: Nicolaus Listhius, +1622.

24. ALEXANDER SAULI-KAPELLE (1826). Barockes Deckenfresko „Chor der Engel" von Carlo Innocenzo Carlone, um 1720/21, darstellend einen Ausschnitt des Freskos der Ludwigsburger Schloßkapelle. Altar klassizistisch. Altarbild von Ludwig Schnorr von Carolsfeld, 1826. Rechts an der Wand Ölbild: hl. Johannes v. Nepomuk, Franz Schindler, 1825.
GRABMÄLER. Am linken Wandpfeiler: Hanns Schlais (Slays), +1532, Bildhauer. Ihm wird das eindrucksvolle Kruzifix in der Kreuzkapelle der Michaelerkirche zugeschrieben. An der rechten Wand gewaltiges rotmarmornes Monument mit Schriftfeld zwischen zwei großen Wappen: Paul Weidner von Billerburg, +1585, Leibarzt der Kaiser Ferdinand I., Maximilian II. und Rudolf II. Anschließend ein gotischer Grabstein: Georg Helmschmid, Plattner von Augsburg, +1502 und seine Tochter Susanna. Am rechten Wandpfeiler oben: Virgilius Andreas Tobias Göpfert von Schwögendorf, +1698, k.k. Hofkanzlei-Registrator. Darunter: Gotfrid, +1341, bisher ältester aufgefundener Grabstein. Im Boden Gruftplatte der gräflichen Familie Pergen, 1770.

25. KREUZALTAR (Wolfgang- und Ulrichsaltar). Der gegenwärtige Altar nach Entwurf von Joh. Zobel 1823 durch Böhm im Sinne des Francisceischen Klassizismus erbaut. Die Figuren von Franz Käßmann. Bereits 1319 wird ein Kreuzaltar erwähnt, der in der Mitte des Querschiffes stand. Er wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an die Abschlußwand des linken Querhauses übertragen. 1723 ließ Graf Volkra einen neuen Kreuzaltar errichten. Vor dem Altar, Grablegung, Holzskulptur von Franz Käßmann, 1819.
An der linken Wand oben Prunkepitaph: Otto Christoph Graf von Volkra, der letzte seines Stammes, +1734, kais. Kammerrat, Erblandfalkenmeister. Am Sarg eine trauernde Frauengestalt und drei Genien. Über dem Sarg Bild des Verstorbenen in spanischer Tracht mit Perücke und Degen vor dem Kreuze kniend. Hochbarockes Monument in stucco lustro.
Unter diesem Monument drei Gruftplatten. Von links nach rechts:

Andreas Wagner, 11555, kais. Rat, Hofsekretär und Landschreiber und sein Sohn Andreas, +1556. Renaissance-Gedenkstein, Rahmen aus rotem Marmor, großes Wappen aus Solnhofer, Ornamente in Flachrelieftechnik. Die beiden nächsten Platten bezeichnet mit 1521 und Oswald Knawss, +27. Mai 1525. Im Boden vor dem Kreuzaltar Solnhoferplatte mit Wappen und Buchstaben aus Messing: Johann Karl von Nostiz und Rhienegg, *1740. Rechts vom Altar ehemaliger Lettneransatz erkennbar. Darunter Fragment eines Grabsteins mit Kelch.

26. KRIPPENKAPELLE (Werdenbergkapelle). Im Rundbogen Wandmalereien um 1350: zwei fliegende Engel tragen Medaillon mit Christusbüste (Pantokrator). In der Rundbogenlaibung rotgerahmtes Ornamentenband mit Vierblattrosetten in diagonaler Kreuzform bedeckt. Rechts an der Außenseite des um 1340 erneuerten Chorquadrats Fragment einer Wandmalerei um 1350. Kopf eines Mannes in Fensteröffnung. Darüber in einer erkerartig vorspringenden Dachkonstruktion mit Konsolen eine Frau mit Kopftuch.
1627/29 wurde die Chorkapelle auf Veranlassung von Graf J. B. Werdenberg frühbarock umgestaltet. Das Gewölbe wurde neu eingebaut. Nun teilt eine Quergurte die Kapelle in ein Quadrat und die im Innenraum halbrunde Chornische, die mit einem halben Kuppelgewölbe überdeckt ist.
Die Mensa des barocken Altars hat die Form eines Sarkophags und ist aus verschiedenen Marmorsorten zusammengesetzt. 1824 wurden am Altar kleinere Veränderungen vorgenommen. Möglicherweise wurde damals das Altarbild - Anbetung der Hirten von Franz Anton Maulbertsch, 1753/55 - von einem anderen Ort hierher übertragen. Bis 1781 stand der kostbare Tabernakel auf dem Hochaltar, kam dann auf den 1972 abgetragenen Joh. Nepomuk­Altar in der südlichen Chorkapelle und befindet sich seither auf dem Krippenaltar. 1642 um 1500 Mailänder Scudi erworben, besteht er aus Ebenholz, Schildkröte, Messing und orientalischem Jaspis mit Silber verziert. Daneben Reliquien-Pyramiden aus dem gleichen Material.
Der Durchgang hinter dem Altar wurde 1749 geöffnet. Links an der Wand gotisches Portal.
Monumente an der linken Kapellenwand. Am äußeren Abschlußbogen schlichte Gedenktafel für Pietro Metastasio, geb. 1698 zu Rom, Hofpoet unter Karl Vl. und Maria Theresia, *1782. (In der Gruft sein Holzsarg getragen von Greifenfüßen.) Daneben Wappenstein mit Jahreszahl 1561. Oberhalb des gotischen Portals Solnhoferplatte: Philipp Gundl, geb. zu Passau, Regimentsrat und Kammerprokurator, Rektor der Wiener Universität, Dichter, Redner und Jurist, +1586. Als Lehrer der Poetik Nachfolger Vadians. Berühmt durch seine Rede auf den Tod Maximilians I.

