Belastungen der PartnerInnen

 

Wissen Überlebende sexueller Missbrauchserfahrungen, wie sehr ihre PartnerInnen leiden? Im nun folgenden Text taucht häufig der Begriff "Belastungen" auf. Dazu möchte ich von vorne herein klarstellen:

1.: Nicht die Überlebenden sind die Ursache der Belastungen, sondern die Täter. KeineR von sexueller Gewalt BetroffeneR soll das Gefühl haben, er/sie stelle eine Belastung dar. Die Belastungen um die es hier geht, sind die Folgen der sexuellen Gewalt, nicht die Betroffenen selbst.

2.: Eine Partnerschaft besteht aus vielen Merkmalen (Liebe, Vertrauen, Geborgenheit, Auseinandersetzung, Bewältigung der Hausarbeit, Konflikte usw). Ich beziehe mich hier lediglich auf eines dieser vielen Merkmale, nämlich die Belastungen, die durch die Folgen der sexuellen Gewalterfahrung auf die Partner entstehen. Eine Partnerschaft zwischen Überlebenden und Verbündeten besteht natürlich nicht nur aus Belastungen.

Bei der Bewältigung sexueller Gewalt muss es fast zwangsläufig zu Krisen in der Partnerschaft kommen. Ich selbst bezeichne mich als einen Verbündeten und befasse mich mit diesem Thema um meine persönlichen Belastungen bzw. Erfahrungen als Partner besser verstehen und verarbeiten zu können.  Im Folgenden beziehe ich mich mehrfach auf das Buch von Laura Davis "Verbündete" (Sie war selbst von Missbrauch betroffen), sowie auf  Äußerungen, Erfahrungen und Gedanken aus der Selbsthilfegruppe "Verbündete" und auf die Homepage www.verbuendete.de mit der dort in Teilen veröffentlichen Diplomarbeit über die Auswirkungen sexueller Gewalterfahrungen auf die PartnerInnen. Verbündete in diesem Sinne sind also alle Partnerinnen und Partner von Überlebenden sexueller Gewalt, aber auch deren Freunde.  Typisch für Partnerschaften von Verbündeten und Überlebenden ist eine von Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit geleitete, auf das Wohl des anderen ausgelegte Liebesbeziehung (altruistischer Liebesstil). Bei vielen der beschriebenen Phänomene habe ich mich selbst wiedergefunden, viele andere sind mir inzwischen durch viele Kontakte bekannt, aber was sind das nun für Belastungen für die PartnerInnen im einzelnen?

Einige, in meinen Augen besonders bedeutende Belastungen sind oder treten auf:

 - beim Versuch, den Überlebenden bei der Heilung zu helfen - inzwischen habe ich einsehen müssen, dass dies ein Verbündeter nicht schaffen kann.  Ihre Verletzungen müssen die Überlebenden selbst ausheilen, ähnlich  wie eine Schürfwunde, nur auf einer anderen Ebene. Jede Art von Verletzung kann der einzelne Mensch nur aus sich selbst heraus heilen. Kein Mensch kann dies für einen anderen Menschen  tun. Verbündete können nur beistehen, in Stunden großer Verzweiflung retten, oder einfach nur da sein, wenn sie gebraucht werden. Mehr geht nicht!

- War der sexuelle Missbrauch der PartnerIn vorher nicht bekannt, ändert sich ab dem Moment der Bewusstwerdung des Missbrauchs die Beziehung in Richtung Konfrontation, es ist nun "amtlich", und führt zu erheblichem Konfliktstoff innerhalb der betroffenen Familien. Die Erkenntnis des sexuellen Missbrauchs kann von den Überlebenden nicht zurückgenommen werden, denn mit dem Schritt der Offenlegung ist den Überlebenden meist klar, dass sich etwas verändern wird. Diese Veränderungen sind äußerst gravierend und viele PartnerInnen glauben oft danach, es mit einem "anderen" Menschen zu tun zu haben. Viele fragen sich, warum ihnen nun so viel abverlangt wird: Kraft, Schutz, dem Opfer glauben, Beistand, Zurückstellen eigener Bedürfnisse etc., wo man doch selbst gar nicht für den Missbrauch verantwortlich ist. Möglicherweise erkennen die PartnerInnen die Überlebenden nicht wieder und machen sich Sorgen um den Fortbestand der Partnerschaft. Viele PartnerInnen fragen sich, ob sie kompetent genug sind, den Überlebenden angemessen beizustehen, oder ob sie versagen werden.

 - Problematisch ist es für PartnerInnen, auch wenn sie bereit sind, die "Ärmel hochzukrempeln" um die Bewältigung zu schaffen, die Überlebenden sich aber der notwendigen Auseinandersetzung mit der Partnerin, mit dem Partner durch Trennung entziehen oder verweigern, oder dazu (noch) nicht in der Lage sind, weil es sie zu sehr belasten würde.

 - Besonders problematisch ist es, wenn PartnerInnen im Laufe der Auseinandersetzungen mit selbst erlebter (sexueller) Gewalt konfrontiert werden, die ihnen bisher nicht bewusst geworden ist.

