K. Synder
 

Patientenschicksale 1933 bis 1945 in der Landesheilanstalt Uchtspringe

oder

Wie sich erinnern?

Im Keller des hiesigen Verwaltungsgebäudes liegen alte Krankenakten; 1894 ist als früheste Jahreszahl auf ihnen vermerkt. Als ich das erste Mal dieses schummrige, verstaubte, muffig riechende Archiv betrat, empfand ich Abwehr und Resignation. Wo sollte ich anfangen bei diesen Stapeln von Akten? Warum überhaupt anfangen? Gab es "über Tage" nicht schon genug zu tun?

Aber dann siegte die ursprüngliche Neugier, wissen zu wollen, was sich hier in Uchtspringe ereignet hatte, im guten wie im schlechten Sinne. Die Fülle des Materials gebot die zeitliche Eingrenzung, ich konzentrierte mich in meinen Recherchen auf die Zeit von 1933 bis 1945. Es gibt Voruntersuchungen zu diesem Geschichtsabschnitt der Landesheilanstalt Uchtspringe, und ich bin Herrn Dr. Troelenberg und Herrn Beck sehr dankbar, daß sie mir ihre Forschungsergebnisse zur freien Verfügung überließen.

Es gäbe viel zu berichten: Über die umfangreiche, gut organisierte Arbeitstherapie in der Anstalt, über extramurale Familienpflege und sogenannte "Offene Fürsorge", über die Einführung damals moderner Verfahren wie lnsulin- und Cardiazol-Schocktherapie im Jahre 1937. Alles das wäre eine Würdigung wert. Aber ein hundertjähriges Jubiläum bekommt sein Eigengewicht durch die Wahrhaftigkeit, mit der alles, was aus der Geschichte bekannt geworden ist, offengelegt wird.

Die Angabe des Zeitabschnitts 1933 bis 1945 läßt nichts Gutes ahnen. Ich werde berichten über Zwangssterilisierungen, inhumane Verlegungspraktiken, schließlich Tötungen von psychisch Kranken und geistig Behinderten. Exemplarisch ausgewählte Dokumente werden Zahlen und Fakten veranschaulichen. Ich hoffe aber auch, daß diese Dokumente der Genauigkeit der Erinnerung dienen. Ihr Lokalkolorit wird das Seine dazu tun.

Wie sah zunächst der staatlich vorgegebene Rahmen aus, der verbrecherisches Handeln als gewollt und gewünscht erscheinen ließ?

Am 14. Juli 1933 wurde das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" verkündet, am 1. Januar 1934 trat es in Kraft. Damit wurden die schon Jahre vorher geführten rassenhygienischen und erbbiologischen Diskussionen an den Universitäten in eine juristische Form gegossen. Mit scheinbar rechtsstaatlicher Rückendeckung zwangssterilisierten Psychiater, Chirurgen und Gynäkologen von 1934 bis 1939 Tausende Frauen und Männer, die als psychisch krank, geistig behindert, als "asozial" und "psychopathisch" galten (Die noch lebenden zwangssterilisierten Menschen kämpfen übrigens bis heute darum, als Opfer des Nazi-Regimes anerkannt zu werden).

In Uchtspringe gibt es aus dieser Zeit zwei dicke Bücher, Sterilisationsverzeichnisse jeweils für Männer und Frauen, in denen in Schönschrift und preußisch detailliert aufgeführt wird, wer von wem wann und wo mit welcher Methode und zu welchen Kosten zwangssterilisiert worden ist. Neben einem Gardelegener Arzt wirkten Uchtspringer Anstaltsärzte aktiv mit, der chirurgische Eingriff wurde präferiert. Zwischen 1935 und 1939 erlitten mehrere hundert Frauen und Männer die tiefe Demütigung, unfruchtbar gemacht zu werden.

