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Jörg Ossenkopp

Das Internet und die Form der Geschichte

 

0.

Im folgenden werde ich in fünf Schritten versuchen, die Verbindung von Internet und Geschichte anzugehen. Zuerst werde ich Realität von Geschichte loslösen müssen, im zweiten Abschnitt dann das Verhältnis von Text und Geschichte anreißen, der dritte Abschnitt wird die Rolle des Lesens für die Geschichte vorstellen. Diese drei Abschnitte behandeln vor allen Dingen Geschichte im Buchdruck. Die nächsten beiden Abschnitte untersuchen dann den Text im elektronischen Medium und geben abschließend eine tastende und vorläufige Beschreibung von Geschichte im Internet.

Der Titel des Vortrags impliziert, es könne mehrere Formen von Geschichte geben, impliziert weiterhin, das Internet steht mit einer neuen Form von Geschichte in Zusammenhang. Das ist durchaus beabsichtigt. Genauso wie die Gesamtheit der historischen Fakten verschiedene Formen annehmen kann, ist es möglich, eine Anzahl gleicher historischer Fakten in verschiedenen Formen zu ordnen. Jean Baudrillard soll dafür als Zeuge dienen. In seinem Aufsatz "Die Rückwendung der Geschichte" revidiert er die Geschichte nicht einfach, indem er irgendwelche historischen Fakten anzweifelt, sondern indem er die Anordnung und Abfolge der historischen Fakten neu bestimmen will. In der Aufklärung, so Baudrillard, hatte die Geschichte noch die Form einer Linie (1994, 2). In der Geschichte akkumulieren demnach historische Ereignisse immer ein unbestimmtes 'Mehr' oder 'Besser', von dem vielleicht kurzfristig etwas abgetragen werden könnte, das im Großen und Ganzen aber der Fortschritt ist, der der Geschichte als Sinn innewohnt. Diese Linearität, dieses Ordnungsprinzip der historischen Fakten, wurde in den 80er Jahren unseres Jahrhunderts abgelöst durch die Kreisform, meint Baudrillard. Und das, interessanterweise, durch Phänomene, die selbst von der Art eines historischen Ereignisses sind. Baudrillards Leitbild ist hier die vielbemühte Chaostheorie, Geschichte gilt ihm als selbstorganisierendes System, sie springt von Linearität zu Zirkelhaftigkeit. Das hat weitgehende Konsequenzen, so spinnt Baudrillard seine Überlegungen weiter, denn ein Ende sei nur innerhalb des Linearitätsparadigmas überhaupt möglich, nicht mehr in der kreisförmigen Geschichte. Die neue Kreisform bedeutet, daß der Prozeß der Geschichte vor jedem Ende abbiegt, daß wir heute in dem rückläufigen Teil der Geschichte leben, in der sämtliche großen und einheitlichen politischen oder sozialen Phänomene verschwunden oder, in Baudrillards Worten, fraktal miniaturisiert sind und an deren Stelle Mikrophänomene getreten sind. "Das Politische ist in seiner Substanz mit den großen historischen Leidenschaften gestorben, die durch die großen Ideen und die großen Imperien geweckt wurden." (5) Baudrillard beschreibt die Zersplitterung der Geschichte im Bild des Hologramms, wo sich, einmal zerbrochen, in den Teilen immer noch das ganze Bild zeigt. Ein anderes Bild für Baudrillards Geschichte ist das Recycling. "Deshalb werden wir dem Schlimmsten nicht entkommen, nämlich dem Wissen, daß die Geschichte kein Ende haben wird, da die Überreste - die Kirche, der Kommunismus, die Demokratie, aber auch die Ethnien, die Konflikte, die Ideologien - in Unendlichkeit recycelt werden können." (6) Diese neue Form von Geschichte sieht Baudrillard als eine letztlich referenzlose oder zumindest selbstreferentielle an. Er konstatiert: "Je mehr wir uns bemühen, etwas Reales und etwas Referentielles wiederzufinden, um so mehr geraten wir in die Simulation" (10).

Mit Baudrillard können wir jetzt an die Ausarbeitung unserer eigenen Fragestellung gehen. Baudrillard scheint Geschichte als etwas quasi Naturgegebenes anzusehen, das als großes, umfassendes Phänomen zwar seinen Status ändern kann, das aber gänzlich unabhängig von Geschichtsschreibung seinen Lauf nimmt. Das größte Problem von Baudrillards Ausführungen ist die Unmotiviertheit und Beliebigkeit der von ihm angemahnten Veränderungen der Geschichte. Einmal meint er recht unbestimmt, daß die Computernetze in einem gewissen Zusammenhang mit den Veränderungen der Geschichte stehen. Im folgenden soll dieser Frage im Kontext von Geschichtsschreibung genauer nachgegangen werden. Dann muß man sich fragen: Wie ist es überhaupt möglich, daß sich die Form der Geschichte ändern kann? Dafür muß man letztlich, anders vielleicht als der hier unentschiedene Baudrillard, die Auffassung aufgeben, Geschichte sei ein Weltprozeß, der als Referenzobjekt von Geschichtsschreibung herhalten kann. Man muß also nach der Realität der Geschichte fragen.

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1. Die Realität der Geschichte

Die Auffassung, Geschichte sei real und, einmal geschehen, auf immer unabänderlich, verlangt nach einer dreifachen Modifizierung. Zum einen ist der Bereich der Geschichte enger als die reale Vergangenheit, zum anderen umfaßt Geschichte noch mehr als einfach nur Reales.

Die erste Einschränkung ergibt sich daraus, daß Geschichte nicht koextensiv mit der realen Vergangenheit ist, auch nicht koextensiv mit der realen Vergangenheit des Menschen oder der Vergangenheit aller Menschen. Im Leben eines jeden Menschen gibt es Vorkommnisse, die nicht zur Geschichte gehören, weil sie einfach unwichtig und historisch irrelevant sind, die selbst von der Statistik der quantitativen Geschichte nicht erfaßt werden. Wenn diese Ereignisse Vergangenheit werden, gehen sie also nicht automatisch in die Geschichte ein.

Wenn ein reales Ereignis nicht unbedingt ein historisches Ereignis, wenn also Vergangenheit nicht gleich Geschichte ist, wie wird dann aus Vergangenheit Geschichte? Alles in einem Moment der Gegenwart Gegebene ist später Vergangenheit, was später alles Geschichte sein wird, ist in der Gegenwart nicht ohne Ambiguitäten angelegt. Aus der vielfältigen Vergangenheit muß dasjenige, was zur Geschichte gehört, in einem Akt der Wahl herausgehoben werden. Die Auswahl, die den Unterschied von Geschichte und Vergangenheit ausmacht, und Geschichte erst in dem Abheben von der Vergangenheit konstituiert, findet im Bericht statt. Die realen Ereignisse tragen nicht in sich selbst ihr Zugehörigkeitsmerkmal zur Geschichte, sondern sie werden erst durch den Bericht zu einem Teil der Geschichte, zu einem historischen Ereignis, qualifiziert. Ein historisches Ereignis braucht nicht nur einen Zeitraum und einen Ort, sondern es muß ihm eine Relevanz zugesprochen werden, die die Einordnung in Geschichte zuläßt. Diese Relevanz muß bestimmten Kriterien genügen, die sich im Lauf der Zeit verschieben können. Herodot berichtet, daß Kroisos auf dem Scheiterhaufen Apollon um Rettung anfleht, und daraufhin löscht ein Wolkenbruch das Feuer; 2500 Jahre später zweifelt man an der Historizität des Berichteten.

