Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

30.03.2007
FEATURE: Es geht nicht nur um Gleichberechtigung
 

Botschaft der Kirchenleiterinnen an den LWB-Rat

Lund (Schweden)/Genf, 30. März 2007 (LWI)
– An der Ersten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) 1947 in Lund (Schweden) haben fünf weibliche Delegierte teilgenommen. 60 Jahre später sind es nahezu 150 Frauen, die – wiederum in Lund – an der LWB-Ratstagung und den damit in Verbindung stehenden Feierlichkeiten aus Anlass des 60-jährigen Bestehens des LWB sowie der KirchenleiterInnenkonsultation teilnehmen. Bereits im Vorfeld der Ratstagung beteiligten sie sich an der Konferenz der Bischöfinnen und Präsidentinnen sowie der regionalen Koordinatorinnen des LWB-Referats „Frauen in Kirche und Gesellschaft“ (FKG), die vom 20. bis 21. März in Lund stattfand.

Laut Priscilla Singh, FKG-Referentin der LWB-Abteilung für Mission und Entwicklung (AME), hat die lutherische Gemeinschaft grosse Fortschritte im Hinblick auf die Beteiligung von Frauen auch in Leitungspositionen sowie die Aufnahme der Genderproblematik in die Agenda der Mitgliedskirchen gemacht. „Viele Menschen wollen einen LWB, der eine integrative Gemeinschaft vorlebt, in der Frauen, Männer und junge Menschen sich nicht nur in gegenseitigem Respekt begegnen, sondern auch das Evangelium ganzheitlicher leben.“

„Es geht hierbei nicht nur um Gleichberechtigung, sondern auch darum, dass Gott alle Männer und Frauen dazu berufen hat, am Aufbau des Gottesreiches teilzuhaben“, betonte Singh am Rande der LWB-Ratstagung. Dazu gehöre, „dass das Zeugnis und die unterschiedlichen Gaben akzeptiert werden, die Frauen als Verantwortliche in der Laienarbeit, als Pfarrerinnen und Bischöfinnen in die Kirche einbringen. Wir sind aufgerufen, das Evangelium ganzheitlich zu leben als Priestertum aller Gläubigen – von Männern und Frauen, Jugendlichen und Kindern.“

Obwohl wichtige Ziele erreicht worden seien, wie zum Beispiel die Einbeziehung einer wachsenden Zahl von Frauen in kirchliche Leitungspositionen, bleibe noch sehr viel zu tun, heisst es in der Botschaft der Teilnehmerinnen der Konferenz der Bischöfinnen und Präsidentinnen.

Die Botschaft enthält die Empfehlung an den LWB-Rat, Frauen, einschliesslich Bischöfinnen und Präsidentinnen, an den interkonfessionellen und innerlutherischen Dialogen zu beteiligen. Dies entspräche der Selbstverpflichtung des LWB, einen Frauenanteil von 40 Prozent in kirchlichen Gremien zu erreichen.

Die Botschaft appelliert an alle Mitgliedskirchen, der Ordination von Frauen zuzustimmen, und fordert volle Unterstützung für die Rechte von Bischöfinnen im Rahmen von Vereinbarungen zur vollen Kirchengemeinschaft. Ferner wird in der Botschaft die Notwendigkeit bekräftigt, dass die Kirchen auch in Zukunft Gewalt gegen Frauen öffentlich verurteilen. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei auf das LWB-Dokument „Kirchen sagen ‚Nein’ zur Gewalt gegen Frauen“ gelenkt, das bereits in 27 Sprachen veröffentlicht wurde und in Fortbildungskursen in Kirchen und weltlichen Organisationen in verschiedenen Teilen der Welt Verwendung findet.