Im September 1939 wurden die Zwangssterilisierungen gestoppt, denn jetzt hatte der 2. Weltkrieg begonnen als kalkulierte Voraussetzung der Ermordung von psychisch kranken und geistig behinderten Kindern und Erwachsenen. Ins dafür Programmatische verwies bereits Hitlers Äußerung von 1935, er werde die Vernichtung "lebensunwerten Lebens" erst im Falle eines Krieges aufgreifen, "wenn alle Welt auf die Kampfhandlungen schaut und der Wert des Menschenlebens ohnehin minder schwerwiegt". Hitler als Repräsentant des Nationalsozialismus griff damit einschlägige Traditionen auf, bis hin zur Wortwahl, und radikalisierte sie. Um nur ein Beispiel für diese Tradition zu nennen:

1920 profilierten sich der Rechtslehrer Binding und der Psychiater Hoche mit ihrer Schrift "Über die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens", in der sie Vorschläge einer echten Sterbehilfe für schwerkranke Menschen und der Tötung "völlig verblödeter Geisteskranker" auf eigenes Verlangen oder auf Wunsch ihrer Angehörigen in einem geregelten Verfahren erörterten. Selbst diese begrenzten Vorschläge wurden zunächst bei den Reformplänen des Strafgesetzbuches nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus mit der Begründung abgelehnt, daß durch bloße Zweckmäßigkeitserwägungen die sittliche Norm des Tötungsverbotes nicht geschwächt werden dürfe. Entgegen dieser noch 1936 vertretenen Ansicht griffen die führenden Männer des Nationalsozialismus die Ideen Bindings und Hoches auf und nahmen, wie bereits gesagt, ihre Verwirklichung mit Vorbedacht in Angriff.

Die leitenden Gesichtspunkte für den Beginn der Ermordungen gerade im Verlaufe des Kriegsgeschehens sind sicher vor allem gewesen, daß zu dieser Zeit die befürchteten heftigen Widerstände dagegen aus religiösen, sittlichen und anderen Gründen weniger Raum gewinnen könnten und in den aufregenden und die Öffentlichkeit ablenkenden Kriegsereignissen leichter hingenommen würden als im Frieden. So erklärt es sich auch, daß die psychiatrischen Exekutionen in den polnischen Gebieten einschließlich Pommern und Westpreußen begannen, über Ostdeutschland und Süddeutschland mit Österreich führten, schließlich in allen Reichsteilen durchgeführt wurden, ohne daß überhaupt eine gesetzliche Regelung erlassen worden war.

Die einzige bekannt gewordene schriftliche Unterlage dafür bildete eine Ermächtigung Hitlers mit folgendem Wortlaut:

"Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbaren Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann."

Dieser sogenannte Führerbefehl wurde zunächst geheimgehalten. Nicht einmal der damalige Reichsjustizminister Dr. Gürtner wußte von ihm. Erst am 27. August 1940, nachdem ihm die Staatsanwaltschaft über Tötungen in Heil- und Pflegeanstalten berichtet hatte, wurde ihm das Ermächtigungsschreiben Hitlers übergeben mit der Bemerkung, daß Hitler aus politischen Gründen ein entsprechendes Gesetz unerwünscht sei.

An der Justiz vorbei begannen die Vorbereitungen für die Krankenmorde bereits im Sommer 1939, wie nicht anders zu erwarten, mit deutscher Gründlichkeit. Eigens zu diesem Zweck wurden verschiedene Organisationen ins Leben gerufen, die der sogenannten Führerkanzlei mit Reichsleiter Bouhler an der Spitze und dem Reichsinnenministerium unterstellt waren, verantwortlich dort Ministerialrat Linden. Es war dies zunächst die "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten", der vor allem die Regelung des Verfahrens und die Erfassung der Patienten zukam, dort führend tätig der Reichsbereichsleiter Brack und die Professoren Heyde und Nitsche. Ferner gab es die "Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege Berlin", der die Einrichtung der eigentlichen Tötungsanstalten und die vermögenssrechtliche Regelung der ganzen Aktion oblag. Daneben war noch der "Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden Berlin W 9" gegründet worden. Seine Aufgabe bestand in der Auswahl und Tötung psychisch kranker und geistig behinderter Kinder in den von ihnen eigens dafür eingerichteten und ihm unmittelbar unterstellten sogenannten Kinderfachabteilungen. An führender Stelle standen die Juristen Dr. Hefelmann und Dr. v. Hegener.

Für den Transport der Betroffenen mit den später berüchtigten langen, grauen Omnibussen in die Vernichtungsanstalten wurde die "Gemeinnützige Krankentransport-GmbH Berlin" ins Leben gerufen. Sie stand in enger Beziehung zur SS, aus deren Reihen auch ihr Personal rekrutiert wurde. Die leitenden Personen dieser Gesellschaft waren keine Ärzte.

Die verschleiernden Namen dieser Organisationen standen für die Logik der Geheimhaltung, ihr Tun für die Logistik des vorsätzlichen Tötens.