Wenn man Geschichte als unwandelbaren Referenzbereich auffassen möchte, muß man von der konstitutiven Rolle des Berichts absehen, um das historische Ereignis wieder mit der Vergangenheit kurzzuschließen. Geschichte wird damit zu einem Naturereignis, oder, ein wenig bedachter, zu etwas unhintergehbar in der Sprache begründetem. Will man jedoch die konstitutive Rolle des Berichts nicht außer acht lassen, verabschiedet sich mit der immer wieder auftauchenden Inkommensurabilität der verschiedenen Berichte über ein Ereignis die bruchlose, unveränderliche, ontologisch einheitliche Realität der Geschichte.

Die nächste Einschränkung ergibt sich aus der Problematik des Zugangs zur Geschichte. Jedwede Beschäftigung mit einem Ereignis, von dem man keinerlei Zeugnisse hätte, bleibt unmöglich; die realen Ereignisse als Teil der schweigenden Vergangenheit bleiben für sich allein immer unzugänglich. Die Zugangsmöglichkeiten setzen die Grenzen für die Geschichtsschreibung. Der Zugang zu den Ereignissen konzentriert sich immer auf den Bericht, alle Quellen, die nichts berichten, bleiben in gewisser Weise undurchsichtig und verlangen nach hinzukommenden Berichten, um sie zum Sprechen zu bringen. Ein Ereignis, von dem schon einmal berichtet worden war, kann seinen historischen Status verlieren, sobald der Bericht verloren geht oder einfach nicht mehr wiederholt wird. Wiederholung von und Zugang zu Berichten sind konstitutive Faktoren für Geschichte. Anders als die einheitliche und kontinuierliche Realität weist Geschichte Lücken auf, die auch mit dem Hinweis auf das Allgemeinmenschliche nur notdürftig gestopft werden können.

Die letzte Modifizierung muß den Anachronismus korrigieren, der die Realitätsbedingungen unserer persönlichen und erlebten Vergangenheit unreflektiert auf die Vergangenheit unserer Vorfahren überträgt. Hexerei, Wunder wie das von Herodot berichtete, Formen von Religiosität, Mythen, Alchemie, Besessenheit sind alle Teil der Geschichte, haben gesellschaftlich und geschichtlich gewirkt, selbst wenn sie nicht in Kategorien von Realität faßbar sind. Noch wichtiger ist in diesem Zusammenhang Geschichtliches, dem kein individuierbares reales Ereignis zuzuordnen ist, so zum Beispiel der Übergang vom Mythos zum Logos, oder vom magischen zum wissenschaftlichen Weltbild. Einem Großteil dessen, was wir zu Recht als Geschichte bezeichnen, kann man kein reales vergangenes Ereignis zuordnen, höchstens eine später in einem Bericht aufeinander bezogene Reihe von Ereignissen. Das berührt aber schon die Frage der Textualität der Geschichte. Festzuhalten bleibt, daß nicht nur synchrone Inkommensurabilitäten zwischen Berichten über ein Ereignis auftreten können, sondern auch diachrone, die sich bis hin zu Diskontinuitäten ausweiten können. [p.42]

Die Abtrennung der Vergangenheit von der Geschichte wirft vielleicht auch auf die bekannte Differenzierung im Wort 'Geschichte' ein neues Licht. Gemeinhin wird gesagt, Geschichte könne sowohl Geschichtsschreibung als auch geschehene Geschichte meinen. Aufgrund der Konstituiertheit von Geschichte durch den Bericht kann man diese Gegenüberstellung, die recht genau der alten Dichotomie von Subjekt und Objekt entspricht, ersetzen durch eine graduelle Abstufung: Geschichte entsteht, wenn über ein Ereignis berichtet wird, das Ereignis allein ist uninteressant; Geschichtsschreibung ist dann nur eine bestimmte, gesellschaftlich besonders ausgezeichnete, Form des Berichts. Geschichte ist vom Bericht nicht zu lösen, daher braucht man Geschichte und Geschichtsschreibung terminologisch nicht zu trennen, man darf sogar an der Möglichkeit einer sauberen Trennung der beiden zweifeln. Gleichzeitig muß man betonen, daß Geschichte natürlich nicht automatisch entsteht, wenn über ein Ereignis berichtet wird. Erst wenn der Bericht in einem bestimmten Rahmen wiederholt wird, das heißt, wenn er wiedererzählt wird, wenn man sich auf ihn beruft, wenn man ihn zustimmend zitiert, erst dann kann man sagen, daß das Ereignis im Bericht zu einem historischen Ereignis geworden ist, und wann genau diese Transformation stattfindet, ist höchstens im Ausnahmefall festzustellen.

All das zeigt die Fragwürdigkeit eines Geschichtsmodells auf, das von einer großen, zusammenhängenden und unveränderlichen geschichtlichen Vergangenheit ausgeht, als schwebe man über der historischen Vergangenheit und könne potentiell auf jeden ihrer Punkte hinabstoßen. Das Modell der umfassenden historischen Vergangenheit ist selbst nicht Voraussetzung, sondern Ergebnis und häufig noch Projekt historischer Arbeit. Da der Zugang immer aus einer Gegenwart heraus geschehen muß, kann man ein reales Moment der Geschichte viel eher in der Gegenwart finden als in der Vergangenheit. Eine Umkehrung und Partikularisierung der Perspektive also. Umkehrung, weil bei der Frage nach Geschichte nicht mehr allein auf die Vergangenheit geschaut wird, Partikularisierung, weil durch den immer möglichen Dissens der Berichte keine Totalperspektive mehr eingenommen werden kann. Fragt man sich jetzt folgerichtig: Wie ist Geschichte in der Gegenwart gegeben?, so lautet die Antwort: In Form von historischen Texten.

 

2. Die Textualität der Geschichte

Die große, kontinuierliche historische Vergangenheit entsteht als Ergebnis historischer Arbeit, habe ich gerade gesagt. Aus der Perspektive der Gegebenheit von Geschichte im historischen Text kann man genauso sagen: diese historische Vergangenheit entsteht als Effekt des historischen Textes. Denn der traditionsverpflichtete historische Text hat die Eigenschaft, die eigenen Wirkungen zu verbergen, und sich als transparent zu den historischen Fakten zu geben (vgl. Berkhofer 1995).

Der Historiker selbst sähe demnach durch die Quellen hindurch die Vergangenheit als Ensemble von historischen Fakten, und die Vergangenheit spiegelte sich im Historiker. Darin liegt eine zweifache verzerrende Idealisierung. Zum einen wird die Tätigkeit des Historikers idealisiert. Der Historiker versucht, aufgrund der Quellen oder Berichte im Vergleich die historischen Ereignisse zu rekonstruieren, im Schreiben seines Textes verbirgt er dann seine Arbeit und versucht, nur das Ergebnis als reine Sicht zu zeigen. Zum anderen wird dabei unterschlagen, daß der Leser seinen Platz in dem geschlossenen System von Vergangenheit, Quellen und Historiker einnehmen muß, der Leser, sei das ein weiterer Historiker oder ein Laie, muß irgendwie den 'Blick' des Historikers nachvollziehen können, und das geschieht im Lesen des Textes.

Wäre der historische Text einfach transparent, könnte man durch den Text die historischen Fakten sehen. Da die historischen Fakten, als gesicherte Verbindung von mündlichem oder textuellem Bericht und Ereignis, die Vermittlung von Text und Vergangenheit übernehmen, wäre aufgrund dieser Sichtachse auch die historische Vergangenheit durch den Text sichtbar.

