Die Spionin kam aus der Kälte. "An der Außenwand des Turms kletterte ich auf einer schmalen Leiter 42 Meter hoch", beschreibt Ruth Heffernan ihren waghalsigen Spionageeinsatz bei null Grad und eisigem Wind auf einem Acker in der Nähe des ostfriesischen Städtchens Aurich. Bei Wind und Wetter hatte sie an jenem Märztag 1994 ihr Leben riskiert, um in die modernste Windkraftanlage der Welt einzudringen.

Das Objekt ihrer Neugierde hieß schlicht: E40. Der ostfriesischen Enercon GmbH war es gelungen, mit der E-40 eine Windmühle zu präsentieren, die der Konkurrenz technisch um Jahre voraus war. Die Anlage wurde zum Verkaufsschlager: Bis heute haben die Auricher weltweit über 1650 Stück davon verkauft.

Hinter den Verfahren, so stellte sich heraus, steckte die amerikanische Konkurrenz: Kenetech Windpower Inc. Mit den Verfahren wollte das Unternehmen aus dem kalifornischen Livermore sich die Wettbewerber vom Leibe halten. Enercon-Geschäftsführer Aloys Wobben wurde vorgeladen und zwei Wochen lang in Washington vernommen. Dann bekamen Wobben und seine amerikanischen Anwälte - möglicherweise aus Versehen - das Beweismaterial der Gegenseite zu Gesicht. Neben einer Vielzahl von Fotos, die das komplette Innenleben der E-40 zeigten, befand sich auch der achtseitige Spitzelbericht von Ruth Heffernan. Darin schildert sie detailliert, wie sie zusammen mit ihrem holländischen Kenetech-Kollegen Robert "Bob" Jans und dem Oldenburger Ubbo de Witt die Enercon-Anlage ausspionierte: "Verließ Groningen am frühen Montag, 21. 3. 94, mit Bob Jans. Fuhren nach Oldenburg, holten Ubbo ab, einen Physiker und Meterologen, der für uns als freier Mitarbeiter tätig ist. Er hatte Kontakt zu dem Bauern, der eine Enercon-40 besitzt und im Einsatz hat."

Das Spionagetrio ging in die Bodenstation, setzte das Sicherheitssystem außer Kraft und rief, nachdem ein Code eingegeben wurde, Displays ab. Dann stellten sie die Maschine ab. Die 40 Meter großen Rotorblätter kamen zum Stehen. Jetzt erst wagten die drei den Aufstieg zur Kabine an der Spitze des Windrades, dort, wo sich das Herzstück der E-40 befindet. "Wir verbrachten über 60 Minuten da oben, redeten über die Maschine und machten Fotos."

Der Enercon-Geschäftsführer konnte es nicht fassen. Da war der Beweis, dass Spione seine E-40 ausgeforscht hatten. Doch wie hatten Heffernan, Jans und de Witt an jenem Tag die Computercodes geknackt und das Sicherheitssystem lahm gelegt?

Da gab ein WDR-Journalist dem Windkraft-Manager einen Tipp: Ihm hatte ein amerikanischer Geheimdienst-Mitarbeiter offenbart, dass seine Organisation einen großen Lauschangriff auf die Auricher verübt habe. So seien Firmenkonferenzen über die Telefonleitungen abgehört, Sicherheitscodes und geheime Forschungsunterlagen abgefangen und der amerikanischen Konkurrenz von Kenetech zugespielt worden. Den Namen jenes Geheimdienstes, der per Telefonleitung in seine Firma eingebrochen sein soll, hatte Wobben noch nie gehört: National Security Agency (NSA).

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