Im Laufe des Jahres 1940 wurde an alle öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten ein Fragebogen für jeden einzelnen Patienten versandt, der mit Hilfe von Psychiatern ausgearbeitet worden war und die Diagnose, den Krankheitsverlauf und die Arbeitsfähigkeit erfragte, angeblich aus "planwirtschaftlichen Gründen". Die ausgefüllten Fragebogen wurden an das Reichsinnenministerium zurückgeschickt und bildeten im allgemeinen die alleinige Grundlage für das Todesurteil, indem sie als Kopien mehreren Gutachtern getrennt voneinander und alsdann einem Obergutachter zur Entscheidung vorgelegt wurden. Wer als Erwachsener arbeitsunfähig und damit ein "unnützer Esser" war, wurde zur Tötung bestimmt und auf die sogenannten Transportlisten gesetzt. Nach diesen, den Anstalten mitgeteilten Listen, wurden die Betroffenen sodann zum Teil unmittelbar, zum Teil über sogenannte Zwischenanstalten, wo sie zur Verwirrung der Angehörigen und Tarnung einige Wochen verblieben, den besonders dafür eingerichteten Vernichtungsanstalten zugeführt. Unmittelbar nach dem Eintreffen der Transporte wurde gemordet; wie aus anderen Zusammenhängen bekannt, in wie Baderäume ausgestatteten Kammern, aus deren Duschköpfen das tödliche Gas strömte. Die Leichen wurden verbrannt. Sechs Tötungsanstalten dieser Art hat es gegeben: Brandenburg (altes Zuchthaus), Sonnenstein bei Pirna, Hadamar bei Frankfurt/M., Grafeneck in Württemberg, Bernburg und Hartheim bei Linz in Osterreich.

Über die Verlegung der Kranken erhielten die Angehörigen von den Zwischenanstalten eine Mitteilung, soweit jene dorthin kamen, später von der Vernichtungsanstalt. Kurz darauf gingen ihnen nach einheitlichen Entwürfen gefertigte Todesdaten, erfundenen Todesursachen und dem Hinweis, daß die Leiche wegen Seuchengefahr habe eingeäschert werden müssen, die Urne mit der Asche aber auf Verlangen zur Verfügung gestellt werden könne, zu. Den Vernichtungsanstalten angegliederte besondere Standesämter fertigten Sterbeurkunden aus und vermerkten darauf ebenfalls falsche Todesdaten und unrichtige Todesursachen.

Sie werden sich jetzt zu Recht fragen, ob die sogenannten Helfer mit den blutigen Händen ihre als "Euthanasie" deklarierte Aktion unwidersprochen durchführen konnten. Es ist in der Geschichtsschreibung gut belegt, daß kein Unrechtsgeschehen der nationalsozialistischen Ära von Anbeginn soviel Protest, Verweigerung, Lähmung und Entsetzen hervorgerufen hat wie die Krankenmorde. Trotz höchster Geheimhaltungsstufe wurde relativ schnell bekannt, was sich hinter der "Aktion T 4", so genannt nach der Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, und dem schönfärberischen Begriff "Euthanasie" verbarg. Es wird beschrieben, daß in Württemberg die Bauern ihre Mützen absetzten, wenn die berüchtigten langen, grauen Busse der "Gemeinnützigen Krankentransport-Gesellschaft" vorbeifuhren. Proteste aus der Bevölkerung und sogar aus Kreisen der NSDAP bewirkten dann auch, daß zuerst die Anstalt Grafeneck geschlossen werden mußte.

Als vielen Anstaltspsychiatern, die nicht Mitwisser waren, der Hintergrund der Fragebogen klar wurde, versuchten sie, diese möglichst so auszufüllen, daß ihre Patienten nicht auf die Transportlisten in die Vernichtungslager gesetzt wurden. Offenbar mißtrauisch geworden, schickte die Berliner Zentrale Arztekommissionen in die einzelnen Anstalten, um die Patienten selbst zu untersuchen.

