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Künstliche Befruchtung

Erstes Retortenbaby der Welt wird 30

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Von Frank Heinz Diebel 25. Juli 2008, 07:03 Uhr

Ihre Geburt markierte für die Welt der Wissenschaft und zahlreiche kinderlose Paare einen Wendepunkt. Für ihre Eltern war sie die Erfüllung eines langen Traums. Trotzdem will Louise Joy Brown, das erste Retortenbaby der Welt, ihren 30. Geburtstag nicht groß zu feiern. Denn inzwischen ist die Britin selbst stolze Mutter.

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Foto: AP

Eine 2,6 Kilogramm schwere Sensation: Louise Joy Brown bei ihrer Geburt.

"Ich lasse es ganz ruhig angehen“, sagt Louise Joy Brown auf die Frage, wie sie ihren 30. Geburtstag verbringt. Die Britin, die in Bristol lebt und dort bei der Firma Brunel Shipping als Bürokraft tätig ist, wurde am 25. Juli 1978 einige Minuten vor Mitternacht als erstes Retortenbaby der Welt geboren – und mit ihr die Reproduktionsmedizin. Zum ersten Mal war es Wissenschaftlern gelungen, eine Eizelle außerhalb der Gebärmutter zu befruchten. Künstliche Zeugung weckte die Hoffnung von kinderlosen Paaren weltweit.

Die Engländerin versucht, mit ihrem Mann ein ganz normales Leben zu führen. Die beiden haben einen anderthalbjährigen Sohn, der auf natürlichem Wege gezeugt wurde. Dass sie selbst ihr Leben einer Befruchtung im Reagenzglas verdankt, ist Brown aber nicht unangenehm. Der Wissenschaftler, der dies möglich machte, ist bis heute ein Freund der Familie.

Seit Brown im Oldham and District General Hospital in Manchester das Licht der Welt erblickte, folgten drei Millionen Paare dem Beispiel von Louises Eltern John und Leslie Brown und ließen sich bei ihrem Kinderwunsch unter die Arme greifen. Was als kontrovers diskutiertes Experiment begonnen hatte wurde zu einem Siegeszug der modernen Medizin. Brown: „Es ist macht mir schon ein bisschen Angst, dass ich die Erste bin. Aber es ist auch schön, denn wenn es mich nicht gäbe, dann wären all diese Menschen nicht hier.

Damit Louise in der Schule nicht gehänselt wird, klärten sie ihre Eltern früh über ihr Entstehen auf. „Mum und Dad zeigten mir das Video von meiner Geburt und versuchten, das einer Vierjährigen zu erklären“, erinnert sich Brown. „Ich denke, das geschah für den Fall, dass die in der Schule Bescheid wussten, weil Kinder ja sehr grausam sein können.“ Ihre Kindheit sei aber normal gewesen, betont Brown. In ihrer Familie genoss sie keinen Sonderstatus.

An runden Geburtstagen ist das Interesse der Medien an Brown besonders groß.“ Wie zum Beispiel an ihrem 25. Geburtstag, den Louise mit mehr als 1000 anderen Retortenkindern in der Spezialklinik Bourn Hall in der Nähe von Cambridge feierte. Inzwischen ist die Britin selbst stolze Mutter eines 18 Monate alten Sohnes. Seit der Geburt von Cameron, der ganz natürlich gezeugt wurde, kann Brown nachvollziehen, was ihre Eltern vor 30 Jahren dazu veranlasste, sich auf das Abenteuer künstliche Befruchtung einzulassen: „Ich möchte meinen Sohn nicht mehr missen, er ist wirklich toll. Jetzt kann ich verstehen, was Paare durchmachen, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben.

Viele Ärzte rechneten mit Missbildungen

„Superbabe“ wurde Louise Brown 1978 von der britischen Presse getauft. „Alle Untersuchungen haben ergeben, dass das Baby normal ist“, freuten sich die Ärzte damals während Louise munter auf dem Wickeltisch strampelte. Die Erfinder der In-vitro-Fertilisation zu deutsch Befruchtung im Glas (IVF), der britische Gynäkologe Dr. Patrick Steptoe und der Physiologe Dr. Robert Edwards von der Universität Cambridge, atmeten auf. Denn es war nicht vorauszusehen, dass die künstliche Befruchtung glimpflich ausgehen würde. Viele Ärzte rechneten mit Missbildungen bei Retortenkindern. Auf einer Konferenz zum Thema Ethik und Biomedizin 1971 in Washington wurden Edwards und Steptoe aus diesem Grund scharf angegriffen. Ihre Experimente wurden als „unethisch“, „unmoralisch“ und „unmenschlich verurteilt.

Der amerikanische Biologe James Watson und der britische Physiker Francis Crick, die Entdecker der DNS-Doppelhelix, gingen sogar noch einen Schritt weiter und behaupteten, für die Reproduktionsmedizin müssten Kinder getötet werden. Obwohl Edwards IVF in Washington tapfer verteidigte und dafür tosenden Applaus erntete, war die Angst vor unvorhergesehenen Folgen groß. So groß, dass kein Krankenhaus auf den britischen Inseln mit Edwards und Steptoe zusammenarbeiten wollte. Die beiden Pioniere der Fortpflanzungsmedizin mussten aus diesem Grund ihre eigene Klinik gründen, das Oldham and District General Hospital. Wie bei vielen wissenschaftlichen Experimenten griffen auch sie im Anfangsstadium zu ungewöhnlichen Methoden. So band sich Professor Edwards bei seinen Trips zwischen der Klinik in Oldham und dem Labor in Cambridge regelmäßig die „frischen“ Eizellen in einem Spezialbehälter auf den Bauch – um sie warm zu halten.

