Übersicht
SophieFragen
Forschungs-Infos
WR-Texte
Offene Fragen
BiographZankel
Die Streitfragen
Streitfrage Russland
Die Warnung
SBZ und DDR
Buch-Kritik I
Neue Ziegler Arbeiten
"Freiheit!"
Zeitgesch. Links
Impressum
 


Inge Scholl: "Die Weiße Rose", Neuausgabe Februar 1993, 7. Auflage Oktober 1998, ISBN 3-596-11802-6

Inge Scholls Buch zum Gedenken an ihre Geschwister ist sehr berührend.

Die literarische Wertung dieser erzählenden Form wird deshalb auch legendenhafte Darstellungen, Überhöhungen und Auslassungen als zu tolerierende Stilmittel betrachten.

Ab der Ausgabe 1972 nimmt Inge Scholl jedoch für sich in Anspruch, die Geschichte der "Weiße Rose" geschrieben zu haben. Als geschichtswissenschaftliche Quelle unterliegt das Buch aber anderen Kriterien.

Der Wertung als "Geschichte der Weiße Rose" stehen entgegen:

1. Obwohl Inge Scholl nachdrücklich betont, dass sie, ausgehend von der Geschichte ihrer Geschwister, die Geschichte der Weißen Rose geschrieben hat, lässt das Buch sehr wenig Platz selbst für die engsten anderen Mitverschwörer, die auch ihr Leben verloren:
Alexander Schmorell, Willi Graf, Christoph Probst und Professor Dr. Kurt Huber.

2. Aber auch der Weg in den Widerstand ihrer Geschwister Hans und Sophie ist von Inge Scholl ungenau und lückenhaft dargestellt worden. Das ist für ein literarisches Erinnerungsbild einer Schwester akzeptierbar, für die Darstellung eines historischen Geschehens genügt es nicht.

3. Ab der Ausgabe 1972 sind dem Buch erst ein Nachwort und später "Bemerkungen zu den Zielen der Weißen Rose" angefügt, die Inge Scholls Sicht der Motive ihrer Geschwister weitgehend als für alle Mitglieder der Widerstandsgruppe geltend darstellt. Das war nicht der Fall.

4. Inge Scholl hat zwar 1993, fünfzig Jahre nach dem Geschehen, aus ihrem der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglichen Archiv 12 Augenzeugenberichte zur historischen Fundierung ihrer Arbeit veröffentlicht, ohne sie aber in den Zusammenhang ihrer Darstellung zu stellen oder sie dafür zu werten. Ihr eigentlicher Text ist nach wie vor weitgehend unverändert und undokumentiert.

Einzelne Punkte der Kritik:
In der Darstellung des Elternhauses bis zum Umzug nach Ulm 1932 lässt Inge Scholl all das weg, was sich negativ auf die Psyche der Kinder ausgewirkt haben könnte: Ehekrise, Folgen der Abwahl des Vaters als Bürgermeister, die monatelange "Schmach" in einem kleinen Ort, materielle Unsicherheit, mehrmaliger Schulwechsel. Es fehlt das, was eine literarische Darstellung vernachlässigen darf, eine geschichtswissenschaftliche Quelle aber nicht, vor allem, wenn die wesentliche Forschungslücke die psychologischen Persönlichkeitsprofile sind.

In Ulm wohnen die Scholls knapp sechs Jahre in einem jüdischen Haus mit jüdischen Familien zusammen, deren tragisches Schicksal sie bis 1939 hautnah miterleben, ohne dass das im Buch erwähnt wird.

Die Zeit in der Hitlerjugend wird heruntergespielt, die Distanzierung legendenhaft überhöht. Dabei sind alle Scholl-Geschwister mindestens bis zu ihrem 19. Lebensjahr HJ-Mitglied und übten nicht nur geringe Führungsfunktionen aus.

