...mit rund 370.000 Mitgliedsfamilien der bundesweit größte Verband für selbstnutzende Wohneigentümer
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Der Energieausweis und das Einfamilienhaus

(1. August 2006)

Energiesparen ist angesichts der steigenden Energiekosten in aller Munde. Die Bundesregierung wird in diesem Jahr mit der Novelle der Energieeinsparverordnung (EnEV) auch den sogenannten „Energieausweis“ einführen. Er beruht auf der EU-Gesamtgebäudeenergieeffizienzrichtlinie vom 16.12.2002 und soll Hauskäufern, Mietern und Hausbesitzern beim Energiesparen helfen. Ob er das so ohne weiteres leisten kann und was dabei zu beachten ist, haben wir Herrn Dipl.-Ing. Konrad Fischer, Architekt und Altbauexperte aus Hochstadt am Main befragt. Sein Online-Magazin auf www.konrad-fischer-info.de widmet sich schon seit Jahren auch der Energieeffizienz im Altbau. Das Interview führte Manfred Rosenthal, Chefredakteur der Verbandszeitschrift "Familienheim und Garten" (F+G).

F+G: Der Energieausweis ist als Energiesparinstrument angekündigt und bewertet die energetische Qualität der Gebäudeaußenhaut mit Dach, Fenster und Türen sowie die Heizungstechnik und Abgaswärmeverluste. Für das selbstgenutzte Einfamilienhaus muss er zwar nicht sofort nach seiner Einführung angefertigt werden, aber spätestens bei Verkauf und Vermietung des Hauses oder einer Wohnung. Mehrere Modelle sind derzeit in der Diskussion. Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Unterschiede?

Konrad Fischer

Konrad Fischer
Dipl.-Ing./Architekt
Fischer: Mit dem Energieausweis muss das Bauwerk energetisch klassifiziert werden, um Kauf- und Mietinteressenten als verbraucherfreundliche Entscheidungshilfe zu dienen. Auch Modernisierungstipps werden wohl enthalten sein. Als Grundlage der Klassifizierung soll nach dem Vorschlag von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos vom 7. April 2006 wahlweise der nach Norm berechnete Energiebedarf oder der tatsächliche Energieverbrauch zugrunde gelegt werden. Für den Bedarfsausweis wird es ein vereinfachtes und ein ausführliches Rechenverfahren geben, der Verbrauchsausweis ergibt sich aus den vorliegenden Energiekostenabrechnungen. Hieraus ergeben sich gravierende Unterschiede bei den Kosten für die Passausstellung und der Klassifizierung.

F+G: Können Sie das näher erläutern? Eigentlich sollten doch alle Methoden zum gleichen Ergebnis führen.

Fischer: Nicht unbedingt. Da die Energiebedarfsberechnung nur im Labor gültige Rechenwerte und Minderungsfaktoren für Großbauten ansetzt, ist gerade bei kleineren Gebäuden ein wesentlich schlechteres Ergebnis zu befürchten, als der tatsächliche Energieverbrauch belegt. Im Klartext: Meistens verbrauchen gerade massiv gebaute Wohnhäuser wesentlich weniger Energie, als die utopische Energiebedarfsberechnung vorspiegelt.

F+G: Was ist dafür die Ursache?

Fischer: Die Energiebedarfsberechnung benutzt normierte Rechenformeln, die das tatsächliche Verhalten der Hauskonstruktion im Tages- und Jahresablauf nicht korrekt wiedergeben können. Der U-Wert (früher k-Wert) der Gebäudehülle und die zugrunde liegende Bestimmung der Wärmeleitfähigkeit in der Klimakammer beurteilen vorwiegend die Wärmeübergabe der Heizluft an die Außenbauteile. Logischerweise müssen Massivbauteile hier schlechter abschneiden, da sie von anströmender Heizluft mehr Wärmeenergie aufnehmen und ableiten können. Viel wesentlicher ist jedoch auch hier die Wärmestrahlung aus den innenliegenden speicherfähigen Bauteilen.

F+G: Doch durchdringt nicht auch von außen Wärme die Gebäudehülle?

Fischer: Auch hier schneiden Massivbauteile deutlich besser ab als leichte Dämmstoffe. Ein Massivhaus verwertet die kostenlose Solarenergie und die Speicherfähigkeit der Bauteile besser. Was tagsüber in der Gebäudehülle eingespeichert wird, erhöht auch in der Nacht dessen Temperatur. Das senkt die Heizkosten. Und bleibt im heißen Sommer doch angenehm kühl – ganz ohne teure Klimaanlage.

F+G: Wir haben in zwei großangelegten Untersuchungen, zuletzt gemeinsam mit dem Bauherrenschutzbund, den tatsächlichen Wärmeverbrauch in den Altbauten unserer Mitglieder ermittelt. Er liegt im Durchschnitt weit unter den Erwartungen, das hat uns überrascht. Mit einem geringen Einsparpotential können teure Energiesparinvestitionen freilich nicht wirtschaftlich durchgeführt werden. Woher kommt dann aber der Mehrverbrauch in einigen Altbauten, den es nach Ihren Erläuterungen doch nicht geben sollte?

