Chronik 1989

Unter Arie Haan erreicht der VfB das Finale im Uefa-Pokal. Im Neckarstadion bewundern die Zuschauer Diego Maradona. Der VfB unterliegt jedoch dem SSC Neapel (1:2, 3:3).

EIN HEISSER TANZ AM FUSSE DES VULKANS
VON MARTIN HÄGELE UND HORST WALTER

Gerassimos Germanakos. Ein Bilderbuch-Grieche. Ein Ehrenmann, so hieß es zuvor, dem könne man trauen. Aber dann ist es doch so gekommen, wie man befürchten musste. Denn dass ein Schiedsrichter bei seinem allerletzten internationalen Auftrag die Kraft aufbringt, gegen einen Fußball-Gott, die Mafia und die verrückteste Fußball-Stadt der Welt anzukämpfen, das wäre gegen die menschliche Natur gewesen.

Gerassimos Germanakos hat sich umsingen lassen. Waren es die neapolitanischen Mädchen, die man ihm ins Bett legte? Das Häuschen auf der Insel, das Segelboot? Die Geschenke der ehrenwerten Gesellschaft, die man nicht ablehnen darf? Oder erlag der Mann mit dem klassischen Namen ganz einfach der Macht und Magie eines kleinen, pummeligen Zauberers, für den die Regeln dieses Spiels außer Kraft gesetzt wurden?

Beim europäischen Fußball-Verband hat man sich geschämt hinterher und entschuldigt für die Ansetzung dieses Unparteiischen. Dass man den Griechen auch noch sperrte - wie kann man einen Schiedsrichter, nachdem er zurückgetreten ist, dümmer bestrafen' - werteten Stuttgarter, Deutsche und alle objektiven Fußballfreunde als sichtbares Zeichen für das schlechte Gewissen.

Der VfB Stuttgart besaß, als er ins Finale um den UEFA-Cup eingezogen war, keine internationale Lobby. Maradona und Co., die Alemaos, Carecas und Carnevales, der italienische Meister von '87, das war eine große Hausnummer im Geschäft. Selbst die Münchner Bayern waren sich im Halbfinale gegen dieses Star-Ensemble wie die kleinen deutschen Würste vorgekommen. Das 2:2 im Münchner Olympiastadion hatte den Gastgebern geschmeichelt, und neidlos hatten Klaus Augenthaler und seine Nebenleute die Extraklasse der Neapolitaner Angreifer akzeptiert.

Doch als sich am 3. Mai 1989 die roten Nebelschwaden verzogen hatten, kam da eine deutsche Mannschaft aus dem Rauch, die sich mit ganz anderem Elan gegen die programmierte Niederlage stemmte. Diese Stuttgarter versteckten sich nicht. Asgeir Sigurvinsson war der Mann, um den sich alles drehte.

Jürgen Hartmann wirbelte wie aufgezogen um Diego Maradona herum, was dem kleinen Argentinier überhaupt nicht passte.

Und plötzlich zappelte der Ball im Netz hinter Giuliani. Ein bisschen glücklich war der Führungstreffer durch Maurizio Gaudino gewesen. Aber keinesfalls unverdient. Bis zur Pause ging keines der bengalischen Feuer wieder an. Mamma mia, was waren diese Schwaben für Kerle! Der SSC Neapel stand unter Schock, nachdem er zum erstenmal in diesem Wettbewerb in eigener Arena ein Gegentor kassiert hatte.

Zur Halbzeit zeigten ein paar tausend Stuttgarter Daumen nach oben. Rotweiße Fans machten schon die Rechnung auf, wie man mit den Italienern erst umgesprungen wäre, wenn Jürgen Klinsmann nicht dort unten auf der Bank sitzen, sondern mit seinen langen Sprints und Soli die Abwehr der Neapolitaner aufreißen würde. Eine gelbe Karte aus dem Halbfinal-Rückspiel bei Dynamo Dresden zwang den stärksten Angreifer des VfB zum Zuschauen. Diese Verwarnung war schon ein Witz gewesen, doch gar kein Vergleich zu jenen grausamen Entscheidungen, mit denen Gerassimos Germanakos in den zweiten 45 Minuten die Niederlage der Cannstatter einleitete.

Obwohl Diego Maradona den Ball im Stuttgarter Strafraum für alle menschlichen Wesen sichtbar mit der Hand mitgenommen hatte, übersah der Schiedsrichter diesen Regelverstoß. Er pfiff erst, als Maradona Schäfer an die Hand schoss - Elfmeter. Und obwohl jedermann im Stadion sah, daß Guido Buchwald den Ball gespielt und seinen Gegenspieler Careca nicht einmal berührt hatte -Gelb für den Stuttgarter. Damit war klar, dass der stärkste Abwehrmann des VfB im Rückspiel zugucken mußte. Das war zu viel für die Moral der Schwaben. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf Neapel gelang im Schlussspurt das 2: 1.

Damit war der Fisch, sprich der UEFA-Pokal, für die Neapolitaner geputzt. Die VfB-Profis hätten im Neckarstadion über sich hinauswachsen müssen, um gegen diese ausgefuchste Truppe eine Chance zu haben. Präsident Mayer-Vorfelder hatte dies wohl geahnt ? er nahm in der Nacht zuvor die silberne Trophäe mit ins Bett. Dass sie in der Vitrine der Cannstatter Geschäftsstelle stehen würde, blieb ein schöner Traum.

Und der Mannschaft blieb die internationale Anerkennung. 3:3. Nicht verloren gegen diese italienisch-südamerikanische Auswahl von Weltklassespielern. Dass Napoli ein verdienter UEFA-Sieger war, hat selbst der harte Kern unter den Stuttgarter Fans anerkannt. Neidlos sogar. Für die rund 50000 VfB-Anhänger im ausverkauften Neckarstadion blieb diese Nacht eine unvergessene Erinnerung an das Ball-Genie Maradona. So hat in dieser Arena noch keiner mit dem Ball gezaubert. Sie wollten ihn nieder pfeifen, dieser arrogante Argentinier sollte büßen für seine Schauspielerei, für diese hinterfotzige "Hand Gottes" aus dem Vorspiel.

Doch als der kleine Capitano des LO Weltmeisters dann beim Warmspielen mit dem Ball tanzte - vergiss Pel6, Beckenbauer, Fritz Walter, alles, was du je erlebt oder man dir von Artistik und Ballkunst erzählt hat, da nahmen immer mehr Leute ihre Finger aus dem Mund. Und auf einmal erhoben sie sich von ihren Sitzen. Standing Ovation für den Star des Gegners, der von einem anderen Fußball-Globus stammen musste.

 

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