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Band III (1992) Spalten 183-188 Autor: Manfred Weitlauff

JOHANN THEODOR, Herzog in Bayern, Fürstbischof von Regensburg, Freising und Lüttich, Kardinal, geboren am 3. September 1703 in München, gestorben am 27. Januar 1763 in Lüttich, war der jüngste überlebende Sohn des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern aus dessen zweiter Ehe mit der polnischen Königstochter Theresia Kunigunde. Entsprechend der Tradition des Hauses Bayern wurde er wie seine beiden älteren Brüder Philipp Moritz (1698-1719) und Clemens August (1700-1761) als nachgeborener und damit im Herzogtum bzw. (seit 1623) Kurfürstentum Bayern nicht erbberechtigter Prinz schon in jugendlichem Alter für den geistlichen Stand, d. h. für eine fürstbischöfliche Karriere in der Reichskirche, bestimmt. - Das Haus Bayern hatte im endenden 16. Jahrhundert im Zusammenwirken mit den Höfen von Wien, Rom, Madrid und Brüssel als katholische Vormacht im Reich den Übergang des Erzstiftes und Kurfürstentums Köln zur Reformation mit Waffengewalt verhindert (Durchsetzung des »Geistlichen Vorbehalts« gegen den zur Reformation übergetretenen Kölner Erzbischof und Kurfürsten Gebhard Truchseß von Waldburg durch die Wahl Herzog Ernsts zu dessen Nachfolger 1583 und den sog. Kölnischen Krieg) und dadurch zugleich den aufs höchste gefährdeten Bestand der nordwestlichen Germania Sacra (mit dem Zentrum Köln) gerettet. Seither war es in der nordwestlichen Germania Sacra durch nachgeborene Prinzen präsent geblieben, ununterbrochen im Erzstift Köln, das man als »bayerische Sekundogenitur« betrachtete und vom Oheim zum Neffen »vererbte«, und fast ununterbrochen in den umliegenden Stiften Lüttich, Münster, Paderborn, Hildesheim, zeitweilig auch in Osnabrück. Und die auf den Kölner Erzstuhl gehobenen Prinzen des Hauses waren - freilich mit wechselndem Erfolg - stets bestrebt, alle diese Stifte in ihrer Hand zu vereinigen, dazu möglichst auch die inmitten der bayerischen Stammlande gelegenen Stifte Freising und Regensburg sowie die (wegen ihres Salzreichtums begehrte) Fürstpropstei Berchtesgaden. Nicht nur die Verteidigung der alten Reichskirche bildete hier die Triebfeder, sondern auch handfeste Hausmachtpolitik, und die katholisch gebliebenen bayerischen Wittelsbacher waren diesbezüglich auf reichskirchlichem Terrain, durch den Auf- und Ausbau eines gigantischen »Bischofsreiches«, seit dem Einbruch der Reformation über fünf Generationen (bis 1763) unter allen Fürsten- und Adelshäusern des Heiligen Römischen Reiches am erfolgreichsten. - Reichskirchenpolitik im Sinne ausschließlich hausmachtpolitischer Zielsetzungen - zur Vergrößerung der Machtbasis des Hauses Bayern im Reich - betrieb im Rahmen seiner glücklosen Großmachtpolitik Kurfürst Max Emanuel. Wie er seinen einzigen, jüngeren Bruder Joseph Clemens (1671-1723), den Kurfürsten von Köln, Fürstbischof von Freising (bis 1694), Regensburg (bis 1715), Lüttich, Hildesheim und Fürstpropst von Berchtesgaden, mit dessen Stiften rücksichtslos in seine auf das Erbe Spaniens ausgerichtete »reichsverräterische« Bündnispolitik einbezogen hatte, so opferte er nach dem für sein Haus, seine bayerischen Lande und Joseph Clemens' Stifte katastrophalen Spanischen Erbfolgekrieg seine nachgeborenen Söhne einem neuen Großmachtplan, nunmehr ausgerichtet auf das Erbe Österreichs (beim zu erwartenden Eintritt des Erbfalles) und den Gewinn der Kaiserkrone. Während Philipp Moritz, der Zweitgeborene, die Nachfolge Joseph Clemens' in der »bayerischen Sekundogenitur« am Rhein, in Lüttich und Hildesheim antreten und dieses sein »Bischofsreich« noch um Münster und Paderborn vergrößert werden sollte, Clemens August dagegen für die Besetzung der »oberen« Stifte Freising, Regensburg und Berchtesgaden vorgesehen war, hielt Max Emanuel Johann Theodor, seinen Jüngsten, für eventuell weiterreichende reichskirchliche Projekte vorderhand noch »in Reserve«. Da erzwang der plötzliche Tod des eben (mit horrendem Kostenaufwand) zum Fürstbischof von Münster und Paderborn gewählten Philipp Moritz (1719) im Augenblick eine Änderung der väterlichen Disposition. Clemens August, seit 1716 Nachfolger Joseph Clemens' auf der Regensburger Bischofskathedra, wurde sofort als Kandidat in Münster und Paderborn nachgeschoben und auch gewählt. Er übernahm zudem das »Erbe« Joseph Clemens' in Köln und Hildesheim, unterlag jedoch bei der Wahl in Lüttich, vermochte indes diesen »Verlust« mit dem Zugewinn von Osnabrück und dem Hoch- und Deutschmeistertum wettzumachen. In der Folge erwies er sich als bedeutender Kunstmäzen, nicht zuletzt auf Grund seines immensen Finanzbedarfs aber zugleich auch als überaus wankelmütiger und unberechenbarer Politiker. Allerdings hatte er auf Regensburg verzichten müssen, das heißt nach seiner Wahl zum Fürstbischof von Münster und Paderborn war der Regensburger Bischofsstuhl vom Papst für vakant erklärt worden. - Um dennoch das Bistum beim Haus zu halten, zwang Max Emanuel überfallartig das Regensburger Domkapitel, am 29. Juli 1719 den noch nicht sechzehnjährigen Herzog Johann Theodor, den man eiligst noch tonsuriert hatte (damit er als »clericus« galt), zum neuen Fürstbischof zu postulieren. Den Wiener Hof hatte man, um störenden kaiserlichen Interventionen vorzubeugen, erst kurz vor dem Postulationsakt vom Eintritt der Bistumsvakanz in Kenntnis gesetzt, was zu einer unerquicklichen diplomatischen Kontroverse führte, die man bayerischerseits aber schließlich mit Geld behob. Für den gleichsam über Nacht zum Bischof und geistlichen Reichsfürsten Erhobenen folgten Studienjahre im Schatten der bayerischen Landesuniversität Ingolstadt und in Siena (1719-1723), ehe er - diesmal mit einer päpstlichen Wählbarkeitsdispens ausgestattet - am 19. November 1723 zum Koadjutor des Fürstbischofs von Freising mit dem Recht der Nachfolge gewählt wurde. Doch dann stagnierten die Bemühungen des Münchener Hofs. Über Bayern hinausgreifende Pläne mit Johann Theodor (Ellwangen, Berchtesgaden, Eichstätt, Basel, Stablo und Malmédy, Konstanz, Speyer, Breslau, Augsburg) konnten trotz massiver diplomatischer Demarchen nicht verwirklicht werden; sie scheiterten allesamt insbesondere am immer offener zutage tretenden österreichisch-bayerischen Gegensatz, und erst recht nicht vermochte nach dem Tod Max Emanuels (1726) dessen Nachfolger Karl Albrecht (1726-1745) im Vorfeld des sich anbahnenden österreichischen Erbstreits die diesbezüglich vom Wiener Hof errichteten Barrieren abzubauen. Als Johann Theodor 1727 auch die Regierung des Stiftes Freising übernehmen konnte, war er zwar - obwohl nur Subdiakon (und Vater einer illegitimen Tochter) - de facto zweifacher Bischof, doch mit zwei kleinen, wenig ertragreichen Stiften als geborener Herzog und im Gegensatz zu Clemens August höchst unzureichend versorgt, jedenfalls nach seinem Empfinden. Auf Drängen des Papstes ließ er sich von Clemens August am 8. April 1730 in Ismaning zum Priester und am 1. Oktober desselben Jahres im Dom zu Münster zum Bischof weihen, um auch in die geistliche Regierung seiner beiden Bistümer eintreten zu können. Gewiß vollzog er daraufhin immer wieder einmal Pontifikalfunktionen;

