Landmark vs. infoSekta:

Geschichte eines Prozesses

 von Dieter Sträuli

(abgedruckt im infoSekta-Tätigkeitsbericht 1997, S. 16-20. )

 

In der Arbeit des Vereins "Informations- und Beratungsstelle für Sekten- und Kultfragen infoSekta" (im folgenden "infoSekta" genannt) spielte das Unternehmen "Landmark Education AG" (im folgenden "Landmark" genannt) schon sehr früh eine Rolle. Bald nach der Eröffnung der Beratungsstelle trafen die ersten Anfragen zu dieser Organisation ein, meist von Angehörigen einzelner Kursteilnehmer. Aber auch die Firma selbst nahm über ihre Zürcher Tochtergesellschaft Kontakt mit infoSekta auf und versuchte Mitarbeiter und Vorstand davon zu überzeugen, dass diese ein falsches Bild von den angebotenen Kursen hätten: infoSekta müsse sich als Sektenberatungsstelle gar nicht mit Landmark befassen.

Mehrere mühsame Gespräche folgten. Sie betrafen u. a. die vierzigseitige Dokumentation über Landmark, welche infoSekta an Ratsuchende abgab. infoSekta trug einzelnen Anliegen von Landmark insofern Rechnung, als sie in der Dokumentation betonte, dass sie Landmark nicht als "Sekte" bezeichne, sondern die näher beschriebenen sektenähnlichen Methoden kritisiere. Zudem wurden in die Dokumentation Stellungnahmen von Landmark selbst oder von Drittpersonen aufgenommen, welche sich positiv über Landmark äusserten.

Die grosse Anzahl von Anfragen zu Landmark und die Beeinflussungsversuche von seiten des Unternehmens veranlassten infoSekta, sich intensiver mit dieser Organisation zu befassen. Zwei Mitarbeiterinnen nahmen an je einem von Landmark durchgeführten Kurs, dem sogenannten "Forum", teil. Susanne Schaaf verarbeitete die dabei gemachten Beobachtungen, ihre Erfahrungen aus zahlreichen Beratungsgesprächen, Erkenntnisse aus Quellenmaterial und Sekundärliteratur in einem Artikel, welcher im ersten Tätigkeitsbericht von infoSekta veröffentlicht wurde. Dieser Artikel fand grosse Beachtung und wurde von den Medien bei ihrer Berichterstattung über die Tätigkeit von infoSekta im Sommer 1994 häufig speziell hervorgehoben.

Ein halbes Jahr später, im November 1994, reagierte Landmark auf juristischer Ebene. Ein Zürcher Anwalt meldete sich im Namen der amerikanischen Zentrale und der schweizerischen Tochterfirma. Er verlangte, infoSekta solle fortan bestimmte Aussagen unterlassen, forderte Akteneinsicht und offerierte Informationen, um infoSekta von der Unrichtigkeit ihrer Kritik an Landmark zu überzeugen. Unmissverständlich wurde eine Klage angedroht, aber gleichzeitig das Angebot gemacht, die Differenzen in einem Gespräch zu bereinigen.

infoSekta wollte ein solches Gespräch natürlich nicht ausschlagen, auch wenn Zweifel am Erfolg einer solchen Aussprache bestanden. So kam es am 25. Januar 1995 zu einem denkwürdigen Treffen im Anwaltsbüro des Zürcher Rechtsvertreters von Landmark. Der Aufmarsch auf der andern Seite war beeindruckend: Einer Abordnung aus Vorstand und Mitarbeitern von infoSekta sassen der Chief Executive Officer der amerikanischen Muttergesellschaft, Art Schreiber, der amerikanische Anwalt des Unternehmens, Martin N. Leaf, eine amerikanische Forumsleiterin sowie der Zürcher Anwalt gegenüber. Die ganzen Verhandlungen wurden via Kopfhörer simultan übersetzt. Als Ergebnis der weit in den Abend hinein dauernden Gespräche kam heraus, dass kein auch noch so kleiner gemeinsamer Nenner gefunden werden konnte. Diese Unvereinbarkeit der Standpunkte war vielleicht keine grosse Überraschung, für die Vertreter von infoSekta wurde das Gespräch aber insofern zu einer seltsamen und irritierenden Erfahrung, als die Gegenseite trotz eines guten Übersetzerteams und trotz guter eigener Englischkenntnisse eine fremde Sprache zu sprechen schien.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. In ihrer Analyse hatte Susanne Schaaf detailliert dargelegt, dass Landmark in den Kursen Elemente aus psychotherapeutischen Methoden aufnehme und diese sowohl zur Euphorisierung wie zur Beeinflussung der Teilnehmer einsetze. Landmark selbst ordnet ihre Kurse dem Gebiet der Ontologie zu, also der philosophischen Lehre vom Sein.

