Felix und Ulrich Müller u.a.

Schota Rustaveli, "Der Ritter im Tigerfell"

Englisch Französisch

INDEX:

Allgemeine Informationen

Zusammenfassung des Buches:
"Das Verbotsgesetz im Spannungsverhältnis zur Meinungsfreiheit"

Felix Müller: Quelle forme constitutionnelle pour l'Europe de demain?

Felix und Ulrich Müller: Percht und Krampus...

Lebenslauf

Felix privat







Web Design by Felix Mueller
Consulted and hosted by Serverart.com

Schota Rustveli, "Der Ritter im Tigerfell": Das georgische höfische Epos des hohen Mittelalters

Lado Mirianashvili (Tbilisi), Felix Müller (Wien/Tel Aviv),
Ulrich Müller (Salzburg)

Prolog:
Zwei subjektive Eindrücke eines Besuchers aus Österreich
zu Rustaveli in Tbilisi und Jerusalem


(Felix Müller)

Tbilisi, September 1996: Die vormals pulsierende Metropole der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien ist sehr ruhig geworden in den letzten Jahren. Die meisten Industrieanlagen stehen still, und die neue Wirtschaftsordnung setzt sich nur langsam durch. Je unstabiler die wirtschaftliche und politische Lage ist, umso mehr suchen die Leute Rückhalt in ihrer Tradition, der Religion und dem Nationalismus. Rustaveli (1) scheint für diese Bedürfnisse wie geschaffen: Rustaveli als Ur-Georgier, Rustaveli als Volksdichter, Rustaveli als religiöser Gesandter in Jerusalem. Für den heutigen Besucher in Tbilisi ist die Omnipräsenz dieses Poeten nicht zu übersehen. An der Stelle von Lenin-Prospekt und Lenin-Statue, so zumindest hat man den Eindruck, befinden sich heute Rustaveli-Boulevard und -Denkmal.

Jerusalem, März 1998: Der israelische Taxifahrer ist sehr überrascht, daß es ein ehemaliges georgisches Kloster in Jerusalem gibt. Das 'Kreuzkloster' sei seines Wissens nach ein griechisch-orthodoxes Kloster. Georgische Einwanderer gebe es viele in Jerusalem, und diese seien alle auch sehr nette Leute, aber von einem Herrn Rustaveli habe er noch nie gehört, informiert der Taxifahrer weiter. - Jerusalem ist heute eine israelisch-jüdische und palästinensisch-muslimische Stadt. Das Christentum ist zwar nicht zu übersehen, kreuzt man doch in der Altstadt andauernd die Via Dolorosa oder steht ein weiteres Mal vor einer Kirche, an deren Stelle sich eine der biblischen Geschichte abspielte, doch ist diese Religion mit ihren Traditionen nicht mehr die dominierende in dieser Stadt. Erst recht sind kleine Details wie die äthiopischen Mönche auf dem Dach der Grabeskirche oder das Grab des Rustaveli gerade einmal den größten Jerusalem-Kennern ein Begriff: Rustaveli ruht in Vergessenheit unter einer Säule in der Kirche des 'Kreuzklosters', das nur durch eine winzige Tür zu betreten ist und von Mönchen bewohnt wird, die keine geläufige Fremdsprache sprechen.

Vorbemerkung
(Ulrich Müller)

Der folgende Beitrag entstand aus der Zusammenarbeit zwischen einem Angehörigen der Georgischen Akademie der Wissenschaften in Tbilisi (Lado Mirianashvili) und der Universität Salzburg (Ulrich Müller). Die ersten Überlegungen dazu stellten wir an während eines Studienaufenthaltes in Tbilisi, (2) der im September 1996 auf Einladung der Georgischen Akademie stattfand. Die entscheidenden Verabredungen dazu erfolgten dann bei dem Gegenbesuch, der im folgenden Jahr auf Einladung der Universität Salzburg möglich war. Unser gemeinsamer Beitrag, der sich mit dem mittelalterlichen Nationalepos Georgiens beschäftigt und die mediävistische Aufmerksamkeit darauf lenken möchte, entstand dann mit der Hilfe von Internet und Fax. Von Anfang an waren wir der Überzeugung, daß Überlegungen zu jenem Werk, sofern sie für ein deutschsprachiges Lesepublikum (von Mediävisten/innen) bestimmt seien, nur in interkultureller Kooperation entstehen sollten; dementsprechend sind, wegen der jeweiligen Perspektive, die Anteile der Beteiligten jeweils auch markiert. Ergänzende Recherchen führte ich dann im März 1998 in Jerusalem durch, im Rahmen einer Reise an die Tel Aviv-Universität und die Al Azhar-Universität in Gaza. Mein Sohn Felix, derzeit Student der Rechtswissenschaften und gelegentlicher Mitarbeiter bei Zeitungen, der mir auf beiden Reisen eine unersetzliche Hilfe und Unterstützung war, hat auf unsere Bitte hin zwei touristische Miniaturen beigesteuert. Wir hoffen, lieber Herr Pensel, daß das Ergebnis Sie interessieren wird. Der Anfang unserer Bekanntschaft liegt ja weit zurück, nämlich im Jahr 1964, als ich als junger Doktorand im Zimmer neben Ihnen in den Räumen der Ost-Berliner Akademie für etliche Tage arbeiten konnte. Seit jener Zeit weiß ich, aus unseren vielen 'Pausen-Gesprächen', von Ihrem Interesse an allem Ungewöhnlichen, das mit dem Mittelalter zusammenhängt (und nicht nur mit den mittelalterlichen Manuskripten). Unsere Überlegungen zu Rustvelis Epos seien Ihnen, in Erinnerung daran, mit unseren besten Wünschen in Ihren Geburtstags-Geschenkkorb gelegt.


1. Der Autor Schota Rustveli
(Lado Mirianashvili)

Der Verfasser des Epos vom "Ritter im Tigerfell" nennt sich als "Rustveli" in der siebten und achten sowie in der letzten Strophe seines Werkes (3) (wobei gelegentlich vermutet wurde, es handle sich um Ergänzungen eines späteren Kompilators). "Rustveli" bedeutet, daß hier jemand aus der Ortschaft Rustevi gemeint ist. Diese Namensform ist vom 12. bis zum 18.Jahrhundert bezeugt; aufgrund der Entwicklung der georgischen Sprache veränderte sie sich später in "Rustaveli" (und dies ist die heute zumeist verwendete Namensform). Der Vorname "Schota" ist erst spät überliefert.

Die ältesten literarischen Quellen, die über den Dichter berichten, stammen vom Beginn des 16.Jahrhunderts. In der 2.Hälfte des 17.Jahrhunderts schrieb König Archil Bagrationi (1647-1713), Staatsmann und Dichter, das Gedicht "Ein Gespräch zwischen Teimuraz und Rustveli", und dieses enthält wertvolle Informationen über Rustveli: Gemäß diesem Gedicht wurde Rustveli in dem Ort Rustavi in Meskheti/Zemo Kartli (Strophe 127), also im Südwesten Georgiens, geboren; er erhielt eine Ausbildung in Griechisch (Strophe 102), nahm als Beamter oder notgedrungen auch als Krieger an fast allen Feldzügen von König(in) (4) Tamar teil (Strophen 808, 819f., 859, 935, 940f. etc.), verfaßte im Auftrag von König Tamar das Epos "Der Ritter im Tigerfell" und wurde wegen der Qualität seines Werkes hoch belohnt (Strophe 73, 144).

Fürst Ioane Bagrationi (1768-1830), Schriftsteller, Wissenschaftler und Lexikograph, teilt in seiner Enzyklopädie mit, Rustveli sei Philosoph, Theologe und Astrolog gewesen und habe den Posten eines Finanzministers begleitet; leider sagt er nicht, woher er diese Informationen hatte.

Der georgische Wissenschaftler Pavle Ingorokva meint, daß der "Ritter im Tigerfell" zwischen 1196/1207 verfaßt wurde. Der Katholikos Anton I. (1720-1788) erwähnt, daß Rustveli, neben anderen Werken, auch eine "Geschichte von König(in) Tamars Leben" geschrieben habe.
In den Jahren 1757-1758 besuchte der georgische Geistliche und Reisende Timote Gabashvili georgische Kirchen in Palästina und fertigte eine Beschreibung von diesen an: In seiner Beschreibung des 'Jvari-Klosters' (='Kreuzkloster'), damals außerhalb von Jerusalem gelegen (5), teilt er mit, daß Säulen der Kirche auf Kosten von Rustveli, der damals Verwalter der königlichen Finanzen war, renoviert und bemalt wurden. Gabashvili erwähnt ein Bildnis Rustvelis an einer der Wände des Klosters, und zwar neben vielen anderen Freskos. (6) Der Wissenschaftler und Lexikograph Niko Chubinashvili machte 1845 eine Bleistift-Skizze der Rustveli-Abbildung und beschrieb deren Situierung: Schota Rustveli sei dort in weltlicher Kleidung abgebildet, und zwar zwischen größeren Bildnissen von Maximus Confessor (ca.580-622) und Johannes von Damaskus (ca.675-753). Dies würde die Nachricht bekräftigen, daß Rustveli kein Geistlicher, sondern Laie war. Griechische Mönche, die später das Kloster übernahmen, übermalten das Bildnis Rustvelis. Im Jahr 1960 wurde es von einer georgischen Arbeitsgruppe wieder freigelegt, photographiert und auf diese Weise in Georgien bekannt gemacht; dabei zeigte sich, daß das Wandbild eine Namens-Beischrift in Khutsuri, der für religiöse Zwecke verwendeten georgischen Rundschrift, hat: "Rostvli" (siehe die beiden Abbildungen).

