Das Freihaus
befand sich in Wien IV. zwischen Resselgasse und Schleifmühlgasse,
in oftmals veränderter Form bestand es von 1642 bis ins 20. Jahrhundert hinein

um 1825
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Ansicht von der Kärntner Bastei neben dem Kärntner Tor (heute: Karlsplatz Ecke Kärntner Straße).
Das Aquarell von Balthasar Wigand zeigt darüber hinaus eindrucksvoll das damalige Aussehen des Karlsplatzes samt Wienfluss.

2005

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Die Blickrichtung ist fast die gleiche wie am Aquarell zuvor, nur die Position nicht erhöht. An Stelle des Freihauses befindet sich nun das wenig erbauliche, nach dem Freihaus benannte Gebäude der Technischen Universität, der Wienfluss verläuft längst unterirdisch (Genaueres dazu hier), das Verkehrsbüro verstellt rechts den Blick zum Naschmarkt.
 
--- Lage ---
 
Mitte 19. Jahrhundert
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Dies ist etwa der gleiche Ausschnitt wie rechts auf dem aktuellen Plan. Die Operngasse zwischen Schleifmühlgasse und Karlsplatz gab es damals noch nicht, sie würde mitten durchs Freihausgelände führen. Gleiches gilt auch für Faulmanngasse und Schaurhofergasse. Auch der schmale Ausläufer der Margaretenstraße zum Rilkeplatz war nur als Sackgasse existent. Dafür verlief westlich des Freihauses über den heutigen Kühnplatz noch der 1856 zugeschütte Mühlbach. Die an ihn erinnernde Mühlgasse südwestlich der Schleifmühlgasse war ebenfalls noch nicht vorhanden.
Aktuelle Verbauung
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Grün markiert die ungefähre Ausdehnung des Freihauses im 19. Jahrhundert.
Modell
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Diese Darstellung entspricht weitgehend dem Grundriss auf dem Plan links und zeigt das Freihaus in seiner großzügigstes Form im 19. Jahrhundert.

 

Geschichte

1642 erhielt Conrad Balthasar Graf Starhemberg Grundstücke in dieser Gegend als Lehen, die er 1647 um 1000 Gulden ganz erwarb. Gleichzeitig erreichte Starhemberg für sein Besitztum den Status als Freigut, womit allen Bewohnern Steuerfreiheit und eigene Gerichtsbarkeit zugesichert wurde. Nach seinem Besitzer hieß der ursprünglich auf einem Werd zwischen zwei Armen der Wien gelegene Grund "Conradswörth". Das zunächst darauf entstandene Gebäude brannte bereits 1657 ab, wurde aber schon 1660 wieder neu aufgebaut und von nun an "Freihaus" genannt (die erste nachweisliche urkundliche Erwähnung des Namens datiert aus dem Jahr 1703). Starhembergs Sohn Graf Ernst Rüdiger, der während der Türkenbelagerung 1683 die Verteidigung der Stadt leitete, ließ das Gebäude vor dem Eintreffen der Türken aus Sicherheitsgründen abtragen, um es im Jahr darauf zwei- und dreigeschoßig neu zu errichten.

1759 wurde das Freihaus abermals durch einen Brand zerstört (bei stürmischem Wind entstanden durch den Funkenflug sogar noch im dritten Bezirk weitere Brände - große Mengen an Bau- und Brennholz waren im Freihaus gelagert). Das 1769 wieder aufgebaute Freihaus erfuhr zwischen 1785 und 1793 großzügige Umbauten und Erweiterungen. Die zum Glacis und der Wiedner Hauptstraße blickende Gebäudeteile wurden aufgestockt, im Süden der Schleifmühltrakt hinzugefügt und die Front zum Mühlbach hin errichtet. Das gesamte Areal enthielt neben dem schlossähnlichen Haupttrakt die Rosalienkapelle, Wohnungen, Märkte, zahlreiche Handwerksbetriebe, Weinschenken, einen Obstgarten, Wagen- und Pferdestallungen, eine Schule und eine Bibliothek. Mit sechs Höfen, 31 Stiegen und über 1000 Bewohnern (angeblich sogar bis zu 3000) war diese wirtschaftlich autonome "Stadt in der Stadt" damals der größte Mietshausverband Wiens.

Im Zuge des Umbaus von 1785 wurde auch das Freihaustheater errichtet, in dem 1787 die erste Vorstellung stattfand. Der legendäre Emanuel Schikaneder übernahm das Theater erst ein oder zwei Jahre danach, es war durch den Tod des Theaterdirektors Friedl an Schikaneders als Gesellschafterin tätige Frau übergegangen. Am 30. September 1791 wurde Mozarts "Zauberflöte" im Freihaustheater uraufgeführt. Mozart hatte sich zum Komponieren gerne in einem Hofgarten des Freihauses befindlichen Lusthaus eingefunden. Schikaneder - ein Meister der Selbstdarstellung, aber auch groß im Schuldenmachen - hatte den Komponisten bedrängt, für das in finanzielle Schwierigkeiten geratene Theater eine zugkräftige Oper zu schreiben. Schikaneder, der das Libretto zur "Zauberflöte" verfaßt hatte und selbst den ersten Papageno gab, gründete schließlich 1801 das Theater an der Wien. Das wenig repräsentable Freihaustheater (es glich äußerlich angeblich einer Scheune) wurde 1809 geschlossen.