Das Gespräch hätte nun darin münden können, dass beide Seiten einander diese unterschiedlichen Bezeichnungen ("quasi psychotherapeutisch" - "ontologisch") als Folge verschiedener Standpunkte zugestanden. Schon Susanne Schaaf hatte in ihrem Artikel die beiden unterschiedlichen Auffassungen des Kurshintergrunds aufgeführt und diskutiert. Das aber genügte Landmark nicht. Ihre Vertreter versuchten infoSekta angestrengt davon zu überzeugen, dass überhaupt keine psychologischen Techniken angewandt würden und dass Landmark nirgends mit Psychologie in Verbindung gebracht werden könne. In diesem Zusammenhang fragte Art Schreiber die Vertreter von infoSekta mit grossem Ernst: "Sehen Sie diese Flasche?" (Dabei deutete er auf eine Flasche Mineralwasser, welche auf dem Verhandlungstisch stand.) "In Ihren Augen ist sogar diese Flasche 'Psychologie'!"

Dass dieser Vorwurf absurd und beleidigend klang (auf der Tischseite von infoSekta sassen immerhin zwei akademische PsychologInnen und eine Psychotherapeutin), ist das eine. Zum andern erinnert er an eine bestimmte Gesprächstechnik, welche offensichtlich auch im "Forum" von Landmark zur Anwendung kommt: Die Betroffenen werden in den Gebrauch einer Kunstsprache mit neuen (und oft umdefinierten) Begriffen eingeführt, während man gleichzeitig versucht, die allgemeingültige Bedeutung der Wörter systematisch ausser Kraft zu setzen. Da die Anerkennung einer gemeinsamen Alltagssprache aber eine technische wie ethische Voraussetzung für jede Verständigung ist, ist das Scheitern dieses Gesprächs nicht weiter erstaunlich.

Trotz dieser Erfahrung überarbeitete infoSekta die Dokumentation in einigen der von Landmark geforderten Punkte erneut. Währenddessen erschien der Tätigkeitsbericht von infoSekta für das Jahr 1994. Dort war aus der Statistik zu ersehen, dass die bisherige Spitzenreiterin Scientology als Thema der Anfragen erstmals von Landmark verdrängt worden war, was wiederum ein entsprechendes Echo in den Medien auslöste.

Nun strengte Landmark einen Prozess gegen infoSekta an. In der Klagebegründung vom 23.11.95 wollte die Zürcher Tochterfirma von Landmark der Beratungsstelle infoSekta verbieten, die Dokumentation und besonders den Artikel von Susanne Schaaf weiterzuverbreiten. Ferner sollte infoSekta einige einzeln aufgeführten Äusserungen aus diesem Bericht unterlassen. Es wurden keine Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen gestellt, aber Landmark behielt sich solche ausdrücklich vor.

Der Anwalt von infoSekta, Urs Eschmann, verlangte in der Klageantwort die vollständige Abweisung der Klage. An der Referentenaudienz legte die zuständige Richterin am Zürcher Bezirksgericht ihre provisorische Auffassung der Rechtslage dar. Anschliessend machte sie Vorschläge für eine gütliche Beilegung des Streites. Ihren Äusserungen war zu entnehmen, dass die Klage auch nach Auffassung des Gerichts in vielen Punkten unzulänglich begründet war. Die Richterin empfahl aber auch infoSekta, gewisse Konzessionen zu machen.

