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Band III (1992) Spalten 224-228 Autor: Michael Hanst

JOHANNES XXI. (Petrus Hispanus), Papst, bedeutender mittelalterlicher Mediziner und Philosoph, * um 1215 in Lissabon als Sohn des Arztes Julianus, † 20.5. 1277 in Viterbo. - J. XXI. entstammte einer sehr wohlhabenden Familie, neben dem Beruf des Arztes betrieb der Vater gleichzeitig eine Apotheke. Infolgedessen erhielt J. zunächst in seiner Geburtsstadt eine schulische Grundausbildung und wechselte dann sehr früh auf die bekannte Schule zu Léon, die er ebenfalls bald gegen Paris vertauschte. Er absolvierte hier das übliche umfassende Studium der »artes«, besaß jedoch das Glück, daß zu dieser Zeit die bedeutendsten Lehrer in Paris wirkten. So hörte er bei Albertus Magnus (s.d.) die Naturkunde nach dessen neuem Schema, die Philosophie bei Wilhelm Shyreswood, begeisterte sich an den Vorlesungen über die Logik, die Lambert von Auxerre hielt. Nachdem J. XXI. 1245 den Magistergrad der Philosophie und der Medizin erlangt hatte, unternahm er eine Studienreise nach Süditalien. Für seine medizinischen Kenntnisse dürfte er in der damaligen Hochburg aller Ärzte, in Salerno, zahlreiche Anstöße erfahren haben, desgleichen auch in Palermo. Hier trat er zeitweilig als Schüler des dortigen Hofarztes Theodorus Physicus auf. Die Freundschaft mit zahlreichen weiteren Persönlichkeiten des Hofes um Friedrich II. ermöglichte ihm die Ernennung zum »professor artis medicinae« in Palermo. 1247 reiste er nach Siena, um für das dort neu gegründete Studium Generale als Physicus zu lehren. Hier entwickelte er in zahlreichen Schriften die Grundzüge seiner Schulmedizin. Viele damit zusammenhängende Probleme sind bis heute ungeklärt: So ist eine genau zeitliche Fixierung seiner Werke unmöglich, zudem wurde J. XXI. im Laufe der folgenden Jahrhunderte gerne kopiert, Kompilationen entstanden. Auch ist sein Nachlaß auf zahlreiche Archive verteilt, manches unveröffentlicht bzw. noch gar nicht gesichtet. So wurde sein Hauptwerk »Thesaurus pauperum« zahllos kopiert, oft mit eigenständigen Rezepten ergänzt und so verwässert. Moderne Wissenschaftler sehen daher dieses Werk eher skeptisch, man verweist darauf, daß J. XXI. viel mehr auf medizinischem Gebiet vorzuweisen hatte als ein Sammelsurium von allgemein gängigen und populären Rezepten. Man hebt hervor, daß er sich keinesfalls nur auf die überlieferte griechische Schulmedizin stützte, er bediente sich genauso der neueren fortgeschrittenen islamischen Kenntnisse. Eine Handlungsweise, die zwar bei seiner Herkunft nahelag, die aber innerhalb der Kirche revolutionär anmutete. Für J. XXI. besaß die Medizin zwei Säulen: Die »ratio« und das »experimentum«. Er hat zudem die Therapeutik klar geordnet: Er fordert eine fundamentale Diätetik, legt das Hauptgewicht auf den vorhandenen Heilmittelschatz und propagiert, wahrscheinlich mit starken Einschränkungen, als letzte Heilungsmöglichkeit die Chirugie. Daneben verfaßte er zahllose philosophische Schriften, sein um 1250 entstandenes Hauptwerk »Summulae logicales« hat bis in unsere Zeit Geltung als Standardwerk der Logik. Als universelles Lehrbuch wurde es ungefähr 180 Jahre später ins Griechische übersetzt, später in andere lebende Sprachen. In der Zeit der Reformation wurde es besonders populär. Martin Luther (s.d.) hörte Vorlesungen über die Logik des J. XXI., Melanchton (s.d.) zitierte ihn in manchen seiner Schriften. J. XXI. geht in seinem Hauptwerk davon aus, daß die Logik allein Grundlage aller Wissenschaften ist. Nur wer sie beherrscht, kann auch die anderen Künste verstehen und erlernen. Wer dieses schlußfolgernde Denken aber erreichen will, muß zunächst die Sprache, ihre diversen Ausdrucksweisen, ihre speziellen Feinheiten durchdringen. Man hat oft kritisiert, daß J. XXI. in seinen »Summulae logicales«, die er in 7 Teile gegliedert hat, im wesentlichen die Logik des Aristoteles und des Boethius abgeschrieben habe. Erst im siebten Abschnitt »De terminorum proprietatibus« gehe er auf Denker seiner Zeit ein. Sein Verfahren entsprach aber dem feinen Stil seiner Zeit, zudem erkennen seine Interpreten heute durchaus Denkansätze und methodische Weiterentwicklungen, die nur für J. XXI. charakteristisch sind. - Das eher beschausame Gelehrtenleben änderte sich 1260, als J. XXI. Leibarzt des Grafen von Lavagna, Ottobuono, des späteren Papstes Hadrian V. (s.d.) wurde. Er durchlief nun in schneller Folge die Hierarchie der kirchlichen Ämter, man ernannte ihn 1273 zum Erzbischof von Braga, im gleichen Jahr noch zum Kardinalbischof von Tusculum. Zu dieser Zeit diente er bereits Papst Gregor X. (s. d.) als Archivar und Leibarzt. In beiden Funktionen begleitete er den Papst zum II. Konzil von Lyon (1274), an den päpstlichen Verhandlungen mit Rudolf von Habsburg hat er wohl persönlich teilgenommen. Eine innige Freundschaft verband ihn mit dem ehrgeizigen Kardinal Caetano-Orsini, dessen Einfluß war es zuzusprechen, daß er am 8.9. 1276 nach einem erregten Konklave zum Papst gewählt wurde. Die vorherrschende Konfusion trug wohl dazu bei, daß er nach der Annahme des Namens Johannes als der einundzwanzigste gezählt wurde, wobei, bedingt durch einen Zählfehler, ein Johannes XX. nicht existierte. - J. XXI. war als Papst nur eine kurze Lebensspanne gegönnt, er widmete sich in ihr der Vertiefung der 1274 geschlossenen Union mit Byzanz, versuchte eine Schlichtung des Streits zwischen Philipp III. dem Kühnen und Alfons X. hinsichtlich des Königreiches Navara, bemühte sich letztlich um einen neuen Kreuzzug. Seine besondere Neigung galt jedoch als Papst den Universitäten, er veranlaßte an den Pariser Fakultäten eine Untersuchung über den die Gemüter spaltenden Averroismus, initiierte eine allgemeine Studienförderung und plante die finanziellen Schwierigkeiten armer Studenten zu mindern. - J. XXI. residierte in Viterbo, zum Mißfallen des Klerus gab er ausführliche Audienzen für arm und reich. Er starb eines tragischen Todes, als er durch die herabstürzende Decke seiner Privatbibliothek verschüttet wurde. Bezeichnend sind seine letzten Worte: »Quid fit de libello meo? Quis complebit libellum meum? - J. XXI. hat sich nie schriftlich über sein kurzes Pontifikat geäußert, doch ist anzunehmen, daß er dieses eher als schwere Last empfand, vor allem wegen der politischen Verflechtungen seiner Zeit. So würdigt man sein Wirken treffender als das des führenden Scholastikers, im positiv menschlichen Sinn als des Schulmeisters seiner Zeit.