Fischer: Viele Massivhäuser verbrauchen weitaus weniger Energie, als die nur für Leichtbauweise günstige Bedarfsberechnung ermittelt. Ausnahmen kann es aber durch ungünstige Heizsysteme geben. Träge Fußboden- und Wandheizungen verlieren in den umgebenden Baustoffen große Energiemengen, die dann der Raumerwärmung fehlen. Auch übertriebene Nachtabsenkung erhöht den Energieverbrauch. Das nächtliche Abkühlen lässt den Bau gerade dann unversorgt, wenn es draußen kälter wird. Er nimmt dann vermehrt Kondensat auf, verschimmelt leichter und muss tagsüber mit hohem Energieaufwand wieder auf- und trockengeheizt werden. Wer von A nach B fährt, verbraucht mit gleichmäßigem Tempo viel weniger Sprit, als bei ständigem Wechsel von Gaspedal und Bremse. Beim Heizen ist das nicht anders. Und auch die Raumluftfeuchte spielt eine Rolle: Trockene Luft – bei Fenstern traditioneller Bauart ohne Lippendichtung und Sollkondensation an den äußeren Scheiben der Regelfall – kann mit deutlich weniger Energie erwärmt werden, als feuchte. Wenn die teuer erhitzte Feuchtluft dann abgelüftet wird, erhöht das auch den Energieverlust.

F+G: Was heißt das alles für den Energieausweis?

Fischer: Ich empfehle den preisgünstigeren und technisch überlegenen „Verbrauchspass“ auf Grundlage der tatsächlichen Energieabrechnung. Wenn hierzu die Grundlagen fehlen – und für Neubauten wäre zumindest eine korrigierte Energiebedarfsberechnung sinnvoll – angepasst an die Realitäten des Massivbaus und der Wärmeleitung. Das kostet auch nicht mehr als ein allzu schlecht klassifizierender Norm-Energieausweis, der dann den Immobilien- und Mietwert mindert und zu unwirtschaftlichen Energiesparinvestitionen animiert.

F+G: Apropos Kosten. Es wird behauptet, dass der Energieausweis etwa 250 Euro kosten soll. Erwarten Sie das auch?

Fischer: Wahrscheinlich nur, wenn alle Daten vorliegen. Dies dürfte aber kaum vorkommen und den Aufwand für den umständlich berechneten „Bedarfspass“ inklusive Ortstermin (!) auch nicht decken. Auf Zertifizierungsseminaren der Energieberater wird deshalb auch eingeübt, wie man mit teuren Bestandsaufnahmen dennoch auf seine Kosten kommt. 1.000 Euro sind dann schnell überschritten. Die Verbrauchskosten liegen demgegenüber in aller Regel vor, der Pass ist damit schnell und günstig zu erstellen. Ein Verbrauchspass dürfte also immer die günstigste Alternative sein. Die Wahlmöglichkeit nach dem Tiefensee-Glos-Vorschlag ist deswegen auch die einzige verbraucherfreundliche Lösung.

F+G: Aus interessierten Kreisen ist aber zu hören, dass der Verbrauchspass falsche Ergebnisse liefert, da er das Nutzerverhalten – man spricht von „Bademarotten“ ungebührlich berücksichtigt.

Fischer: Das ominöse „Nutzerverhalten“ wurde bisher immer als wohlfeile Ausrede bemüht, um den enttäuschten Energiesparinvestoren oder mit „energiesparbedingten“ Modernisierungsumlagen belasteten Mieter ruhigzustellen. In aller Regel liegt nämlich der Energieverbrauch nach teuer eingebauter Zusatzdämmung und sonstigem Klimbim weit höher, als berechnet. Hier musste also bisher schon das angebliche Nutzerverhalten herhalten, wenn die Energiesparinvestition im wirtschaftlichen Desaster landete. Bei der Auswertung von langjährigen Energieverbrauchszahlen ist die statistisch belastbare Datenbasis für einen qualifizierten Energieausweis selbstverständlich gegeben und das Nutzerverhalten spielt da rechnerisch keine Rolle. Ihre eigenen Erhebungen im Mitgliederkreis belegen das hinreichend. Das einzig nachvollziehbare Argument gegen den Verbrauchsausweis ist die Minderung der bauwirtschaftlichen Umsatzerwartungen. Aus Verbrauchersicht erscheint das aber hinnehmbar.

F+G: Wenn ich zusammenfassen darf, sind Sie, Herr Fischer, der Auffassung, dass der aufwendige und teure „Bedarfspass“ lediglich theoretische Werte liefert, wobei die Vorteile der Massivbauweise gegenüber der Leichtbauweise plus Dämmung plus Belüftungssystem gar nicht berücksichtigt werden. Das hieße für viele Eigenheime, dass sie schlecht taxiert würden. Die zwangsläufige Folge ist eine Wertminderung des Gebäudes, die nur durch ansonsten unwirtschaftliche Energiesparinvestitionen ausgeglichen werden kann. Sie plädieren daher dafür, dass die selbstnutzenden Wohneigentümer die Wahlfreiheit haben und sich für den „Verbrauchspass“ entscheiden können.

Fischer: Ja, so könnte man – kurzgefasst – meine Einschätzung wiedergeben.

F+G: Letzte Frage: Wer darf den Energieausweis ausstellen?

Fischer: Zertifizierte Energieberater, Schornsteinfeger und Handwerksmeister sowie alle bauvorlagenberechtigte Planer. Der Hausbesitzer hat also eine große Auswahl und sollte deswegen die Angebote kritisch vergleichen und erst mal abwarten, bis die Ausgestaltung des Energieausweises beschlossen ist. Doch nicht der Preis allein entscheidet, wichtig ist, was hinten rauskommt. Fazit: Hände weg vom falsch berechneten Bedarfspass, Ja zur Tiefensee-Glos-Alternative!


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