Gestützt auf diese Äusserungen verfasste infoSekta im Anschluss an die Verhandlung einen eigenen Einigungsvorschlag, welcher an einem zweiten Verhandlungstermin diskutiert wurde. Während es an der Verhandlung geschienen hatte, der Zürcher Anwalt sowie der amerikanische Rechtsvertreter von Landmark (mit Simultanübersetzerin) stimmten dem Vergleich im grossen und ganzen zu, zogen sie ihre Zustimmung im Laufe der mehrfach erstreckten Widerrufungsfrist aber zurück und verlangten danach von infoSekta ein Eingehen auf immer wieder neue und weitergehende Konzessionen. Nachdem infoSekta in allen Punkten, in welchen dies vertretbar erschien, nachgegeben hatte, kam irgendwann der Punkt, an dem ein Entgegenkommen nicht mehr möglich war, ohne den in den Statuten verankerten Auftrag des Vereins zu verletzen.

Nun war es an Landmark, die nächste Rechtsschrift (die sogenannte Replik) einzureichen. In dieser hatte sie Gelegenheit, Mängel in der Klageschrift zu korrigieren, auf welche das Gericht aufmerksam gemacht hatte. Leider war dieser nächste Akt mit einer enormen Ausweitung der Klage verbunden: Umfasste die Klageschrift noch knapp 50 Seiten, so füllten in der 132 Seiten starken Replik allein die Anträge 19 Seiten. Nachdem dieses umfangreiche Werk bei infoSekta eingetroffen war, meldete sich der Anwalt von Landmark mit einem Vorschlag für weitere Vergleichsgespräche. Er durfte darauf spekulieren, dass unser Interesse an einer friedlichen Beilegung des Streites angesichts der zu erwartenden Riesenarbeit erheblich gestiegen war. Die neuen Verhandlungen zogen sich bis in den Spätherbst 1997 hinein und führten schliesslich zu einer Erledigung des Prozesses (mit Beschluss vom 18.12.97).

 

So sieht für infoSekta das Fazit des Prozesses aus:

Inhaltlich können wir zufrieden (und mit Dank für die seriöse Arbeit von Susanne Schaaf) festhalten, dass die wesentlichen Punkte der Arbeit von infoSekta standgehalten haben. Wir dürfen nach wie vor behaupten, dass Landmark sektenhafte Züge aufweist, wenn wir gleichzeitig betonen, dass wir eine blosse Etikettierung als Sekte vermeiden möchten. (Letzteres möchten wir aus Prinzip und in jedem Falle vermeiden.) Wir dürfen im weiteren nach wie vor Zweifel an der Professionalität und Seriosität des Kursangebotes von Landmark äussern (dies ist im Vergleich ausdrücklich erwähnt). Und schliesslich dürfen wir, wenn wir danach gefragt werden, auch vom Kursbesuch abraten.

 

In folgenden Punkten haben wir nachgegeben:

Einerseits wurden bestimmte Zeitungsartikel und Auszüge aus der Sekundärliteratur (Fachliteratur über Sekten, z. T. von anderen Beratungsstellen, sowie Erfahrungsberichte) aus der Dokumentation entfernt, weil sie nicht mehr aktuell oder salopp bzw. aggressiv formuliert waren. Die Dokumentation hat übrigens durch diese Streichungen gewonnen und wirkt nun als Ganzes konsistenter.

Wir haben in die Dokumentation weiteres Quellenmaterial sowie Referenzen von Drittpersonen über Landmark aufgenommen. Die in diesen Texten vertretenen Standpunkte werden von infoSekta nicht geteilt, sie ermöglichen es den Lesenden jedoch, sich ein vollständiges Bild zu machen. Das entspricht auch sonst den Anforderungen, die wir an unsere Dokumentationen stellen (nur dass hier der Quellenteil, nicht zuletzt um Fotokopien einzusparen, sicher dünner ausgefallen wäre).