Werke: Omnia opera ysaac, Lyon 1515 (darin enthalten: der Zuschreibung nach umstrittene Kommentare J. XXI.); Liber de oculo, neu ed. von A. M. Berger, in: Die Ophthalmologie des Petrus Hispanus, 1899, mit dt. Übers.; Diaetae super chirurgiam, Auszüge in: Karl Sudhoff, Beiträge zur Gesch. der Chirurgie 2, 1918, 395-398; Summulae logicales, nach 1250, neu herausgegeben von Innocent Josef Maria Bochénski, Turin 1947; in engl. Übers., J. P. Mullaly, in: Mediaeval Studies Univ. of Notre Dame/Indianapolis VIII, 1945; Quaestiones di anima, neu ed. von M. Alonso-Alonso, in: Obras filos¢ficas II, Madrid 1944; Ders., Expositio libri de anima, in: Obras filos¢ficas III, Madrid 1952; Ders., Expositio librorum Beati Dionysii (Pseudo-Dionysius), Lissabon 1957; Ders., Scientia libri de anima, in: Obras filos¢ficas I, Barcelona 19612; Thesaurus pauperum, entstanden ab 1247 (auch als »Summa experimentorum« überliefert), neu hrsg. von L. DePina und M. H. Da Rocha Pereira, in: Studium generale I, 1955, 204-299; II, 1955, 182-247, III, 1956, 68-173 und 310-349; IV, 1957, 54-119, mit portug. Übersetzungen; Liber de conservanda sanitate, neu ed. von L. DePina, Porto 1961, mit portugies. Übers.