Im Rheinland arbeitete der zuständige Psychiatrie-Dezernent, Prof. Creutz, strukturell und aktiv gegen die Ermordungen. Obwohl von den Verantwortlichen in Berlin persönlich instruiert und zum Schweigen verpflichtet, gab er die Mordpläne an seine Mitarbeiter weiter und entwickelte Ideen, diese zu sabotieren. Konkret sah das z.B. so aus, daß er die Errichtung einer Kinderfachabteilung im Rheinland verzögerte. Auch er machte sich die Hände schmutzig, konnte jedoch durch seinen Widerstand die Zahl der Selektionen und Ermordungen reduzieren. In einigen konfessionellen Anstalten wurden die Fragebogen erst gar nicht ausgefüllt, so z.B. in Bethel bei Bielefeld unter der Leitung von Pastor von Bodelschwingh (Meine Informationen zu diesem Thema stammen aus Dokumenten der Strafprozesse gegen die in die "Aktion T 4" involvierten Ärzte und Verantwortlichen).

Mutiger Protest erhob sich nicht zuletzt aus den Reihen der evangelischen und katholischen Kirche. Von der Kanzel brandmarkte Bischof von Galen aus Münster die Tötungen; Landesbischof Wurm von Württemberg, Pastor von Bodelschwingh, der Erzbischof Faulhaber aus München und der Leiter der Hoffnungstaler Anstalten, Pastor Braune, machten Eingaben an höchste Reichsbehörden. So schrieb Pastor Braune am 9. Juli 1940 in der "Denkschrift für Adolf Hitler": "Auch eine andere ernste Frage taucht auf. Wie weit will man mit der Vernichtung des sogenannten lebensunwerten Lebens gehen? Das bisherige Massenverfahren hat bewiesen, daß man viele Leute erfaßt hat, die weithin klar und zurechnungsfähig sind. In einem mir besonders gut bekannten Fall sollten sechs Mädchen mitverlegt werden, die dicht vor ihrer Entlassung aus der Anstalt standen, um in Arbeitsstellen als Hausgehilfinnen vermittelt zu werden. Will man nur die völlig Hoffnungslosen, etwa die Idioten und Blöden treffen? Das Merkblatt führt, wie schon oben gesagt, auch die Alterserkrankungen auf. Die neueste Verordnung der gleichen Behörde fordert die Erfassung der Kinder mit schweren angeborenen Leiden und Mißbildungen jeder Art, ihre Sammlung und Erfassung in besonderen Anstalten. Welche ernsten Befürchtungen müssen da aufsteigen. Wird man vor den Tuberkulosen haltmachen? Bei den Sicherungsverwahrten sind scheinbar die Maßnahmen der Euthanasie schon begonnen. Werden auch andere Anormale und Asoziale erfaßt? Wo liegt die Grenze? Wer ist anormal, asozial, wer ist hoffnungslos krank? Wer ist gemeinschaftsunfähig? Wie wird es den Soldaten gehen, die sich im Kampf für das Vaterland unheilbare Leiden zuziehen? Solche Fragen sind schon in Ihrem Kreise aufgetaucht.

Hier steigen ernsteste Fragen und Sorgen auf. Es ist ein gefährliches Unterfangen, die Unverletzlichkeit der Person ohne jeden Rechtsgrundsatz preiszugeben. Jedem Rechtsbrecher wird der gesetzliche Schutz gewährt, soll man gerade die Hilflosen ohne Schutz lassen? Wird es nicht die Ethik des ganzen Volkes gefährden, wenn das Menschenleben so wenig gilt?"

Zwischen Juli 1940 und Juli 1941 diente Uchtspringe der "Aktion T 4" als Zwischenanstalt. Von Juli bis Oktober 1940 wurden in zwölf Transporten 898 Menschen in die Gaskammern des alten Zuchthauses Brandenburg transportiert, zwischen Oktober 1940 und Juli 1941 weitere 889 Opfer in 15 Transporten in die Gaskammern nach Bernburg. Insgesamt traten also von hier aus 1787 Menschen den Gang in den Tod an, die überwiegend aus sächsischen Heimen und Anstalten hierher verlegt worden waren. Noch heute leben hier Patientinnen und Patienten, die mir erzählt haben, daß sie die langen, grauen Busse mit den verhängten Fenstern gesehen und gewußt hätten, daß deren Insassen vergast wurden.

