Mohammed Al Sahaf - we miss you

Ein wenig vermisst man ihn, Mohammed Al Sahaf, den sie in Amerika "Baghdad-Bob" nannten, den kleinen Mann mit Brille und schwarzem Barett, Saddams Informationsminister, der plötzlich in unser Leben trat wie Peter Arnett von CNN im Irak-Krieg 1991 oder Nato-Sprecher Jamie Shea im Jugoslawien-Feldzug. Leute, die einen von einem Tag auf den anderen wochenlang begleiten und dann verschwinden - wohin? Baghdad-Bob sagte Sätze wie „Die US-Söldner begehen Selbstmord an den Mauern Bagdads" oder „Sie werden sich ergeben oder sie werden verbrannt werden in ihren Panzern" oder „Gott grillt ihre Mägen in der Hölle". Unvergessen, wie Al Sahaf - unter freiem Himmel, weil sein Pressekonferenzraum zerbombt war - von der Abschlachtung aller Amerikaner am Flughafen sprach, während hinter ihm ein US-Panzer durchs Bild rollte. Das war groß, sehr groß.

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Natürlich war dieser Mann eine miserable Kreatur, ein Schleimling an Saddams Hof, ein stiefelleckender Hund des Terrorfürsten, möge sein Fleisch verfaulen im Napf des Höllenhundes, möge seine ekelhafte Seele in Höllenwasser sieden... (Wir haben ihm zu oft zugehört, Al Sahaf, man merkt es, was?) Aber er war sehr komisch, das einzig Komische am Krieg, und er hatte Format. „Ich sehe ihn voller Bewunderung", sagte John Buckley, 1996 Pressesprecher des Präsidentschaftskandidaten Bob Dole, „denn wenn es zu Ende geht, kommt es auf Haltung an." Haltung? Stil? Nein, das war es auch nicht, er war eine becketthafte Figur, ohne Bezug zur Realität, die Wirklichkeit zum Schluss nicht mal mehr leugnend, sondern einfach neben ihr lebend oder über oder unter ihr, jedenfalls woanders.

Es gibt in jedem von uns einen Al Sahaf, der die Wahrheit nicht wissen will: „Nein, sie hat mich nicht verlassen, sie liebt mich und nicht jenen impotenten Hund, an dessen Seite man sie gestern sah." Oder so: „Lächerlich, die Schmerzen in der Brust, es gibt sie nicht, oder wenn es sie gibt, handelt es sich nur eine Verspannung, sie werden vernichtet von meiner strotzenden Gesundheit, die Schmerzen." In den Führungsriegen abstürzender Börsenlieblinge sahen wir sahafsche Typen. An Wahlabenden begegnet man ihnen. Auch bei der Bahn, die ihr surreales Tarifsystem verteidigt, ist Sahafismus nicht unbekannt und gewiss nicht bei jenen Freunden, welche die Regierung Bush für nichts als eine Verbrecherbande halten, geschehe, was will. Im Grunde sollte Baghdad-Bob weiter machen, in einer Art Happening, er sollte einen Pavillon auf der Biennale bekommen oder der documenta oder als Pressesprecher bei Schill, weiter Behauptung um Behauptung aufstellen, die Anwesenheit von Amerikanern im Irak oder die berechtigten Forderungen der Bambule nach selbstbestimmtem Leben leugnen, egal was passiert, ganz egal.

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