Heute ist künstliche Befruchtung aus dem medizinischen Alltag nicht mehr wegzudenken. 1,5 Prozent aller Neugeborenen sind Retortenbabys. Auch das Prozedere ist einfacher geworden: „Es ist auch heute noch ein komplexer, psychisch und körperlich belastender Vorgang, aber es ist kein Vergleich zu früher. Damals sammelten wir die Eizellen mit laparoskopischer Hilfe ein. Das ging nur unter Vollnarkose mit anschließender Bettruhe. Seit der Entdeckung von Ultraschall dauert die Sache nur noch 20 Minuten“, erklärt Dr. Mike Macnamee, Chefarzt der Bourn Hall Clinic.

Künstliche Befruchtung ist ein unglaubliches Geschäft geworden

Leider steht es mit der Reproduktionsmedizin in Großbritannien nicht zum Besten. Der führende Experte auf dem Gebiet, Dr. Robert Winston, wirft britischen Ärzten vor, aus der Verzweiflung von Paaren mit bislang unerfülltem Kinderwunsch massiv Kapital zu schlagen: „Eines des größten Probleme unserer Gesundheitsversorgung ist, dass künstliche Befruchtung ein unglaubliches Geschäft geworden ist.“ Besonders kritisch äußert sich der Professor für Fortpflanzungsmedizin am Londoner Imperial College über Ärzte in der britischen Hauptstadt: „Es ist ziemlich deprimierend, dass manche IVF-Behandlungen in London zehnmal so viel kosten wie in Melbourne bei vergleichbaren Gehältern.“

Louise Brown kümmert das alles herzlich wenig: „Ich will an meinem 30. Geburtstag mit meiner Familie zusammen sein und das Rampenlicht meiden“, erklärt sie. Überhaupt beschäftigt sie sich kaum mit dem „Kultstatus“, der ihr als dem ersten von drei Millionen Retortenkindern zukommt. „Bevor ich in die Schule kam, zeigten mir meine Eltern einen Film von meiner Geburt und versuchten mir zu erklären, wie ich gezeugt wurde“, erinnert sich Brown. „Ich glaube sie wollten mir auf diese Weise sagen, dass ich im Prinzip wie die anderen Kinder war – nur eben ein bisschen anders. Meine Mitschüler wollten immer wieder wissen, wie ich denn in ein Reagenzglas gepasst hätte und ähnliches.“

Ihre Schwester entstand auch im Reagenzglas

Schließlich war ihre vier Jahre jüngere Schwester Natalie auch ein Retortenbaby. Natalie zog die weltweite Aufmerksamkeit zwischenzeitlich sogar von Louise auf sich: Sie war 1999 das erste Retortenkind, dass selbst ein Kind bekam. Künstliche Befruchtung war dabei nicht nötig.

Auch bei der Geburt von Louises Sohn Cameron war keine Wissenschaft im Spiel. Den Vater, Nachtclub-Türsteher Wesley Mullinder, hatte Brown 2004 kennengelernt. Irgendwie auch zur Familie gehört der Wissenschaftler Edwards. Er kam auch zu Louises Hochzeit. Edwards' Kollege Steptoe war bereits 1988 gestorben. Erst vor kurzem haben sich Edwards und Brown wieder getroffen, Anlass war ein Festakt zum 30. Jahrestag der weltweit ersten In-Vitro-Befruchtung in der Bourn-Hall-Klinik im Osten Englands, die Edwards und Steptoe gemeinsam gegründet hatten.

Edwards hält das Jubiläum offenbar mehr auf Trab als Brown. „Bob ist die ganze Zeit sehr beschäftigt, aber wir würden ihn sehr gerne sehen“, sagt das Retortenkind. Edwards' Beteiligung an Louises Zeugung hat eine enge Bindung entstehen lassen. „Er ist für mich so etwas wie ein Großvater“, sagt sie.

In Edwards flammt auch heute noch die Leidenschaft auf, wenn er über In-vitro-Fertilisation spricht: „Die ganze Sache ist unglaublich. Zum ersten Mal wirkten Wissenschaft und Medizin entscheidend auf die menschliche Befruchtung ein. Jedes Paar sollte drei Kinder auf Kosten unseres Gesundheitssystems haben, denn es ist das größte Geschenk das man einem Mann oder einer Frau machen kann.“

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Ihre Geburt markierte für die Welt der Wissenschaft und zahlreiche kinderlose Paare einen Wendepunkt. Für ihre Eltern war sie die Erfüllung eines langen Traums. Trotzdem will Louise Joy Brown, das erste Retortenbaby der Welt, ihren 30. Geburtstag nicht groß zu feiern. Denn inzwischen ist die Britin selbst stolze Mutter.

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