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Bayerns Seen - der Teichmuschel zu sauber?

von links: Teichmuschel, Malermuschel, 3 Bachmuscheln, Flussperlmuschel © Susanne Hochwald
Von links: Teichmuschel, Malermuschel, 3 Bachmuscheln, Flussperlmuschel

Zugegeben: Mit den farbenfrohen Muscheln der Weltmeere können unsere heimischen Süßwassermuscheln nicht mithalten. Die Muscheln in bayerischen Gewässern sind weiß, braun oder schwarz gefärbt, bestenfalls dezent gestreift. Trotzdem ist ihre Lebensweise nicht weniger interessant als die ihrer Verwandten unserer Urlaubsländer. Insgesamt gibt es in Bayern etwa 30 Muschelarten. Grob unterschieden werden sie in Großmuscheln von maximal 30 Zentimetern Länge und Kleinmuscheln, deren Größe von zwei Millimetern bis zu zwei Zentimetern variiert.


Aktion gegen das Muschelsterben
Nachwuchs- und ausgewachsene Flussperlmuschel © dpa
Nachwuchs- und ausgewachsene Flussperlmuschel
Dem Landschaftspflegeverband Passau ist eine kleine Sensation geglückt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben in einem aufwändigen Prozess über tausend Jungmuscheln produziert, die am 6. Juli bei der Brücke in Kalteneck in die Ilz eingesetzt wurden.

In dem Wildfluss ist die Situation dramatisch: Dort leben nur mehr 300 Flussperlmuscheln, was Franz Elender vom Landschaftspflegeverband als Katastrophe bezeichnet. Um doch noch Nachwuchs zu schaffen, hat ein Team um Franz Elender in einem Behälter die Eier - Glochidien in der Fachsprache – einer trächtigen Muschel aufgefangen. Weil für die weitere Entwicklung eine Bachforelle als Zwischenwirt nötig ist, wurden diese Fische in dem Wasser gebadet, so dass sich in den Kiemen jeweils Hunderte von Eiern festsetzten.

Die Bachforellen überwinterten dann in einer Fischzucht bei Eging und See und wurden dann, kurz bevor die Muscheln abfielen, zu einem Biologen nach Regensburg gebracht. Robert Meier hielt die Fische in einem Aquarium mit Regenwasser und filterte schließlich den Boden ab. “Dieses Mal war der Erfolg mit über tausend Muscheln, die auf diese Weise gewonnen wurden, besonders groß”, freute sich Franz Elender. Die Muscheln befinden sich in einer Lochplatte aus Plexiglas, um so in einer geschützen Umgebung die nächsten zwei Jahre zu überstehen.

Die Invasion der Dreikantmuschel

Anfang der 90er-Jahre stellten Fischereiwissenschaftler durch Zufall ein flächendeckendes Sterben der Großen Teichmuschel in den großen oberbayerischen Seen fest. Untersuchungen haben gezeigt, dass weder Krankheiten noch Gifteinträge, sondern eine andere Muschelart die Hauptschuld dafür trägt: Dreissena, die kleine Dreikantmuschel, die im 19. Jahrhundert aus Vorderasien nach Mitteleuropa kam.

Zwergstrohblume © BR
Dreikantmuscheln auf einer Teichmuschel Klicken sie hier für eine vergrößerte Version des Bildes
Die Dreikantmuschel setzt sich auf den Großmuscheln fest, vorwiegend an den Einströmöffnungen, und macht dort ihren Wirtstieren das angesaugte Futter streitig. Bis zu 600 Dreikantmuscheln wurden schon auf einer einzigen Großmuschel gezählt. Ein Ballast, der die Großmuscheln nahezu unbeweglich macht, wertvolle Energie kostet - und meist auch das Leben. Im Tegernsee, dem Starnberger See und wohl auch in Ammer- und Chiemsee sind die Großmuscheln weitgehend abgestorben.