(Den Höhepunkt des Herunterspielens der HJ-Zeit leistete sich Inge Scholl in der ihr gewidmeten TV-Sendung der Serie "Lebenslinien" des Bayerischen Fernsehens 1996. Sie sagte auf die Frage nach der Zugehörigkeit: "Wir sind beim Bund Deutscher Mädel gewesen. Es war eine blöde, eine dumme, eine kurze, eigentlich unerhebliche Zwischenstufe in meinem Leben." Inge Scholl hatte den höchsten Dienstrang der Geschwister Scholl. Sie war eine der beiden Ulmer Ringführerinnen der Jungmädel und gehörte den Jungmädeln von Anfang 1933 bis Ende 1937 an, also fünf Jahre.)

Die Bildung einer Gruppe mit bündischen Formalien innerhalb des Jungvolks der HJ, die aus einer Auseinandersetzung um den Führungsstil entsteht, wird als Teil des organisierten bündischen Widerstands dargestellt. Von welchen Personen der bündische Einfluss kam und welche Wertvorstellungen die Bündischen hatten, wird nur verklärt beschrieben.

Das Verfahren wegen "bündischer Umtriebe" ist unvollständig beschrieben. Was bei einer literarischen Erzählung verständlich ist, ist bei historischer Sicht ein Weglassen, wenn es eine psychologische Auswirkung gehabt haben könnte. Ein schwerwiegender zusätzlicher Anklagepunkt wird nicht erwähnt. Handlungen von Hans Scholl mit einem Untergebenen fallen nur deshalb unter die Amnestie, weil der Richter des Sondergerichts seine Dienststellung als Fähnleinführer nicht als die eines Vorgesetzten wertete und er deshalb einer Strafe entging, die nicht mehr unter die Amnestie gefallen wäre. Hätte der Richter das anders ausgelegt, hätte Hans Scholl als Vorbestrafter nicht studieren dürfen.

Bruder Werner Scholl, der schon vor 1933 Bündischer war, der unter den Folgen des Verfahrens vor dem Sondergericht als 15-jähriger am meisten in der Schule litt, der die ersten widerständlichen Aktionen der Scholl-Geschwister zu Kriegsbeginn 1939 durchführte, der als einziger aus der HJ austreten wollte, taucht diesbezüglich bei Inge Scholl nicht auf.

Das "Heimtücke"-Verfahren gegen Vater Robert Scholl spielt nur eine Randrolle. Dabei ist es für die ganze Familie Scholl das beherrschende Ereignis des Jahres 1942. Es beginnt mit Gestapo-Verhör des Vaters und von Inge Scholl sowie einer Hausdurchsuchung im Februar 1942. Ab März 1942 rechnet Hans Scholl mit der Überwachung der Post der Familie durch die Gestapo. Die Anklage erfolgt im Frühjahr und begleitet die Familie durch die Unsicherheiten des bevorstehenden Verfahrens. (Im Juni erscheint das erste Flugblatt der "Weiße Rose") Der Prozess am 3. August 1942 führt zur Gefängnisstrafe von 4 Monaten mit dem Haftantritt am 24. August. Durch Gnadengesuche von Frau und der beiden Söhne erfolgt eine vorzeitige Entlassung im Oktober durch Aussetzung der Reststrafe. Im November 1942 erfolgt jedoch ein Berufsverbot.

Das alles wird von der sensiblen Sophie Scholl praktisch weitgehend zuhause miterlebt.

Wobei noch falsch dargestellt wird, dass Hans Scholl ein Gnadengesuch für den Vater strikt verweigerte. Auch er schrieb schließlich ein Gnadengesuch aus Russland.

Bei der Darstellung der eigentlichen "Weiße Rose", dem Entwurf, der Herstellung und dem Vertrieb der ersten vier Flugblätter, wird Hans Scholl die führende Rolle zugeschrieben. Alexander Schmorell erfährt nicht die Würdigung, die ihm gebührt.

