n Ausgabe Nr. 36/Juni 2001
Im Gespräch mit Günther Wallraff
Bereits im Februar war der Schriftsteller Günther Wallraff stationärer Patient im Klinikum Lahr. Für die "WIR ALLE!"-Redaktion unterhielten sich Peter Fuchs und Thomas Huck mit Günther Wallraff, wobei das Interview aufgrund des sehr langen – aber hochinteressanten – Gespräches nachfolgend leider nur auszugsweise wiedergegeben werden kann.

Herr Wallraff, Sie sind in den 70er und 80er Jahren bekannt geworden, als der Mann, der bei Bild Hans Esser war und durch die Reportage "Ganz unten" in der Rolle des türkischen Arbeiters "Ali". Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?

Natürlich war ich auch zuvor schon nicht ganz untätig und auch danach nicht. Ich habe jahrelang in Fabriken gearbeitet und darüber Reportagen sozialkritisch verfasst, die zum Teil dann später Schullektüre wurden und ich habe Aktionen gemacht, die sich gut hier und da in Büchern niederschlugen. Es ist mir gelungen zur Zeit des Faschismus in Griechenland unter dem Militärregime in die Situation eines politischen Gefangenen zu kommen. Das war insofern nicht so schwierig, man musste sich nur an das stillgelegte Parlamentsgebäude anketten, Flugblätter verteilen und freie Wahlen fordern. Das reichte um dann vom Militär an Ort und Stelle zusammengeschlagen und gefoltert zu werden und vom Militärgericht zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt zu werden; aber das war ja der Zweck der Übung. Ich wollte ja die Situation der vielen namenlosen Gefangenen teilen, um darüber zu berichten; aber das nur am Rande. Nach "Ganz unten" habe ich auch gemacht, was sich nicht immer in Büchern niederschlägt, ich habe von den Honoraren, von einem großen Teil der Honorare eine Stiftung gegründet – "Zusammenleben" – die es heute noch in Duisburg gibt, wo ich als verkleideter türkischer Arbeiter tätig war. Aus dieser Stiftung "Zusammenleben" hat sich ein Wohnmodell entwickelt. Gute Wohnung in guter Lage zu sozialen Mieten, ein Kulturzentrum, Nachhilfeunterricht für Kinder von Arbeitsemigranten, die oft begabt sind aber sprachliche Probleme haben. Da sind jetzt etliche bereits zum Abitur gekommen. Hier ist eine Struktur geschaffen worden, wo man miteinander auskommt, sich kennt und von daher ist der Stiftungszweck in Duisburg erfüllt. Mittlerweile gibt es jetzt noch eine Erweiterung der Stiftungsinitiative, bei der Asylbewerbern geholfen und mit Rat und Tat zur Seite gestanden wird. Daneben habe ich mich in Menschenrechtsfällen betätigt. Zum Beispiel war ich am Rande beteiligt, was die Freilassung des deutschen Geschäftsmanns Hofer betraf, der im Iran zum Tode verurteilt war, weil man ihm ein Verhältnis mit einer Moslimin nachgesagt hat, was tragischerweise nicht mal stimmte. Viele Sachen wo ich nicht drüber rede, weil es Leuten schaden könnte, wo ich aber geholfen habe. Ansonsten gibt es eine große neue Arbeit die ich jetzt hoffe nach erfolgreich verlaufender Operation wieder angehen zu können. Diese Arbeit musste ich immer wieder unterbrechen, da ich aufgrund von Knochenproblemen teilweise gelähmt war und ich mich so gut wie nicht mehr bewegen konnte.

Das führt uns natürlich zu der Frage, wie Sie gerade auf unsere Klinik gekommen sind?