Fürst Camillo Starhemberg verkaufte das Freihaus 1872 an die franco-österreichische Bank, die es abreißen und durch neue Häuser ersetzen wollte. Dies wurde jedoch durch den Börsenkrach im nächsten Jahr verhindert, worauf 1874 der Wiener Großunternehmer Heinrich von Drasche-Wartinberg das Freihaus erwarb. Ihm gehörten u.a. die Ziegelwerke am Wienerberg, als Profiteur des Baubooms der Gründerzeit avancierte Drasche-Wartinberg zum reichsten Mann Wiens.

Im Zuge der Industrialisierung sowie der regen Bautätigkeit entlang der Ringstraße und auf dem ehemaligen Glacis hatte das Freihaus seinen Stellenwert verloren und war zum Anachronismus geworden. 1913 wurde im Bereich Schleifmühlgasse/Mühlgasse mit der Demolierung des Komplexes begonnen, wobei 1916 ein Teil der Rosalienkapelle auf den Naschmarkt umgesiedelt wurde (siehe Bilder weiter unten). Im Zuge der von Otto Wagner 1908 geplanten umfassenden Neugestaltung des Karlsplatzes hätte anstelle des Nordtrakts des Freihauses ein Großkaufhaus entstehen sollen. Doch die Abbrucharbeiten wurden ebenso wie fast alle damaligen Gestaltungsvorhaben in diesem Gebiet durch den 1. Weltkrieg unterbunden. Erst in den Jahren 1935-37 konnte die Schleifung konsequent vorangetrieben werden, wobei 1936 die Verlängerung der Operngasse in den 4. Bezirk entstand. Die verbliebenen Überreste des Freihauses erlitten 1945 zudem schwere Bombenschäden. Die letzten Freihaus-Fragmente wurden aber erst um 1970 im Zuge des Neubaus der Technischen Universität endgültig entfernt.


1920
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Auf dieser Karte sind die neu geplanten Straßenführungen (strichlierte Linien) bereits eingezeichnet: Durchstich Operngasse, Anlegung von Schaurhofergasse und Faulmanngasse, Neuführung Mühlgasse zur Operngasse (diese wurde nicht realisiert). Nebenbei bemerkt: Der eigentliche, "alte" Naschmarkt befand sich damals auf dem Gebiet zwischen Resselgasse, Secession, der heutigen Kunsthalle und der Wiedner Hauptstraße, der heute bestehende Markt war zu dieser Zeit noch Provisorium.
 

--- Bilder ---
 

1900
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Der mittlere Innenhof des Freihauses mit der Rosalienkapelle. Ihr Standort läge ungefähr auf der Schaurhofergasse kurz vor deren Einmündung in die Wiedner Hauptstraße. Unten in etwa der gleiche Blickwinkel (Schaurhofergasse zur Paniglgasse) aus heutiger Sicht. Orientierungspunkt ist der Turmgiebel (s. Pfeile bzw. Kreuz rechts) des einstmals unmittelbar ans Freihaus anschließenden, zum Rilkeplatz vorgelagerten und noch heute bestehenden Eckhauses an der Schaurhofergasse. wpeBA.jpg (5465 bytes)

2005

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Unten:

Entgegengesetzter Blickwinkel von der Wiedner Hauptstraße, zu der vom Freihausinnenhof durchgebrochen wurde - daher die bis heute kahle Fassade
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Rosalienkapelle

Dies ist der letzte erhaltene Teil des Freihauses. Die kleine Rosalienkapelle wurde bei der Schleifung des Rosalienkirchleins gerettet und 1916 auf den Naschmarkt versetzt. Man findet sie wenige Schritte stadtauswärts der Schleifmühlgasse.
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Ende 19. Jahrhundert

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2005

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Die neue TU ragt im Gegensatz zum Freihaus bis an die Wiedner Hauptstraße und den Karlsplatz heran,
der Blickwinkel wie links im Aquarell von Carl Wenzel Zajicek ist daher nicht mehr einnehmbar.
Vorne ist der damalige Naschmarkt im Bereich Wiedner Hauptstraße/Resselgasse zu sehen.
Orientierungshilfe ist der auf beiden Bildern erkennbare (nicht zum Freihaus gehörende)
empor ragende Gebäudeteil im Hintergrund (s. Pfeile).

Ende 19. Jahrhundert

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Gleicher Gebäudeteil wie im Aquarell zuvor, hier von der Ostseite:
Krümmung des Freihauses zur Wiedner Hauptstraße vor dem Rilkeplatz.

Anfang
20. Jahrhundert

Links im Schatten das Freihaus, daneben und davor der alte Naschmarkt an der Wiedner Hauptstraße

2006

Das TU-Gebäude reicht wie gesagt weiter als früher das Freihaus zur Wiedner Hauptstraße und beansprucht einen Teil des einstigen Naschmarkts für sich. Die rechtsseitige Bebauung an der Wiedner Haupstraße (ganz rechts das Hotel Goldenes Lamm) ist fast vollständig erhalten geblieben.

Unten:

Restaurierungsbedürftiges Sgraffito mit Grundriss des Freihauses
am Eckhaus Operngasse/Schleifmühlgasse über dem Point Of Sale
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