Rustvelis Epos war in Georgien immer populär. Bis zum Beginn des 20.Jahrhunderts gehörte ein Exemplar davon unbedingt in eine Mitgift. Viele Georgier konnten den Text auswendig, auch wenn sie nicht schreiben und lesen konnte: Auf diese Weise wurde das Epos von einer Generation an die nächste überliefert, und zusätzliche Strophen wurden eigefügt. Das Epos war stets und ist bis heute für jeden Georgier Richtschnur für Gesetz und Sitte, wenn seine heutige Bedeutung auch im Zuge der Urbanisation etwas geringer geworden ist. Und der Text des Werkes ist bis heute für jeden, der über eine durchschnittliche Schulbildung verfügt, im großen und ganzen verständlich (was com garno salis auch für andere Werke der Vergangenheit gilt).


2. "Der Ritter im Tigerfell": Inhalt
(Ulrich Müller)

Der Titel des Epos von Rustveli ist "Wephchistqaosani" (auch mit "Wapchistkaossani", "Vep'his tqaosani" oder "Vepkhistqaosani" translitteriert) und bedeutet: "Der mit dem Wepchi-Fell"; ob mit "wepchi" ein Panther oder ein Tiger gemeint sei, ist bis heute strittig. Der Umfang des auf Mittelgeorgisch abgefaßten Epos beträgt in den verschiedenen Handschriften, die aus der Zeit seit dem 15.Jahrhundert stammen (8), zwischen 1550 und 1700 Strophen; (9) es wird vermutet, daß später - aufgrund der Beliebtheit des Werkes - noch Strophen hinzugedichtet und interpoliert wurden. Der georgische König Wachtang VI., ein Dichter und Gelehrter, veranlaßte und betreute 1712 eine Druckausgabe des Werkes, mit einem Kommentar und dem Versuch, einige angeblich später interpolierte Strophen auszuscheiden; auf diesem Druck (10) basierten dann alle späteren Ausgaben des Epos. Die heute maßgeblichen Editionen sind diejenigen von Akaki Schanidse und Alexander Baramidse (Tbilisi 1966) sowie von Pavle Ingorokva (Tbilisi 1978) (11). Es existieren Übersetzungen in zahlreiche Sprachen, darunter gleich mehrere ins Deutsche, und zwar von Arthur Leist (Dresden/ Leipzig 1889; zumeist in kreuzgereimten fünfhebigen Iamben(13), Hugo Huppert (Berlin 1955 u.ö.; paargereimte Verse (14), Hermann Buddensieg (Tbilissi 1976; Hexameter (15) sowie Ruth Neukomm (Zürich 1974 u.ö.; Prosa (16). Besondere Mühe, die originale Versform und auch die vielfältigen stilistischen Eigenheiten des Originals zu bewahren (gelegentlich selbst auf Kosten der leichten Verständlichkeit (17), hat sich davon der österreichische Autor Hugo Huppert gegeben, der die speziellen Übersetzungs-Probleme für Rustvelis Epos ausführlich diskutiert; da Hupperts "Nachdichtung" - im Gegensatz etwa zu Neukomms Prosa-Übersetzung - überdies auch eine Strophenzählung (18) besitzt, zitieren wir hier nach dieser Publikation (und dies gilt auch für die Schreibweise der Namen aus dem Epos).

Für eine Nacherzählung von Rustvelis Epos muß berücksichtigt werden, was für die meisten umfangreichen Erzählwerke gesagt werden kann: "This plain narrative cannot give any idea of the richness of Rustaveli's wonderful epic" - so der britische Orientalist David M.Lang in seiner Einleitung zu der englischen Hexameter-Übersetzung von Venera Urushadze (Tbilisi 1979 (19). Dennoch sei versucht, das Handlungsgerüst des Epos kurz zu skizzieren:
Das Epos wird heute üblicherweise in 57 Kapitel gegliedert, eine Einteilung, die auf den Wachtang-Druck von 1712 zurückgeht, der seinerseits natürlich wiederum auf älterer Tradition basiert. (20) Handlungsraum ist eine Art Fantasy-Orient, mit dem Königreich Arabien und den sieben Königreichen von Indien als Zentren. Gemäß georgischem Konsens-Verständnis ist dies eine Chiffre für das Königreich Georgien etwa zur Zeit der Entstehung des Epos, also um 1200 herum (siehe unten). Die beiden zentralen Themen sind: Freundschaft und Liebe, und das Geschehen handelt von zwei Paaren, nämlich der arabischen Prinzessin (und späteren Königin) Thinathin und dem jungen General Awthandil auf der einen Seite, sowie der indischen Prinzessin (und späteren Königin) Nestan Daredschan und dem indischen Prinzen Tariel, dem "Ritter im Tigerfell". Von anfänglichen Konflikten und Trennungen strebt die Geschichte einem doppelten Happy-End zu, nämlich der Heirat und Herrschaft der beiden Paare in ihren Herkunftsländern.

Die Geschichte ist in zwei große Teile gegliedert: Sie beginnt im Königreich Arabien. Dessen König Rostewan läßt seine Tochter Thinathin als Ko-Regentin (und spätere Königin) einsetzen; (21) in Liebe verehrt wird sie von dem jungen Helden Awthandil. Als König Rostewan dadurch schwer gekränkt wird, daß ein unbekannter Ritter (22) während einer Jagd, als er aus anscheinend tiefer Trauer aufgeschreckt wird, einige Leute des königlichen Gefolges niederschlägt, bittet Thinathin, daß Awthandil den geheimnisvollen Ritter suche; für den Fall des Erfolges verspricht sie ihm ihre Liebe. Nach fast dreijähriger Suche findet Awthandil den Fremden, der in einer Waldwildnis lebt. Es kommt zum Gespräch, und Awthandil erfährt das Folgende: Der Ritter mit dem Tigerfell ist ein indischer Prinz namens Tariel. Er war einst vom indischen Großkönig Pharsadan, der kinderlos war, zum Nachfolger bestimmt worden; doch Pharsadan bekam dann doch noch eine Tochter, die den Namen Nestan-Daredshan erhielt und fern vom Hof erzogen wurde. Als Tariel die Prinzessin einmal sieht, verlieben sich beide rettungslos ineinander. Als Pharsadan seine Tochter mit dem Königsohn von Choresmien verheiraten will, tötet Tariel auf Betreiben von Nestan den jungen Prinzen. Pharsadans Schwester veranlaßt, daß Prinzessin Nestan entführt und auf dem Meer ausgesetzt wird. Tariel macht sich in tiefer Verzweiflung auf die Suche nach seiner Geliebten, kann sie aber trotz größter Bemühungen nicht finden. Von dem jungen persischen Königssohn Phridon, dem Tariel aus schwerer Not geholfen und mit dem er sich befreundet hatte, erfährt er wenigstens, daß Nestan lebt, aber von zwei dunkelhäutigen Indern auf einem über die Meere fahrenden Schiff gefangengehalten wird. In hemmungsloser und hilfloser Trauer haust Tariel jetzt, nur begleitet von Asmath, der vertrauten Dienerin von Nestan, in der Waldeinsamkeit; und zum Zeichen seiner Zivilisationsferne läßt er sich jener ein Fellgewand herstellen. Awthandil gelobt Tariel Freundschaft und Hilfe; er zieht nach Arabien zurück, berichtet Thinathin das Geschehene, (23) und er macht sich dann gegen den Willen von König Rostewan wieder auf den Weg, um seinem Freund Tariel die versprochene Hilfe zu leisten.

Der zweite Teil des Epos handelt von der Suche nach Nestan: Awthandil zieht wieder zu Tariel und muß feststellen, daß diesen seine unglückliche Liebe dem Wahnsinn nahe gebracht hat. Er zieht weiter zu Phridon, der aber keine neuen Nachrichten über Nestans Schicksal hat. Nach längerer Zeit gelangt Awthandil in das "Königreich der Meere". In der Stadt Gulanscharo (24) trifft er Phatma, die attraktive, aber unzufriedene Frau eines reichen Kaufmanns, und er geht auf die Werbungen Phatmas ein, weil er ahnt, daß sie ihm Auskunft über Nestans Schicksal geben könnte. Sie hatte tatsächlich Nestan befreien lassen, und sie hatte ihr auch geholfen, als der "König der Meere" sie gegen ihrem Willen seinem Sohn verheiraten wollte. Sie wisse nur, daß Nestan auf ihrer Flucht vom Herrscher der Kadschi, einem zauberkundigen Volk entführt worden sei. Phatma verspricht Hilfe, und es gelingt ihr, mit der gefangenen Nestan Kontakt aufzunehmen. Awthandil alarmiert Phridon, sucht Tariel in seiner Waldeinsamkeit auf, und den drei Freunden gelingt es schließlich, gegen eine große Übermacht Nestan zu befreien. Nach der Rückkehr in ihre Heimatländer kommt es zur endgültigen Vereinigung von Tariel und der wiedergefundenen Nestan sowie von Awthandil und Thinathin, die auf jenen gewartet hatte. Die drei Freunde, jetzt die Herrscher in ihren Ländern, führen ihre Untertanen in eine Epoche des Friedens und des Reichtums (Str.1665/1666):

Und dies Dreigestirn von Herrschern - Tariel, Awthandil, Phridon –
hielt zusammen wie die Zinken einer festgefügten Kron.
Weh dem frechen Feind! Drei Schwerter zahlten ihm den harten Lohn;
jeder von den dreien beugte ferne Länder seinem Thron.