Im Text wird nun eine Synthetisierungsarbeit geleistet, die weit über eine neutrale Sammlung der historischen Fakten hinausgeht. Für die Vergangenheit muß man eine strenge Abfolge der Ereignisse, eine unausgesprochene Chronologie annehmen. Die historischen Fakten, die sowohl ein textuelles als auch ein reales Moment enthalten, daher schon in der Chronologie der geschehenen Ereignisse einen Ort haben, müssen auch in eine textuelle Abfolge gebracht werden. Hayden White meint dazu, erst wenn sich die textuelle Chronologie von der Chronologie der Vergangenheit emanzipiert, entsteht ein genuin historischer Text (White 1990, 33). Tatsächlich richten sich historische Texte nicht notwendig nach der Reihenfolge der geschehenen Ereignisse, sondern machen Exkurse, liefern Elemente nach und greifen vor; [p.43] desweiteren kann gleichzeitig an verschiedenen Orten Geschehenes nur nacheinander beschrieben werden. Der Text kann damit offensichtlich gegen die Chronologie der Vergangenheit verstoßen. Mit dieser textuellen Anordnung der erzählten Ereignisse wird dann noch nicht behauptet, daß die geschehenen Ereignisse in der erzählten Reihenfolge abgelaufen sind. Die textuelle Erzählabfolge ordnet ihre Ereignisse jedoch in einer Art und Weise an, daß die Reihenfolge des Erzählens eine minimale Erklärung der Ereignisse bietet, und daß die Nähe der erzählten Ereignisse zueinander bestimmte Subthemen eines historischen Textes bildet. Ein historischer Text kann, abgesehen von dieser offenen Chronologie der erzählten Ereignisse, implizit einer anderen Chronologie als Subtext folgen. Schon diese implizite Chronologie des Textes hat, ganz im Gegensatz zur Abfolge der geschehenen Ereignisse, einen Anfang und ein Ende. Der historische Text behandelt ein historisches Thema, in seiner Erzählung kann der Text gegen die Reihenfolge der geschehenen Ereignisse verstoßen und dennoch implizit von einer Chronologie ausgehen, die die Abfolge der realen Ereignisse nicht verletzt. Dabei liegt in der Auswahl der Ereignisse, die im historischen Text vorgenommen wird, nicht der einzige Unterschied zwischen den Chronologien der realen und der historischen Ereignisse. Die textuelle Chronologie hat den fundamentalen Unterschied zur Chronologie der realen Ereignisse, daß sie, anders als die unabgeschlossene Abfolge der realen Ereignisse, zu einem vom Thema bestimmten Zeitpunkt anfängt und zu einem anderen Zeitpunkt abschließt, und der Erzählung damit den Raum eröffnet, in dem sie sich entfalten kann. Ein Text, dem dieser abgeschlossene chronologische Rahmen nicht zur Verfügung steht, in dem vielleicht zwischen den Zeiten, zwischen Gegenwart und Vergangenheit thematisch hin und her gesprungen wird, kann zwar durchaus interessant und erhellend sein, jedoch nicht dem klassischen Genre der Historiographie angehören.

Ein weiterer Bereich, in dem Textualität die Geschichte bestimmt, ergibt sich aus der Heterogenität der historischen Fakten. Damit der Text ein Fenster zur Vergangenheit sein kann, muß er die historischen Fakten umschreiben. Denn die historischen Fakten, als Verbindung von Bericht und Ereignis, sprechen alle in einer eigenen Stimme, der Stimme des Zeugen, des Teilnehmers, des Politikers, des Richters, in der Tonlage des Tagebuchs, des Zeitungsartikels, des historischen Texts. Die Fensterwirkung kann natürlich nur eintreten, wenn das Fensterglas nicht verschiedenfarbig oder verschieden dick ist, sondern homogen. Da diese Homogenität in den unterschiedlichen Berichten nicht gegeben ist, muß der historische Text, damit er neutral darstellend wirken kann, die einzelnen Fakten auf eine einzige erzählerische Ebene ziehen, er muß die Stimmen der Berichte zu einem Chor unter seiner Leitung vereinen.

Gleichzeitig muß der Text vorgeben, seine eigene Erzählweise sei die beste, allen anderen und vorherigen Erzählungen und Texten zum gleichen Thema überlegen. Die historischen Fakten, auf die sich die verschiedenen Texte wie durchsichtig beziehen, sind häufig die gleichen, und nur die textuellen Strukturierungen unterscheiden sich. Die textuelle Strukturierung bestimmt die unterschiedlichen Gewichtungen, die den Ereignissen zugesprochen werden. Die Berufung auf die Autorität der historischen Fakten genügt nicht, wenn die Mengen der historischen Fakten sich großenteils überschneiden. Der konventionelle Anlaß von Textproduktion ist aber eine behauptete Überlegenheit über schon geschriebene Texte, also kann ein historischer Text nicht umhin, eine polemische Position gegenüber anderen Texten einzunehmen.

Zur Verdeutlichung noch ein Beispiel. Historische Fakten werden in Satzform erzählt, ein willkürliches Beispiel ist: "Im Herbst 1969 wurde der erste Knotenpunkt des ARPANET-Computernetzes an der Universität von Los Angeles installiert." Man bemerkt, daß dieser Satz, oder diese historische Tatsache nicht für sich allein stehen kann, nicht zuletzt, weil ein Netz mit einem Knoten eigentlich kein Netz ist -- dieser Satz greift also schon vor auf die Zeit nach dem Herbst 1969. Weiterhin installieren sich Computer nicht von selbst, zumindest war das damals so. Die Frage nach dem historischen Handelnden wird also durch die Passivform des Verbs nur unterdrückt. Die Buchstabenfolge ARPA schließlich aus ARPANET kürzt den Namen der Advanced Research Project Agency ab, einer 1957 als Reaktion auf den Sputnik gegründeten Unterabteilung des Pentagon. Dieser Satz setzt also schon einen ganzen historischen Kontext voraus. Der Kontext ist notwendig, um das historische Faktum überhaupt zu verstehen. Es gibt jedoch eine Reihe von verschiedenen möglichen Kontextuierungen dieses Satzes. Ein Element jeder Kontextuierung besteht in der Setzung des Anfangs. In einem im Internet abgelegten Text über die Anfänge des Internet unterläßt es Vinton Cerf, konzeptuelle Vorarbeiten Paul Barans zu erwähnen. [1] (Nebenbei bemerkt, Vinton Cerf war 1969 Zeuge und Mitarbeiter an jener historischen Computerinstallation.) Paul Baran nun arbeitete Anfang der sechziger Jahre im [p.44] Auftrag der RAND Corporation, die wiederum im Auftrag der Regierung stand, daran, Möglichkeiten der Kommunikation nach einem Atomschlag zu entwerfen. Seine Idee war ein verteiltes Netz von Computerknoten, auf denen nicht vollständige Nachrichten verschickt werden, sondern eine Botschaft sollte aufgebrochen werden und deren Teile mehrfach übers Netz laufen, um vom Zielcomputer wieder in der richtigen Reihenfolge zusammengesetzt zu werden. Auf den heutigen Internetseiten der RAND Corporation sieht man diese Konzeption als den Ursprung des Internets an. [2] Vinton Cerf dagegen, der Entwickler des Internet Protocols, scheint zu meinen, das brauche in einem Text über die Geschichte des Internet nicht erwähnt zu werden. Cerfs Kontextuierung wählt also ganz deutlich aus. In welchem Kontext diese Auswahl wiederum steht, bleibt im Dunkeln. Vielleicht will er den ihm zugesprochenen Titel "Vater des Internet" verteidigen und sieht die Implementierung des Internet Protocols als Geburtstunde des Netzes der Netze. Vielleicht mißt er der Tatsache, daß das ARPANET in seinen Anfangstagen eben keine mehrfache Redundanz von Knoten und Verbindungen aufwies, entscheidende Bedeutung bei. Vielleicht will er das Internet auch befreien von der militaristischen und zynischen Idee einer Kommunikation nach der Atombombe. Jede dieser Möglichkeiten ist aber ein möglicher Deutungskontext jenes Satzes "Im Herbst 1969 wurde der erste Knotenpunkt des ARPANET-Computernetzes an der Universität von Los Angeles installiert." Deutlich wird dadurch: die Rolle der einzelnen historischen Fakten in einer Geschichte wird durch das rhetorische Mittel der Anordnung oder durch Ausschluß jeweils festgelegt.