Lit.: J. T. Köhler, Vollst. Nachricht von Papst J. XXI., welcher unter dem Namen Petrus Hispanus als ein gelehrter Arzt und Weltweiser berühmt ist, Göttingen 1760; - Conrad Prantl, Michael Psellus und Petrus Hispanus, eine Rechtfertigung, 1867; - Richard Stapper, Papst J. XXI., Eine Monographie, 1898; - Ptolemaeus Lucencis, annales, in: Ludovico Muratori, Rerum italicarum scriptores, ed. von G. Carducci u. V. Fiorini, Città di Castello, 1900 ff., Bd. XI, 1176; - D. Riesman, A Phisician in the Papal Chair, in: Annals of Medical History 5, 1923, 291-300; - Wilhelm Wile, Der Arzt Petrus Hispanus und seine Bedeutung für die Zahnheilkunde (Diss. Leipzig), 1924; - Karl Sudhoff, Petrus Hispanus, richtiger Lusitanus, Professor der Medizin und Philosophie, schließlich Papst J. XXI., in: Medizinische Welt, 1934, 1-10; - H. Simonin, Magister Petrus Hispanus, in: AFP 5, 1935, 340-343; - Martin Grabmann, Handschriftl. Forschungen und Funde zu den philos. Schriften des Petrus Hispanus, des späteren Papstes J. XXI., in: Sitzungsberichte der Bay. Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, 1936, - Ders., Die Lehre vom Intellectus possibilis und Intellectus agens im »Liber de anima« des Petrus Hispanus, in: AHD 11, 1937/38, 167-208; - Ders., Petrus Hispanus, in: ByZ 41, 1941, 455-458; - M. de Wulf, Storia della filosofia medievale, Bd. II, Florenz 1945, 77-78, 80; - Heinrich Schipperges, Der Stufenbau der Natur im Weltbild des Petrus Hispanus, in: Gesnerus 17, 1960, 14-29; - Ders., Makrobiotik bei Petrus Hispanus, in: Sudhoffs Archiv für Gesch. der Medizin und der Naturwissenschaften 44, 1960, 129-155; - Ders., Zur Psychologie und Psychiatrie des Petrus Hispanus, in: Confinia Psychiatria 4, 1961, 137-157; - Ders., Arzt im Purpur, Leben und Werk des Petrus Hispanus, in: Materia Medica Nordmark 13, 1961, 591-600; - Ders., Eine noch nicht veröffentlichte Summa Medicinae des Petrus Hispanus in der »Biblioteca Nacional« zu Madrid, in: Sudhoffs Archiv der Gesch. und der Naturwissenschaften 51, 1967, 187-189; - Ders., Grundzüge einer scholastischen Anthropologie bei Petrus Hispanus, in: Portugiesische Forschungen der Görres-Gesellschaft 7, 1967, 1-51; - Ders., Handschriftl. Untersuchungen zur Rezeption des Petrus Hispanus in den »Opera Ysaac«, Festschr. für G. Eis, hrsg. von G. Keil, R. Rudolf und W. Schmitt, 1968, 311-318; - Ders., Petrus Hispanus, in: Die Großen der Weltgesch. III, 1971, 679-691; - J. M. da Cruz Pontes, Pedro Hispano Portugalense e as controvérsias doutrinarias do sécolo XIII., A origem da alma, Coimbra 1964; - Ders., u. ebda., A obra filos¢fica de Petro Hispano Portugalense, Novos problemas textuais, 1972; - Joachim Telle, Petrus Hispanus in der altdeutschen Medizinliteratur (Diss. Heidelberg), 1972; - P. Linehan, The Spanish Church and the Papacy in the Thirtheenth Century, Cambridge 1971; - Bernd-Ulrich Hergemöller, Die Gesch. der Papstnamen, 1980; - Bihlmeyer-Tüchle II, 338; - Catholicisme VI, 488-489; - EC VI, 590-592; - EncF III, 1377-1378; - DThC VIII, 1632-1633; - Hauck V, 1.2., 451, 624; - HdKG III, 288-300, 324, 438; Lexikon der Heiligen und Päpste, 200-201; - - LThK V, 992-993; - NCE VII, 1013-1014; - RE IX, 267-270; - RGG IV, 811; - Seppelt III, 539-542; - Überweg II, 455-456.

Michael Hanst

Werkeergänzung:

Logische Abhandlungen = Summulae logicales. Aus d. Lat. von Wolfgang Degen u. Bernhard Pabst. München 2006; - Simon Tugwell, Auctor "Summularum", Petrus Hispanus OP Stellensis?, in: AFP 76.2006, S. 103-115.

Letzte Änderung: 20.02.2008