Inge Scholl benutzt die Flugblätter von Graf Galen legendenhaft als mitentscheidende Motivation für Hans Scholl. Auf zwei Seiten wird aus den Flugblättern des Bischofs von Münster zitiert und wie sehr sie Hans Scholl erregen und ihn zu seinem Tun motivieren. "Endlich hat einer den Mut, zu sprechen. ... Man sollte einen Vervielfältigungsapparat haben." (In chronologischen Aufzeichnungen von Inge Scholl steht der Wunsch nach dem Vervielfältigungsgerät noch im Zusammenhang mit dem "Windlicht".)

In seiner Vernehmung am 20. Februar 1943, als Hans Scholl schon dazu übergegangen war, offen zu sprechen und Namen zu nennen, sagte er hierzu: "Ich habe bei irgendeiner Unterhaltung erfahren, dass die Predigten des Bischofs von Münster, Graf von Galen, vervielfältigt und verbreitet worden sind, Ich weiß heute bestimmt nicht mehr, bei welcher Gelegenheit und wann ich davon hörte. Ein Exemplar dieser Schrift ist mir aber nie zu Gesicht gekommen."

Der Abschiedsabend vor der Feldfamulatur in Russland wird als Gründung einer mehrere Personen umfassenden Widerstandsgruppe aller Teilnehmer unter der Leitung von Hans Scholl dargestellt. "Obwohl es schon Wochen zurück lag, standen alle noch unter dem Eindruck der Flugblätter. Inzwischen hatten sich auch die anderen in ähnlich behutsamer Weise wie Sophie neben Hans gestellt und waren zu Mitwissenden und zu Mittragenden der großen Verantwortung geworden." Das war nicht so.

Ausführungen von Prof. Huber, der erst viel später in die Aktivitäten eingeweiht wurde, werden so wiedergegeben, als sei er beim Abschiedsabend schon Teil der Widerstandsgruppe gewesen.
 
Das Schwergewicht der Schilderung von Inge Scholl liegt auf der ersten Phase des Widerstands, den ersten vier Flugblättern. Die Zeit nach der Heimkehr aus Russland wird vergleichsweise sehr kurz dargestellt, so dass die Abläufe um das 5. und 6. Flugblatt in einander fließen, die Verteilung der Flugblätter episodenhaft abgehandelt wird und die so riskante Anbringung von Mauerparolen als lustiger Streich wirkt. Der Kontakt mit Falk Harnack wird auf Chemnitz beschränkt, und die Verteilung der Flugblätter in der Universität liest sich mit "Sie waren beide vergnügt und guten Mutes" nicht der Tragik des Geschehens gerecht werdend.

"Legendenhaft verkürzt" gilt für die Beschreibung der Warnung von Hans Hirzel an Hans Scholl, die Verhaftung, die Verhöre und den Prozess. (Die Rolle, die der von Hans Scholl nicht vernichtete Flugblattentwurf für Christoph Probst gespielt hat, wird nicht erwähnt.)

Der Vorwurf an Inge Scholl geht dahin, dass sie ein anrührendes literarisches Denkmal für ihre Geschwister als die einzig wahre Geschichte der "Weiße Rose" immer noch positionierte als sie es längst besser wusste. In der Ausgabe 1982 wertete sie ihre eigene Darstellung so:

"Zu den Flugblättern, den Anklageschriften und Urteilen des Volksgerichtshofs kamen Augenzeugenberichte von Freunden aus dem Kreis der Weißen Rose, auch von Unbekannten. Sie brachten wenig Neues über das eigentliche Geschehen, doch vermittelten sie alle etwas von den Personen, von ihrer Atmosphäre, so subjektiv sie auch sein mochten.  ... Man darf von ihnen, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht eine Aussage zum Inhalt des Widerstands der Weißen Rose, seiner Absichten und Aktionen erwarten; sie waren eher Geschichte vom Rand. Das zentrale Geschehen blieb ausgespart."