Die Neutralität und Wirkungslosigkeit des historischen Textes als Text täuscht also. Man kann, vielleicht sogar: man muß, die Textwirkungen eines historischen Textes, die Textualität der Geschichte untersuchen.

 

3. Geschichte lesen

Lesen ist eine Tätigkeit, die lange unterschätzt wurde, lesen lernt man in der Schule, mit der Zeit vergißt man, daß man lesen kann, man liest einfach, man bemerkt nicht mehr, daß es kaum einen Fleck gibt, an dem es nichts zu lesen gibt. Michel de Certeau hat die Tätigkeit des Lesens sehr eingängig beschrieben, ich zitiere ein wenig länger:

"Der Leser ist ein Produzent von Gärten, in denen eine Welt zusammengetragen und verkleinert wird; er ist der Robinson einer zu entdeckenden Insel; aber er ist auch auf sein eigenes Karnevalstreiben abgefahren, das das Vielgestaltige und die Differenz in das Schriftsystem einer Gesellschaft und eines Textes einführt. Er ist somit schwärmerischer Autor. Er hat keinen festen Boden unter den Füßen und schwankt an einem Nicht-Ort zwischen dem, was er erfindet und dem was ihn verändert. [...] Weit davon entfernt, Schriftsteller, also Gründer eines eigenen Ortes oder Erbe früherer Pioniere, allerdings auf dem Boden der Sprache, als Brunnenausschachter und Häuserbauer zu sein, sind die Leser Reisende; sie bewegen sich auf dem Gelände des Anderen [...]. Die Schrift akkumuliert, lagert ein, widersteht der Zeit durch die Schaffung eines Ortes und vervielfacht ihre Produktion durch den Expansionismus der Reproduktion. Die Lektüre ist nicht gegen den Verschleiß durch die Zeit gewappnet (man wird vergessen und man vergißt), sie konserviert das Erworbene nicht oder nur schlecht und jeder Ort, an dem sie vorbeikommt, ist eine Wiederholung des verlorenen Paradieses." (de Certeau 1988, 306f.)

Auch Roger Chartier hat diesen Text von Certeau gelesen, und charakterisiert von ihm ausgehend die Aufgabe einer Geschichte des Lesens. Lektüre nicht als passive Rezeptivität sondern als erfindende und letztlich freie Tätigkeit kann von der Geschichtsschreibung nicht bis in die hintersten Ecken erfaßt werden. Dennoch wird im Lesen der Text aktiviert, erst im Lesen entfaltet ein Text seine Wirkungskraft. Chartier sieht die Aufgabe einer Geschichte der Lektüre nun darin, die Restriktionen, die ein Text seinem Leser auferlegt, nachzuvollziehen. Chartier will die Mechanismen im Buch suchen, die die Freiheit der Lesenden eingrenzen (Chartier 1995, 146f.). Chartier betont dabei die Materialität des gelesenen Textes. Leser, so Chartier, stehen niemals vor abstrakten und immateriellen Texten, sondern sie halten Gegenstände in der Hand, deren Strukturierung den Lesevorgang lenken, und damit das Verständnis des Textes. Selbst ein feststehender Text verändert seine Möglichkeiten, verstanden zu werden, sobald sich die physische Form ändert, in der er gelesen wird. Lesen ist nicht nur eine aktive Tätigkeit, sondern eine körperliche Praxis, eine Interaktion mit einem physischen Ding, die an bestimmten Orten stattfindet und konkrete Gewohnheiten herausbildet (ebd., 136).

Von der Geschichte des Lesens, man hat es wahrscheinlich schon geahnt, bleibt nur noch ein [p.45] kleiner Schritt zum Lesen der Geschichte, das heißt, zum historisch determinierten Verhältnis des Lesers zu einem Geschichtstext. Dieses Verhältnis läßt weniger Freiheiten zu, als von de Certeau geschildert, denn das historische Lesen unterliegt strengeren Regeln. Auf dem Spiel steht beim Lesen der Status von Geschichte selbst. In der historischen Praxis werden weite Wege und große Anstrengungen auf sich genommen, um in den überkommenen Berichten das Wahre vom Falschen zu trennen. Wenn der historische Text nicht ein paar Mechanismen hätte, das Lesen in bestimmten Grenzen zu halten, könnte man einen historischen Text einfach als historischen Roman lesen (siehe auch Goulemot 1995, 225). Schließlich muß die Grenze zwischen Geschichte und Fiktion immer wieder mit Energieaufwand aufrechterhalten werden; hat man dennoch Zweifel an der Bedeutung des Lesens für einen historischen Text, weil in einem solchen Text ja niemals der Leser angesprochen wird, so zeigt sich gerade darin die literarische Formung des Textes, die vorgibt und beabsichtigt, keinen konkreten Leser zu haben, vorgibt, historische Texte seien ganz für die Ewigkeit geschrieben; genausowenig läßt der Historiker seine Autorschaft deutlich werden, sondern die Ereignisse scheinen für sich selbst zu sprechen. Diese Mechanismen, die das Lesen von historischen Texten kanalisieren, werden sowohl im Schreiben des Textes konstruiert, als auch in der Objektproduktion, das heißt in der Typographie und Einrichtung des Buches als Objekt.

Ich möchte im folgenden nur drei weitere Mechanismen ansprechen: den Titel eines Textes oder Buches, das Zitat und die Fußnote.

Der Titel ist das wichtigste Instrument des Textes, sich zu einem Genre zuzuordnen. Der Titel eines historischen Textes zeigt häufig schon, daß er der Gattung der Geschichte angehört und nicht des historischen Romans. Die Erwartungen des Lesers werden von dem Titel mehr als von allem anderen geführt, weil der Titel den ersten Interpretationskontext liefert und das weitere Lesen immer berücksichtigt, daß der Text unter dieser oder jener Titulierung steht. In dem Prozeß der Feststellung durch den Leser, was das Thema des Textes ist, wird der Titel immer wieder einbezogen. Der Titel dient als Vermittlung von materiellem Objekt und dem zu lesenden Text, denn er steht wie ein Namensschild auf dem Buchrücken und dem Umschlag, und markiert auch den Anfang des Textes, steht auf der ersten Seite. Damit leistet der Titel letzten Endes eine Verbindung von materieller Wissensorganisation in der Bibliothek und der Wissensorganisation im Text selbst.