Allwärts streuten sie wie Schneefall Wonne, Glück und Wohlbehagen;
wo sie herrschten, hatten Arme, Witwen, Waisen nicht zu klagen;
Lämmer sah man ruhvoll saugen, Bösewichte scheu verzagen,
Wolf und Ziege friedlich weidend, freundlich lagernd sich vertragen.


3. "Der Ritter im Tigerfell": Strophenform
(Lado Mirianashvili)

Das Epos vom "Ritter im Tigerfell" zeichnet sich sowohl durch seinen gedanklichen Gehalt als auch seine poetische Sprache, die Musikalität und Harmonie seiner Verse aus. So gesehen kann es mit der Klangfülle der polyphonen georgischen Musik verglichen werden. (25)
Jede Strophe des Epos besteht aus vier Versen mit jeweils gleichem Reim - der Name dieser Strophenform ist "Schaïri". Jeder Vers umfaßt sechzehn Silben, die nach dem Prinzip der Dichotomie angeordnet sind: Ein Vers ist in zwei Hälften mit je acht Silben geteilt, und jeder Halbvers ist seinerseits in zwei Segmente gegliedert. Das heißt: Jede Strophe besteht aus vier Versen von insgesamt sechzehn Segmenten, jeder Vers aus sechzehn Silben und vier Segmenten. Dabei dominieren ein- bis viersilbige Wörter. (26)

Bei den Halbversen gibt es zwei Arten der Untergliederung: zum einen eine symmetrische (zwei Teile mit gleicher Anzahl der Silben, nämlich je vier Silben), zum anderen eine asymetrische (zwei Teile mit ungleicher Anzahl der Silben); innerhalb einer Strophe werden diese beiden Prinzipien nicht vermischt.

Die beiden Formen der Versifikation, die sich im Epos vom "Ritter im Tigerfell" finden, werden 'Hohe' (=symmetrische) und 'Niedere' (=asymmetrische) Versifikation genannt. Die beiden Segmente der 'niederen Versifikation' bestehen aus 3 bzw. 5 Silben, wobei die Reihenfolge 3-5 oder 5-3 sein kann; die zweite Hälfte des Verses ist symmetisch oder spiegelbildlich zur ersten Hälfte. Der durch den Wechsel von Längen und Kürzen (nicht von Betonung/ Nichtbetonung) definierte Vers-Rhythmus ist trochäisch ('hoch') oder daktylisch ('nieder').

Gemäß den Untersuchungen von Giorgi Tsereteli (1973) entsprechen die Silbenzahlen der 'niederen Versifiktion' dem Prinzip des "Goldenen Schnitts" (Verhältnis 3:5:8). Dieses Bauprinzip, das es in vielen Kulturen der veraschiedensten Epochen gibt, ist in Georgien zwar schon vor Rustevelis Epos in verschiedenen Gedichten zu finden (insbesondere in der Region Khewsuretien, im Norden Georgiens südlich und nördlich des Kaukasus gelegen), aber Rustveli war wohl der erste und weltweit auch der einzige Dichter, der ein großes Epos durchgehend nach dem Prinzip des "Goldenen Schnitts" konzipiert hat. Der Dichter, der die Monotonie eines einheitlichen Metrums und eines jeweils gleichen Strophenreims vermeiden wollte, wählte diese Möglichkeit, um von Vers zu Vers, von Strophe zu Strophe variieren zu können. Eine Acht-Silben-Konstruktion ist numerisch die einzige Möglichkeit, um gleichzeitig die Proportion des "Goldenen Schnitts" und das Prinzip der Symmetrie verwirklichen zu können.

Rustvelis Epos verwendet silbenzählende, strophenweise jeweils gleiche Reime, nämlich zwei- oder dreisilbigen Reime (zweisilbig für die 'hohe', dreisilbige für die 'niedere Versifikation). Die poetisch-metrische Struktur von Rustvelis Epos ist ausgefeilter und komplexer als etwa die der Alexandriner-Dichtung des

französischen Epos und Dramas. "Der Ritter im Tigerfell" ist außergewöhnlich reich an Reimen: Die durchschnittliche Frequenz von Reimwiederholungen liegt unter 1,7%, und ganz selten verwendet Rustveli - etwa im Gegensatz zu Dante - ein und dasselbe Wort zweimal im selben Reim. (27)


4. "Der Ritter im Tigerfell": historischer und politischer Kontext
(Lado Mirianashvili)

Das Epos Rustvelis ist der König(in) (28) Tamar (1160-1213) gewidmet: Ihre Schönheit und Klugheit habe ihn zu seinem Werk inspiriert. Diese Dedikation findet sich in den Anfangsversen des Epos (obwohl auch hier gelegentlich vermutet wird, daß diese erst später interpoliert wurden).

Aus verschiedenen Gründen haben die Georgier Königin Tamar und ihre Regierungszeit idealisierend verklärt, ja sie wurde von der georgischen Kirche sogar als Heilige kanonisiert. Es mag sinnvoll erscheinen, in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Geschichte Georgiens vor und während der Zeit von Tamars Regierungszeit zu werfen.
Georgien ist eines der ältesten Länder des Kaukasus, und es hat alle Entwicklungs-Stationen der Menscheitsgeschichte mitgemacht. An einem Kreuzweg von Europa und Asien liegend stand Georgien immer im interessierten Blickfeld mächtiger Staaten des Ostens und des Westens.

Die bedeutende ökonomische, kulturelle und politische Entwicklung des mittelalterlichen Georgien begann im 9.Jahrhundert n.Chr.; sie wird von den Historikern als "Epoche der Neuen Städte" bezeichnet. Bereits im 4.Jahrhundert war Georgien eines der am frühesten christianisierten Länder geworden. Maßgeblicher kultureller Einfluß kam unter anderem aus Byzanz. (29) Ab dem 9.Jahrhundert wuchsen die alten Städte, und neue wurden gegründet. Sie hatten eine gut entwickelte Infrastruktur zur Versorgung der Bevölkerung: Mühlen, öffentliche Bäder, Wasserbrunnen und Wasserleitungen. Die Hauptstrassen in den Städten waren gepflastert, und gepflasterte Straßen verbanden die Städte untereinander. Bagrat III. (975-1014) wurde der erste König des vereinigten Georgien, was zur Beschleunigung der ökonomischen und politischen Entwicklung des Landes führte.

Unterbrochen wurde dies alles, unglückseligerweise, durch Einfälle der seldschukischen Türken und durch eine Aufsplitterung des Landes. Die erste Invasion der Seldschuken geschah 1064, und seitdem überfielen diese Nomaden-Stämme fast in jedem Frühjahr das Land, raubten es aus und nahmen alles Wertvolle mit in ihre Winterquartiere, bis dann im nächsten Frühling alles von vorne begann. Nach einiger Zeit fingen Seldschuken auch an, sich in den eroberten Gebieten anzusiedeln: Die früher übliche, hochentwickelte Landwirtschaft (der Name "Georgien" leitet sich ja ab von griechisch "georgía" = 'Landbau/Landwirtschaft') wurde durch Viehzucht abgelöst. Insgesamt kam es zum Niedergang der wirtschaftlichen Verhältnisse.

In einer schwierigen Zeit für Georgien kam König David IV. (1089-1125) zur Regierung. Dank seiner überlegten Politik und der einschneidenden Reformen, die David IV. durchführte (und derentwegen er den Beinamen "der Erbauer") erhielt, erstarkte Georgien wieder. 1097 stellte der König die Tributzahlungen an die seldschukischen Sultane ein, und die Seldschuken wurden allmählich mit Gewalt aus Georgien hinausgedrängt; ihre letzten Stützpunkte in Georgien fielen in den Jahren 1122 und 1123. Im Zuge seines Kampfes gegen die Seldschuken war Georgien in Kontakt mit den Kreuzfahrern gekommen, und Georgier kämpften mit diesen zusammen gegen einen gemeinsamen Feind. Bei den Christen wurde David der Erbauer bekannt als "Schwert des Messias". Im ersten Viertel des 12.Jahrhnuderts war Georgien schließlich vollstädnig von den Seldschuken befreit, und es begann der langdauernde Prozess der Vereinigung der einzelnen Landesteile und die Herausbildung einer geeinten georgischen Feudal-Monarchie. Georgien wurde die stärkste Macht im Kaukasus, ja sogar ein Rivale für das Byzantinische Reich.

