Hauptnavigation:

Sie sind hier:

12. Oktober 2007
 

heute-Nachrichten

 
 Quelle: de.wikipedia.org
Deutsche Wikipedia-Seite

Im Wikiversum geht
die Sonne niemals unter

Eine Enzyklopädie als
Phänomen - Wikipedia boomt

Sven Hahn

Wikipedia ist mehr als nur ein Universallexikon im Internet, eher ein einzigartiges gruppendynamisches Projekt: Zehntausende, die kostenlos an einer Sache mitarbeiten. Das hehre Ziel: Das Wissen der Welt sammeln und verbreiten.

 
 
 
 

Das gab es schon einmal, denn schon die Aufklärer des 18. Jahrhunderts wollten umfassend und ausführlich das Wissen und den Fleiß der Menschheit sammeln: Das Universallexikon des Johann Heinrich Zedler erschien 1732, damit war es das erste deutsche Universallexikon der Geschichte. Doch: Bis der letzte der 68 Bände erschienen war, dauerte es Jahrzehnte.

 

Infobox

Wiki

Der Name stammt von wikiwiki, dem hawaiianischen Wort für "schnell".

 

Kein Gremium, keine Experten

Heute geht es um Sekunden. Wenn Kurt Jansson eine neue Information entdeckt, ist sie wenig später weltweit zu lesen, Der 28-jährige Student ist Wikipedianer, seit vier Jahren infiziert von dem Wiki-Virus: "Das Tolle ist, dass jeder mitschreiben kann. Wer eine Idee hat, etwas besser ausdrücken kann oder auch nur einen Kommafehler bemerkt, muss nur einmal klicken und schon darf er den Artikel ändern", sagt er: "Bei uns gibt es kein Gremium, keine Experten, die das letzte Wort haben."

Jimmy Wales. Quelle: de.wikipedia.org
de.wikipedia.org
Jimmy Wales

Faszinierend scheint Wikipedia auf viele andere zu wirken, denn Tausende "Wikis" sind aktiv, in mehr als 60 Sprachen von Alemannisch über Plattdeutsch bis Hindi oder Chinesisch können Internetnutzer Begriffe nachschlagen - kostenlos. "Das macht Wikipedia zu einem Projekt mit Signalwirkung", erklärt Jimmy Wales, Gründer und geistiger Vater der Wikipedia: "Wir alle wollen das Wissen sammeln und verbreiten, verstärkt in den Sprachen der Entwicklungsländer." Schon jetzt geht im "Wikiversum", dem Universum der Wikipedianer, die Sonne niemals unter.

Qualität als Manko

Deshalb ist Wales unterwegs in aller Welt, jettet ständig von Kontinent zu Kontinent, um seine Botschaft vom freien Wissen zu verbreiten, ganz idealistisch. Damit sieht der 38-Jährige die Bewegung in der Tradition der Aufklärer, aber auch der Pioniere des Internet: "Wenn man zum ersten Mal vom Internet hört, hat man die Idee, dass es ein tolles Werkzeug zur Information ist. Weil Wikipedia diese Idee wieder aufgreift, ist es so erfolgreich. Wir sind durch das Dot-Com-Zeitalter gegangen, wo es nur Popups, Werbung, Spam und so weiter gab. Wikipedia geht zurück zu den Wurzeln, wo es nur darum geht, dass Menschen Informationen teilen."

 

Infobox

Wikimania

Vom 4. bis 7. August findet in Frankfurt am Main die erste internationale Wikimedia-Konferenz statt, die Wikimania 2005. Auf der Konferenz soll es nach Angaben der Veranstalter rund 65 Vorträge, Workshops und Einführungen geben. Eröffnet werden soll die Veranstaltung von Jimmy Wales. Einen Überblick über die technische Entwicklung der Wikis gibt Ward Cunningham, der 1995 das erste Wiki schuf. Und da Wikimedia neben den freien Inhalten auch die Idee der freien Software unterstützt, wird als einer der prominentesten Vertreter dieser Richtung Richard Stallman zu einem Vortrag erwartet, der Gründer des GNU-Projekts.

 

Die Qualität ist das wohl größte Manko der Wikipedia, denn die Inhalte sind so vielfältig wie die Wikipedianer, die die Artikel geschrieben haben. Nils Schiffhauer, seit Jahrzehnten mit Enzyklopädien befasst, sieht denn auch die Wikipedia zwar als "interessantes gruppendynamisches Projekt" an, aber eine Enzyklopädie im engen Sinne sei Wikipedia nicht: "Es fehlt die Konsistenz, die gemeinsame Sprache und die Darstellung des Wissens der Welt aus einem bestimmten Blickwinkel, der immer gleich bleibt." Was das heißt: Etwa im Brockhaus-Verlag liege der Enzyklopädie ein Gesamtkonzept zugrunde, eine Art Wissensnetz, in dem alle Begriffe zu einem Themenkomplex miteinander verbunden sind.

Die Konkurrenz schaut zu

Bei der Zahl der Zugriffe hat die Wikipedia bereits die kommerzielle Konkurrenz wie den Brockhaus, Microsofts "Encarta" oder die "Encyclopaedia Britannica" hinter sich gelassen. Brockhaus-Sprecher Klaus Holoch bereitet das aber keine Sorgen: "Qualität kostet eben Geld, wir haben unsere Leistung noch nie kostenlos angeboten. Wer auf die Zuverlässigkeit einer Information angewiesen ist, wird eher auf geprüfte Qualität setzen, deshalb sehen wir Wikipedia nicht als Konkurrenz an." Gleichzeitig reagiert der Verlag aber auf die Wiki-Welle im Netz: Die 21. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie im Herbst enthält den Schlüssel zu einem exklusiven Bereich auf der Brockhaus-Seite, mit der die Nutzer immer auf dem neuen Wissensstand seien.

 

Nach eigener Aussage sieht auch Wikipedia die kommerziellen Anbieter nicht als Konkurrenz, eher als Ansporn, qualitativ genauso gut zu sein wie Brockhaus & Co. Einen wichtigen Schritt hat die deutsche Wikipedia, übrigens mit den zweitmeisten Begriffen nach der englischen Sektion, mit ihrem neuen Partner gemacht: Die Deutsche Bibliothek stellt ihren riesigen Katalog der Wikipedia zur Verfügung. Wer dann tiefer in ein Thema einsteigen will, findet auch das gute, alte Buch dazu.