Als man mich fragte, ob mir ein Traum einfiele, erinnerte ich mich daran, wie ich als junges Mädchen meine Fantasien in Kleidungsstücke hineinwebte und hoffte, jemand würde bemerken, dass ich nicht nur nähte, sondern auch etwas erfand. Pailletten in verschiedenen Farben, funkelnde Strasssteine und gerade und schräge Schnitte sollten aus meinen Entwürfen immer etwas Besonderes machen, sollten anderen auffallen und zeigen, dass die Näherei eine Kunst sein kann. Träume sind etwas Kunstvolles, sind Gespinste, so leicht wie Chiffon, und sie haben die Fähigkeit, dahinzuwehen wie Seidenschals im Wind.

Ich gehe durch mein Leben mit erhobenem Kopf, um den ich mir – für andere unsichtbar – Tücher binde, aus diesem leichten Traumstoff, der, wenn er mich berührt, die heiße Stirn kühlt. Das kann Seide auch: kühlen, wenn es warm ist, und wärmen, wenn Wind weht. Als Näherin wollte ich hoch hinaus. In jede Naht verwebte ich Traum-Moleküle, von denen ich hoffte, sie würden mich auf den Olymp einer gefeierten Modedesignerin heben.

Doch die Realität sieht anders aus. Ich lebe wie in einem goldenen Ei, aus dem ich immer dann herausschlüpfe, wenn mir Termine sagen: Heidi, das ist jetzt gut und notwendig für dich. Leider sind das tägliche Termine, manchmal ein ganzer Strauß, der am Ende nicht mehr duftet, sondern streng zu riechen beginnt.

Die Welt kennt mein Gesicht. Sie liegt richtig mit der Vermutung, ich würde viel Geld damit verdienen. Die Presse hat Recht, wenn sie schreibt, ich sei gerade glücklich mit einem Mann, stolz auf meine Tochter und verliebt in meine Eltern. Ich werde getragen von Anerkennung, Achtung, Glück und der Sympathie vieler Menschen. Amerika, Europa, Asien: Titelbilder erzählen die immergleiche Geschichte von meinen Haaren, meinen Augen, meiner Nase und meinem Mund. Was die Titelbilder, Titelgeschichten und Autoren nicht erzählen: Ich habe keine Zeit. Ich bin das Opfer des Menschen Heidi Klum, ich bin zu einem Produkt geworden, das stets gehegt und umworben werden will.

Über mich selbst, über mein eigenes Leben habe ich noch nicht viel herausgefunden. Ich bemerke, wie leicht es mir fällt, Erfolg zu haben und zu genießen, was um mich herum und mit mir geschieht.

Ich bin auf der Sonnenseite des Lebens, möchte auch gar nichts anderes behaupten, und manchmal fürchte ich mich davor, mir Fragen zu stellen wie: Vermisse ich etwas? Geht es mir zu gut? Was wäre, wenn ich plötzlich eine schwere Krankheit hätte? Was müsste man lesen, was einen weiterbringt? Bin ich politisch?

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