Ja, es war eine komplizierte Operation, weil es eine Koppelung mit einem Bandscheibenschaden war. Ich habe von daher, was so meine Art ist, auch recherchiert und habe unter bestimmten Gesichtspunkten dann auch andere gute Operateure konsultiert. Dann aber führte die Spur letztlich über mehrere Stränge hierher, weil es hier halt in Professor Schmelzeisen einen Operateur gab, einen Meister seines Faches, der diese komplizierte Operation sowohl schonender vornahm und gleichzeitig weniger Blutverlust entstand. Auch die Operationsdauer war bei anderen fast doppelt so lange. Das spielt alles eine Rolle und siehe da, nun bin ich – allerdings erst mal auf Krücken – wieder auf den Beinen. Ich lief ja nur noch wie eine geknickte Eins. So hat sich das jetzt verhältnismäßig schnell entwickelt. Da ich früher sehr viel Sport gemacht habe und selbst als ich kaum noch laufen konnte, habe ich Ausgleichssport, Hochseekajak, gemacht. Von daher habe ich es in den Armen, also kann ich mit den Krücken jeden Tag in die Altstadt runter, 3 Kilometer runter, 3 Kilometer hoch und lerne auch noch den Charme so einer kleinen Altstadt kennen. Ich muss sagen, ich fühle mich hier wohl. Das hat hier im Gegensatz zu manchen Großkliniken, die sicher auch gut sind, ein menschlicheres Maß. Es ist überschaubar und hat trotzdem den Standard an dem sich wenige Großkliniken mit messen können. Und dann auch noch die Freundlichkeit von hier, vom Pflegepersonal, was man sich nur wünschen kann und was in unserer jetzigen durch Gesundheitsreformen gebeutelten Krankenkassenszene längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Wie kennen Sie sich bei gesundheitspolitischen Themen aus?

Es ist nicht mein Fachgebiet, aber man hört so einiges. Ob man will oder nicht. Sowohl von Seiten der Ärzte wie von Seiten der Betroffenen, der Patienten wie auch der Krankenkassenvertreter. Im Moment ist der Trend im gesamten Gesundheitswesen sozusagen hin zu einer Klassengesellschaft: Die jungen Gesunden werden rausgelockt in die preiswerteren Tarife. Das bedeutet, das gesamte soziale Netz wird dadurch durchlöchert, die Kosten werden hochgetrieben und die Kassen selber können die Leistung nicht mehr bringen. Ich habe aber auch Kritik an unserer Gesundheitspolitik.

Wäre das ein Thema für Sie?

Also, was auch ein Thema wäre – Altenheime. Ein kaum öffentlich diskutiertes Thema. Ein ganz stark tabuisiertes Thema, keiner will so richtiges genau wissen. Viele, die ihre Eltern dann auch nicht mehr ruhig dahin geben könnten – und so genau wollen sie es oft nicht wissen. Das Pflegepersonal ist total überlastet, gar nicht richtig ausgebildet zum Teil, sprachlich oft nicht in der Lage. Also da habe ich Sachen erfahren, dass ich sagen würde, wenn ich jetzt ein paar Jahre älter wäre ... – Jetzt bin ich ja durch die gelungene Operation demnächst wieder flügge. Sonst wäre es das Thema.

Ich möchte noch einmal auf den Anfang zurück kommen, als wir nach Ihrer derzeitigen Tätigkeit gefragt haben. Sie hatten schon angekündigt, dass Sie momentan wieder an etwas dran sind. Verraten Sie uns, um was es geht?

Man muss ja sagen, ich werde wohl noch etwa drei Monate mit den Krücken entlasten müssen. Wenn ich die hinter mich schmeiße, dann geht es wieder richtig los - mit Spaß und auch in einer Rolle, wo ich nicht erkannt bin. Die Rolle ist schon vorbereitet, ist auch schon erprobt. Aber ich konnte sie nicht durchgängig durchhalten, wegen der ständigen Rückfälle. Es ist nicht wesensfremd, es ist ein Thema, was nicht davonläuft, was sich ausweitet. Ein soziales Thema.

Dann können wir mal gespannt sein. Herr Wallraff, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen ihnen für die Zukunft alles Gute.


Zur Person

Günther Wallraff wurde 1942 in Burscheid bei Köln geboren.
Nach Abschluss einer Buchhändlerlehre (1962) leistete Wallraff als Kriegsdienst- verweigerer Wehrersatzdienst. Anschließend arbeitete er in verschiedenen Unternehmen und verwertete die dabei gewonnenen Erfahrungen in verschiedenen Reportagebänden. Besonderes Aufsehen erregte Wallraff mit seinen verdeckten Recherchen innerhalb der Redaktion der "Bild-Zeitung" und ihrer Dokumentation Ende der 70er und Anfang bis Mitte der 80er Jahre. Als politisch wirksam erwies sich Wallraffs Reportage in der Rolle "Alis", eines türkischen Arbeiters, über den menschenverachtenden Handel mit Leiharbeitern ("Ganz unten", 1985).


Will nach seiner Genesung ein neues Thema angehen:
der Schriftsteller Günther Wallraff.

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