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Das Magazin 39 / 2007

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Margarete Mitscherlich, Teil 1

Aus Das Magazin

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 Margarete Mitscherlich Bild: Axel Martens

Margarete Mitscherlich
Bild: Axel Martens

«Ich war nicht mutig genug» – Die grosse Psychoanalytikerin und Feministin Margarete Mitscherlich lobt die Gegenwart.

Sind Sie «eine unbeugsame Frau»?
Ich habe den Titel dieses Buches nicht gewählt.

Aber trifft er zu?
Ich frage mich. Wenn ich jetzt das Buch lese, das ja mein ganzes Leben umfasst, würde ich sagen, ich habe eigentlich eine ganze Menge durchgestanden, ohne dass ich allzu jammernd durch die Gegend gelaufen bin. Ich habe Jammerei immer verabscheut. Aber «unbeugsam»? Ein grosses Wort.

Jedenfalls lebten Sie immer im Widerstand zu herrschenden Konventionen. Als Jugendliche begehrten Sie gegen die Nazis auf, Sie waren in den Fünfzigerjahren allein erziehende Mutter, als dies noch verfemt war, Sie haben mit Ihrem Standardwerk «Die Unfähigkeit zu trauern» die Deutschen auf ihre Weigerung hingewiesen, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen, Sie kämpften in den Siebzigern als Feministin an vorderster Front. «Mutter Courage» wäre auch ein möglicher Titel gewesen.
Ach Gottchen. Bitte, eine Heldin bin ich nicht, war ich nie. Grade im Krieg nicht. Obwohl ich keine Sekunde lang ein Nazi war, hab ich doch getan, was ich konnte, um ein erträgliches Leben zu führen und am Leben zu bleiben. Ich war vielleicht ein wenig aufmüpfig, weil das mein Temperament ist, aber ich war nicht wie die Geschwister Scholl, die organisierten Widerstand leisteten und an zehn Fingern abzählen konnten, dass das der sichere Tod ist. Ich habe es mir später immer übel genommen, nicht mehr getan zu haben. Ich finde, ich hätte mindestens so sein sollen wie die Geschwister Scholl. Aber ich war nicht mutig genug.

Margarete Mitscherlich empfindet sich als feige?
Ich bin Protestantin! Da genügt man sich selber nie. Aber die «unbeugsame Frau» ist mir tatsächlich etwas zu pompös, ich möchte eher sagen, ich habe in abnormalen Zeiten ein normales Verhalten gezeigt. Das war in der Nazi-Zeit so und auch danach, als man keine unehelichen Kinder in die Welt zu setzen hatte, noch dazu, wie in meinem Fall, mit einem verheirateten Mann. Da habe ich mich verhalten, wie man sich vielleicht heute verhält. Mut ist doch, wenn man über sich hinauswächst; doch ich habe nur getan, was mir vernünftig schien, was meinem Wesen entsprach. Viele Leute haben es ja schon als kolossal mutig empfunden, dass ich mich in den Fünfzigern und Sechzigern für die Psychoanalyse einsetzte und dann für den Feminismus.

Die Feindbilder, gegen die Sie sich ein Leben lang wehrten, sind eines nach dem andern verschwunden. Empfinden Sie die heutige Zeit nicht als langweilig?
Nein. Ich empfinde grösste Dankbarkeit, dass ich so lange in dieser Freiheit le-
ben kann.

Beim Lesen Ihrer Biografie habe ich einen seltsamen Neid empfunden. Es gab für Sie so viel, wogegen sich zu kämpfen lohnte. An meine Generation ergeht heute der Vorwurf, dass sie keine Ideale mehr kenne, kein Engagement.
Wie alt sind Sie?

36. Und ich bin tatsächlich im Grossen und Ganzen einverstanden mit dem Gang der Dinge, zumindest mit dem in der westlichen Welt. Ist das verwerflich?
Auf keinen Fall. Jener Neid auf frühere und scheinbar heroische Zeiten, wie Sie ihn beschrieben, und wie ich ihn schon oft zu hören bekommen habe von jungen Leuten, ist dumm. Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil Sie nicht kämpfen. Aber wogegen sollten Sie kämpfen?

Eben. Sagen Sie es mir.
Nein. Wir leben in einer wunderbaren Zeit. Ihre Generation weiss nicht, was ihr geschenkt worden ist. Sie wissen nicht, was es bedeutet, in Frieden zu leben. Sie wissen nicht, was Freiheit ist. Ich nehme Ihnen das nicht übel, denn Sie können es nicht wissen. Aber glauben Sie mir, Sie wünschen sich trotzdem keine Sechzigerjahre zurück und die Nazi-Zeit schon gar nicht. Versuchen Sie einfach, ein guter Mensch zu sein. Machen Sie Ihre Frau glücklich, erziehen Sie Ihre Kinder ordentlich, machen Sie Ihren Job gut. Dafür sind Sie da.



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