Das Zitat nun spricht mit einer anderen Stimme als der Text, der es umrahmt. In den ersten gedruckten Ausgaben der Klassiker in der Mitte des 16. Jahrhunderts hat man damit angefangen, Kursivschrift dafür zu nutzen, das Zitat vom Kommentar des sprechenden Autoren typographisch abzusetzen (Kenney 1974, 64). Durch Zitate erhält ein Text eine Zwei-Ebenen-Struktur. Im Fluß des Haupttextes des sprechenden Autoren tauchen Löcher auf, durch die hindurch man andere Texte sieht, natürlich nur in den Ausschnitten, die der Autor ausgewählt hat. Das Zitat wird dann zum Anlaß eines weiteren Kommentars, man kann das Zitat vorführen und urteilen über Schwachstellen und Vergeßlichkeiten, so daß der Haupttext seine Autorität bezieht durch sein überlegenes Verhältnis zum Zitierten. Das ist die Bezugnahme auf historische Paralleltexte, die von anderen Historikern geschrieben worden sind. Auf der anderen Seite kann das Zitierte selbst ein Teil einer größeren Autorität, eines Klassikers, sein. Dann wird inhaltliche Kritik plötzlich uninteressant, und die Autorität des Zitierten stützt die Autorität des Haupttextes. Das ist der Fall bei historischen Quellen, die für die Argumentation des Historikers eine große Rolle spielen. Aufgrund typographischer Darstellung ist immer klar, was Zitat ist, und wo der Autor des Textes selbst spricht. Die Typographie legt nahe, daß es da keine unsaubere Grauzone gibt, sie teilt genau auf in die eigene Ebene des heutigen Historikers und die Ebene des fernen Historischen, auf die der Autor kein Besitzrecht hat. In dieser Weise wird der Leser von der Möglichkeit einer Grauzone abgelenkt, indem man seinen vielleicht aufkeimenden Zweifel an der Möglichkeit einer einheitlichen Aussageebene des Historikers durch den vorgegebenen Unterschied zwischen typographisch angezeigtem Zitat und dem Rest, dem Platz des Historikers, vorwegnimmt. Damit wird typographisch gezeigt, daß der Text immer schon weiß, daß es keine einheitliche Aussageebene des Historikers geben kann, indem der saubere Schnitt zwischen Zitat und Haupttext das Lesen dichotomisch kanalisiert und davon ablenkt, daß der Text mit seinen Zitaten genau von den Interferenzen zwischen Zitaten und vom Autor Gesagten lebt.

Die Fußnote schließlich besteht aus zwei typographischen Elementen: zum einen die Anzeige im fortlaufenden Text, daß zu dem gerade abzuhandelnden Unterthema weiterer Text am Fuß der Seite steht, angezeigt zumeist mit der bekannten kleinen hochgestellten Zahl und zum [p.46] anderen, angeführt von einer korrespondierenden Zahl das Textelement am Fuß der Seite selbst. Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts wurde die der Geschichte inhärente Polemik aus Gründen der gelehrten Höflichkeit, die somit Radikalismen ausschliessen konnte, in die Fußnoten verbannt (Gierl 1996). Während im Haupttext eher die in einem historischen Bereich als wichtig erachteten Texte zitiert werden, fungieren die Fußnoten mehr als vielschichtiges Fundament, indem man hier seine Gelehrtheit offen aber bescheiden zeigen kann, indem man Themenstränge, die im Haupttext von der großen Linie abbringen könnten, hier ein wenig weiter verfolgt, und indem man hier die vielen zustimmenden Texte und Quellen angibt oder sogar zitiert. Die Funktion der Fußnote als dichtes Fundament wird, man weiß es schon, auch typographisch unterstrichen, indem die Seite typographisch in oben und unten eingeteilt und die Buchstabengröße gegenüber dem Haupttext verringert wird.

Man müßte nocheinmal genauer untersuchen, wie die typographische Aufteilung der Seiten eines Textes aus dem Genre der Historiographie ein bestimmtes Bild von Geschichte fördert. Man müßte den Ansatz verfolgen, daß die typographische Unterteilung in Haupttext und Zitat oder Haupttext und Fußnoten das Bild von Vordergrund und Hintergrund nahelegt. Im Vordergrund steht der Historiker, der in der Jetztzeit schreibt, im Hintergrund stehen seine Quellen, die aus der Vergangenheit kommen. Die Quellen selbst sprechen zwar, jedoch eine Art von (teilweise beunruhigendem) Kauderwelsch, das der Historiker übersetzen muß, damit es heute verstanden werden kann. Die Typographie setzt den Quellen einen Rahmen, die sie von der Gegenwart entfernt, sie unterstützt den Schnitt, der den Quellen ihren Ort in der Vergangenheit zuweist und der einen die alten Berichte mit der Vergangenheit identifizieren läßt.

Die kurze Vorstellung dieser drei Mechanismen der Typographie dürfte klargestellt haben, daß die Konstruktion von Geschichte im Spannungsfeld von Leser und Text ein recht komplexes Feld von Wirkungen darstellt, in dem die Textualisierung von historischen Fakten und die Typographie des gedruckten Textes ein autoritatives Verhältnis eingehen, das dazu dient, den Leser nach den Vorgaben des Textes durch den Text hindurch die historischen Fakten sehen zu lassen. Daß diese Wirkungsweise selbst historisch bedingt ist, zeigt sich an der seit den sechziger Jahren einsetzenden Kritik, die in eine selbstreflexive und textorientierte Historiographie mündet.

 

4. Auf dem Weg zu einer elektronisierten Geschichte: Vom Text zum Hypertext

Nachdem ich so lange über heutige Möglichkeiten, Geschichte aufzufassen, gesprochen habe, und die Textualität der Geschichte betont habe, geht es mir nun darum, gedruckten Geschichtstext mit geschichtlichem Hypertext im Internet, und mit Internet meine ich auch im folgenden immer das World Wide Web, zu vergleichen. In einem ersten Schritt möchte ich die Unterschiede ansprechen, die zwischen zwei nach ihren Buchstaben völlig gleichen Texten in den zwei verschiedenen Medien bestehen.

Denn, man könnte ja meinen, daß es denselben Text im Internet und im gedruckten Buch geben könnte; mein nächster Schritt soll sein zu zeigen, daß dem nicht so ist. Tatsächlich ist die gleiche Abfolge von Buchstaben, Satzzeichen und Leerstellen überhaupt die einzig mögliche Gemeinsamkeit für den Vergleich, da zwischen der mechanischen Materialität der gedruckten Buchstaben und der elektronischen Materialität der Buchstaben auf dem Bildschirm deutliche Unterschiede bestehen. Einem Text in einem gedruckten Buch kommt durchaus Objektcharakter zu, ein Text hat zusätzlich zu seiner Oberfläche noch die dritte Dimension der aufeinandergeschichteten Seiten, dagegen ist ein Text auf dem Bildschirm ein simuliertes Objekt, mit dem man durch letztlich noch objekthafte Werkzeuge wie Tastatur und Maus interagieren kann. Ein Text auf dem Bildschirm hat also nicht mehr den Charakter eines Objekts, sondern den eines Prozesses. Wird das laufende Programm als prozeßhafte Folge von Rechneroperationen unterbrochen, verschwindet der Text vom Bildschirm. Damit hat der gedruckte Buchstabe, verglichen mit dem auf dem Bildschirm angezeigten Buchstaben, eine sehr viel einfachere Struktur, er ist ein festes Produkt der Druckmaschine. Der angezeigte Buchstabe ist vielschichtiger und flüchtiger, er resultiert aus dem geregelten Zusammenspiel von Prozessor, Programm und Bildschirm. Ein elektronischer Text hat immer die Doppelstruktur von angezeigter, sichtbarer Oberfläche und gleichzeitig unsichtbarer elektronischer Implementation, so daß kleine Verschiebungen in der elektronischen Implementation den Text vollkommen unleserlich machen können, in einer Weise, wie das beim gedruckten Text als reiner Oberfläche nicht möglich ist. Die Struktur der [p.47] Zusammenstellung der gedruckten Buchstaben steht für jede Auflage fest, die Struktur der Buchstaben auf dem Bildschirm bleibt bearbeitbar und flüssig, mit anderen Worten, technische Kopierbarkeit und Flüchtigkeit der Buchstabenfolge oder zumindest des Layouts, mit anderen Worten: der Typographie, auf der einen Seite, Zerbrechlichkeit jeder Buchstabendarstellung infolge der Darstellungsimplementierung auf der anderen Seite, machen den wichtigsten Unterschied von gedrucktem Buchstaben und angezeigtem Buchstaben im Blickwinkel der Materialität aus.