Am liebsten warm und dreckig

Heute ziehen Fachleute einen weiteren Grund für den Rückgang der Teichmuschel in Betracht: Möglicherweise kommt sie nicht damit zurecht, dass die großen bayerischen Seen seit einigen Jahren immer sauberer werden. Vor 200 Jahren habe es vermutlich keine oder fast keine Großmuscheln in den großen Seen gegeben, erklärt Fischereiberater Peter Wißmath. "Die sind erst nach der Industrialisierung gekommen, nachdem die Abwässer in die Seen gelaufen sind".

Von diesen Verschmutzungen hatte die große Teichmuschel offenbar profitiert. Denn abwasserbelastete Gewässer sind nährstoffreich und bieten somit einen reich gedeckten Tisch. Ob die Teichmuschel in den großen Seen jemals wirklich heimisch war und ob es die Kläranlagen sind, die zu ihrem Rückgang beigetragen haben, muss erst noch erforscht werden. Fest steht bislang nur, dass diese Muschelart in kleineren Teichen weiterhin gut gedeiht.

Jungmuscheln ersticken im Schlamm

Schlecht steht es auch um andere Muschelarten Bayerns, vor allem um die Flussperlmuschel. Sie ist zu anspruchsvoll für unsere heutigen Gewässer, denn die Perlmuschel benötigt Gewässergüte eins zum Überleben. Und die wird selbst in sehr sauberen Bächen und Flüssen nur äußerst selten erreicht.

Probleme mit ihrem Lebensraum haben auch die Jungmuscheln. Die Gewässersedimente haben sich mit der Zeit verändert - vielerorts verschlammt der Bachuntergrund immer mehr. Während der ersten Lebensjahre, in denen sich die Muscheln im Untergrund vergraben, drohen sie deshalb zu ersticken. Kiesigen Untergrund zum Laichen aber benötigt auch die Bachforelle, das Wirtstier der Flussperlmuschel. Je seltener sie wird, desto schwerer haben es die Muscheln.

Der Beitrag der Landwirtschaft

Schuld an der "Atemnot" des Muschel-Nachwuchses sei auch die Landwirtschaft, sagen Fachleute. Denn von den überdüngten Feldern werden Nährstoffe in die Gewässer geschwemmt, was das Algen- und Bakterienwachstum anregt. Als Folge sinkt der Sauerstoffgehalt des Wassers. Verschiedene Muschelschutzprogramme setzen deshalb unter anderem darauf, an Bächen Schutzstreifen anzulegen, in denen keine Landwirtschaft betrieben wird. Zwei neue EU-Projekte sollen in Kürze starten, doch nicht jeder Landwirt ist erfreut darüber. "Worauf wir jetzt warten, ist die Bereitschaft der Landwirte, ihre Flächen für diese Projekte zur Verfügung zu stellen", sagt Leberecht Eike von der Oberen Naturschutzbehörde Oberfranken.

Lebenserwartung von 130 Jahren

Außer in der Größe unterscheiden sich Groß- und Kleinmuscheln auch in ihrem Lebensalter. Bis zu 130 Jahre können Großmuscheln wie die Bachmuschel, die Malermuschel oder die Flussperlmuschel werden. In Mitteleuropa erreichen sie immerhin 80 bis 100 Jahre. Kleinmuscheln dagegen sterben in der Regel schon nach wenigen Jahren. Gemein ist allen Muscheln ihr Aufbau aus zwei kalkhaltigen Schalen, die am Rücken durch ein elastisches Band zusammengehalten werden.

Nahrungsaufnahme im Durchlaufprinzip

Im Inneren befindet sich der so genannte Weichkörper - einen großen Teil davon nehmen die Kiemen ein. Die Muscheln benutzen sie sowohl zur Sauerstoffversorgung als auch für die Ernährung. Über eine große Einströmöffnung am Hinterende saugt die Muschel Wasser ein und lässt es gleichmäßig über die gitterförmigen Kiemenblätter zirkulieren. Neben dem lebensnotwendigen Sauerstoff werden an den Kiemen Nahrungspartikel ausgefiltert: Algen und feines, zerfallenes organisches Material. Ungenießbare Schwebstoffe und die unverdaulichen Reste einer Muschelmahlzeit werden mit dem verbrauchten Atemwasser nach außen transportiert.