Im August 1941 wurde die "Aktion T 4" aufgrund der genannten Proteste gestoppt, jedoch nur in der geschilderten Organisationsform. Die jetzt folgende Phase war noch heimtückischer und wurde wohl deshalb als sogenannte wilde Euthanasie bezeichnet, ist auch als "Aktion Brandt" bekannt geworden. Dr. Brandt, Ihnen schon bekannt aus dem Ermächtigungsschreiben Hitlers und dessen Leibarzt, hatte veranlaßt, daß Lazarettbetten und Betten für somatisch kranke Einwohner der großen Städte in psychiatrischen Krankenhäusern freigemacht werden sollten. In äußerlich durchaus ordnungsgemäß geführten Heil- und Pflegeanstalten wurden die erwachsenen Patientinnen und Patienten jetzt durch Überdosierung von Medikamenten, insbesondere Luminal und Morphium, einzeln getötet.

Parallel zur Tötung Erwachsener wurden ohne Zwischenstop Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre in den dafür eingerichteten sogenannten Kinderfachabteilungen mittels medikamentöser Überdosierung ermordet. Durch einen dezidiert wissenschaftlichen Anstrich und in der psychologischen Grauzone angesiedelt, die es erlaubte, die Tötung schwerstbehinderter Kleinkinder als einen Akt ärztlicher Humanität anzusehen, riefen die Kindermorde wesentlich weniger Protest hervor. Ich habe auch Briefe von Angehörigen gefunden, die sich bei der Anstaltsleitung dafür bedankten, daß ihr Sohn/ihre Tochter nun endlich von einem schweren Leiden erlöst sei.

Zum Procedere der Kindermorde: Nach mehreren Erlassen des Reichsinnenministers zwischen August 1939 und Mai 1941 mußten Hebammen und Amtsärzte geistig und körperlich abnorme Kinder dem bereits erwähnten und eigens dafür gegründeten "Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" melden, der eine besondere Behandlung dieser Kinder in den ihm direkt unterstellten Kinderfachabteilungen in Aussicht stellte. Der Reichsausschuß veranlaßte im nächsten Schritt die Einweisung solcher Kinder von zu Hause weg in diese Fachabteilungen. Um renitente Mütter zum Einlenken zu bewegen, ließ der Reichsausschuß sie sogar zum Arbeitsdienst einberufen. Außerdem überführte er Kinder und Jugendliche aus anderen Anstalten, die bereits über die Fragebogenaktion erfaßt worden waren, in die Kinderfachabteilungen. Dort arbeitete ausgesuchtes und zu strengem Stillschweigen verpflichtetes ärztliches und pflegerisches Personal.

Dr. Wesse, Kinderpsychiater und an mehreren Kinderfachabteilungen tätig, auch in Uchtspringe, sagte 1947 im Strafprozeß gegen ihn zum Verfahren aus: "Ich untersuchte die einzelnen Kinder und legte den Befund meiner Untersuchung in einem üblichen Bericht nieder. Am Schluß des Berichtes trat ich dann eine für den Reichsausschuß verwertbare Diagnose. Sie lautete beispielsweise wie folgt:

"Das Kind leidet an angeborenem Schwachsinn im Grade einer ldiotie."; "Das Kind leidet an hirnorganischem Leiden mit Schwachsinn im Grade einer ldiotie.";

"Das Kind leidet an einem angeborenen Schwachsinn mittleren Grades."; "Das Kind leidet an angeborenem Schwachsinn leichten Grades.";.

Bei der Beurteilung Schwachsinn mittleren Grades fügte ich die Bemerkung hinzu: "Es wird vorgeschlagen, das Kind noch 1 Jahr unter Beobachtung zu halten."; Die Fälle leichten Grades schieden für den Reichsausschuß ohnehin aus. In diesen Fällen bedurfte es keiner zusätzlichen Bemerkung. Bei Fällen eines Schwachsinns schweren Grades fügte ich die Beurteilung hinzu:

"Das Kind ist nicht bildungsfähig."; In Fällen einer derartigen Beurteilung kam vom Reichsausschuß die Weisung zurück: "Das Kind ist der Therapie zuzuführen und Sie haben uns von dem Ergebnis in Kenntnis zu setzen.";"

