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Erfurt als ungetreue Tochter

Nach dem Tod Erzbischofs Dietrich von Erbach, 1459, wählte eine Minorität des Mainzer Domkapitels den Grafen Dietherr von Isenburg zum Erzbischof. Als Mitglied der Fürstenopposition gegen Kaiser Friedrich III. und Papst Julius II. setzt ihn dieser am 21. August 1461 ab und ernannte den Oberamtmann auf dem Eichsfeld und Provisor in Erfurt, Graf Adolf II. von Nassau, zum Erzbischof. Dies führte zu einem neuen Schisma der Mainzer Kirche und zur großen Mainzer Stiftsfehde mit den für die Stadt Mainz und den gesamten Kurstaat so verheerenden Folgen. Die Stiftsfehde endete 1463 mit dem Sieg Adolfs über Diether und dem Verlust der Selbstständigkeit der ehemals Freien Stadt Mainz. Das Eichsfeld befand sich in Aufruhr. Erfurt litt zudem unter dem Bruderzwist der Wettiner.

Nachdem Graf Adolf II. von Nassau Dietherr von Isenburg besiegt hatte, kam er Erfurt, das zunächst zu Diether gehalten und Waffenhilfe geschickt hatte, entgegen und erneuerte 1468 die Concordata Gerhardi mit weiteren Zugeständnissen an den Rat. Zum Provisor in Erfurt und Oberamtmann auf dem Eichsfeld ernannte er den Domherren Graf Heinrich von Schwarzburg?. Die Ernennung galt auf Lebenszeit. Der Graf war mit solchen Befugnissen ausgestattet, dass sie Befürchtungen wachriefen, er könne nach der Landeshoheit trachten. Die Vermutungen verdichteten sich, als Erzbischof Adolf im September 1475 starb und das Mainzer Domkapitel Dietherr von Isenburg zum zweiten Mal zum Erzbischof wählte.

Erfurt geriet mit Dietherr von Isenburg schon kurz nach dessen Wahl in Streit. In seiner Wehrlosigkeit gegenüber den Unruhen in Thüringen übertrug der Erzbischof Kurfürst Ernst von Sachsen den Schutz über das Eichsfeld und ernannte 1479 dessen Sohn Adalbert zum Provisor in Erfurt und Amtmann auf dem Eichsfeld. Außerdem versprach er ihm die Nachfolge auf dem Mainzer Stuhl.

Die Erfurter fürchteten die drohende Stadtherrschaft der Wettiner, ebenso rüsteten sie gegen Diether, von dem sie einen Gewaltstreich gewärtigten. Sie rissen das Cyriakskloster ab und errichteten eine Zitadelle an dieser Stelle. Erfurts Vertreter waren rastlos tätig, um die Unterwerfung unter Sachsen oder unter Mainz zu verhindern. Die Situation verschärfte sich dramatisch, als Dietherr von Isenburg die städtischen Freiheiten Erfurts bestritt. Die Folge war, dass sein Einreiten verhindert wurde.

Mit Dietherr von Isenburg, und zwar bei Antritt seiner zweiten Regierung, hatte ein Mainzer Erzbischof erstmals in der Wahlkapitulation beschwören müssen, Erfurt dem Erzstift zurück zu gewinnen. 1478 stellte er fest, Erfurt sei Eigentum des Erzstiftes, gehöre dem hl. Martin und Mainz stehe die volle Obrigkeit und Herrschaft zu. Erfurt stellte dies natürlich in Abrede: Erfurt sei eine freie Stadt und habe seine eigene Obrigkeit. 1480 ließ Diether überall im Reich Drucke mit seinen Ausführungen anschlagen, die Stadt folgte und verbreitete ihre Gegendarstellungen auf die gleiche Weise. Beide Parteien appellierten an die Kurie. Kursachsen stand auf der Seite Diethers und bedrängte das Erfurter Gebiet wirtschaftlich und militärisch. Der Kaiser erließ als Gegner Diethers mehrere Mandate zu Gunsten Erfurts.