König Grigori III. (1156-1184) trieb die Vergrößerung des Landes weiter voran: Parallel zu Heereszügen, um Schirwan (im heutigen Aserbaidschan gelegen) zu unterwerfen, überfielen georgische Truppen jene Seldschuken, die in den angrenzenden Gebieten wohnten, in der Absicht, sie daraus zu vertreiben. Insgesamt war das Königreich Georgien weiterhin die stärkste Macht in Transkaukasien.

Im Jahr 1178 krönte König Gregori mit eigener Hand seine Tochter Tamar zur Mitregentin und künftigen Königin, und Vater und Tochter regierten gemeinsam. Nach dem Tod von Grigori erklärte der Oberste Staatsrat ("darbazi") Tamars Krönung durch ihren Vater für ungültig, erklärte sich aber einverstanden mit einer erneuten, also zweiten Krönung. Der Druck des Feudaladels auf die Königin nahm bald zu, in der Absicht, größere Selbständigkeit und mehr Macht auf Kosten der Krone zu erlangen, und es kam zu Angriffen gegen Königin Tamar. Sie trat in Verhandlungen mit den Gegnern, und als Ergebnis wurden die Rechte des "darbazi" erweitert. Nachdem Kampf und Zwist beendet waren, setzte sich der Stärkungsprozeß des Staates weiter fort: Fast alle Arten des Handwerks, die im Mittelalter bekannt waren, entwickelten sich weiter. Alte Techniken des Bergbaus und der Eisengewinnung wurden aufgegriffen und vervollkommnet. Der einheimische und internationale Handel blühte: Georgien exportierte Keramik, Glas, Waffen, Pelze, Teppiche, Seiden- und Baumwollstoffe, Wollgegenstände, Pferde, Wein und verschiedene Lebensmittel. Es gab Karawanen-Routen von Georgien nach Byzanz, in den Iran, nach Ägypten,

Rußland und in andere Länder. Die berühmte 'Seidenstraße' verlief durch Georgien hindurch. Dies alles waren günstige Voraussetzungen, um Reichtum und Wissen zu vermehren und um fremde Kulturen kennenzulernen, und die Entwicklung der georgischen Kultur wurde dadurch gefördert.

Es entstand das Bedürfnis für die georgische Gesellschaft, die vollständige historische Erinnerung ineinem einzigen Werk zusammenzufassen; es entstand "Kartlis tskhovreba" ('Die Geschichte von Kartli') (30). Die Epoche hinterließ ein reiches wissenschaftliches Erbe: Astronomie, Mathematik, Medizin: das hohe Niveau der Bildung zeigt sich in der Ausbildung des Erziehungswesens. Einen hohen Entwicklungsstand erreichten auch die verschiedenen Künste: Architektur, Fresko- und Buch-Malerei, Gold- und Silberschmied-Kunst, Arbeiten in Email und Cloisonné. Die in jener Zeit erbauten Kirchen sind konzeptionelle Meisterwerke, und ihre Fassaden sind mit reichen Ornamenten geschmückt: Band- und Wein-Motive sowie Tier-Bilder beeindrucken bis heute durch ihre Eleganz und Feinheit. Zu nennen sind hier die Kirchen von Svetitskhoveli, Samtavro, Bagrat, Gelati, Alaverdi, Ikorta und Betania; einen speziellen Platz im Kulturerbe der Welt nehmen die felsneklöster von Bertubani und Vardzia ein; und herausragende Meisterwerke wurden durch die georgischen Goldschmiede Beka und Beshken Opizari geschaffen. Die lyrische und epische Dichtung erreichte ihren Höhepunkt gleichfalls im 12.Jahrhundert; die herausragenden Werke sind: "Tamariani" von Chakhrukhadze, (31) "Abdulmesia" von Ioane Shavteli, (32) "Wisramiani" (33)- und "Der Ritter im Tigerfell" von Schota Rustveli.

Am Ende von Tamars Regierungszeit erreichte Georgien seine größte Ausdehnung, und seine militärische, politische, ökonomische und kulturelle Macht und Bedeutung waren auf ihrem Höhepunkt. Königin Tamar erwies sich als Meisterin der Staatsführung und Diplomatie, die auf die Herausforderungen der Epoche optimal zu reagieren wußte.

Kurz nach dem Tod von König(in) Tamar (+1213) kam großes Unglück über Georgien, (34) und seine frühere Macht wurde bloße Erinnerung: Aus diesem Grund betrachteten die folgenden Generationen die Regierungszeit von Königin Tamar als das höchste Ideal von nationaler Grandeur, sie verklärten idealisierend ihr Bild und machten sie zu einer 'Legende'.


5. "Der Ritter im Tigerfell": Stil
(Lado Mirianashvili)

Das Epos enthält nicht nur Verse, die Königin Tamar preisen, sondern auch solche zu ihrer Unterstützung, z.B. den vielzitierten Satz: "Löwenbrut, ob männlich, weiblich, bleibt doch immer Löwenbrut" (Str.39). Dieser Vers, der die zustimmende Rede der Wesire bei Prinzessin Thinathins Krönung wirkungsvoll abschließt, (35) ist ein gutes Beispiel für die sentenzenreiche Formulierungskunst Rustvelis und auch für sein fortschrittliches Denken: Die Vorstellung der Gleichheit von Mann und Frau war im mittelalterlichen Georgien weit verbreitet, denn im Gegensatz zur damaligen Ideologie der westlichen Völker betrachteten die Georgier 'die Frau' nicht vorwiegend als Anlaß des Übels (Eva), sondern als als dessen Überwinderin, personifiziert in der Jungfrau, der Mutter von Christus. Diese Einstellung war deswegen weit verbreitet, weil die Einführung des Christentums in Georgien, im 4.Jahrhundert, mit einer Frau verknüpft ist, nämlich der Heiligen Nino. Außerdem gab es im frühen Georgien den Kult der "Großen Mutter der Natur" (Nana), ferner den des Mutter-Gottes und der Mutter-Sonne; reflektiert ist diese Tradition in der georgischen Sprache, wo nicht nur von Muttersprache, sondern auch von Mutterland, Mutterstadt, ja sogar von der Muttersäule (d.h. der tragenden Säule) geredet wird.

Da das mittelalterliche Georgien in intensivem politischen und kulturellen Kontakt mit den Ländern des Westens und Ostens stand, sind entsprechende Einflüsse und Gemeinsamkeiten gerdezu selbstverständlich. Eine solche Gemeinsamkeit ist die allegorische Interpretation von epischen Erzählungen. Sie wurde offenbar auch von Rustveli angewandt, auch wenn sie oft nicht deutlich und eindeutig ist.

Gemäß der heutigen Meinung der Rustveli-Philologie sind die Heldinnen des Epos, also Thinathin, Nestan und Phatma, allegorische Entsprechungen zu Königin Tamar, die ihrerseits in dem Werk als Personifikation Gottes (nämlich als Heilige Sonne) bezeichnet wird. Dasselbe kann von den Helden gesagt werden, also Tariel, Awthandil und Phridon, die als Personifikationen der Erzengel Michael, Raphael und Gabriel angesehen werden können. Gleichzeitig sind sie als Personifikationen des drei-gestaltigen Heiligen Georg zu interpretieren, der Christus, Kviria (36) und Mzechabuki in sich vereinigt. Sankt Georg besiegt den Drachen, und dieser wird mit dem Bösen gleichgesetzt. Letzteres gilt auch für den Panther (bzw. Tiger): Der Panther/Tiger ist in der östlichen Mythologie die Personifikation des Negativen, und mit einem Panther/Tiger und einem Löwen muß Tariel kämpfen (Kap.37). Die Verbindung mit Georg ist nicht zufällig, denn die Verehrung von Sankt Georg war im 9.-12.Jahrhundert besonders stark: sie stand in Beziehung zur Ausbildung der Feudal-Monarchie und ihrer Militär-('Ritter'-)Ideologie. Sankt Georg ist für die Georgier Symbol des Kampfes für das Christentum, für Gottes Krieg gegen das Böse.

Der 'Ritter' ist die christliche Entsprechung des "Kriegers des Lichts", er ist ein Symbol für Gott. Auch der europäischen Geschichte ist die Gleichsetzung von König/Ritter (Artus, Richard Löwenherz), von Ritter/König/Heiliger (Ludwig IX. von Frankreich, Ferdinand III. von Spanien) geläufig. Rustvelis Bewunderung für den Ritter Tariel ist offenkundig, und wenn er in der 5.Strophe seines Epos schreibt, er sei "beauftragt" worden, "Worte zum Preis von ihnen" zu schreiben, so meint der Plural offenbar Tariel und Tamar.

Öfters verwendet Rustveli die Wörter "Sonne"/"Mond" zum Lob von Helden, aber die Metaphern "Universum/Himmel" und "Oberste/ größte Sonne" werden auschließlich für Tariel und Nestan verwendet, z.B.:

Sieh, ein fremder, reckenhafter Jüngling kam mir in die Quere;
seine Schönheit machte strahlen Erd und Himmel, Land und Meere (Str.109);

oder:

Bild des einigen Sonnenwesens, Himmelslicht, das ewig währt (Str.297).