Der Begriff "Therapie" wurde hier in schlimmster Weise mißbraucht: Die zur Tötung bestimmten Kinder und Jugendlichen bekamen zunächst jeweils drei bis fünf Luminal-Tabletten 100 mg. Sie schliefen dadurch ein, bekamen unmittelbar nach dem Erwachen jedoch wieder die gleiche Dosis Luminal. Nach drei bis acht Tagen verstarben sie, je nach ihrer Konstitution. So geschehen erstmalig im August 1941 im Haus 20 von Uchtspringe, das damals zur Kinderabteilung gehörte. Verantwortlicher Arzt war von August 1941 bis September 1943 Dr. Wenzel, danach für zwei Monate der schon erwähnte Dr. Wesse und nach ihm seine Frau von Dezember 1943 bis April 1945. Frau Dr. Wesses Tätigkeit zeichnete sich dadurch aus, daß sie den zur Tötung bestimmten Kindern nach der ersten Dosis Luminal eine Überdosis Morphium spritzte. Aus mehreren Strafprozessen zwischen 1948 und 1953, in denen Dr. Wenzel, das Ehepaar Wesse und die beteiligten Pfleger und Schwestern vor Gericht standen, wurde die Ermordung von etwa 350 Kindern und Jugendlichen in Uchtspringe als bewiesen erachtet.

Unter dem Direktorat von Dr. Beese wurden die Morde nicht nur befördert und gefordert, er selbst war auch unmittelbar als Täter involviert. Unter gleichzeitiger Beförderung zum Provinzial-Obermedizinalrat wurde er am 1. April 1940 als Direktor eingesetzt und mit der selbständigen Leitung des Landesheilanstalt Uchtspringe beauftragt. In der Ernennungsurkunde des Oberpräsidenten der Verwaltung des Provinzial-Verbandes der Provinz Sachsen heißt es: "Ich vollziehe diese Urkunde in der Erwartung, daß der Ernannte getreu seinem Diensteide seine Amtspflichten gewissenhaft erfüllt und das Vertrauen rechtfertigt, das ihm durch die Ernennung bewiesen wird. Zugleich darf er des besonderen Schutzes des Führers sicher sein." Fast zehn Jahre später, im September 1949, schrieb der damalige Direktor Dr. Nobbe an das Sekretariat des Staatskommissars für die Entnazifizierung und Kategorisierung: "Frau Ursula Beese war hier Orts-Frauenschaftsführerin und hat in dieser Eigenschaft und als Gattin des Chefarztes nach den Aussagen der hier damals beschäftigten Angestellten viel Druck und Terror ausgeübt. Sie war eine begeisterte Parteigenossin und hat in jeder Form das Naziregime gefördert und unterstützt. Es ist auch zu vermuten, daß sie als starke Persönlichkeit auf ihren depravierten Ehemann einen wesentlichen Einfluß ausgeübt hat. Dieser, ein durch Morphinismus entgleister Praktiker, der zu Entziehungskuren früher in der hiesigen Anstalt in Behandlung war, wurde 1940 von der damaligen Provinzialverwaltung trotz mangelnder Vorbildung als Direktor und Chefarzt eingesetzt und hat als solcher von 1940-1945 wesentlich die in hiesiger Anstalt begangenen Euthanasiemorde organisiert. Schätzungsweise sind diesen Morden etwa 500 Kranke, hauptsächlich Kinder, zum Opfer gefallen. Einer seiner Haupthelfer, Dr. Wesse, ist, so viel hier bekannt ist, in der westlichen Zone zum Tode verurteilt worden."

Im Herbst 1944 entzog Dr. Beese dem zuständigen Arzt die Leitung des Hauses 23, da er dort die Tötungen von Erwachsenen in die Hand nehmen wollte. Der ihm assistierende Pfleger sagte 1948 vor dem Landgericht in Magdeburg aus, daß sie durch Morphiumspritzen umgebracht worden seien. Dieser Pfleger, der zuvor in Haus 20 tätig gewesen war, berichtete außerdem, daß die Kinder im Haus 20 und die Erwachsenen im Haus 23 in einem so schlechten Ernährungszustand gewesen seien, daß sie langsam dahinsiechten. Es ist somit nicht ausgeschlossen, daß neben den aktiven Tötungen den Patienten Nahrung vorenthalten wurde, um sie auf diese Weise umzubringen.