Erst 1991 stuft sie sich als Historikerin in ihrer Entgegnung auf Wilfried Breyvogel (Piraten, Swing und Junge Garde) jedoch selbst so ein:

"Wer die Ausgaben des Buches "Die Weiße Rose" vergleicht, wird feststellen, dass sie nach Umfang und Dokumentation ständig erweitert worden sind. Das hängt mit dem Umstand zusammen, dass das Buch sich auf das beruft, was an Berichten und Aussagen auftauchte. Die Autorin ist keine Historikerin, die sich berufsmäßig Recherchen leisten konnte. Sie hat zusammengetragen, was ihr nach und nach bekannt wurde. ... "

Das war vor der Überarbeitung der hier besprochenen Ausgabe, der man diese Einschränkung im textlichen Anspruch jedoch nicht anmerkt.

Die Vorgeschichte des Buches

Im Nachwort zur Auflage des Buches 1972 schrieb Inge Scholl , dass sie das Buch 1947 für Schulklassen und heranwachsende Menschen geschrieben habe. Das ist so nicht richtig aber auch nicht ganz falsch. (In den späteren Auflagen wird diese Angabe in "in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg" geändert.) Der Hintergrund:

Ricarda Huch trug sich seit dem Kriegsende mit dem Gedanken, ein Gedenkbuch über die Persönlichkeiten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus zu schreiben (1). Sie wollte sie im Zusammenhang mit drei Widerstandsgruppen darstellen: Der "Rote Kapelle", dem "20. Juli" und der "Weiße Rose". Im Mai 1946, die 82jährige lebte damals in Jena, konnte sie in einigen deutschen Zeitungen einen Aufruf veröffentlichen, in dem sie um Material und Berichte dafür bat. Vorab hatte sie schon durch zwei ihr nahestehende Personen mit den Eltern Scholl Kontakt aufgenommen, die auch Unterstützung zusagten. In einem Brief vom 7. August 1946 (2) bestätigte das Inge Scholl gegenüber Ricarda Huch und teilte ihr mit, dass sie sehr durch die Gründung der Volkshochschule in Ulm in Anspruch genommen sei und erst jetzt dazu kommen werde. Sie schrieb:

"Darf ich Ihnen sagen, wie wohltuend es für uns und alle Freunde unserer Familie ist, dass gerade Sie, verehrte gnädige Frau, diese Aufgabe übernommen haben. Das wird ein starkes Gegengewicht bedeuten gegenüber all dem Unrat, der schon über die Lieben publiziert wurde und gegen den ich mich unaufhörlich wehren musste und weiterhin wehren werde. Freilich, die beste Waffe ist hier die Darstellung durch einen echten und berufenen Geist."

Im Frühjahr 1947 erhielt Ricarda Huch von Inge Scholl ein umfangreiches Manuskript (3).

Aus dem Begleitbrief vom 25. März 1947 (ebenfalls Anmerkung 3) geht hervor, dass Inge Scholl auch noch Abschriften von Dokumenten mitschickte und ankündigte, noch die Schilderung der letzten Tage ihrer Geschwister, sowie Brief- und Tagebuchauszüge nachzusenden. Außerdem wurde in Aussicht gestellt, "Erinnerungen an München" zu schicken, eine Ausarbeitung die Inge Scholl in den letzten Kriegstagen geschrieben hat (4). Welche dieser angekündigten Materialien Ricarda Huch noch verwenden konnte ist offen. Offensichtlich ist, dass Inge Scholl hoffte, dass die Darstellung der "Weiße Rose" mit dem bekannten Namen von Ricarda Huch verbunden werden könnte. Im Brief heißt es: Wie schön, dass Sie noch diese Art Rechtfertigung für Ihr Volk schreiben werden!

Diese Schilderung umfasst 45 Schreibmaschinenseiten und hört vor den letzten Tagen von Hans und Sophie Scholl auf. Eine Reihe von Formulierungen aus der von Inge Scholl geschriebenen Biographie hat Ricarda Huch übernommen.

Ricarda Huch, die im Oktober 1947 aus der damaligen Ostzone über West-Berlin nach Frankfurt zu ihrer Tochter ging, brachte ihr bezogen auf die "Weiße Rose" weitgehend fertiges Manuskript; in das auch noch andere Beiträge eingeflossen waren, mit in den Westen, und vollendete es, bevor sie am 17. November 1947 starb (5).