 - Als Folge von Vernachlässigungen eigener Bedürfnisse und Gefühle als Verbündeter kommt es zwangsläufig dazu, dass auch eine sonst intakte Beziehung leidet. Laura Davis schreibt dazu: "Du bist die Hälfte der Beziehung, das ist eine Tatsache. Und dir gehört auch die Hälfte der Bedürfnisse. Auch wenn deine Bedürfnisse möglicherweise nicht so faszinierend sind: sie sind trotzdem wichtig. Wenn du immer nur gibst und nichts zurück bekommst, hast du garantiert irgendwann die Nase voll." Hier zeigt sich eine weit verbreitetes Problem der Verbündeten: Sie dürfen nicht sauer auf die Überlebenden sein, wenn die Folgen sexueller Gewalt bei der Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnissen behindern. Andererseits ist dies manchmal abstrakt, weil die Überlebenden nun mal diejenigen sind, die die PartnerInnen hintanstellen oder sie für Dinge verantwortlich machen, die ausschließlich die Täter zu verantworten haben. Dieses Dilemma hat zur Folge, dass Verbündete manchmal wütend und verzweifelt sind, dies aber nicht äußern dürfen, weil es der Überlebenden ohnehin schon schlecht geht und weil die Überlebende für die Ursachen der Wut nicht verantwortlich ist. "Wann bin ich mal dran?" (DAVIS) Dies ist eine fast schon impulsiv geäußerte Frage von Verbündeten. Eine weitere deutet die Tragik dieses Komplexes an: "Bin ich gemein, wenn es mir gut geht?" (DAVIS).

 - Der Begriff "Überlebende" hat nicht nur die Bedeutung, die Vergewaltigung oder den Missbrauch überlebt zu haben, sondern auch danach zu überleben. Viele Opfer sexueller Gewalt haben sich für den Zweck des Überlebens über Jahre hinweg Verhaltensmuster angeeignet, um in ihrer Umwelt unbehelligt leben zu können. Die dazu genutzten Möglichkeiten den Konflikten zu entkommen, sind zum Beispiel das Ausbilden multipler Persönlichkeiten, Verdrängen des Geschehenen oder Suizid. Letzteres ist besonders belastend für Verbündete.

 - Wiederkehrende Lebensabschnitte können sich sehr belastend auf die Beziehung auswirken, wenn z.B. das Datum der ehemaligen Vergewaltigung näher rückt, oder in den Medien von einem Missbrauchsfall berichtet wird.

 - Verbündete verlieren oft den Mut, wenn sich lange Zeit einfach nichts ändert, oder sogar wieder schlimmer wird. Wenn Alles, was ein Verbündeter macht, falsch zu sein scheint! Ein typischer Gedanke von PartnerInnen.

 - Sowohl die Überlebenden, als auch die PartnerInnen denken oft es gäbe keine Heilung. Aber, um die Hoffnung nicht zu verlieren, und auch um dem anderen nicht den Mut zu nehmen, darf man diesen Gedanken gar nicht zulassen. Das führt zu Verwirrungen.

 - Verbündete sind zwangsläufig von starken negativen Gefühlen betroffen: Frustration, Wut, Machtlosigkeit, Verlust- und Versagensängste und Zweifel, um nur einige zu nennen.

Fazit:
Du solltest zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden.
Die Ursache ist die Traumatisierung, die Folter, der Mißbrauch.
Die Folge ist ein gestörtes Verhalten. Beispielsweise sehr häufig ein neurotisches Verhalten oder psychosomatische Krankheiten.

Aber:
Da steht keine böse Absicht, keine negative Auslegung dahinter, höchst wahrscheinlich sind sich die Opfer nicht einmal darüber bewußt. Es ist also kein böser Willen. Ähnlich wie bei einer Schmerzempfindung auch keine willentliche Entscheidung dazu vorliegt. Schmerz ist die Folge einer Verletzung beispielsweise. Wie die Neurotik auch die Folge einer Traumatisierung sein kann. Der Schmerz ist also wie die Neurotik ein Symptom, nicht die Ursache. Bei psychischen Dingen ist es so, daß der/die Überlebenden Erfolg und Mißerfolg registrieren. Und wenn eine Verhaltensweise von Überlebenden, eine Neurotik oder Psychosomatik, auch noch "belohnt" wird, wird sie natürlich verstärkt.

Für die Mitbetroffenen, Partner , Verbündeten ist das Problem, hier objektiv trennen zu können. Wir haben absolut berechtigtes Mitgefühl mit den Opfern, wegen der Betroffenheit, dem Mißbrauch, aber die Neurotik beispielsweise stinkt uns - und genau hier liegt das Dilemma. Respekt und Mitgefühl für das eine zu zeigen, ohne daß der Eindruck entsteht, die Folge, die Neurotik beispielsweise, würde damit sanktioniert. Genau das ist das Hauptproblem der Verbündeten im Umgang mit den Opfern.

Und noch etwas sage ich, nachdem ich mich lange und ausgiebig damit beschäftigt habe, persönlich mitbetroffen und neutral am betroffendsten, ganz offen und sehr deutlich: Wer das Schweigen und Verdecken  dieser Straftaten mitmacht, macht sich zum Co, zum Mitabhängigen, zum Unterstützer und damit zum Mittäter. Und das darf auf gar keinen Fall sein. So sehe ich das, ohne wenn und aber.

Verbündete - Selbsthilfegruppe - Gedanken aus der SHG - Links - Kontakt - zum Anfang