Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

24.03.2007
LWB-KirchenleiterInnen erörtern Bericht zum Thema Ehe, Familie und Sexualität
 

LWB-Ratstagung in Lund (Schweden)
20. bis 27. März 2007

PRESSEMITTEILUNG NR: 12

LWB-KirchenleiterInnen erörtern Bericht zum Thema Ehe, Familie und Sexualität

Aufruf zu vertiefter Reflexion über das theologische Verständnis

Lund (Schweden)/Genf, 24. März 2007 (LWI)
– Ehe, Familie und Sexualität sind Themen, die ungeachtet aller Kontroversen keinen kirchentrennenden Charakter haben. Diese Auffassung vertritt der Bericht der Arbeitsgruppe Ehe, Familie und menschliche Sexualität des Lutherischen Weltbundes (LWB), der am Donnerstag, 22. März, auf dem KirchenleiterInnentreffen und der Ratstagung des LWB im schwedischen Lund vorgestellt wurde. Die Ausarbeitung war nach der letzten Vollversammlung im Juli 2003 in Winnipeg (Kanada) in Auftrag gegeben worden. Die Aufgabe der achtköpfigen Arbeitsgruppe sei es gewesen, Leitlinien für einen auf fünf Jahre angelegten Studienprozess über Ehe, Familie und menschliche Sexualität in den Mitgliedskirchen zu entwickeln, so Prof. Dr. Jan-Olav Henriksen von der Norwegischen Kirche, der Mitglied der Arbeitsgruppe war.

Laut Henriksen war es nicht das Mandat der Arbeitsgruppe, Entscheidungen zu treffen, sondern die Mitgliedskirchen in der Diskussion zu unterstützen und hilfreiche Hintergrundmaterialien bereitzustellen und Unterstützung zur Diskussion zu diesem Thema innerhalb der LWB-Mitgliedskirchen und in der lutherischen Gemeinschaft zu leisten.

Weiterhin sollte die Arbeitsgruppe den LWB-Rat dabei unterstützen, Richtlinien und Prozesse vorzuschlagen, in welcher Form eine respektvolle Diskussion der Mitgliedskirchen über gemeinsame und unterschiedliche Auffassungen zu Ehe, Familie und menschlicher Sexualität innerhalb der lutherischen Gemeinschaft fortgeführt werden könne. Dabei sollten die Ergebnisse hinsichtlich der Lebensrealitäten und Einstellungen biblisch, theologisch, historisch und ethisch reflektiert werden.

Die Arbeitsgruppe schlägt in ihrem Bericht vor, Kirchenmitglieder einzuladen, „die Schrift vor dem Hintergrund ihrer zentralen Botschaft – Erlösung in Jesus Christus und Rechtfertigung allein aus Gnade – zu lesen und alle Schwierigkeiten und potenziellen Meinungsunterschiede in Fragen der Familie, Ehe und menschlichen Sexualität aus dieser Perspektive heraus anzugehen.“

Die Kirchenmitglieder werden dazu ermutigt, unterschiedliche Möglichkeiten der Gestaltung eines verantwortlichen Lebens in Familie, Ehe und anderen Beziehungen anzuerkennen und nicht bestimmte, in ihrem jeweiligen Kontext gegebene Formen als einzige moralisch vertretbare Lebensformen absolut zu setzen. Sie rufen dazu auf, „sich mit den verschiedenen Lebensformen auseinander zu setzen und deren moralische Wirklichkeit zu prüfen.“

Der Bericht der Arbeitsgruppe wurde von der Ratstagung nach ausführlichen Aussprachen im Plenum entgegengenommen und soll nun einschliesslich der Anmerkungen aus den Regionaltreffen an die LWB-Mitgliedskirchen zur Diskussion weitergeleitet werden.

In der kontroversen Debatte zum Bericht der Arbeitsgruppe würdigte der finnische Bischof Dr. Eero Huovinen (Helsinki) das Dokument und betonte, dass Fragen der Sexualität keine Heilsfragen seien. „Ich erwarte eine vertiefte Reflexion über das theologische Verständnis der Ehe.“ Dabei gelte es, den biblischen Hintergrund genauer zu bedenken, so der LWB-Vizepräsident für die Region Nordische Länder.

„Wir müssen bei Ehe, Familie, Sexualität nicht einer Meinung sein, aber uns gegenseitig respektieren“, warb Pfarrerin Hedwig Partaj von der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich, die als Jugenddelegierte Mitglied des Rates ist.