Wurden im Haus 23 etwa 70 Männer getötet, so waren es 1944 30 Frauen im Haus 20, die durch Morphiuminjektionen starben. Ausführende war auch hier Frau Dr. Wesse, die im Dezember 1953 vor dem Landgericht Göttingen zu ihrer Verteidigung angab, daß sie das übernommen habe, um Schlimmeres zu verhüten. Ende 1944 habe Dr. Beese nach Rückkehr von einer Besprechung in Berlin erklärt, daß der Reichsausschuß ihm den Auftrag erteilt habe, nunmehr auch erwachsene Geisteskranke zu euthanasieren. Zu der Zeit habe Uchtspringe 2.500 Kranke beherbergt, aus dem Osten des Reiches seien immer neue Transporte von Kindern und Erwachsenen hinzugekommen. Da Frau Dr. Wesse befürchtete, Dr. Beese würde rücksichts- und gewissenlos wüten, sei sie bereit gewesen, die "Euthanasie" von Frauen zu übernehmen.

Zu den Kindertötungen berichtete sie, daß sie während ihrer Tätigkeit in Leipzig durch den damaligen Direktor der Universitäts-Kinderklinik Prof. Catel über den Anlaß zur Einrichtung des Reichsausschusses unterrichtet worden sei. Professor Catel habe ihr erzählt, daß zahlreiche Eltern von schwer mißgebildeten Kindern sich an Frau Goebbels mit der Bitte gewandt hatten, sie möge doch irgendwie vermitteln, daß ihre Kinder erlöst würden. Da indessen gesetzliche Möglichkeiten dafür nicht bestanden hätten, sei der Reichsausschuß gegründet worden, der die Voraussetzungen für eine solche "Euthanasie" erforschen und schließlich praktisch schaffen sollte. Prof. Catel gehörte dann auch zu den drei Fachgutachtern des Reichsausschusses.

Historiker schätzen, daß im Deutschen Reich zwischen 1941 und 1945 120.000 Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer ermordet wurden. Die Uchtspringer Toten wurden, soweit nicht zu den Angehörigen überführt, mittels Klappsarg auf dem anstaltseigenen Friedhof verscharrt; den Klappsarg gibt es hier noch.

Dr. Beese starb nach einem Schlaganfall unter Qualen im Juni 1945; Dr. Wesse, der in verschiedenen Kinderfachabteilungen getötet hatte, wurde mit lebenslangem Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit bestraft. Was Frau Dr. Wesse und Dr. Wenzel anbetraf, befand das Landgericht Göttingen 1953, daß der Verbotsirrtum der beiden Angeklagten in bezug auf die Tötung der Kinder unvermeidbar gewesen sei und sie mangels eines möglichen Schuldvorwurfs aus subjektiven Gründen freigesprochen werden müßten. Das besagt, daß die beiden angenommen hatten, es läge ein Tötungsgesetz vor. Für die Tötung von 30 Frauen erhielt Frau Dr. Wesse die Gesamtstrafe von zwei Jahren Gefängnis. Jetzt 83jährig, lebt sie heute in Braunschweig.

Zum Schluß möchten wir das Schicksal eines Patienten nachzeichnen, das für viele steht.

Wir zitieren aus der Krankengeschichte der Heil- und Pflegeanstalt Tapiau in Ostpreußen über den Maurer Helmut 0., geb. am 08.03.1908 in Königsberg in Ostpreußen, wohnhaft in Königsberg, Bülowstraße 41:

"20.09.41 Wird von der Polizei Königsberg gebracht. Ist bei der Aufnahme ganz abweisend.

26.09.41 Unzugänglich, gibt keine Antwort. Liegt im Wachsaal.

26.09.41 Etwas munterer, kann jetzt aufstehen.

01.10.41 Wird ins Untersuchungszimmer geholt, bleibt nicht sitzen, murmelt vor sich hin. Eine geordnete Unterredung mit ihm nicht zu führen. Spricht zerfahren vor sich hin. Es handelt sich um eine alte Schizophrenie. Sterilisierung ist schon durchgeführt. Hat stark geschwollene Beine, sonst körperlich wie früher.

01.11.41 Hat häufig Besuch von seiner Mutter, die voller Wahnideen steckt. Siehe ihre langen Eingaben.

15.12.41 Es handelt sich um einen schizophrenen Endzustand.

Besserung unwahrscheinlich.
 

24.01.42 lnvaliditätsgutachten wird ausgestellt, 100%. Keine Änderung des Zustandes."
 


Am 19.12.1941 hatte die Mutter des Patienten, die "voller Wahnideen" stecken soll, an die Anstaltsleitung geschrieben:

"Sehr geehrter Herr Direktor!