TEXaber sein ganzes Sinnen ging auf den Zugewinn reicher Kirchenpfründen. Vom Glück begünstigt wurde er in diesem seinem Trachten freilich nur noch einmal: nämlich in Lüttich, wo er - nach einem von Maria Theresia und ihren Alliierten geschürten erbitterten Wahlkampf - am 23. Januar 1744 zum Fürstbischof gewählt wurde, dank der Protektion seines inzwischen zum Kaiser gekrönten Bruders Karl Albrecht (Karl VII., 1742-1745) und der mit diesem verbündeten Krone Frankreichs. Papst Benedikt XIV., der ihn nicht auf Grund eigener Verdienste, sondern um dem mit der Krone des Reiches geschmückten Haus Bayern seine Reverenz zu erweisen, am 9. September 1743 zum Kardinal (zunächst »in petto«, Publikation am 17. Januar 1746) erhoben hatte, war ihm mit einem Wählbarkeitsindult zu Hilfe geeilt. Allen weiteren Versuchen Johann Theodors jedoch, seine reichskirchliche Position zu stärken und (durch den Gewinn des Trierer Kurhutes) jener Clemens Augusts anzugleichen, blieb durchgehend der Erfolg versagt, zuletzt in Köln, wo nach Clemens' Augusts Tod 1761 dessen Nachfolge anstand und der Münchener Hof (unter Kurfürst Max III. Joseph) sich - da ein jüngerer Prinz des Hauses nicht mehr zur Verfügung stand - nochmals energisch für Johann Theodor einsetzte. Mit ihm, dem »Kardinal von Bayern«, schloß 1763 die lange Reihe jener wittelsbachischen (bayerischen und pfälzischen) Prinzen, die als nachgeborene Söhne ihres Hauses - fast ausnahmslos wider ihren Willen - mit Bischofsstühlen des Reiches versehen wurden, zu ihrer standesgemäßen Versorgung und zur entsprechenden Entlastung der Stammlande, freilich, was das Haus Bayern anlangt, auch zum Schutz der katholischen Kirche im Reich, und hier haben die bayerischen Herzöge und Kurfürsten im 16. und 17. Jahrhundert zur Erhaltung der Reichskirche - auch auf diesem Wege, wenngleich nicht eben uneigennützig - zweifellos Erhebliches beigetragen. - Johann Theodor wurde in der (von der Französischen Revolution dann bis auf die Fundamente zerstörten) Lütticher Kathedrale Saint-Lambert bestattet, sein Herz nach altem Brauch der bayerischen Wittelsbacher in der Altöttinger Gnadenkapelle beigesetzt. Glücklich kann man seine Regierung in keinem seiner Stifte nennen; sie hat auch Spuren kaum hinterlassen. Um sich als Kunstmäzen und fürstlichen Bauherrn zu verewigen, fehlte ihm das Geld. Lediglich seine Residenzen in Freising und Lüttich hat er teils erneuert, teils im Geschmack der Zeit ausgestaltet. Die Freisinger Dombibliothek, 1732-1734 umgebaut, verdankt ihm ihre heutige Gestalt, und im Freisinger Dom hat er die 1738 von Egid Quirin Asam geschaffene Johanneskapelle mit dem Johann-Nepomuk-Altar gestiftet. An seine Regierungszeit erinnern des weiteren die künstlerisch beachtlichen Kompositionen seines Hofkapellmeisters Placidus Camerloher (1718-1782). Was Johann Theodors politische Haltung betrifft, so orientierte er sie - im Gegensatz zu Clemens August - stets am Interesse seines Hauses, zumal in den dreißiger und vierziger Jahren. Aus seiner Neigung zu Frankreich machte er bis zum Ende seines Lebens kein Hehl.