Als einen „guten Bericht, fair und ausgewogen“ stufte Bischof Dr. Stephen Munga von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania den Text ein. Die behandelten Themen seien nicht allein eine Frage der Bibelauslegung, sondern auch der kulturellen Traditionen. Jetzt müsse mit „gegenseitigem Respekt“ diskutiert werden. Dabei seien auch die Gemeinden mit einzubeziehen.

Abigail Zang Hoffman, ein Jugendratsmitglied von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika (ELKA), drückte ihre Wertschätzung darüber aus, dass ein solches Dokument zum ersten Mal produziert wurde. Jedoch gebe es angesichts der verschiedenen Ebenen, auf denen die Diskussion unter den Mitgliedern stattfände, einen Bedarf an Dialog darüber, wie der Dialog effektiv zu führen sei.

Satou Marte Hamadou von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Kameruns wies darauf hin, dass Gott die Frau aus einem bestimmten Grund geschaffen habe; ansonsten hätte Gott eine Welt erschaffen, in der Frauen und Männer getrennt voneinander lebten. Sie seien gemeinsam erschaffen worden, so dass eine Frau Kinder gebären könne. Sie lehne eine Diskussion über die Themen Ehe, Familie und Sexualität ab, betonte sie.

Bischof Joseph P. Bvumbwe von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Malawi vertrat die Position, dass es sich um ein „potenziell kirchentrennendes Thema“ handle. „Bestimmte Kirchen haben bereits ihre Entscheidung getroffen. Was bringt da noch der Dialog?“, fragte er.

Als „nicht hilfreich“ bezeichnete Erzbischof Janis Vanags von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands den vorgelegten Bericht. Seiner Meinung nach kämen die Leitlinien zu spät, denn es gebe bei den genannten Themen bereits Entscheidungen in Mitgliedskirchen. „In meiner Kirche wird Homosexualität als Sünde angesehen. Wenn andere Kirchen gegenteiliger Auffassung sind, ist das kirchenspaltend“, so der lettische Erzbischof.

Pfarrerin Susan Johnson von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kanada betonte, die in den Richtlinien angesprochenen Fragen seien nicht die einzigen Herausforderungen, denen sich die Communio des LWB stellen müsse. Sie wies darauf hin, dass die vorliegenden Richtlinien auch für andere Diskussionen hilfreich sein könnten. „Sie zeigen uns einen Weg, respektvoll miteinander zu reden“.

Bischof Harlen Simangunsong, Vorsitzender des Nationalen Komitees des LWB in Indonesien, meinte, die Diskussion könne eine Kirchenspaltung auslösen. Seiner Ansicht nach ist es in seinem Land ein Tabu und somit unmöglich, über menschliche Sexualität zu sprechen. Allerdings begrüsste er den Prozess als Möglichkeit, etwas davon zu lernen.

Als „einseitig“ kritisierte Pfarrer Iteffa Gobena, Präsident der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus, die theologische Argumentation. Sie sollte seiner Auffassung nach nicht zum Gegenstand der Debatte in den Mitgliedskirchen werden. Vielmehr plädiere er dafür, sich nur an den Leitlinien für die Diskussion zu orientieren.

Bischof Dr. Munib A. Younan von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, erinnerte die Mitgliedskirchen daran, dass sie zu einer grösseren Gemeinschaft gehörten. Der LWB-Vizepräsident für die Region Asien empfahl den Mitgliedskirchen, dass es zur Weiterentwicklung der Gemeinschaft gehöre, die jeweils getroffenen Entscheidungen gegenüber anderen Kirchen zu begründen. Dabei sei auch der jeweilige ökumenische Kontext in den Blick zu nehmen. (906 Wörter)

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An der LWB-Ratstagung in Lund (Schweden), die eine KirchenleiterInnenkonsultation sowie die Feierlichkeiten aus Anlass des 60-jährigen Bestehens des Lutherischen Weltbundes einschliesst, nehmen rund 500 VertreterInnen der LWB-Mitgliedskirchen und Partnerorganisationen teil, unter ihnen mehr als 100 lutherische KirchenleiterInnen. Zu den Teilnehmenden gehören auch DolmetscherInnen, Gäste, Mitarbeitende des LWB, PressevertreterInnen und Stewards. Der 49-köpfige LWB-Rat führt zwischen den in der Regel alle sechs Jahre stattfindenden Vollversammlungen die Geschäfte des Weltbundes. Der aktuelle Rat wurde während der Zehnten LWB-Vollversammlung im Juli 2003 im kanadischen Winnipeg gewählt. Der Rat besteht aus dem Präsidenten, dem Schatzmeister sowie Geistlichen und Laien, die ihre Regionen repräsentieren.

 

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