Ferner wurden einige Anspielungen auf Scientology getilgt. infoSekta hat nie behauptet, Landmark und Scientology seien auf die gleiche Stufe zu stellen. Nachdem aber Scientology von den Medien in Deutschland zu einem Paradigma für den Begriff "Sekte" überhaupt erhoben worden ist, liegen die Dinge nochmals anders und ist noch mehr Vorsicht im Umgang mit verallgemeinernden Formulierungen geboten. In keinem Fall ist es die Absicht von infoSekta, den Ruf einer Gruppe durch undifferenzierte Vergleiche gezielt zu schädigen.

Selbstverständlich darf nach wie vor darauf hingewiesen werden, dass Werner Erhard, der die den Landmark-Kursen zugrundeliegenden Konzepte entwickelt hat, früher Scientology-Kurse besucht hat, und dass Scientology behauptet, es seien dafür Ideen von ihrer "Technologie" übernommen worden. Die entsprechenden Passagen finden sich weiterhin - nun etwas genauer formuliert - im Artikel von Susanne Schaaf.

 

Schliesslich hat der gewaltige personelle und finanzielle Aufwand, welchen Landmark für diesen Prozess getrieben hat, eine Gefahr für infoSekta aufgedeckt: Ein finanziell derart limitiert ausgestatteter und in einem Spannungsgebiet wie der Sektenaufklärung tätiger Verein riskiert rasch einmal den Ruin. Denn das konzertierte Vorgehen Landmarks gegen vier wichtige Sektenaufklärungsstellen (die inzwischen in Konkurs gegangene amerikanische Organisation CAN, die Bundesrepublik Deutschland, welche eine Sektenbroschüre vorbereitet, die Senatsverwaltung Berlin, welche bereits eine solche Broschüre herausgegeben hat, sowie infoSekta), zeigt, dass die Gegenseite über finanzielle Mittel verfügt, welchen wir nichts Vergleichbares entgegenzusetzen vermögen. infoSekta sollte durch die Bildung von Reserven zu verhindern suchen, dass der Verein in den Ruin prozessiert werden kann.

Um beim Thema Kosten zu bleiben: infoSekta muss für diesen Prozess keine Gerichtskosten bezahlen. Zwar hält der Vergleich fest, dass jede Partei die Hälfte der Kosten zu übernehmen habe. Als in der Gerichtsverhandlung diese bei Vergleichen häufige Regelung vorgeschlagen wurde, wehrte sich unser Anwalt Urs Eschmann vehement dagegen. Er argumentierte, dass aufgrund der Auffassung der Richterin infoSekta in praktisch allen wichtigen Punkten recht erhalten habe und dass deshalb die Gegenseite die Kosten vollumfänglich übernehmen müsse. Es sei bereits ein Entgegenkommen, wenn infoSekta auf eine Entschädigung der Anwaltskosten (welche ihr bei einem Prozessieg zugesprochen worden wären) verzichte. Darauf machte der Anwalt von Landmark plötzlich folgendes Angebot: er bezahle die von infoSekta zu übernehmende Hälfte der Gerichtskosten, wenn infoSekta im offiziellen Vergleich in die hälftige Aufteilung einwillige.

Der letzte Punkt zeigt, dass die Gegenseite dort keine Kosten zu scheuen braucht, wo es ihr darum geht, in der Öffentlichkeit einen bestimmten Eindruck zu erwecken (hier z. B. den Eindruck, beide Prozessteilnehmer hätten von ihren früheren Standpunkten je um etwa die selbe Strecke abrücken müssen). Gab es da nicht einen Herrn Potemkin, der an der Strasse Kulissen von schmucken Dörfern aufstellen liess, um jemandem vorzugaukeln, es sei alles gut bestellt im Lande?


Herzlich gedankt ...

Dass der Prozess zu einem derart guten Abschluss führte, verdankt infoSekta ihrem Anwalt und früheren Präsidenten Urs Eschmann. Ihm sei hier herzlich gedankt: für die immense Arbeit, die er im Rahmen dieser Vertretung leistete, dafür, dass das Team während dem Prozess von seiner Sachkenntnis und seinem Scharfsinn viel lernen konnte, und schliesslich dafür, dass er uns in einem mühsamen und zähen Geschäft immer wieder zum Lachen brachte.

 

© Mai 1998. Verein infoSekta.