Ihre Erzählung "Die Aktion der Münchner Studenten gegen Hitler" erschien 1948 und 1949 in Ausgaben der "Neue Schweizer Rundschau" (6). Neben der Sprache, der Verwendung weiterer Berichte und dem Aufbau sind wohl der wichtigste Unterschied zu dem späteren Buch von Inge Scholl die Portraits der hingerichteten Mitglieder der Münchner Widerstandsgruppe: Neben Hans und Sophie Scholl, auch Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Professor Kurt Huber.

Die veröffentlichten Texte von Inge Scholl

Die Erben von Ricarda Huch bemühten sich damals nicht um eine weitere Verbreitung der Texte. Es ist deshalb im Grunde sehr verständlich, dass Inge Scholl 1951/52 ihre Version zur Kenntnis bringen wollte. Sie zog dazu ihre Ausarbeitung für Ricarda Huch heran. Eine Erwähnung der Zusammenhänge und eine Würdigung des Anliegens und Tuns von Ricarda Huch unterblieb.

Es gibt anscheinend einen Text von Inge Scholl aus dem Jahr 1951, der hier aber nicht vorgelegen hat. Bei Breyvogel heißt es hierzu (7): "Der Text von 1951 besteht aus noch unverbundenen Szenen und Situationen ohne geschlossene Handlungslogik". Und : "Vergleichen wir die Textfassung von 1951 mit der von 1955, dann fallen nach der ausgedehnten Biographisierung vor allem zwei Veränderungen auf. Die eine betrifft die Ergänzung der Handlungsmotive durch die Bezugnahme auf die Predigten von Galens, die andere betrifft die Konstruktion einer homogenen Verschwörergruppe um ein Zentrum."

In der Einleitung zu seinem Aufsatz hatte Breyvogel geschrieben: "Es mag überraschen: Wie bei keiner anderen jugendlichen Widerstandsgruppe sind die Ereignisse, die die Gruppe "Weiße Rose" betreffen, durch eine unmittelbar einsetzende Mythen- und Legendenbildung verstellt."
 
1952 erschien die erste Ausgabe des Buches "Die Weiße Rose" im Verlag der Frankfurter Hefte und erreichte sehr schnell mehrere Auflagen, allein im ersten Jahr sechs. Die Gesamtauflage ist hier nicht bekannt.

In der Ausgabe 1952 sind noch die Berichte von Else Gebel und Helmut F. (Fietz), Mithäftlinge von Sophie und Hans Scholl, in voller Länge abgedruckt. In der Ausgabe 1993 ist im Anhang der kurze Bericht von Fietz abgedruckt, der recht aussagefähige, anrührende von Else Gebel nicht.

Im Mai 1955 erschien das 1. bis 50. Tausend als Fischer Taschenbuch noch als Lizenz des Verlags Frankfurter Hefte, wobei die Rechte zu einem späteren Zeitpunkt an den Fischer Verlag übergingen.

Der Kern des Buches, die Geschichte der Geschwister Scholl aus der Sicht ihrer Schwester Inge, ist seit 1952 bis zur hier besprochenen Ausgabe 1993 im wesentlichen gleich geblieben.

Im August 1972 erfolgte eine Erweiterung. Erst 30 Jahre nach dem Geschehen fügte Inge Scholl einige Seiten über die Nachfolgeprozesse an und nennt auch die Namen der nicht zum Tode Verurteilten, wie Eugen Grimminger, der die letzten beiden hohen Flugblatt-Auflagen finanzierte. Geschildert wird auch das Schicksal des sogenannten Hamburger Zweigs der "Weiße Rose". Außerdem erhält das Buch nun ein Nachwort, in dem Inge Scholl den Widerstand der "Weiße Rose" interpretiert.

Im Nachwort 1972 werden Carl Muth und Theodor Haecker, deren Einfluss auf Hans Scholl ja als sehr groß und ausschlaggebend gilt, erstmals genannt.

