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27.Mai.98 Jungle World

Höher-Schneller-Jelinek 

Einar Schleef macht Weltrekord-Theater: "Das Sportstück" 

Am Donnerstag ging in Berlin das 35. Theatertreffen mit Elfriede Jelineks "Ein Sportstück" in der Regie von Einar Schleef zu Ende. Diese Aufführung des Wiener Burgtheaters gilt als Highlight der Saison und wurde im Schiller-Theater mit rasendem Jubel goutiert. 

Die ebenfalls gefeierte Uraufführung am 23. Januar 1998 hatte Schleef als kalkuliertes Medienspektakel angerichtet: Eine fünfstündige Kurzfassung, eine siebenstündige Langfassung, über einhundert Mitwirkende, Knatsch mit der Gewerkschaft, Live-Kniefall vor dem Intendanten (in der Premiere ließ Claus Peymann danach das Bühnen-Arbeitsrecht weit überziehen und versprach, Überstunden des Ensembles aus eigener Tasche zu bezahlen). Gemeinsam tat man alles, um sich den Hochkultur-Weltrekord und die Feuilleton-Schlagzeilen zu sichern: "Knochen krachen, Sehnen reißen, Adern platzen, Bänder überdehnen." So schreibt Jelinek, so läßt Schleef den austrainierten, perfekt exerzierenden Chor von der Bühne donnern. 

Elfriede Jelinek, geboren 1946 in der Steiermark, war einmal eine große Schriftstellerin. Inzwischen ist sie eine modische geworden, eine ziemlich erfolgreiche dazu. Gelegentlich dankt's die freie Marktwirtschaft den aus der kalten Avantgarde reumütig Heimkehrenden. Jelinek hat in ihrer Prosa und Dramatik Themen wie Pornographie, die RAF, Heidegger, die eigene Familiengeschichte, die Neonazis, den Heimatbegriff, die Natur im allgemeinen, die Alpen im besonderen literarisiert. Für "Ein Sportstück" wird der Hochleistungssport zum Stichwortgeber und Jelinek zum Roboter am Wortfleischwolf, der mit spitzen Fingern Versatzstücke der Alltagssprache, der Freizeitindustrie, der Massenkultur und ihrer Medienrealität vermischt. 

Die lautmalerisch phantasierten, lose aufgereihten Textblöcke beschwören die Gefahren des Sports und das Verschwinden des Individuums in der Masse Mensch. "Der Sinn des Sports ist, daß es den Menschen nichts mehr ausmacht, sterben zu müssen, weil sie ja ohnehin für den raschen Verzehr erzeugt scheinen." Oder: "Sportler sind wie Soldaten, ein jeder legt sein Bestes ins Trikot. Olympia wiederum ist dazu da, sie zu lehren, ein Glied in einer Maschinerie zu sein." Die wenigen Figuren neben den "griechischen Chören" heißen "Mann", "Frau", "Das Opfer", oder auch, als Spiegelbild der Autorin, "Elfi Elektra": "Alle hören mir nicht mehr zu, weil ich mich beim Sprechen wehleidig winde wie in einem Gymnastik-Einzelkurs mit der neuesten Selbstbaumusik: eine Göttin, die nicht und nicht gebären kann. Also setz ich mich wieder hin. Egal." 

"Ein Sportstück" wirkt wie direkt von der Mattscheibe abgeschrieben: Eine banale Sprechblasen-Wirklichkeit aus zweiter Hand, lässig gemischt mit Fußnoten zum Bosnienkrieg, zu Jugendwahn, Übervätern ("Mein Papa ist ein König gewesen und so elend gestorben. (Ö) Ist Mord ein Sport?") und Übermüttern ("Es genügt euch nicht zu kochen, wenn ihr nichts habt, das ihr in die Pfanne hauen könnt.") Aber viel fernsehen macht noch keine gute Literatur. 

Getroffen haben sich Jelinek und Einar Schleef ausgerechnet im österreichischen National- und Repräsentationstheater, der "Burg". Und dies, obwohl Jelinek vor geraumer Weile die Aufführung ihrer Stücke in der Alpenrepublik untersagt hatte. Aber beim Zampano Peymann werden alle schwach. Auch Einar Schleef, der sich gerne als Verfolgter des Kunstbetriebs begreift, wie er ausgerechnet dem Spiegel anvertraute. Hierfür erwies sich die sonstige "Furie" sogar als kreuzbrav-geduldig die verspäteten Reporter erwartender Medienprofi. Selbst dieses deutschtreueste Forum war ihm nicht zuwider, um gegen Gott, Welt und das Bildungsbürgertum zu wettern. Welches er, via Burgtheater und "Sportstück", unverdrossen umwirbt. Und das ihm diesmal seinen Salon-Radikalismus herzlich dankt, weil es sich nach fünf bis sieben Stunden endgültig über die doof-degoutante Masse Mensch erhaben fühlen darf und mit ganz individuellem Mengenrabatt nach Hause marschieren kann. 