27. RENAISSANCEGRABMAL: Erasmus von Gera, Hofkammerrat und Hauptmann zu Pettau, +1567. Dargestellt als Geharnischter mit Bart, Fahne mit Kreuz haltend. Ihm zur Seite Helm und Handschuhe, zu Füßen ein Wappen (Lienbacher Marmor). Die Füllungen der Pilaster, die Schriftplatte und das Relief mit der Auferstehung Solnhofer Stein.

28. GEORG FREIHERR ZU HERBERSTEIN, Erbkammerherr und Erbtruchseß, +1570. Der geharnischte Ritter ist mit Schwert und Dolch bewaffnet und kniet mit gefaltenen Händen vor einem Kruzifix. Um das Grabmal sind mehrere Sprüche angebracht. Das Grabmal ist aus weißem, kristallinischem Marmor. In der Gruft wurde Sigmund Freiherr von Herberstein, +1566, beigesetzt. Die Schilderung seiner Reise nach Rußland ist von großem historischen Wert.

29. JOHANN BAPTIST GRAF VON WERDENBERG, Erbstallmeister der fürstlichen Grafschaft Görz, wirkt. geheimer Rat bei Ferdinand II. und III., Kämmerer und österreichischer Hofkanzler, +1648. Dieses gewaltige, bis zum Gewölbe reichende frühbarocke Monument wurde 1643 - noch zu Lebzeiten Werdenbergs - errichtet. Das Bronzerelief in reicher Architekturumrahmung. Der Sockel mit einer Schrifttafel aus Bronze. Der Sarkophag ragt zwischen Würfelpostamenten hervor. Auf den Würfelpostamenten je eine große Säule. Oben Relief der Krönung Mariens. An beiden Seiten halten Engel je einen Schild mit Inschrift. Die Figuren auf dem Hauptrelief stark hervortretend: der Gekreuzigte, rechts eine männliche Gestalt in spanischer Tracht - Graf J. B. Werdenberg -, rückwärts der hl. Johannes Baptista; links die Gattin Werdenbergs mit ihrer Namenspatronin St. Katharina.
Entwurf des Grabmals von Baumeister Jakob Allio, Steinmetzarbeiten von Joh. Bapt. Spaz, beide in Linz. Bronzereliefs vom Augsburger Juwelier Warnberg (Waremberg, Parnberger). Bronzerelief bezeichnet: Christoph Neidhart gos mich in Augspurg 1646.
Im Boden vor dem Altar Gruftplatte mit dem Wappen der Familie Werdenberg-Namest. Rechts unter der Holzempore große rotmarmorne Grabplatte mit Kelch: Johannes Garalter, Kaplan, +1474.