Lit.: Max Rottmanner, Der Cardinal von Baiern, München 1877; - Manfred Weitlauff, Kardinal Johann Theodor von Bayern ( 1703-1763), Fürstbischof von Regensburg, Freising und Lüttich. Ein Bischofsleben im Schatten der kurbayerischen Reichskirchenpolitik (= Beiträge zur Geschichte des Bistums Regensburg 4), Regensburg 1970; - Ders., Die Reichskirchenpolitik des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern im Rahmen der reichskirchlichen Bestrebungen seines Hauses, in: Hubert Glaser (Hrg.), Kurfürst Max Emanuel von Bayern. Bayern und Europa um 1700 I, München 1976, 67-87; - Ders., Der Kardinal von Bayern. Ein Kapitel bayerischer Reichskirchenpolitik im 18. Jahrhundert, in: 29. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising, Freising 1979, 63-99; - Ders., Die Reichskirchenpolitik des Hauses Bayern im Zeichen gegenreformatorischen Engagements und österreichisch-bayerischen Gegensatzes, in: Hubert Glaser (Hrg.), Um Glauben und Reich. Kurfürst Maximilian I. Beiträge zur Bayerischen Geschichte und Kunst 1573-1657 (= Wittelsbach und Bayern II/1), München-Zürich 1980, 48-76; - Ders., Kardinal Johann Theodor von Bayern, Fürstbischof von Regensburg, Freising (1727-1763) und Lüttich, in: Georg Schwaiger (Hrg.), Christenleben im Wandel der Zeit. I. Lebensbilder aus der Geschichte des Bistums Freising, München 1987, 272-296; - Ders., Das Bistum Freising im Zeitalter des Barocks, in: Georg Schwaiger (Hrg.), Das Bistum Freising in der Neuzeit, München 1989, 289-468; - Peter Claus Hartmann, Karl Albrecht - Karl VII. Glücklicher Kurfürst, Unglücklicher Kaiser, Regensburg 1985; - Alois Schmid, Max III. Joseph und die europäischen Mächte. Die Außenpolitik des Kurfürstentums Bayern von 1745-1765, München 1987; - Egon Johannes Greipl, Johann Theodor, Herzog von Bayern (1703-1763), in: Erwin Gatz (Hrg.), Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches 1648 bis 1803. Ein biographisches Lexikon, Berlin 1990, 205-208.

Manfred Weitlauff

Letzte Änderung: 09.06.1998