Rustvelis Epos ist angefüllt mit Beispielen moralischer Ideen. Aber es fehlt ihm der Geist der Belehrung, und er zwingt dem Leser niemals eine bestimmte Meinung auf. Er offeriert eine positive Möglichkeit, um das Wesen und die Motivation der heldischen Taten zu verstehen und zu begreifen, daß dies die bestmögliche Art des Handelns ist.

Sentenzen, aphorismenartige Aussagen helfen dem Leser, die zentralen Werte wie Liebe, Freundschaft, Mitleid etc. zu verstehen. Üblicherweise umfassen Rustvelis Sentenzen eine einzige Zeile einer Strophe, gelegentlich eine ganze Strophe und ausnahmsweise sogar zwei Strophen - hierfür ein Beispiel (Lehren des Königs Rostewan an seine eben gekrönte Mitregentin Thinethin; Str.49/50):

Wie die Sonne gleiche Lichtflut auf Untat und Rosen gießt,
sieh, daß Arm' und Reich du mit gleicher Fürstengnade mißt.
Auch den Trotz bezwing durch Güte, die allzeit bezwingend ist;
spende - wie die Flut, vom vollen Meere kommend, meerwärts fließt.

Offne Hand ist Schmuck des Fürsten, wie des Edens Schmuck Zypressen,
Offne Hand beugt den Gemeinen, sei er noch so ehrvergessen.
Nutzlos ist das Aufgesparte; nützlich, was wir trinken, essen.
Was du gibst, bleibt dein; doch was du speicherst, hast du nie besessen.

Sofern eine Sentenz die ganze Strophe umfaßt, kann man bemerken, daß sie üblicherweise im ersten Vers formuliert, dann in den folgenden Versen amplifiziert wird und im letzten Vers der Strophe ihre Krönung erfährt, wobei eine neue Sentenz erscheint:

Sieh, kein Engpaß hält den Tod auf und kein Steig am Felsenrande.
Stark und schwach und zag und tapfer sind für ihn vom gleichen Stande;
jung und alt vereint der Friedhof, schlägt der Sarg in gleiche Bande.
Besser ist ein Tod in Ehren als ein Leben voller Schande. (Str.800)


6. "Der Ritter im Tigerfell und die mittelalterliche Epik Europas
(Ulrich Müller)

Rustvelis Epos, um 1200 in einer und für eine ritterlich-christliche Feudalgesellschaft verfaßt, ist gelegentlich, zumeist aber eher aphoristisch, mit der gleichzeitigen höfischen Epik Westeuropas verglichen worden. Und tatsächlich fallen dem Mediävisten zahlreiche Parallelen auf. Nach meinem Lese-Eindruck (allerdings natürlich nicht des georgischen Originals, aber verschiedener deutscher und auch einer englischen Übersetzung) drängt sich aus mehreren Gründen ein Vergleich mit Chrétien de Troyes auf: Das gilt nicht nur für die auffälligen Äußerlichkeiten wie Rittertum und Frauendienst, das dominerende Thema Liebe und das Bild des (georgischen) "Midschnur", des geradezu manisch-fixierten 'Minneritters'(37), sondern ganz speziell für den Erzählstil: Rustveli erzählt, wenn auch in einer anderen metrischen Form, mit jener funktionalen Direktheit und gleichzeitig mit dem oft liebevoll in Einzelheiten gehenden Wirklichkeitssinn, der auch Chrétien auszeichnet (38) - und ganz im Gegensatz zum kompliziert-krausen, 'stachligen', mit Umwegen, Abschweifungen und Einwürfen arbeitenden Stil, den Wolfram von Eschenbach in seinem "Parzival" so oft bevorzugt (mit dem Rustevelis Epos im Deutschen gelegentlich verglichen wird (39); und in ähnlicher Weise sind die Personen bei Rustveli, wie bei Chrétien, eher eindimensionale Typen und nicht vielschichtige Individuen (wie zumindest ansatzweise bei Wolfram).

Aber nicht nur das höfisch-ritterliche Ambiente, (40) die Ritter und Frauendienst-Ideologie sowie der Erzählstil erinnern an westeuropäische höfische Epen derselben Zeit, sondern auch einige wesentliche Strukturen: Das Epos ist deutlich in zwei aufeinanderbezogene Hälften geteilt. Im ersten Teil sind beide Ritter-Helden des Epos

auf einer Queste, der eine mit Erfolg, der andere vergeblich. Im zweiten Teil wird die Queste nach demselben Ziel wiederholt, und dieses Mal hat sie Erfolg: Die Helden vollbringen auch eine Erlösungsaufgabe am Ziel ihrer Suche, nämlich der Zauberburg, indem sie die entführte und gefangengesetzte Jungfrau befreien - die Struktur des "Monomythos" (wie ihn Joseph Campbell (41) genannt hat) ist hier überdeutlich. Und auch der Liebesschmerz des Tariel, der sich von anfänglicher Trauer und Melancholie schließlich zum schieren Wahnsinn steigert, ist mit dem liebebedingten Außer-sich-Sein westeuropäischer ritterlicher Helden vergleichbar, etwa von Yvain/Iwein, Lancelot ("Folie Lancelot"), Tristan ("Folies Tristan") (42) sowie - besonders auffällig - des "Orlando furioso" der italienischen Renaissance, der sich gleichfalls auf der Suche nach einer geliebten Frau (Angelica) befindet.

Irgendwelche direkte Einflüsse sind wohl auszuschließen; stattdessen muß man eine Teilhabe am gleichen mythischen Erzählschatz vermuten sowie die doch ähnlichen sozio-kulturellen Gegebenheiten im damaligen christlichen Georgien des äußersten europäischen Ostens und in den westeuropäischen Ländern der gleichen Zeit annehmen: Beide Regionen befanden sich damals in einem vergleichbaren Entwicklungsstadium, das sich dann aber in der Folgezeit geradezu konträr aufspalten sollte.


7. Textbeispiel: Aus dem 29.Kapitel: "Heimkehr Awthandils nach Arabien":

Nach seiner Rückkehr erzählt Awthandil am Hof von König Rostewan von seiner erfolgreichen Suche nach dem Ritter im Tigerfell; anschließend wird er von Thinathin zu einem Gespräch unter vier Augen gebeten. - In dieser zentralen Erzählsequenz kommen wesentliche Themen des Epos zusammengefaßt vor: das alles dominierende Prinzip der Freundschaft (Str.702), die Liebessehnsucht des 'Minneritters', Frauenpresi und Frauendienst; kennzeichnend für das Ganze sind hier auch die Darstellungen der beiden Protagonisten und die Art der Erzählung.


690:
"Seit er die unholden Riesen aus dem Höhlenreich vertrieben,
haust er dort; nur eine Sklavin seiner Maid ist ihm verblieben;
trägt ein Tigerfell, verabscheut Seide, kann auch Samt nicht lieben;
hat sich, aller Welt entsagend, seinem Höllenschmerz verschrieben."

691:
Awthandil beendet also seinen schmerzlichen Bericht,
eilt zu schauen seine Sonne, sucht ihr ungetrübtes Licht;
gerne hört seine Hand er loben, die den Rosenstengel bricht:
"Freu dich deiner Heldentugend, eine beßre findst du nicht!"

692:
Thinatin, in froher Wallung, hat des Ritters Mär vernommen
und am Mahl und Festgelage heitern Sinnes teilgenommen.
Awthandil fand ihren Boten, als er abends heimgekommen.
Sie berief den Ritter zu sich - Kunde, namenlos willkommen!

693:
Freudig eilt er zu der Liebsten, fort sind Bitterkeit und Scheu.
Sieh, der Leu, aus Wald und Wildnis heimgekehrt, bleibt doch der Leu:
wie im Schillerglanz von Perlen sieht die Welt ihn ewig neu.
Er betreut ein Herz im Herzen, bleibt der Treue herzlich treu.

694:
Wie das Licht des Himmels thront sie, stolz und herrlich anzusehen;
Wie ein Eden-Baum am Euphrat, reich getränkt von Strom und Seen;
Haar-Achat und Hain der Brauen, die den Aug-Kristall umstehn...
Doch was sing ich! besser sängens die Allweisen von Athen.

695:
Und sie bat ihn, Platz zu nehmen; munter folgt er ihren Bitten.
Beiden sitzen, hochbeseligt, im Gehege heitrer Sitten;
Würde trägt ihr Wort, da wurde nicht gescholten noch gestritten,
und sie sprach: "Du bist am schönen Ziel, um das du Leid gelitten."

696:
Er drauf: "Wem die Welt den heißen Wunsch und Durst des Herzens stillt,
der sei nicht dem Schmerz von gestern trauernd nachzuschaun gewillt.
Ja, ich fand die Wunder-Pappel, die ein Leidensstrom umquillt:
Glich mein Held vorhin der Rose, wars ein bleich umflortes Bild.

697:
"Ja, ich sah den Bau, die Blume; Tariel sah ich schier verderben:
'Den Kristall verlor ich', sprach er, 'und nicht Glasbruch oder Scherben!'
Gleiches Feuer ließ uns beide Qualen dulden und fast sterben..."
Nun sprach er von Tariels Irrfahrt, der so prüfungsreichen, herben.