Muscheln können klettern

Großmuscheln leben meist, bis auf die Ein- und Ausstromöffnungen eingegraben, ihr Leben lang am selben Ort. Trotzdem können sich Muscheln auf die Wanderschaft begeben, zum Beispiel wenn starke Fröste drohen, sich die Sauerstoffverhältnisse vor Ort verschlechtern oder Nahrung knapp wird. Als "Fuß" benutzen sie einen dreieckigen Muskellappen, den sie gezielt zusammenziehen und entspannen können. Kleinmuscheln sind noch mobiler. Wie Wasserschnecken kriechen sie auf dem Gewässerboden umher oder klettern auf Wasserpflanzen.

Fünf Millionen Muschellarven

Flussperlmuschel mit Jungen © BR
Flussperlmuschel mit Jungen Klicken sie hier für eine vergrößerte Version des Bildes
Wesentlich komplizierter ist die Fortpflanzung der Muscheln. Im Gegensatz zu den zwittrigen Kleinmuscheln sind Großmuscheln in der Regel getrenntgeschlechtlich, es gibt männliche und weibliche Tiere. Die Männchen stoßen mit ihrem Atemwasser Samenzellen aus, die von den Weibchen durch die Atemöffnungen eingestrudelt werden. An den Kiemen erfolgt dann die Befruchtung der muscheleigenen Eizellen. Je nach Art schlüpfen nach mehreren Wochen oder Monaten zwischen den Kiemenlamellen winzige Muschellarven, die "Glochidien". Eine Flussperlmuschel produziert während einer Fortpflanzungsperiode etwa drei bis fünf Millionen dieser 0,05 Millimeter kleinen Larven.

Fische als Zwischenwirt

Forelle ©  BR
Nach einiger Zeit entlässt die Muschelmutter ihren Nachwuchs ins Gewässer. Dann beginnt der Wettlauf mit der Zeit, denn die Larven jeder Muschelart benötigen einen oder mehrere Wirtsfische für ihre weitere Entwicklung. Bei der Perlmuschel ist das die Bachforelle. Mit winzigen Zähnchen an den Vorderkanten ihrer Schalen hakt sich die Muschellarve in die Kiemen oder die Haut eines vorbeischwimmenden Fischs. Der Fischorganismus reagiert auf den kleinen Parasiten wie auf einen Fremdkörper. Fischgewebe umwuchert die Larve und bildet eine Zyste. Im Schutz dieser Zyste entwickeln sich die Glochidien zur Jungmuschel. Ist die Entwicklung abgeschlossen, platzt das Gewebe auf und gibt seinen Gast frei. Die Jungmuscheln vergraben sich dann während der ersten Lebensjahre tief im Gewässerboden.



Weitere Informationen
Fischereiberater Dr. Peter Wißmath
Bezirk Oberbayern
Vockestraße 72
85540 Haar
Tel: 089 / 452 34 90

Life-Natur-Projekt
Bezirk Oberfranken
Ludwigstr.20
95444 Bayreuth
www.life.bezirk-oberfranken.de

Wasserwirtschaftsamt Bayreuth
Wilhelminenstr.2
95444 Bayreuth
Tel: 09 21 - 6 06 06
Fax: 09 21 - 6 06 25 55
E-Mail: poststelle@wwa-bt.bayern.de
Internet: www.bayern.de/wwa-bt/
Informationen zu Muscheln in Bayerns Gewässern.

Wasserwirtschaftsamt Hof
Jahnstraße 4
95030 Hof
Tel: 0 92 81 - 89 10
Fax: 0 92 81 - 89 11 00
E-Mail: poststelle@wwa-ho.bayern.de
Internetwww.bayern.de/wwa-ho/
Das Ökosystem der Perlmuschelgewässer und sein Schutz.


Quelle: Unser Land und Landwirtschaft & Umwelt
 
 
Stand: 15.07.2004