Bitte geben Sie mir doch meinen Sohn frei, daß ich meinen Sohn noch zum Fest nach Hause haben kann. Der Sohn ist doch nicht krank, uns ist das lange genug schmutzigen Menschen zum Gefallen in Tapiau gewesen. Ich bin eine Frau von 60 Jahren, und mein Sohn ist doch der einzige, der mir von fünf Kindern geblieben ist. Bitte, Herr Direktor, geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß und mir meinen guten Jungen. Daß ich endlich mal Ruhe habe. Denn mein Leben war bestimmt nicht rosig. Mein Sohn ist mein Sonnenschein. Ich komme dann sofort. Nochmals bittet

Hochachtungsvoll

Frau Johanna Q."

Am 22.12.1941 antwortet der Direktor der Anstalt Tapiau lapidar: "Ihr Sohn kann noch nicht entlassen werden."

Am 05.02.1942 wird Helmut Q. mit der berüchtigten "Gemeinnützigen Krankentransport-GmbH Berlin" in die Landesheilanstalt Uchtspringe gebracht, ein entsprechender Aktenvermerk ist nachzulesen. In Tapiau wurde lediglich dokumentiert: "5.2.42 Abtransportiert."

Schon eine Woche später, am 13.02.1942, fragt das Amtsgericht Königsberg in Uchtspringe: "Ich bitte um Mitteilung, ob der Maurer Helmut Q. aus Königsberg so krank ist, daß seine Entmündigung notwendig erscheint. Oder hat sich sein Zustand seit dem 28. November 1941 so gebessert, daß mit seiner alsbaldigen Entlassung aus der Anstalt gerechnet werden kann?"

Vierzehn Tage später antwortet Dr. Beese, der Uchtspringer Direktor: "Auf die Anfrage vom 13.2. erwidere ich, daß bei dem hier untergebrachten Maurer Helmut Q. aus Königsberg die Voraussetzung zur Einleitung eines Entmündigungsverfahrens vorliegt. Sein Zustand hat sich seit dem 28.11.1941 nicht gebessert; mit seiner Entlassung aus der Anstalt ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen."

In Uchtspringe wird der weitere Verlauf wie folgt dargestellt:

06.02.42 Verlegt nach Uchtspringe/Altmark, Gebäude 5 b.

26.02.42 Hat sich bisher in die allgemeine Ordnung eingefügt. Gibt auf Fragen keine sinngemäßen Antworten, spricht garnicht oder unverständlich in Iallender Weise. Nur manchmal sagt er einige verständliche Worte. Spricht durch die Zähne in manirierter Weise.

07.07.42 Beschäftigt sich nicht, besorgt sich allein. In seinem Äußeren unauffällig. Autistisch. Erhebt sich, wenn man ihn anspricht, gibt leise und halblaute Töne von sich. Gibt auf Fragen zerfahrene Antworten, die meist nicht auf die Frage eingehen. Spricht mit halblauter Stimme vor sich hin. Als ihm der von der Mutter bestellte Gruß ausgerichtet wird, reagiert er darauf nicht ernstlich, sondern führt, wie auch vorher, leise Selbstgespräche. Zum Abschluß reicht er dem Arzt mit einer kleinen Verbeugung die Hand.Schizophrener Endzustand.

01.08.42 Atmet etwas schnaufend. Führt mit leisem Flüsterton Selbstgespräche, die unverständlich sind. Auf Fragen gibt er mit etwas lauterer nasaler Stimme verworrene Antwort. Muß zum Waschen angehalten werden. Geht allein austreten. Schläft ohne Wache.

Nach Gebäude 9.

05.08.42 Hat seit gestern Ruhr und Durchfall. War noch am 3.8. umhergelaufen.

Nach Gebäude 23.

11.08.42 Hat in der letzten Woche dauernd gefiebert. zunehmender Kräfteverfall.

9 Uhr gestorben.

11 .45 Uhr Leichenschau.

Todesursache

a) Schizophrenie,
b) Schizophrenie,
c) Schizophrenie,
d) Schizophrenie mit Siechtum."
 

Als Helmut Q. starb, war er 34 Jahre alt. Fünf Jahre vorher war er im somatischen Befund als "mittelgroßer, athletisch gebauter Mann mit kräftig entwickelter Muskulatur" geschildert worden.

Wir möchten schließen mit zwei Fragen, die uns bewegen und die wir weitergeben möchten:

Was wäre heute anders, wenn wir das alles nicht wüßten? Was wird morgen anders sein, wenn wir uns daran nicht mehr erinnern?

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