698:
"Frag mich nicht, denn ihn zu loben, ist mein bestes Wort zu schwach.
Wer ihn kennt, dem scheint das Schöne dürftig und das Tiefe flach.
Jeder Blick weicht ihm geblendet, wie wenn Sonn ins Auge stach.
Safrangelb erscheint die Rose, dunkelt veilchenfarben nach."

700:
Und er schildert das Geschaute und Vernommene genau:
wie der Recke, gleich dem Tiger, Wohnung nahm im Höhlenbau
mit der Maid, der tröstlich-nahen, hilfreich-schwesterlichen Frau.
Ach, du forderst von uns Tränen, Schicksal, quälerisch und rauh.

701:
So zufrieden war das Mädchen, als es diese Mär vernahm,
daß der stille Glanz des Mondes Stirn und Augen überkam,
und sie frug sich: "Wie erfreu ich ihn mit Worten wundersam?
Womit heil ich seine Wunden, wie bezwing ich seinen Gram"?

702:
Awthandil sprach: "Wer vertraut wohl einem, der ein Wort nicht hält?
Gern verglüh er meinethalben, schwor mein opferfroher Held.
Ich gelobt ihm meine Rückkehr, ich, der niemals lügt noch hehlt,
ich versprachs bei meiner Sonne, die den Erdkreis wärmt und hellt.

703:
Nimmer weich vor einer Freundespflicht der Freund zurücke;
mög er Herz hingeben: Minne sei ihm Weg und Brücke.
Wer unglücklich liebt, behindert Andre auch in ihrem Glücke;
Ohne ihn, den Freund, ist Freude freudlos, Fülle wird zur Lücke."

704:
Und die Schöne sprach: "Erfüllt ist alles, was mein Herz begehrt:
Nach des Rätsels Lösung bist du unversehrt mir heimgekehrt;
die von mir gepflanzte Liebe ist gewachsen und bewährt,
und mein flammend Herz fand Labung und Arznei, die heilt und nährt.

705:
Launisch spielt mit uns das Schicksal, schickt veränderliche Wetter:
sonnig lacht der Himmel heute, morgen droht sein Blitzgeschmetter.
Kahl war mir der Baum des Lebens, fröhlich grünen jetzt die Blätter.
Fort die düstern Nachtgedanken, meinem Glück entstand ein Retter.

706:
Daß du dein Gelöbnis wahrnimmst, kann ich nur hochlöblich finden.
Tätig gilt es zu bewähren, was wir für den Freund empfinden:
Geh und such den noch verborgnen Heiltrank für sein Wohlempfinden!
Doch wie soll ich, neu umnachtet, ohne dich ein Licht erfinden?"

707:
Er drauf: "Sieben Leiden trag ich; mit der Minne sind es acht.
Wer aufs Eis blies, hat dem Wasser wenig Wärme beigebracht.
Sinnlos ist ein Kuß von ferne, ob ihm auch die Sonne lacht.
Bei dir ist mein Kummer einfach; fern von dir - verhundertfacht.

708:
Ins Gefild entfliehn? Die Flamme folgt mir nach und holt mich ein.
Warum muß mein Herz dem flinken Pfeil das Ziel und Opfer sein?
Nur ein Dritteil meines Lebens will das Schicksal mir noch leihn.
Zuflucht vor dem Leid zu finden, dazu ist die Welt zu klein.

709:
Ich vernahm dein Wort und weiß nun, Beste, was dein Herz befiehlt.
Sticht der Rosenstrauch - wer fordert, daß man jeden Dorn befühlt?
Bit du die Sonne, so erfüll mir ganz mit Sonne mein Gefild!
Schenk ein Zeichen mir der Hoffnung, daß mein Leben sich erfüllt!"

710:
Wohlgesetzte Liebesworte sprach der Ritter zu der Maid,
sprach zur Sonne als ihr Meister, gab der Lauschenden Bescheid.
Seinem Wunsch sich neigend, schenkte sie ihm hold ein Perlgeschmeid.
Gott begnade beider Liebe und bewahre sie vor Leid!

711:
Was wirkt schöner als Achatstein, angelehnt am Blutrubin,
Aloe im Zypressenschaften unterm Himmelsbaldachin!
Trauter Anblick! Welch Beraubung, ihn dem Auge zu entziehn!
Wer da liebt, der haßt Abschied. Jammervoll verwünscht er ihn.

712:
Noch verweilen sie und hangen aneinander mit den Augen,
bis er geht; sein wirres Herze will zur Wanderschaft nicht taugen.
Zähren fließen und verbittern selbst des Meeres bittre Laugen.
"Ach, die schnöde Welt", so klagte er, "wird nicht satt, mein Blut zu saugen!"

713:
Er entfernt sich gramverdüstert, bringt sich Schmerz und Wunden bei;
Trennung macht die Minne traurig, wandelt Lust in Quälerei.
Taucht die Sonn in Wolken, stürzen Schatten nieder, schwer wie Blei.
Trennung drückt, als ob kein holdes Morgenrot mehr möglich sei.

714:
Blut und Tränen in vermischtem Strom auf seinen Wangen brannten,
und er seufzte: "Fern der Süßen, mir Entrückten, Abgewandten,
fühl ich schwarze Wimpern heiß an meinem Herz-Dimanten.
Fern von ihr - sind Frohsinn, Kurzweil die aus meiner Welt Verbannten!

715:
Der mich gestern als Platane hegte stolz im Paradies,
stieß mir heut des Schicksals Schneide durch die Brust als Speer und Spieß;
heut umhüllt ein Flammenmantel dies mein Herz, das er verstieß;
ach, ich weiß, die Welt ist Blendwerk, das ein Lügenmund aufblies!"

716:
Sprachs, und Schluchzen schlang die Worte, ließ Gestalt und Stimme zittern,
aus der Tiefe drängen Klagen, die ihn beugen und erschüttern.
Wie doch Schmerzen früher Trennung jedes Liebesglück verbittern!
Ach, am Ende winkt das Bahrtuch auch den Rühmlichen und Rittern.

717:
Heimwärts wendet sich der Edle, Jammer füllt sein Schlafgemach;
unablässig hangt er seiner Kümmernis und Sehnsucht nach;
er wird blaß wie grünes Blattwerk, wenn zur Nacht der Frost anbrach.
Seht, der Sonne frühes Sinken macht die Rose krank und schwach!

718:
"Menschenherz voll Gier und Wünsche, armes Herz verwünscht, verflucht,
Herz, das, so viel Plagen duldend, immer neue Wonnen sucht!
Blindes Herz, vermeßnen Blickes, ohne Maß in seiner Sucht,
keines Fürsten Drohung fürchtend noch des Todes kalte Wucht."

719:
Solch ein Anruf, rauh und herzhaft, gab dem Herzen Halt und Kraft.
Jenes Perlenband der Liebsten küßte er mit Leidenschaft:
es gemahnte an den Schimmer ihrer Zähne zauberhaft;
auf dem Angebinde brannte seiner Zähren Feuersaft.


Bibliographie:

1. Die derzeit grundlegenden Editionen sowie die deutschen Übersetzungen sind oben aufgeführt (Kap.2).

2. An neueren Publikationen in georgischer Sprache, auf die sich die obigen Ausführungen vorwiegend stützen, sind die folgenden zu nennen (die georgischen Titel sind jeweils ins Deutsche übersetzt):

Giorgi Tsereteli/ G.Kartosia/ T.Kokvidze/ S.Tsaishvili: (Reim und Metrum in Rustavelis Gedicht des 12.Jahrhunderts "Der Ritter im Pantherfell). Tbilisi: Metsniereba, 1973 [442p.];
Mariam Lordkipanidze: (Georgien im 11. und 12.Jahrhundert). Tbilisi: Ganatleba, 1987 [186p.];
Zviad Gamsakhurdia: (Die Sprache der Bilder im "Ritter im Pantherfell"). Tbilisi: Metsniereba, 1991 [354p.];
Giorgi Arabuli: (Die Biographie von Schota Rustaveli in der georgischen Wissenschaft). Tbilisi: Merani, 1992 [119p.];
Elguja Khintibidze: (Mittelalterliche und Renaissance-Tendenzen in Rustavelis "Ritter im Tigerfell"). Tbilisi: Universitäts-Verlag, 1993 [320p.];
vgl. auch die Literatur-Angaben in dem Rustveli-Artikel von Ruth Neukomm in: Kindlers Neues Literaturlexikon
14 (1988), S.499-501.

3. Publikationen in deutscher Sprache:

Hier ist insbesondere auf die stets sehr gründlichen Einleitungen bzw. Nachworte in den verschiedenen Übersetzungen zu verweisen. Eine wahre Fundgrube ist im übrigen die wissenschaftliche Zeitschrift "Georgica. Zeitschrift für Kultur, Sprache und Geschichte Georgiens und Kaukasiens", die seit einigen Jahren, herausgegeben von einem Team unter Leitung von Heinz Fähnrich (Jena), im Universitäts-Verlag Konstanz erscheint.

Überblickdarstellungen zur georgischen Literatur sind:

G.Deeters: Georgische Literatur, in: Handbuch der Orientalistik VII, Köln/Leiden 1963;
H.Fähnrich: Die georgische Literatur. Tbilisi 1981;
ders.: Die georgische Literatur, in: Kindlers Neues Literaturlexikon 20 (1988), S.589-595.
Weitere bibliographische Angaben finden sich oben in den einzelnen Fußnoten.