30. APOSTELALTAR (Andreasaltar). Altarbild von Tobias Pock, 1642, darstellend „die Apostel und das Pfingstwunder". Entwurf des Altars von Johann Zobel 1821, Ausführung in Stuck von Böhm, Bildhauerarbeiten von Franz Käßmann.
DIE ORGEL. Wiens größte und fast vollständig erhaltene Barockorgel: 3 Manuale und Pedal, 40 klingende Register. Orgelbauer: Johann David Sieber, bürgerlicher Orgelmacher zu Brünn. Am 24. Jänner 1714 erklang das Werk in Gegenwart Kaiser Karls Vl. zum
ersten Mal. 1742 baute Gottfried Sonnholz das Werk wegen unzulänglicher Emporenkonstruktion um. Das Rückpositiv wurde dabei von der Orgelbrüstung entfernt und als Oberwerk an die beiden Hauptgehäuse angefügt. 1785 führte Franz Xaver Christoph eine große Reparatur aus. Als Krönung der Kirchenrestaurierung von St. Michael wurde das prachtvolle Klangdenkmal, das im Gefolge des Zweiten Weltkrieges unspielbar geworden war, durch den international anerkannten Orgelbaumeister Jürgen Ahrend aus Leer in Ostfriesland 1986/87 in seinem ursprünglichen Zustand glanzvoll wiederhergestellt. Diese Orgel gilt als eines der bedeutendsten Klangdenkmäler Österreichs. Orgelempore nach Entwurf von Antonio Beduzzi 1713.

DIE MICHAELERGRUFT. Sie umfaßt die gesamte Länge und Breite der Kirche und greift teilweise durch Seitengänge darüber hinaus. Für das Bestehen einer Krypta aus dem 13. Jahrhundert konnten weder urkundliche noch archäologische Beweise erbracht werden. Unter den Steinplatten des Mittelschiffs der Kirche wurden jedoch Knochen gefunden, deren Alter auf 500 bis 600 Jahre geschätzt wird. Die älteste Stiftung eines Erbbegräbnisses ist die des herzoglichen Küchenmeisters Stiborius Chrezzel aus dem Jahre 1350.
Seit Ende des 16. Jahrhunderts sind Grüfte für folgende Adelsgeschlechter und Bruderschaften nachweisbar: 1591 Freiherren und Grafen von Mollart, 1606 Berchtoldt zu Sachsengang, 1617 die Grafen und Fürsten Trautson, 1619 Barone und Grafen Meggau, 1637 Grafen von St. Julian, 1639 Barone Sprinzenstein, 1640 Taufkapellengruft (Inhaber unbekannt), 1642 Freiherren und Grafen Buccellini, 1644 Freiherren von Kaiserstein, 1649 Grafen von Werdenberg, 1654 Grafen Cavriani, 1659 Pergen-Suttinger, 1673 Spanische Bruderschaft, 1679 Barone Mayerberg.
1676/78 wurde unter dem Mittelschiff der Kirche die große Pfarrgruft und unter dem Hochaltar die Priestergruft angelegt. Dabei wurden die einzelnen Nebengrüfte durch Gänge untereinander verbunden. 1780 bedingte die Errichtung des Hochaltars eine bauliche Veränderung der Priestergruft. In der Pfarrgruft wurden die Pfarrangehörigen, die vielfach dem Hofgesinde angehörten, beigesetzt. Laut Hofdekret vom 11. Dezember 1783 wurden weitere Beisetzungen in der Gruft verboten. Doch scheint man sich nicht allzu streng daran gehalten zu haben, da in Einzelfällen die Gruft bis 1788 belegt wurde. Im Raum rechts vom Abgang zur Gruft ein spätromanisches Portal um 1230.

 

FASTENTÜCHER

Batikarbeiten von Lore Heuermann 1982. Darstellung vor dem Engelsturz: Christus als ruhender Pol und die Menschen, voll Unruhe, als flüchtige Erscheinungen. An den Pfeilern zum Presbyterium, vor den Seitenaltären, rechts und links Johannes und Maria als Wächter mit Sonne und Mond.

 

BEDEUTUNG DER MICHAELERKIRCHE

Obwohl es in Wien ihrem ersten Bestand nach ältere Kirchen - St. Ruprecht, St. Peter, St. Stephan, Maria am Gestade, Schottenkirche etc. - gibt, so hat die Michaelerkirche von allen Kirchen am besten ihren ursprünglichen Bauzustand bewahrt: sie besitzt das älteste aufrecht stehende Mauerwerk der Wiener Kirchen. Gegenüber der traditionsreichen Hofburg gelegen, ist sie das ehrwürdigste Gebäude des an historischen Erinnerungen so reichen Michaelerplatzes. Kunstgeschichtlich ist sie ein wichtiges Beispiel für den donauländischen Kunstkreis auf Wiener Boden. Sie besitzt den einzigen geschlossenen Zyklus der Wiener Wandmalerei aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Als Grabkirche vieler europäischer Adelsgeschlechter der untergegangenen Habsburgermonarchie ist sie ein einzigartiges Kulturdenkmal. Von der Romanik bis zur Gegenwart ist die Kirche erfüllt mit hervorragenden Denkmälern der Plastik und Malerei.

750 Jahre österreichischer und europäischer Geschichte hinterlassen in diesem Bauwerk und seinen Denkmälern einen bleibenden und unvergeßlichen Eindruck.

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