Für "Sportstück" verzichtet Schleef weitgehend auf ein Bühnenbild, begnügt sich mit etwas Tuch, dem eisernen Vorhang und Lichteffekten. Zuerst schimpft er in seiner Einleitung über die böse Technik, "Pannen über Pannen!", weshalb es nun doch nur die Kurzfassung gebe. Dann pfeift er, Schiedsrichter im Frack, das Spektakel an: Ein Regisseur, der nicht aufhören kann, zwanghaft sich selbst in Szene zu setzen. Und am Ende brüllend über die Bühne und den auf ein Bodentuch gemalten Jelinek-Text wandelt. Ansonsten hat Schleef seine Schauspieler mit schneidiger Marschordnung auf Trab gebracht, den diese in weißem Sportdress, in Militärmänteln, in bunten Wämsen oder schwarzen Kutten demonstrieren. 

Eine kurze Weile vermag Schleef Jelineks gebrochen-sperrige Sprach-Klangflächen zu gestalten, musikalisch auszulegen und semantisch zu pointieren. Doch die szenische Interpretation verendet bald kläglich, wird von nicht inszenierten Soloszenen, spannungslosen Steh-Dialogen, zackigen Gruppenbildern ohne dramatischen Gehalt abgelöst. 

Mit arroganter Selbstreferenz verhökert Schleef jetzt seine Theatermittel, die ihm einst (und vielleicht auch später wieder) wirklich Grandioses erlaubten: Die entlarvenden Choreographien, die rhythmisierte Sprachzertrümmerung, die extreme Dehnung der Bühnen-Zeit, die fiebrige Obsession in der theatralischen Anverwandlung, wie zum Beispiel in Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" (Berliner Ensemble, 1996) oder noch im Juni 1997 in Wildes "Salome" (Düsseldorfer Schauspielhaus, ebenfalls zum Theatertreffen eingeladen). Im "Sportstück" aber bleibt alles Selbstzweck und Zitat. Schleef, der offensichtlich mit Gegenwartsstücken und Jelineks verrätselter Körper-Tirade nichts anfangen kann, gibt Hofmannsthal wie Kleist dazu und präsentiert unverbunden seine Regie-Basics. Auch Mozart ist dabei, mit "Im Arsch ist finster". 

Was Jelinek und Schleef, angestrengt verkünstelt, als Leben und verschärfte Realität abbilden, hinterläßt unfreiwillig den faden Beigeschmack von dürrer Ungelebtheit. Da nützt es auch nichts, wenn sich die neuen Hoffnungsträger des deutschen Theater-Basars vampirhaft auf sattsam bekannte Phänomene der Populärkultur stürzen und dazu reichlich simpel assoziieren. Im Bemühen, sie zu decouvrieren, erliegen sie selbst der Masseneuphorie, und zwar in dermaßen banaler Manier, wie sie noch dem dämlichsten Hertha-Fan nicht passieren würde. 

Daß Sport ein Zweig der Unterhaltungsindustrie ist, daß einzig der Sieg zählt, nicht der Fairness-Preis, ja, daß dabei gedopt, geschoben und verkrüppelt wird - bitte, wer ist davon noch überrascht? Bei Jelinek wie Schleef jedoch kommt derlei Sport-Gewäsch als brandheiße Gesellschaftsanalyse daher, gerade noch der Zensur entgangen. Auf der Bühne allerdings turnt trotz der attackierten Fitness-Idiotie nur gestähltes, vorwiegend junges Fleisch. Während der lange Monolog einer älteren Schauspielerin (Bibiane Zeller) auf der finsteren Vorderbühne stattfinden muß. Und als dann ein Opernsänger mit dicken Schenkeln und Fettbauch auftaucht, wird natürlich ausgiebig gelacht. Das ganz auf Solitär dressierte, wohlig gegruselte Publikum separiert sich gemeinsam von den Niederungen des Volkes - das der Regisseur so "toll, du" auf der Bühne verteilt. 

Willkommen im Spaßtheater la Schleef, Mainstream-Faktor positiv. Der Verrat an seiner eigenen künstlerischen Norm ist traurig mitanzusehen. Schleef, umarmt von Medien und Publikum, hat's geschafft: "Wie ist das jetzt so schnell gekommen, daß da einer liegt? Wie ist das jetzt so schnell gekommen, daß da einer lügt?" ("Sportstück") - sagt Elfried Jelinek, die es wissen wird.

  •  Irene Bazinger
Elfriede Jelinek: Ein Sportstück. Regie und Ausstattung: Einar Schleef. Gastspiel des Burgtheaters Wien beim 35. Berliner Theatertreffen 

Elfriede Jelinek: Ein Sportstück. Rowohlt, Reinbek 1998, 187 S., DM 29,80 


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