Fußnoten

(1) Zu den Namensformen siehe unten.

(2) Tbilisi/Tbilissi ist die georgische Namensform für die Hauptstadt Georgiens, die wohl im 4.Jahrhundert n.Chr. gegründet wurde; die russische Form lautet Tiflis. - Der Name hängt mit altgeorgisch "tpili"='warm' zusammen und verweist auf die dortigen warmen Schwefelquellen; diese werden in Tbilisi bis heute in großen öffentlichen Bade-Anlagen nutzbar gemacht.

(3) Die ins Deutsche übertragenen Zitate aus dem Epos sowie die von uns im folgenden verwendete Zählung der Strophen stammen aus der Übersetzung von Hugo Huppert von 1955 (siehe dazu unten).

(4) Für die deutsche Schreibung der georgischen Namen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wir verwenden im folgenden phonetische Translitterierungen ins Deutsche, gelegentlich wohl auch - und sicherlich inkonsequent - die eher im Englischen üblichen Schreibweisen. Völlige Einheitlichkeit haben wir nicht angestrebt, und sie ist für unsere Zwecke auch nicht notwendig. (U.M.)

(5) Das 'Kreuzkloster' (arabisch: Deir el-Musalliba), ein mächtiger festungsartiger Bau, lag früher weit außerhalb von Jerusalem; heute - aufgrund der modernen Entwicklung der Stadt - in der westlichen Neustadt, direkt an der Sderot Hayim Hazaz (den schönsten Blick auf das immer noch isoliert im Tal gelegene Kloster hat man von der Aussichts-Terasse des Israel-Museums). Das Kloster wurde in byzantinischer Zeit an derjenigen Stelle gegründet, wo laut christlicher Mythologie der Baum gewachsen war, der für das Kreuz Christi verwendet wurde. Wie andere Besitzungen der georgischen Kirche in Palästina geriet das Kloster mit dem Niedergang des Königreichs Georgien in finanzielle Probleme, und nach Auflösung der einst einflußreichen georgischen Bruderschaft, die insbesondere wegen ihrer guten Kontakte zu den muslimischen Herren des Landes wichtig war, kam das Kloster allmählich Ende des 17./Anfang des 18.Jahrhunderts in den Besitz der Griechisch-Orthodoxen Kirche. Von 1855 bis 1908 war dort eine theologische Hochschule, dann zerfiel das verlassene Kloster zunehmend; 1970-1973 wurde es schließlich vom Griechisch-Orthodoxen Patriarchat in Jerusalem gründlich renoviert und revitalisiert. Siehe dazu u.a.: Vassilios Tzaferis: The Monastery of the Holy Cross in Jerusalem. Jerusalem (1987); Davit Ninidse: Aus der Geschichte des Kampfes um die Befreiung des Kreuzklosters zur Jerusalem, in: Georgica 18 (1995), S.5-13. - Zum Rustveli-Fresko im Kreuz-Kloster siehe ausführlich Lewan Menabde: Alte Porträts von Schota Rustaweli, in: Georgica 16 (1993), S.108-113. (U.M.)

(6) "Das Kreuzkloster ist alt geworden, und die Säulen unter der Kuppel hat Schota Rustveli, der Finanzminister, erneuert und bemalt. Auch er selbst ist darin als alter Mann gemalt."

(7) Der gesmte Text lautet: "Dem Schota, der dieses malte/malen ließ, möge Gott verzeihen. Amen. Rostvli." (siehe dazu Menabde 1993 [Anm.?],S.112 sowie Buddensieg im Vorwort zu seiner Übersetzung 1976, S.8). Zu erwähnen wäre noch, daß irgendwann im 14./16.Jahrhundert die verblichenen Buchstaben von jemandem, der ungeübt in Kalligraphie war, neugeschrieben wurden. - Es gibt überdies die Tradition, daß Rustveli im Kreuzkloster, und zwar an dem Pfeiler, der sein Bild trägt, begraben sei; es wird nämlich erzählt, er habe wegen unerwiderter Liebe zu Königin Tamar seine Heimat verlassen (müssen) und sei deswegen nach Jerusalem gereist, wo er als Mönch im Kreuzkloster geblieben und dort verstorben sei. Der Wahrheitsgehalt dieser romantischen Geschichte ist nicht zu erbringen; möglicherweise gehört sie in den Kontext der vielen romantischen Liebesgeschichten über Kreuzfahrer - oder aber das Schicksal von Rustvelis literarischen Helden wurde auf den Autor übertragen. (U.M.)

(8) Frühere Manuskripte sind wahrscheinlich der Invasion der Mongolen zum Opfer gefallen.

(9) Da jede Strophe vier Verse umfaßt (siehe unten) ergiebt sich ein Gesamtumfang von etwa 6200/6800 Versen. Zum Vergleich: Chrétien's "Perceval" umfaßt ca.9230 Verse, Wolframs "Parzival" ca. 25000 Verse, Hartmanns "Erec"/"Iwein" ca.10100/8160 Verse.

(10) Faksimile, hrsg. von A.Schanidse, Tbilisi 1937.

(11) Pavle Ingorokva: (Schota Rustaveli. Ausgewählte Werke, vol.4.) Tbilisi: Sabchota Sakartvelo, 1978).

(12)Ein umfassender Überblick, vom Deutschen bis zum Chinesischen [!], findet sich im Nachwort von Hugo Hupperts Übersetzung 1955, S.306-310.

(13) Der Mann im Tigerfell von Schota Rusthaweli. Aus dem Georgischen übersetzt von Arthur Leist. Dresden/Leipzig: E.Piersons Verlag, 1989.

(14) Schota Rustaweli, Der Recke im Tigerfell. Altgeorgisches Poem. Deutsche Nachdichtung von Hugo Huppert. Berlin: Rütten & Loening, 1955 (3.Auflage 1980).

(15) Schota Rustaweli, Der Mann im Pantherfell. Altgeorgisches Epos. Nachdichtung von Hermann Buddensieg. Tbilissi: Sabtschota Sakartwelo, 1976. - In Buddensiegs Vorwort findet sich die interessante Feststellung: "In der deutschen Dichtung würde sich, der zeitlichen Nähe zu Rustaweli entsprechend, der Nibelungenvers als Langzeile anbieten" (S.11); und er verweist auf die wirklich interessante Tatsache, daß "der georgische Dichter Konstantine Tschitschinadse [1891-1960] das Nibelungenlied, als er es ins Georgische übertrug, nicht in der dem Georgischen fremden Nibelungen-Strophe faßte, sondern in das vertraute Versmaß der heimischen Schairi!"

(16) Schota Rustaweli, Der Mann im Pantherfell. Aus dem Georgischen übertragen von Ruth Neukomm. Zürich: Manesse, 1974, (2.Auflage 1991). - Ferner existiert noch eine Prosa-Nacherzählung für Jugendliche: Der Recke im Tigerfell. Eine alte Geschichte aus Georgien, nach Rustaweli in Prosa erzählt von Viktoria Ruika-Franz. Berlin: Kinderbuch-Verlag, 1976 (Nachdruck: Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1991).

(17) Man vergleiche damit beispielsweise die Prosa-Übertragung von Ruth Neukomm. (wie Anm 16).

(18) Den Übersetzungen liegen verschiedene Ausgaben zugrunde, und daher variiert auch die jeweilige Strophenanzahl, nämlich: Huppert 1671 Strophen, Buddensieg 1587 Strophen, Neukomm 1598 Strophen.

(19) Shota Rustaveli, The Knight in the Panther's Skin. Translated from the Georgian by Venera Urushadze. Tbilisi: Sabchota Sakartvelo, 1979.

(20) Die Kapitel-Überschriften, die heute gebräuchlich sind, haben gleichfalls eine lange Tradition; gelegentlich kamen kleinere Änderungen im Wortlauf vor, insbesondere Kürzungen.

(21) In dieser Erzählsequenz fallen die vielzitierten Verse, die die Gleichheit von Mann und Frau konstatieren: den Anfang von Kap. 5 sowie Anm 35

(22) Die männlichen Helden des Epos sind stets höfische und berittene Krieger; daher verwenden wir durchgehend auch den Titel "Der Ritter im Tigerfell" (nicht: "Der Mann" bzw. "Der Recke"); der georgische Originaltitel (siehe oben) gibt dazu ja keine Auskunft.

(23) Diese zentrale Passage ist unten als Textbeispiel abgedruckt.

(24) Vorbild dafür war vielleicht die Handelsstadt Trapezunt am Schwarzen Meer.

(25) Auffällige Eigenart der autochthonen georgischen Musik, und zwar sowohl der allgemein gesungenen Lieder (um den mißverständlichen Ausdruck "Volksmusik" hier zu vermeiden) als auch der Kirchen-Gesänge ist eine in ihrer Art einzigartige Dreistimmigkeit, und zwar bis heute. Die Art dieser Polyphonie, nämlich nach dem Prinzip 'Note gegen Note', erinnert an diejenige der Notre-Dame-Schule. Wir haben auf unserer Reise nicht nur das Wiedererstehen der früher verfolgten polyphonen Kirchenmusik ohrenfällig erfahren (und durften in der Sion-Kathedrale von Tbilisi beim Vortrag in den Notenbüchern sogar mitlesen), sondern wir haben auch erlebt, wie bei den zu Recht berühmten Festereien (und seien die Umstände scheinbar noch so eingeschränkt) Personen, die sich zum ersten Mal trafen, ohne jede 'Probe' fast jede beliebige Melodie dreistimmig zu intonieren wußten. (U.M.)