Bis zur Ausgabe 1982 steht vor dem Abschnitt mit der Schilderung, wie Hans Scholl seinen Stammführer ohrfeigt, der Satz: "Schließlich war es zum offenen Bruch gekommen." Man konnte daraus schließen, dass danach Hans Scholl nicht mehr der HJ bzw. dem Jungvolk angehörte. Ab der Ausgabe 1982 entfällt der Satz, denn Hans Scholl blieb zwar nicht mehr Fähnleinführer, führte aber weiterhin einen Jungzug im Jungvolk der Hitlerjugend bis zum Eintritt in den Reichsarbeitsdienst. Er hätte sonst gar nicht das Abitur machen und ein Studium aufnehmen können.

Die Auflage 1982 wird als erweiterte Auflage bezeichnet. Die Erweiterung besteht darin, dass das bisherige Nachwort in ein in großen Teilen textgleiches Kapitel "Bemerkungen zu den Zielen der Weißen Rose" umgewandelt wird.

Erst in den Ausgaben ab 1982 werden im Zusammenhang mit ihren Aktionen die Namen von Willi Graf und Traute Lafrenz im Text genannt, ebenso ergeht es Otl Aicher. Ebenefalls erst jetzt wird der Name des bis dahin anonymen "silberhaarigen Gelehrten" Carl Muth im Text angegeben.

Die Auflage 1993, fünfzig Jahre nach dem Geschehen, erhält ein Vorwort von Ilse Aichinger, in der sie Konsum und Genuss und die kalten Herzen in unserer Zeit anprangert und zu Wachsamkeit auffordert. Außerdem werden als Anlagen die Urteile des ersten und zweiten Weiße-Rose-Prozesses in München sowie 12 Augenzeugenberichte und fünf Reaktionen, so die von Thomas Mann, wiedergegeben.

Die Augenzeugenberichte sind nicht in den Kernteil, Inge Scholls Beschreibung des Widerstands ihrer Geschwister Hans und Sophie, integriert. Man erfährt nicht, welche Bedeutung sie für den Text von Inge Scholl gehabt haben. Nach wie vor gibt es keine Quellenangaben noch Literaturhinweise im Kernteil.

Die Auflage des Buches
Mitte 2004 hatte der Fischer-Verlag 810.000 Exemplare des Buches von Inge Scholl verkauft, hinzu kommen die Buchklub-Auflagen und die Schulausgaben des Klett-Verlag. Für die deutschsprachige Gesamtauflage, einschließlich der Auflagen des Verlages Frankfurter Hefte, wird man mit über einer Million Exemplare die Größenordnung richtig einstufen. Dazu kommen noch die Auslandsauflagen des in mindestens 13 Sprachen übersetzten Buches (8).

Anmerkungen zum Teil „Die Vorgeschichte des Buches“
(1) Eine detaillierte Schilderung liegt im Buch von Wolfgang M. Schwiedrzik "Ricarda Huch : In einem Gedenkbuch zu sammeln" vor.
(2) IFZ, ZS/A26, Band 4
(3) Im IFZ unter ZS/A26, Band 4, vorhanden.
(4) Eine solche Ausarbeitung von Inge Scholl liegt im Institut für Zeitgeschichte im Bestand Ricarda Huch, jedoch ist der Zugang gesperrt.
(5) Ihre Manuskripte liegen im Deutschen Literatur Archiv des Schiller Nationalmuseum Marbach.
(6) Die Redaktion der Zeitschrift hatte Kürzungen vorgenommen. Der ursprüngliche Text ist durch Einfügungen aus ihren Manuskripten im Buch von Schwiedrzik "Ricarda Huch ..." erstmalig 1997 veröffentlicht.
(7) Breyvogel, S. 176 und 179
(8) Fremdsprachliche Ausgaben nach Angaben der Agentur Liepmann, Zürich, im April 2000: englisch, japanisch, holländisch, italienisch, schwedisch, norwegisch, dänisch, französisch, isländisch, bulgarisch, russisch, ungarisch. Im Sommer 2000 wurde die 13. fremdsprachliche Ausgabe – polnisch – vorbereitet.

 
Top