Als 1482 Dietherr von Isenburg und Wilhelm von Sachsen starben und Adolf III. von Sachsen? als Administrator den Mainzer Stuhl bestieg, sah Erfurt ein, dass es sich mit Sachsen und mit Mainz arrangieren müsse. Mit den Concordata Alberti, dem Vertrag von Amorbach, erkannte Adolf 1483 die Privilegien Erfurts an, mit dem Vertrag von Weimar im selben Jahr begründeten die Wettiner ihre Schutzrechte über die Stadt. An beide Seiten hatte Erfurt hohe Wiedergutmachungszahlungen zu leisten. Adolf hatte vor allem erreicht, dass die Stadt ihre Abhängigkeit vom Erzstift anerkannte. Die übrigen Gerechtsame waren wenig bedeutsam, gegenüber dem Bibra-Büchlein hatten sie sich stark verringert.

1484 starb Adolf. Sein Nachfolger auf dem Mainzer Stuhl war Graf Berthold von Henneberg. Dieser fügte 1497 dem Vertrag von Amorbach, den sein Vorgänger abgeschlossen hatte, die Concordata Bertholdi hinzu, in denen erstmals festgelegt wurde, dass Erfurt dem Erzbischof von Mainz als Erbherren zu huldigen hatte.

Mehrere Faktoren beendeten mit krisenhaften Erscheinungen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Blütezeit Erfurts: Die Handelsräume hatten sich verlagert, begleitet von einer Geldentwertung. Die Auseinandersetzungen mit Mainz und Sachsen sowie die Stadtbefestigung hatten große Summen verschlungen. Die Folgen der Pest und des Stadtbrandes von 1472, der das gesamte Viertel zwischen Gera und Peterskloster, also ein Drittel der Stadt, in Schutt und Asche legte, waren verheerend. Abergläubische Furcht und Zeichendeutung lähmte das Leben, Misswirtschaft trat an die Stelle klugen Planens. Die Kapitalnot konnte nur durch die Aufnahme immer neuer Kredite und durch Einführung indirekter Steuern gemildert werden. Dies wiederum stärkte die von Mainz unterstützte Opposition der mittleren und unteren Bürgerschichten gegen die kleine Gruppe der Ratsgeschlechter, die von Sachsen gestützt wurde.

1508 verpfändete der Rat die Herrschaft Kapellendorf für weniger als 10.000 Gulden an Sachsen, während die Schulden der Stadt 500.000 Gulden betrugen, für die jährlich 30.000 Gulden Zinsen zu zahlen waren. Als die finanzielle Situation in Verbindung mit der Verpfändung Kapellendorfs bekannt wurde, kam es 1509 zu den revolutionären Unruhen, die als das "tolle Jahr" in die Geschichte eingingen. Den Hintergrund bildeten die sozialen Spannungen, die Bindungen an Sachsen und Mainz, Klagen über Zölle und Abgaben und die finanziellen Privilegien der hohen Geistlichkeit. Erzbischof Uriel von Gemmingen konnte aber die städtische Machtfrage im Mainzer Sinn lösen, er setzte einen neuen Rat ein und entwarf einen Ratseid, der auch die Passage über den "rechten Erbherren" enthielt. Dieser Rat setzte auch durch, dass der kurmainzische Amtmann auf der Burg Lahneck, Philipp von Heuchelheim, als Stadthauptmann die militärische Gewalt übernahm.

1510 führte Mainz eine "Regimentsverbesserung" genannte Regierungs- und Verwaltungsreform durch, die vor allem auf eine Gesundung von Wirtschaft und Finanzen zielte. Uriels Nachfolger, Albrecht von Brandenburg, war als Erzbischof von Magdeburg und Bischof von Halberstadt sowie als Bruder des regierenden Kurfürsten von Brandenburg 1514 auch deshalb zum Erzbischof von Mainz gewählt worden, weil man hoffte, er werde Erfurt dem Erzstift zurückgewinnen. Bevor ein die Rechte der Stadt Erfurt weiter einschränkendes Abkommen, das als "Versöhnung" bezeichnet und 1515 abgeschlossen wurde, wirksam werden konnte, schloss der Rat 1516 überraschend mit Kursachsen einen Vertrag, der dieses als Schutz- und Lehnsherren anerkannte und im wesentlichen den Zustand aus der Zeit vor 1509 wiederherstellte. Das schon in Gang gesetzte Einreiten Albrechts von Brandenburg wurde verhindert.