(26) Für das gesamte Epos wurden folgende Prozentzahlen errechnet: einsilbige Wörter: 16,9%; zweisilbig: 40,2%; dreisilbig: 25,7%; viersilbig: 13,2%; fünfsilbig: 3,7%; sechsilbig: 0,2%; siebesilbig: 0,04%; achtsilbig: 0,06%.

(27) In diesem Zusammenhang kann ich die Mitteilung von Ruth Neukomm nur bestätigen, daß nämlich der bloße Klang der Rustveli-Verse, auch wenn man die Wortbedeutungen nicht versteht, beim Anhören eine fast magische Kraft zu besitzen scheint; ich konnte dies nicht nur an meiner eigenen Reaktion, sondern auch an derjenigen anderer Zuhörer/innen mehrfach beobachten. (U.M.)

(28) Siehe Anm. 4.

(29) So ist Georgien auch in weiterer Hinsicht einzigartig: Die georgische Sprache bzw. die Kartveluri-Sprachengruppe (der das Georgische angehört) ist, soweit man bisher weiß, mit keiner anderen Sprache der Welt verwandt; die Schrift, unter Anregung des griechischen Alphabets entwickelt, wird nur für das Georgische verwendet (ein ähnlicher Fall liegt vor bei der gleichfalls vom Griechischen beeinflußten Schrift im benachbarten und ebenfalls christlichen Armenien, dessen Sprache allerdings der indogermanischen Familie angehört); und die georgische Kirche ist, vergleichbar anderen orientalischen Kirchen, bis heute autokephal, d.h. selbstständig und mit einem eigenen Oberhaupt. Das Christentum wurde im Jahr 337 als georgische Staatsreligion proklamiert. (U.M).

(30) Deutsche Übersetzung in: Das Leben Kartlis. Eine Chronik aus Georgien 300-1200. (Übersetzt) von Gertrud Pätsch. Leizig: Dieterich, 1985 (=Sammlung Dieterich 330).

(31) Frühes 13.Jahrhundert; ein panegyrisches Werk auf König(in) Tamar, ihren Mann Davit Soslani und deren Sohn Lasha-Giorgi. Hervorgehoben wird die international messianische Rolle Georgiens; Könih(in) Tamar wird als gott ebenbürtig beschrieben, nämlich als der 'Zweite Messias', dessen Sendung es ist, die Christenheit von der muslimischen Beherrschung zu erretten (Motiv der Isotheisis).

(32) Das zu Beginn des 13.Jahrhunderts entstandene Werk preist König(in) Tamar und ihren Gatten Davirt Solani. "Abdulemsia" scheint ein panegyrisches Epitheton zu ein: "abd al-messih" (=arabisch) meint 'Diener/Sklave des Messias'. In die Zukunft weisende Vorstellungen von einem zentralisierten und mächtigen Staat werden dort thematisiert.

(33) Diese georgische Prosa-Fassung der persischen Liebesgeschichte von Wis und Ramin wird üblicherweise mit dem europäischen Mythos von Tristan und Isolde verglichen. Übersetzungen ins Deutsche stammen von Kita Tschenkéli/Ruth Neukomm (Zürich 1957) und Nelly Amaschukeli/Natella Cuzischwili (Leipzig 1991).

(34) Zu nennen sind hier die Eroberung und Verwüstung des Landes durch die Mongolen (13.Jahrhundert) sowie die allmähliche Verlagerung des Welthandels auf die neuen Seewege, was zum Niedergang des Reichtums führte. Georgien wurde zu einem machtlosen Staat zwischen dem Reich der Osmanen, den Persern und Rußland: "Georgien, von Europa abgetrennt, geriet allmählichn in Vergessenheit" (Ruth Neukomm). Ab 1801 annektierte Rußland das von Kämpfen gegen Persien geschwächte Land, und Georgien verlor seine politische Selbständigkeit. Die gewaltsame Beseitigung der nach der Oktoberrevolution kurzfristig gewonnenen Selbständigkeit von 1918/1921 durch die neue Sowjetunion ist bis heute ein Trauma in Georgien, ganz abgesehen von den Stalin-Zeit (obwohl jener 'eigentlich' aus Georgien stammte). Die nach dem Zerfall der Sowjetunion erneut erlangte Selbständigkeit wird allgemein als Befreiung empfunden, trotz der enormen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Ein Wirtschaftswissenschaftler der Universität Tbilisi erklärte uns bei unserem Besuch in seinem Institut sinngemäß: 'Die Georgier sind ein total verrücktes Volk. Denn eigentlich müßten sie angesichts ihrer Lage Selbstmord begehen. Stattdessen sind sie fröhlich und feiern Feste.' - Zur georgischen Geschichte 1917-1924 siehe Heinz Fähnrich, in: Georgica 15 (1992),S.50-60. (U.M.)

(35) In Ruth Neukomms Prosa-Übersetzung liest sich der Vers wie folgt: "Die Löwenjungen sind dem Löwen gleich, ob sie nun Löwenjungen oder Löwen sind"; in der gleichen Strophe steht zuvor, daß Thinathin eine vom Himmel erschaffene Herrscherin sei!

(36) Kviria, ein alter Vater-Gott, galt als einer der drei mächtigsten Gottheiten; seine verherung war so stark, daß noch bis vor kurzem christliche Georgier, die hoch im Gebirge leben, ihn als Beschützer ansahen. In der Gebirgs-Provinz Svaneti gilt Kviria als Gott des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit, der nicht nur für die Ernte, sondern auch für die Fruchtbarkeit von Tier und Mensch zuständig war; er ist insgesamt der Schützer der sexuallen Kraft. - Mzechabuki ist eine mythologische Männer-Figur in georgischen märchen, der gegen das Böse kämpft und stets siegreich bleibt. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name 'Sonnen-Gefährte'. Die Gestalt ist sicherlich irgendwie mit dem Sonnen-Kult verbunden, obwohl in georgischer Tradition - wie etwa auch im Germanischen - die Sonne stets weiblich und der Mond männlich war.

(37) Siehe: Huppert, Übersetzung 1955, S.14; Neukomm, Übersetzung 1974, S.465f. - Siehe Str.130 (Thinathin zu Awthandil: "Erstens bist Vasall, und unter allen Sterblichen ist deinesgleichen nicht zu finden: Und dann bist du mein Midschnuri" [Übersetzung Ruth Neukomm]; ferner Str.704 (unten im Textbeispiel), Str.784 und 857.

(38) Nennen möchte ich hier die Darstellung der Handelsstadt Gulanscharo bei Rustveli (Kap.42ff.) sowie die Stadt Escavalon bei Chrétien (aber auch die Stadt von Blanchefleure).

(39) z.B.: Huppert, Übersetzung 1955, S.26.

(40) Auffällig für Rustevli, wie auch für manche (keineswegs alle höfischen Epen), ist die Absenz eines expliziten Christentums: Christus, christliche Dogmen und Rituale kommen an keiner Stelle vor (wohl aber die Apostel: Str.791); stattdessen werden Platon (Str.789), der Koran und Mekka (Str.1168), der jüdische Dichter Esra (arab. Esros, 12.Jhd.; Str.177) sowie Dionysios Areopagita (Str.1494; evtl. auch Str.177) namentlich genannt.

(41)Joseph Campbell: The Hero With A Thousand Faces. Princeton University Press 1949; deutsch von Karl Koehne: Frankfurt 1953 u.ö.

(42)Auch an die Verzauberung, die erotische Fixierung von Perceval/Parzival durch die Blutstropfen im Schnee wäre hier zu nennen.

(43) Ruth Neukomm (S.199) übersetzt diesen Vers genauer wie folgt: "Auch soll einem Midschnuri das Leid eines anderen Midschnuri ein großes Leid bedeuten." - Zum 'Midschnuri' siehe oben Anm.37.

(44) Im Original heißt es hier: "Zärtlich sprach der Ritter in süß klingendem Georgisch auf sie ein" (Ruth Neukomm, S.201). - Nur hier und in der Epilog-Strophe 1669 wird Georgien im Text erwähnt.



Anmerkung: Die Abbildungen die im Original abgedruckt sind, konnten aus technischen Gründen nicht in die On-line Fassung übernommen werden.



Mirianashvili, Lado / Müller, Felix / Müller, Ulrich: Schota Rustveli, "Der Ritter im Tigerfell": Das georgische höfische Epos des hohen Mittelalters. In: Bentzinger, Rudolf / Oppitz, Ulrich-Dieter (Hrsg.): Fata Libellorum. Festschrift für Franzjosef Pensel zum 70. Geburtstag. Göppingen: Kümmerle Verlag, 1999. (Göppinger Arbeiten zur Germanistik - Nr. 648)