Selbstverpflichtung entschlossener umsetzten
Nach Meinung der Konferenzteilnehmerinnen müssen einige Mitgliedskirchen der LWB-Gemeinschaft diese Prinzipien jedoch erst noch in die Praxis umsetzen. Professorin Dr. Barbara Rossing, Vorsitzende des LWB-Programmausschusses für Theologie und Studien, wies darauf hin, dass die Selbstverpflichtung zu einem Frauenanteil von 40 Prozent in den Leitungsgremien des LWB nicht neu sei. „Diese Selbstverpflichtung muss nur entschlossener umgesetzt werden. Wir müssen bessere Arbeit leisten und unseren Worten auch Taten folgen lassen.“

Rossing bedauerte, dass 37 LWB-Mitgliedskirchen sich bisher noch gegen die Frauenordination aussprechen, blickt aber voller Zuversicht in die Zukunft. „Es kann und wird Änderungen geben. Jesus ruft auch die Frauen zur Mission auf. Aber die Frauen müssen hartnäckig sein, sie müssen mit Hilfe ihrer Brüder, die sie dabei unterstützen, immer wieder überzeugende Argumente vorbringen“, betonte sie.

Nach Auffassung von Pfarrerin Gloria Rojas, Präsidentin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile, sind die Hindernisse auf dem Weg zur vollen Anerkennung der Frauen in kirchlichen Ämtern im Allgemeinen kultureller Natur. Frauen in der Kirche, so Rojas, müssten härter arbeiten als Männer, um zu zeigen, was sie leisten könnten. Vor zehn Jahren sei es noch schwierig gewesen, weibliche Führungskräfte in der chilenischen Gesellschaft zu finden, aber die Lage verändere sich. Auch die Kirche erkenne die Rolle der Frauen stärker an und die Verantwortlichen in den Kirchen würden offen darüber reden, erklärte sie.

Pfarrerin Marie Barnett aus Sierra Leone, Mitglied des LWB-Exekutivkomitees und bis Februar diesen Jahres FKG-Koordinatorin für die Subregion Westafrika, wies darauf hin, dass der Widerstand gegen Frauen in Führungspositionen mit der in ihrer Kultur traditionellen Einstellung zum Platz der Frau in der Gesellschaft zu tun habe. „Frauen werden als Eigentum betrachtet – wie Stühle oder Tische. Viele (Männer wie Frauen) sind der Meinung, dass sie sich nicht öffentlich zu Wort melden sollten.“

Barnett bekräftigte die Botschaft der Frauentagung, betonte jedoch auch, dass die Kirchen jetzt vor der Herausforderung stünden, die Erklärung in die Praxis umzusetzen. In Afrika habe mit der Brüder-Unität in Südafrika von 30 lutherischen Kirchen bislang nur eine einzige eine Frau zur Bischöfin beziehungsweise Präsidentin.

Wir werden nicht aufgeben
FKG-Regionalkoordinatorin Vidhya Rani aus Indien teilt Barnetts Anliegen, dass die Kirchen ihren Worten Taten folgen lassen müssten. „Als religiöse Organisation müssen wir tun, was wir sagen. In unserer Gemeinschaft praktizieren die Kirchen nicht notwendigerweise, was sie predigen.“

In Indien, so Rani, würden Mädchen in die Unterwerfung unter den Mann hineingeboren. Eine „gute indische Frau“ schweige und zeige sich weder in der Kirche noch in der Gesellschaft einem Mann überlegen. „Das wird uns von Geburt an vermittelt. Im Alter von 20 Jahren hat eine Frau dieses traditionelle Rollenverständnis so tief verinnerlicht, dass es sehr schwer für sie ist, sich davon zu befreien.“

Aber Rani ist optimistisch, dass die Frauen ihre Ziele schliesslich erreichen werden. „In Indien sagen wir, dass, wenn jemand eine Mango mit einem Steinwurf vom Baum holen will, so wird dies wahrscheinlich nicht beim ersten Wurf funktionieren. Vielleicht fällt die Mango erst beim zehnten Steinwurf vom Baum herunter. Mit anderen Worten: wir werden nicht aufgeben.“