Die materiellen Unterschiede, könnte man jetzt ungeachtet der schon erwähnten Wirkungen der Materialität des Textes sagen, seien eigentlich keine echten Unterschiede. Dennoch werden diese Unterschiede historisch relevant, wenn man berücksichtigt, daß die Materialität eines Textes seinen Ort und seinen historischen Wert mitbestimmt. Die Geschichte eines elektronischen Textes wird aufgrund seiner Kopierbarkeit und seiner Abhängigkeit vom Programm eine lückenhafte Geschichte der Kopienverteilung des Textes sowie des Schicksals des Programms, das nur auf einer historisch beschränkten Anzahl von Computern laufen kann, sein. Ein gedruckter Text als eigenständiges Objekt hat selbst eine Geschichte, mit anderen Geschichten verwoben . Je älter das Textobjekt ist, desto stärker wird die ihm zugesprochene Rolle in der Geschichte sein, nicht zuletzt, weil die Texte, je weiter ihr Herstellungsdatum zurückliegt, immer spärlicher werden. Eine Geschichte dagegen, die elektronische Texte miteinbeziehen muß, steht noch aus.

Vielleicht möchte man Texte immer noch so interpretieren, daß materielle Unterschiede eigentlich keine relevanten Unterschiede seien, weil der elektronische Text den gedruckten simuliert, und diese Simulation vielleicht in bezug auf das Lesen und Verstehen eines Textes keinen signifikanten Unterschied ergäbe. Für den Vergleich zwischen der Art und Weise des Lesens von einem gedruckten und einem elektronischen Text möchte ich zuerst die Aufmerksamkeit auf den Mißbrauch und die Ränder eines Textes richten. Mißbrauch soll heißen, der Leser folgt nicht mehr der im Text angelegten Reihenfolge, sondern er springt, liest quer, überliest. Der sorgfältig ausgearbeitete historische Text wird dann nicht in der ihm eigentlich angemessenen kontemplativen Weise gelesen, sondern hastig, nur die Teile, die gerade interessieren. Auch bei diesem mißbräuchlichen, oberflächlichen Lesen gibt es in einem gedruckten Text Orientierungspunkte. Schon John Locke bemerkte: Absätze ermuntern zum Lesen in Fragmenten. Seitenzahlen zeigen die momentane Entfernung zum Anfang, und, nach einem kurzen Spähen, die Entfernung zum Ende. Bei manchen Texten steht am Kopf der Seite der Titel des Kapitels; die Überschriften von Unterabschnitten vereinfachen die eigene Verortung im Text ungemein. Schließlich erleichtert das Inhaltsverzeichnis den Gesamtüberblick und fordert geradezu zum sprunghaften Lesen auf, fast so sehr wie der Index, der für diskontinuierliches Lesen angelegt wurde. Vielleicht sind die Grobstrukturen eines Textes gar nicht auf andere Weise zugänglich, wenn nicht durch oberflächliches Lesen. Denn, achtet man auf den zweiten vorhin genannten Punkt, den Rand der Aufmerksamkeit beim Lesen, so steht die Grobstruktur eines Textes immer als Randphänomen der lesenden Aufmerksamkeit da, das heißt, nicht als die Grundlage, sondern als das, was man beim Achten auf die Buchstaben- und Erzählfolge des Textes übersieht. Die Grobstruktur eines gedruckten historischen Textes besteht genau aus Absätzen, Seitenzahlen und Abschnitten, die durch Überschriften oder Zahlen begonnen werden.

Das wichtigste Randphänomen beim Lesen eines Textes im Internet ist meiner Meinung nach der Rahmen des Darstellungsprogramms. Der Rahmen, der den Text im Browser einrahmt, ist nicht mehr der Rahmen eines Ölbildes, der den Raum des Betrachters vom Raum des Bildes trennt. Der Rahmen um den elektronischen Text ist auch nicht mehr der Rahmen um das Fernsehbild, der die Bildröhre vom Rest der Einrichtung eines Zimmers trennt, wobei der Rahmen des Fernsehers dem Rahmen des Hypertextes schon deutlich näher steht als der des Kunstwerks. Betrachtet man einen Raum durch den Fernseher, so hat man immer das Gefühl, man könne diesen Raum potentiell in seiner Gesamtheit sehen, als wäre der jeweils innerhalb des Fernseherrahmens sichtbare Ausschnitt des Raumes nur ganz zufällig sichtbar. Diese Sehgewohnheit wird vom Rahmen des Browsers genutzt. Der Rahmen um den elektronischen Text ist nicht mehr objekthaft vorgegeben, sondern mit der Maus manipulierbar. Der Rahmen, oder das Fenster, den das Hypertextdarstellungsprogramm öffnet, bietet über kodifizierte Bedienungselemente den Text in seiner Gesamtheit und die Funktionalitäten des Programms an. Das Gefühl der Beschränktheit, das einen ab und zu bei der Fernsehdarstellung eines Raumes aufgrund der Unbeeinflußbarkeit der Fernsehbilder überkommt, wird abgelöst durch [p.48] das Gefühl der Zugänglichkeit des Ganzen, indem die Bedienung der Rollbalken ganz nach Wunsch die ungesehenen Teile des geladenen Textes auf den Bildschirm bringt. Dabei setzt der Rahmen den Fokus auf den Ort, an dem sich Veränderungen abspielen können, der Rest des Bildschirms beansprucht keine Aufmerksamkeit mehr.

Schließlich findet genau über den fixierten und unveränderlichen Rahmen des Browsers die Bearbeitung des flüchtigen und beweglichen Textes statt. Über lesbare Rollmenüs kann die Typographie des Textes verändert werden, über lesbare Bedienungselemente oberhalb des Textes kann neuer Text aus dem Internet geladen werden. Einige Autoritätsansprüche des gedruckten Textes, die nicht aus der Buchstabenfolge resultieren, hatte ich schon angesprochen. Diese materiellen und typographischen Merkmale kanalisieren das Lesen, tragen, wenn man so will, zur Bedeutungskonstitution bei. Genauso kann man sagen, daß der Rahmen nicht einfach beim Lesen übersehen wird, sondern er bleibt als Möglichkeit zur Manipulation des Layouts und des sichtbaren Abschnitts des Textes im Hintergrund, und trägt somit ganz ähnlich zur Bedeutungskonstitution bei. Der Rahmen läßt die Funktionalitäten des Programms und den technischen Hintergrund der Operationen im Hypertexttransferprotokoll lesbar werden, er füllt die Pausen, die beim Laden von neuem Text entstehen durch die Angabe des momentanen Status aus und gibt die Größe des Dokuments in Bytes, den Prozentanteil des schon Geladenen und die verbleibende Ladezeit an. Die Prozedur des Ladens wird aufgrund ihrer Lesbarkeit im Rahmen des Textes zu einem technischen Ritual, das ein Vorspiel zu jedem Text im Internet abgibt, und somit vielleicht als eine Art unsichtbare Überschrift bezeichnet werden kann.

Das heißt nun, verkürzt gesagt, ein aus dem Internet geladener elektronischer Text wird tatsächlich immer genau als Text im Internet gelesen, das Internet ist Teil des Gelesenen. Ganz deutlich zeigt sich das im Fehlen der Autorität eines elektronischen Textes, verglichen mit dem gedruckten Text, und in der Konnotation der Neuheit, hier findet eine Übertragung von der kulturellen Codierung des Internet als Ort der Avantgarde auf den Text statt.