1521 erschütterten Unruhen gegen die Geistlichkeit, das so genannte Pfaffenstürmen?, die Stadt, 1525 der Bauernkrieg. Bereits 1521 wurde in mehreren Kirchen evangelisch gepredigt. Die Reformation und die mit ihrer Ausbreitung verbundenen Wirren hatten starke antimainzische Züge und in diesen auch, wenigstens teilweise ihre Begründung. Im Bauernkrieg wurde die Mainzer Herrschaftsansprüche über die Stadt Erfurt erstmals rundweg bestritten.

Nach mehreren vergeblichen Anläufen einigte sich der Rat, veranlasst auch aus Furcht vor der drohenden Unterwerfung unter den sächsischen "Schutzherren", mit Kardinal Albrecht 1530 in Hammelburg. Für die am Mainzer Eigentum angerichteten Schäden und Verwüstungen erhielt er Entschädigung und wurde in seine weltlichen Rechte wieder eingesetzt. Die beiden Stiftskirchen St. Marien und Severi sowie das Peterskloster wurden wieder katholisch. Im übrigen enthielt sich der Erzbischof jeder Bestimmung über die Glaubensfrage. Der Hammelburger Vertrag wurde zu einem Zukunft weisendem Instrument und begründete später von den Mainzer Erzbischöfen immer wieder zugestandene Religionsfreiheit für Erfurt.

Der Prozess, den Albrecht 1521 nach dem "Pfaffenstürmen"? vor dem kaiserlichen Reichskammergericht wegen seiner verletzten Rechte angestrengt hatte, schleppte sich dahin. Der Rat erhob Widerklage in der Hoffnung auf gänzliche oder wenigstens teilweise Befreiung von dem ungeliebten Erbherren. In einem Urteil von 1578 erhielt der Erzbischof Recht, in einem kaiserlichen Mandat von 1589 wurde die Stadt Erfurt angewiesen, sich aller Eingriffe in die kurmainzischen Gerechtsame zu enthalten.

Die Auseinandersetzungen über die staatsrechtliche Stellung Erfurts zu Kurmainz gingen weiter. Ein Vertrag von 1618 sicherte wieder die freie Religionsausübung zu, enthielt aber erstmals den Passus, dass Erfurt ein "uraltes Integralstück und Eigentum des Erzstiftes" sei. Der Vertrag wurde nicht ratifiziert, blieb aber bei den weiteren Handlungen als Richtschnur bestehen.

1632 schenkte König Gustav Adolf von Schweden der Stadt Erfurt den Mainzer Hof und fünf Küchendörfer mit allen Gerechtsamen. Der Rat schien am Ziel seines jahrhundertelangen Kampfes um die Reichsstandschaft.

1646 vergab Gustav Adolfs Tochter Christine das Eichsfeld und den Mainzer Hof in Erfurt als Mannlehen an Landgraf Friedrich von Hessen. Der Westfälische Friede von 1648 machte aber auch diesen Akt zunichte. Die Schweden hatten zwar versprochen, die Stadt Erfurt in ihren Bestrebungen nach der Reichsstandschaft zu unterstützen, aber im Friedensvertrag wurde Erfurt nicht einmal erwähnt. Der Vertrag, der die deutschen Territorialgewalten stärkte, bestimmte nämlich, dass die Reichsstände in ihre alten Rechte wieder einzusetzen waren.

Mit der so genannten Reduktion 1664, der gewaltsamen Inbesitznahme der Stadt und des Erfurter Gebietes durch den Mainzer Erzbischof Johann Philipp von Schönborn waren die Träume von der Eigenständigkeit endgültig ausgeträumt. Mit französischer Hilfe gelang Schönborn die Unterwerfung Erfurts unter die Mainzer Oberherrschaft (16.10.1664). Zur Sicherung der mainzischen Herrschaft über Erfurt ließ er nach der Reduktion auf dem Petersberg die Zitadelle errichten.