Bischöfin Caroline Krook von der Diözese Stockholm der Schwedischen Kirche stimmte Rani zu und forderte die Frauen nachdrücklich auf, „sich weiter Gehör zu verschaffen“, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit und weibliche Führungskräfte geht. „Wir können nicht einfach in der Ecke sitzen und schweigen. Wir müssen das Feuer schüren, damit es nicht ausgeht.“

Krook erkennt an, dass die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in der schwedischen Kirche und Gesellschaft bereits sehr viel weiter fortgeschritten ist als in vielen anderen Ländern. 1958 sprach sich die Kirche für die Frauenordination aus und 1960 wurden die ersten drei Frauen ordiniert. Die Hälfte der 425 PfarrerInnen der Diözese Stockholm sind Frauen. „In der Kirche reden wir von der Fülle der Schöpfung und diese Fülle setzt voraus, dass Männer und Frauen als gleichberechtigte Partner zusammenarbeiten“, betonte sie.

Angesichts der Lage in Ländern, in denen Frauen nicht gleichberechtigt sind, erklärte Bischöfin Krook: „Wir haben die Verantwortung, Frauen in anderen Ländern Mut zu machen und sie zu unterstützen. Die Frauen können sehen, dass ich und andere Frauen Bischöfinnen geworden sind. Das kann ihnen Mut machen und sie können sich sagen: ‚Wenn es in Schweden geht, dann ist es auch in meinem Land möglich.’ Es ist wichtig, andere zu ermutigen, weiter für die Gleichberechtigung zu kämpfen, und ihnen dabei zu helfen.“

Auch wenn Bischöfin Krook die Zukunft der Frauen in der Kirche insgesamt optimistisch sieht, räumte sie ein, dass die langsamen Fortschritte sie manchmal ungeduldig machen. „Aber dann denke ich daran, wie lange die Geschichte der Kirche schon dauert und wie viel in einer vergleichsweise so kurzen Zeit geschehen ist. Meine Grossmutter durfte noch nicht einmal an Wahlen teilnehmen – und ihre Enkelin ist heute Bischöfin von Stockholm. Wenn in so kurzer Zeit so viel erreicht worden ist, dann dürfen wir voller Optimismus in die Zukunft schauen.“ (1.196 Wörter)

(Ein Beitrag des Redaktionsteams junger KommunikatorInnen, die am LWB-Programm zur Heranbildung junger Führungskräfte im Kommunikationsbereich teilnehmen. Das Programm wird gemeinsam von der Abteilung für Mission und Entwicklung und dem Büro für Kommunikationsdienste koordiniert.)

* * *

An der LWB-Ratstagung vom 20. bis 27. März in Lund (Schweden), die eine KirchenleiterInnenkonsultation sowie die Feierlichkeiten aus Anlass des 60-jährigen Bestehens des Lutherischen Weltbundes einschliesst, nahmen rund 500 VertreterInnen der LWB-Mitgliedskirchen und Partnerorganisationen teil, unter ihnen mehr als 100 lutherische KirchenleiterInnen. Zu den Teilnehmenden gehörten auch DolmetscherInnen, Gäste, Mitarbeitende des LWB, PressevertreterInnen und Stewards. Der 49-köpfige LWB-Rat führt zwischen den in der Regel alle sechs Jahre stattfindenden Vollversammlungen die Geschäfte des Weltbundes. Der aktuelle Rat wurde während der Zehnten LWB-Vollversammlung im Juli 2003 im kanadischen Winnipeg gewählt. Der Rat besteht aus dem Präsidenten, dem Schatzmeister sowie Geistlichen und Laien, die ihre Regionen repräsentieren.

 

Sollten Sie diesen Artikel weiter bearbeiten oder einem bestimmten Format anpassen wollen, beachten Sie bitte folgende Hinweise zur Bearbeitung.

 

Kontakt zur LWI-Redaktion