Der elektronische Text im Internet ist in den meisten Fällen schon Hypertext im weiteren Sinn, Hypertext im engeren Sinn wird ein Text erst, wenn er aus mehreren zusammengehörigen Teilen besteht, die miteinander über Links verbunden sind. Klickt man innerhalb eines Hypertextes einen farblich und typographisch gekennzeichneten Link mit der Maus an, so wird ein neuer Textausschnitt gezeigt, oder sogar ein neuer Text aus dem Hypertextzusammenhang geladen. Zumeist erklärt oder ergänzt der neue Text den alten. Die Struktur eines Hypertextes unterscheidet sich also fundamental von der Struktur eines gedruckten Textes. Der gedruckte Text hat eine lineare Folge von Buchstaben, die nacheinander gelesen werden sollen, der Hypertext selbst hat die Struktur eines Netzes, die Knoten des Netzes sind die Textstücke, den verknüpften Fäden entsprechen die Links.

Der wichtigste Unterschied zwischen Text und Hypertext besteht also in den computergestützten Strukturierungs- und Assoziationsmöglichkeiten, die der Hypertext bietet und die nicht mehr auf Papier nachzuvollziehen sind. Jay David Bolter sagt, daß das Schreiben im elektronischen Medium deshalb viel verlangt, weil der Autor gezwungen ist, sein eigenes System, seine eigene Hypertextstruktur zu entwerfen. Dementsprechend meint Bolter, auch das Lesen eines Hypertextes verlange viel, denn der Leser müsse die Struktur mitlesen und gleichzeitig im Lesen Struktur erzeugen (1991, 61). Dabei gilt es jedoch zu berücksichtigen, daß diese Struktur nicht mehr der letztlich methodologischen Konzeption der Intertextualität entspricht, denn die Verweisstruktur des Hypertextes ist technisch manifest. Rainer Kuhlen hat in einer Fußnote gefaßt, was meiner Meinung nach den zentralen Unterschied zwischen Fußnote und Hypertextlink ausmacht: "Eine Hypertextverknüpfung referenziert nicht nur, sondern realisiert." (Kuhlen 1991, 1) Wegen ihrer Kanalisierungswirkung auf das Lesen mindern Hypertextverknüpfungen die Reichhaltigkeit der intertextuellen Verbindungen, die abgesehen vom technisch Vorgegebenen hergestellt werden könnten. Das Herstellen von Struktur im Lesen eines Hypertextes gleicht eher dem Herstellen einer bildhaften Repräsentation, die das Verhältnis der ausgewählten Links darstellt. Mit Bernd Wingert muß man konstatieren, daß das Lesen eines Hypertextes dem Suchen in einem "gigantischen Versteckspiel" (1996, 202) entspricht. Wingert meint, man könne einen Hypertext überhaupt nicht lesen, wenn man mit Lesen nicht meint, "Wörter oder Sätze zu verlautlichen, sondern Argumente zu verstehen, die Position eines Autors einordnen oder seine (und andere) Perspektiven einnehmen zu können." (198) Wingert weiter:

"Durch den Bildschirm bedingt kommt es zu kleineren Textportionen und dadurch wiederum [p.49] zu einer Enträumlichung der zu lesenden Texte; was auf einer Seite Papier wohlgeordnet vor dem Auge liegt, muß u.U. durch viele Mausklicks zu öffnende Bildschirme erst wieder zusammengeholt werden." (201)

Beim Lesen eines Hypertextes im Internet sieht man immer nur einen durch die Grenzen des Bildschirms und weiterhin die Grenzen des Rahmens abgeschnittenen Textteil, der Rest des Hypertextes bleibt größtenteils verdeckt und unsichtbar. Und gerade die nach Bolter verräumlichende Struktur des Hypertextes bleibt ohne weitere Zusatzinformationen immer unzugänglich und unlesbar. Hypertext hat damit eine doppelte Tiefe. Zum einen steht, wie gesagt, hinter dem sichtbaren Text eine unübersichtliche Menge weiteren Textes. Zum anderen hat der sichtbare Text selbst eine gewisse Tiefe, denn umso mehr Möglichkeiten bestehen, vor dem Ende des Textes zu einem weiteren Text zu springen, desto wahrscheinlicher wird es, daß man eben nicht zum unteren Ende des Hypertextteils vorstößt. Die Gleichberechtigung von neuem Text am anderen Ende eines Links und dem Rest des aktuellen Textes führt dazu, daß der untere Teil eines Textes zu seiner eigenen unwichtigen Fußnote verkümmert. Die Oberfläche eines Hypertextes wird damit zu einem Netz von unvollendeten Fragmenten.

 

5. Die neue Form der Geschichte

Langsam wird es Zeit, die Fäden, denen ich bis hierher gefolgt bin, etwas zusammenzuziehen. Die Anfangsintuition, daß sich die Form der Geschichte ändert, wenn sich das Medium der Geschichte vom Text zum Hypertext verschiebt, habe ich verfolgt, indem ich zuerst Geschichte von der Anbindung an die unveränderliche Vergangenheit gelöst habe. Das Lösemittel war der Bericht, ich habe betont, daß der Bericht Geschichte konstituiert. Der nächste Schritt war die mediale Verortung des Berichts in der Schrift, im Text, im gedruckten Text. Eine Anzahl historischer Fakten schließen sich erst im historischen Text zu Geschichte zusammen. Der Text aber, und das war mein nächster Schritt, ist nichts ohne Leser. Die Interaktion zwischen Leser und Text findet durch die Materialität, durch die materialen und manifesten Strukturierungen des Textes in Typographie und Buch, statt. Ohne die textlichen Restriktionen des umherschweifenden Lesens keine Geschichte, sondern immer nur ein verwaschenes Mittelding zwischen Fiktion und Geschichte, war der Tenor. Die beiden letzten Schritte waren ein wenig stärker abgehoben von der Fixierung auf Geschichte, und versuchten, die spezifischen Veränderungen von elektronischen Texten im Internet, Hypertext oder nicht, nachzuziehen. Demnach kann das Internet in einer vielfachen Verbindung zur Geschichte stehen. Das Internet hält im historischen Text selbst Einzug, sobald der Text im Internet über den Browser gelesen wird. Das Internet bietet einen neuen, wahrscheinlich weniger als je zuvor geschlossenen Kontext für einen historischen Text. Und es gibt -- man kann sagen, neuerdings -- die Geschichte des Internets. Wenn man beherzigen möchte, was ich über den Charakter der Geschichte zusammengetragen habe, darf man dann nicht mehr das Internet als den Inhalt einer generellen Geschichte als Weltprozeß sehen, der abläuft, ohne daß man von ihm berichtet. Denn dann wird auch die Geschichte des Internets konstituiert durch den Bericht über das Internet, durch soziale und politische Relevanz, durch den Text und vielleicht auch durch den Hypertext. Die letzte Verbindung von Geschichte und Internet ist dann: Elektronische Ereignisse im Internet können historische Ereignisse sein.

Die neue Form der Geschichte, die sich durch das Eintreten der Geschichte ins Internet ergibt, ist charakterisiert durch fünf Eigenschaften: Unvermitteltheit, Fragmentierung, Totalisierung, Verteiltheit und Rekombination.

