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Sie befinden sich hier: > WDR.de > Sport > Interview mit der Turnerin Oksana Chusovitina


Headgrafik Siegertreppchen; Rechte: wdr/runde, ddp

Kleine Frau, großes Herz

Oksana Chusovitina im Interview

Oksana Chusovitina ist eine der besten Turnerinnen der Welt. Bis 2002 startete sie bei internationalen Wettkämpfen für ihre Heimat Usbekistan. Doch dann sollte ein Schicksalsschlag ihr Leben verändern. Im Rahmen der Serie Siegertreppchen1 sprach WDR.de mit der nur 1,53m großen Ausnahme-Athletin.

WDR.de: Frau Chusovitina, Sie turnen seit 1996 für die Mannschaft von Toyota Köln. Wie kamen Sie als eine der besten Turnerinnen der Welt aus Usbekistan in die deutsche Bundesliga?

Oksana Chusovitina; Rechte: wdr.de, WesselBild vergrößern

Oksana Chusovitina in Köln

Oksana Chusovitina: Nach den Olympischen Spielen in Atlanta hat Shanna Poljakova (Trainerin des Turnteams Toyota Köln) mich gefragt, ob ich einen Wettkampf für ihre Mannschaft in der Bundesliga bestreiten könnte. Ich habe gesagt: 'Ja, warum nicht.' Dann bin ich zu diesem Wettkampf geflogen und nach dem Wettkampf wieder zurück nach Hause. Und seit 1996 hat sie mich jedes Jahr wieder eingeladen, und ich bin jedes Jahr wieder gekommen. Ich liebe es, für eine Mannschaft zu turnen. In Usbekistan war ich immer alleine, weil wir dort nicht so viele gute Turnerinnen hatten.

WDR.de: Nach fast 20 Jahren Leistungssport gehören Sie auch heute mit 31 noch zur Weltspitze. Wie schaffen Sie es, sich immer wieder gegen die viel jüngere Konkurrenz durchzusetzen?

Oksana Chusovitina: Turnen ist mein Leben. Ich liebe meinen Sport. Auch heute habe ich immer noch Spaß am Training und an den Wettkämpfen. Ich habe bei Weltmeisterschaften oder beim Weltcup immer Medaillen gewonnen, weil ich noch genauso viel trainiere wie die jungen Mädchen. Ob 30 oder 15 - für mich macht das keinen Unterschied. Es heißt für alle immer: Rausgehen und machen.

WDR.de: In Usbekistan sind Sie wegen Ihrer Erfolge bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen berühmt. In Ihrer Heimatstadt Taschkent kennt Sie jedes Kind. Heute leben Sie aber in Köln und turnen für Deutschland. Wie kam es dazu?

Oksana Chusovitina: Vor vier Jahren bekam mein Sohn Alisher Leukämie, und in Usbekistan gibt es kein Krebs-Klinikum für Kinder. Mein Mann und ich haben zuerst probiert, in Moskau Hilfe zu bekommen, aber dort hatten wir keine Chance, weil es in den Kliniken keinen Platz mehr gab. Ich war sehr verzweifelt. Ich bin dann nach Deutschland geflogen und habe mit Shanna und Peter Brüggemann (Teamchef der Kölner Turner) gesprochen. Die beiden haben sofort gesagt: 'Wir helfen dir.' Toyota hat mir Geld für Alisher geschickt, Peter und Shanna haben sich um einen Platz im Krankenhaus gekümmert - alle haben uns so geholfen. Ohne diese Menschen hätten wir es nie geschafft.

WDR.de: Wie geht es Alisher heute?

Oksana Chusovitina: Es geht ihm gut.

WDR.de: Nach der Behandlung Ihres Sohnes sind Sie nicht nach Usbekistan zurückgekehrt, sondern haben die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt. Was waren Ihre Gründe hierfür?

Oksana Chusovitina: Mein Sohn braucht regelmäßige Kontrollen, alle drei Monate muss er untersucht werden. Wenn ich nach Usbekistan zurückgehe, und es passiert etwas - dann kann ich nichts für ihn tun. Zweitens möchte ich wieder mit einer richtigen Mannschaft zu Wettkämpfen fliegen. Ich war es müde, immer alleine zu kämpfen. Ich möchte so gerne mit der deutschen Mannschaft 2008 zu den Olympischen Spielen nach Peking.

WDR.de: Im Oktober 2006 hat man Ihren Wunsch auf Einbürgerung stattgegeben, und Sie durften bei internationalen Wettkämpfen für Deutschland starten. Was war das für ein Gefühl?

Oksana Chusovitina; Rechte: dpaBild vergrößern

Oksana Chusovitina im deutschen Trikot

Oksana Chusovitina: Das war alles sehr neu für mich. Ich war Bürgerin eines neuen Landes, hatte einen neuen Pass. Ich möchte nur sagen: 'Vielen Dank.' Dieses Land hat so viel für mich getan, jetzt möchte ich auch etwas für Deutschland tun. Ich habe hier zum ersten Mal gemerkt, wenn man Hilfe braucht, bekommt man sie auch. Jetzt bin ich dran. Ich will etwas zurückgeben.

WDR.de: Das haben Sie im vergangenen Jahr schon getan. Bei der WM 2006 holten Sie für die deutsche Mannschaft gleich Bronze.

Oksana Chusovitina: Alles ist so schnell passiert. Als ich zur WM geflogen bin, wusste ich noch nicht: Kann ich für Deutschland starten oder nicht? Die Entscheidung war noch nicht gefallen. Ich war dann ein bisschen nervös, weil ich alles so gut machen wollte. Ich weiß, dass wenn ich beim ersten Mal alles gut mache, dann kann ich mir später auch mal einen Fehler erlauben.

WDR.de: Usbekistan hat nicht viele Stars Ihres Kalibers. Wie haben die Menschen dort reagiert, als feststand, dass Sie jetzt für Deutschland starten?

Oksana Chusovitina: Sie haben sehr gut reagiert, weil Sie mein Schicksal kannten. Ich hatte keine andere Chance - mein Sohn steht für mich an allererster Stelle. Deshalb haben sie mich verstanden.

WDR.de: Turnt der kleine Alisher eigentlich auch schon?

Oksana Chusovitina: Ja, ein bisschen. Aber natürlich spielt er viel lieber Fußball.

Das Interview führte Markus Wessel

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1 Siegertreppchen

Hochleistungssport findet nicht nur dort statt, wo sich Fernsehkameras und Zuschauer drängeln. Nicht nur da wo Millionen verdient werden, findet man Sportlerinnen und Sportler, die täglich viele Stunden trainieren, um den einen Tick besser zu werden als ihre Konkurrenz. Aus dem Schatten der populären Sportarten wie Fußball, Handball oder Eishockey treten diese Athleten, wenn überhaupt, nur alle vier Jahre einmal hervor - bei Olympischen Spielen. Ansonsten nimmt die Öffentlichkeit kaum Notiz. WDR.de besucht diese Sportler in NRW und stellt sie in der Serie "Siegertreppchen" vor.

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Stand: 31.01.2007, 06:00 Uhr



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