In gewissem Sinn oszilliert das World Wide Web zwischen dem Status einer Ansammlung von Hypertexten auf Computerknoten und dem Status eines einzigen, riesengroßen Hypertextes, da man theoretisch von jedem Teil des World Wide Web zu jedem anderen gelangen kann. In diesem Sinn sind die erwähnten Seiten der RAND Corporation, unter denen sich die einschlägigen Texte von Paul Baran befinden, und der Text von Vinton Cerf Teile eines einzigen Hypertextes, der selbst keinen Autor hat. Diese Teile des großen Hypertextes Internet stehen unvermittelt nebeneinander. Innerhalb der Grenzen eines gedruckten historischen Textes kann man inkommensurable Sichtweisen einander gegenüberstellen. Wenn man jedoch von Anfang an bei einer hypertextuellen Geschichte die Strategie verfolgt, unterschiedliche oder inkommensurable Sichtweisen in verschiedenen Hypertextteilen oder -strängen einzuschliessen, und vielleicht Links auf die jeweils entgegensetzte Position legt, entstehen Schwierigkeiten. Der gedruckte historische Text bietet eine hinsichtlich seiner Materialität geschlossene Darstellung, die gleichzeitig im Barthes'schen Sinn nicht geschlossen ist, das [p.50] heißt, der Text verweist nicht wie ein Zeichen auf eine einheitliche Referenz, sondern nimmt eine Position im historischen Diskurs ein, die sich mit der Zeit verschieben kann. Diese materiell geschlossene Darstellung bietet jedoch Strukturierungen auch von Widersprüchen an, die, vorläufig, eine durchaus vermittelnde Rolle spielen. Der Text wird dann zu einem Modell unter vielen, wie Unvereinbarkeiten nicht autoritativ zu unterdrücken sind, sondern, wenn auch in einer gewissen Spannung, zu ertragen. Der Hypertext dagegen, der Widersprüchliches in unterschiedlichen Teilen organisiert, regrediert zu einer reinen Materialsammlung, in der womöglich aufgrund der Aufteilung noch nicht einmal vom Text her klargestellt werden kann, wie genau diese Widersprüche aussehen.

Das Herstellungsprinzip von Hypertext ist, ein Thema in Teile aufzuspalten und diese textuellen Teile durch Links miteinander zu verbinden. Für die Geschichte heißt das, Quellen und historische Texte über diese Quellen werden in einzelne Textteile eingebettet und durch Links miteinander verbunden. Während die typographische Aufteilung einer Seite in Haupttext, Zitat und Fußnote eine Gleichzeitigkeit von abgestuften Ebenen invozierte, wird in dieser Netzstruktur die Quelle, die mit der Vergangenheit verbunden wird, gleichgestellt mit dem Kommentar, beide sind Knoten im Netz, in dem Vergangenes mit Heutigem auf neue Weise zusammengestellt wird. Die feste textuelle Abfolge von historischen Ereignissen, die sich gerade aus dem Zusammenspiel von Ereignis und verschiedenen Berichten ergaben, wird aufgelöst in ein Netz von Fragmenten.

Dieses Netz kann dann gleichzeitig umfassender sein als der gedruckte historische Text, der nicht zuletzt aufgrund seiner materiellen Grenzen immer auswählen muß. Über das Verfolgen von Links können letztlich sämtliche historischen Fragmente im Netz erreicht werden. Da das Netz dabei immer als Navigations- und Lesekontext wirkt, entsteht der Effekt von historischen Inseln innerhalb des größtenteils geschichtlich uninteressierten Internet. Die historischen Inseln sind im Internet verteilt, ohne daß die Lücken der Beschreibung innerhalb eines Hypertextensembles unbedingt ausgewiesen sind und ohne daß man sich darauf verlassen kann, daß auf ergänzende Hypertexte per Link hingewiesen wird. Die elektronisierten historischen Tatsachen stehen in keinem festen Zusammenhang mehr, wie noch im gedruckten Text, sondern werden sowohl aus der Perspektive des Lesens als auch aus der Perspektive des problemlos kopierbaren elektronischen Textes auf immer neue Weise miteinander kombiniert, Arthur Kroker (1994) nennt das "recombinant history".

Abschließend bleibt noch zu sagen, daß natürlich auch diese neue Form von Geschichte kein einheitliches, vielleicht noch nicht einmal ein stabiles Phänomen ist. Tatsächlich habe ich bis jetzt im Internet kaum Geschichtsschreibung angetroffen, die konsequent in Hypertextform gefaßt wäre. Das liegt mit Sicherheit daran, daß Historiker und deren Institutionen auf eine Methode des Schreibens (und Forschens) orientiert sind, die eben ganz eng mit dem Buchdruck verknüpft ist. Die neue Form der Geschichte im Internet ist noch mehr eine Möglichkeit als eine Aktualität, und zwar eine Möglichkeit, die von den heutigen Standards von Hypertext im WorldWideWeb gedacht ist. Historiographie im Internet sieht zumeist so aus, daß Aufsätze in elektronischen Zeitschriften veröffentlicht werden, die elektronisch den Buchdruck nachahmen. Dennoch macht es Sinn, über die Auswirkungen des Internet auf die Geschichte zu reflektieren, denn auch elektronische Nachahmungen gedruckter Veröffentlichungsformen unterliegen jenen Veränderungen in Materialität, Produktion und Konsumption, die ich versucht habe zu skizzieren, und die ihre Wirkungen auf die Darstellungsform haben.

Aber, wie die Geschichte der Zukunft aussieht, wer weiß?

 

 

Literatur

Baudrillard, Jean 1994: "Die Rückwendung der Geschichte", in: Mike Sandbothe, Walter Ch. Zimmerli (Hg.), Zeit - Medien - Wahrnehmung, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1-13.

Berkhofer, Jr., Robert F. 1995: Beyond the Great Story. History as Text and Discourse, Cambridge, Mass. und London: Belknap Press.

Bolter, Jay 1991: Writing Space. The Computer, Hypertext, and the History of Writing, Hillsdale: Lawrence Earlbaum.

Chartier, Roger 1995: "Labourers and Voyagers: From the Text to the Reader", in: Andrew Bennett (ed.), Readers and Reading, London and New York: Longman, 132-149. (zuerst [p.51] erschienen in: Diacritics 22 (1992), 49-61)

de Certeau, Michel 1988: Die Kunst des Handelns, Berlin: Merve.

Foucault, Michel 1981: Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main: Suhrkamp. (französisch 1969)

Gierl, Martin 1996: "Gesicherte Polemik", in: Historische Anthropologie 4, 267ff.

Goulemot, Jean M. 1995: "Histoire littéraire et histoire de la lecture", in: Roger Chartier (ed.), Histoires de la lecture. Un bilan des recherches, Paris: IMEC Éditions, 221-228.

Kenney, E. J. 1974: The Classical Text. Aspects of Editing in the Age of the Printed Book, Berkeley und Los Angeles: University of California Press.

Kroker, Arthur, Michael A. Weinstein 1994: Data trash: the theory of the virtual class, New York: St. Martin's Press.

Kuhlen, Rainer 1991: Hypertext. Ein nicht-lineares Medium zwischen Buch und Wissensbank, Berlin: Springer.

White, Hayden 1990: "Die Bedeutung von Narrativität in der Darstellung von Wirklichkeit", in: Hayden White, Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der Geschichtsschreibung, Frankfurt am Main: Fischer, 11-39.

Wingert, Bernd 1996: "Kann man Hypertexte lesen?", in: Friedrich Kittler, Dirk Matejowski (Hg.), Literatur im Informationszeitalter, Frankfurt am Main und New York: Campus, 185-218.

 

 

[1] Brief history of the Internet, nur von Vinton Cerf verfaßt: http://www.isoc.org/internet-history/cerf.html ; A brief history of the Internet, von Cerf und anderen geschrieben: http://www.isoc.org/internet-history/brief.html

[2] http://www.rand.org/facts/baran.html

 


11.11. 1998 - http://userpage.fu-berlin.de/~sybkram/medium/ossnkopp.html