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Band VIII (1994)Spalten 159-162 Autor: Herman H. Schwedt

RIARIO SFORZA, Sisto, Kardinal, * 5. Dez. 1810 in Neapel, + 29. Sept. 1877 ebd. Beide Eltern (duca Giovanni R. S. und principessa Maria Gaetana Cattaneo di Sannicandro) gehörten dem Hochadel an, der Vater trat 1799 bei der Revolution als Republikaner hervor. Schon am 13. Februar 1825 wurde R. Kleriker (Tonsur) und studierte dann im römischen Hause seines Onkels Kardinal Tommaso R. S. (+ 1857). Dort blieb er auch nach seiner Priesterweihe (1833 in Neapel), ab 1836 von Papst Gregor XVI. mit ehrenvollen Missionen betraut. R. wurde Päpstlicher Geheimkämmerer (Nov. 1836), Kanoniker der Vatikanbasilika (30. Sept. 1838) und 1841 `segretario particolare' des Papstes. Es folgten die Ernennungen zum Bischof von Aversa im Königreich Neapel (24. April 1845), zum Erzbischof von Neapel (24. Nov. 1845) und zum Kardinal (19. Januar 1846). R. war einer der jüngsten Kardinäle bei der Wahl Papst Pius' IX. (1846). Als dieser wegen der römischen Revolution aus dem Kirchenstaat flüchtete und bei Neapel residierte (1848-1850), unterstützte R. dessen zunehmend antiliberale Politik. R. war Mitglied der erstmals im Dezember 1848 in Neapel versammelten Kardinalskongregation, die zur Abwendung von Liberalismus und Revolutionsgefahr das Mariendogma von 1854 vorbereitete (Empfängnis ohne Erbsünde). In Neapel förderte R. die neuthomistischen kath. Philosophen und Theologen (1846 Gründung der Accademia di filosofia tomista, der ersten dieser Art in Italien) und unterstützte den Kampf der von dem Neuthomisten Gaetano Sanseverino geleiteten Zeitschrift `La Scienza e la fede' gegen den von liberaleren Klerikern (Vincenzo Gioberti, Antonio Rosmini) vertretenen sog. philosophischen Ontologismus. Pius IX. wollte R. 1855 nach Bologna versetzen, wo man einen strengen Antiliberalen als Bischof suchte. R. blieb jedoch Erzbischof von Neapel bis zu seinem Tod, nebenher auch noch Mitglied der römischen Indexkongregation (12. Dez. 1857). Beim Zusammenbruch des Königreiches beider Sizilien (1860) geriet R. in schwere Konflikte mit dem `dittatore delle due Sicilie', Giuseppe Garibaldi, und wurde zum Exil genötigt (Sept. 1860 bis Juli 1861 und erneut 1862 bis 1866). Zunächst von Hyère bei Marseille, später von Orten im Kirchenstaat aus leitete er sein Erzbistum über Generalvikare. Mit den nach seiner Ansicht undisziplinierten Klerikern, besonders mit den `nationalen' Priestern und Bischöfen, die mit Garibaldi sympathisierten oder paktierten (z.B. Bischof M. Caputo von Ariano), geriet R. in heftige Auseinandersetzungen. Auf dem Vatikanischen Konzil 1869/70 beantragte R. mit Kard. G. Pecci (dem späteren Papst Leo XIII.) die Verurteilung des Ontologismus. Die Gruppe um Kard. L. Bilio aus dem Barnabiten-Orden konnte dies vereiteln, um nicht bekannte `Ontologisten' wie den Philosophen und Barnabiten-Kardinal Hyacinthe-Sigismond Gerdil (+ 1802) zu diskreditieren. R. trat für die persönliche Unfehlbarkeit des Papstes ein und führte die süditalienische Bischofsgruppe auf dem Konzil an, näherte sich aber im Konzilsverlauf denjenigen Bischöfen, die das Unfehlbarkeitsdogma für weniger opportun hielten. Zwischen einem von ihnen, Bischof W. E. v. Ketteler (Mainz), und R. entstand ein Vertrauensverhältnis, so daß R. bei diesem einen - vergeblichen - Vermittlungsversuch unternahm, um die als Eklat empfundene vorzeitige Abreise der sog. Minoritätsbischöfe zu verhindern. Während sich nach 1870 im italienischen Katholizismus die intransignente Politik der Verweigerung und Nichtbeteiligung am Einheitsstaat durchsetzte, sorgte R. 1872 für eine Sensation, als er bei den Kommunalwahlen eine für beide Seiten annehmbare Kandidatenliste erstellen ließ, die auch Erfolg hatte: R. setzte auf eine pragmatische Vertretung kirchlicher Interessen und distanzierte sich vorsichtig von den reinen Legitimisten und Verteidigern der von Garibaldi entmachteten Monarchie. Auf lokaler Ebene beteiligte sich R. bei der Gründung von neuen Pfarreien, Ordensniederlassungen, sozialen Einrichtungen und Ausbildungsstätten für Theologiestudenten. Beim breiten Publikum erntete R. zahlreiche Sympathien, als er bei insgesamt vier Cholera-Epidemien und drei Vesuvausbrüchen Kranke finanziell unterstützte und Obdachlose auch ins erzbischöfliche Palais aufnahm. Die Urteile über R., den »Gegenspieler Garibaldis« (G. Spadolini), divergieren stark: in der vorherrschenden Geschichtsschreibung gilt R. als Monarchist und Legitimist sowie als intransigenter Gegner liberaler Katholiken, wenn auch meist mit relativer Mäßigung. Neapolitanische Historiker (F. Di Domenico; G. Russo) nennen diese Beurteilung eine Fortschreibung der liberalen Diffamierung von R.; sie spiegeln den Autonomiewillen des erniedrigten und `kolonisierten' Südens wider, indem sie dokumentieren, daß R. 1860 den Anschluß seines Landes an Norditalien (l'annessione al Piemonte) als Gewaltakt bezeichnete und vorhersagte, die Bevölkerung werde noch beklagen, vom Norden geschluckt (assorbite) worden zu sein, während dieser die Annexion des Südens noch bereuen werde (si pentiranno di averle assorbite). In kirchlichen Dingen förderte R. kein regionales Autonomiebewußtsein, sondern einen strengen päpstlichen Zentralismus: R. forderte 1870 auf dem Konzil bezeichnenderweise, neue Bischöfe sollten nur noch in Rom geweiht werden und sich dort vom Papst die Jurisdiktion für ihre Bistümer erteilen lassen. Nach Abschluß des sog. Informativprozesses (seit 1927 in Neapel) begann 1947 in Rom das kanonische Verfahren zur Seligsprechung von R. (»Servus Dei«).

Werke: Dottrina cristiana. Napoli 1839; Epistola pastoralis ad clerum populumque universum Aversanae dioeceseos. Romae 1845; Istruzioni generali per la S. visita della città e diocesi di Napoli [...] l'anno 1850. Napoli 1850; Lettera [...] sulla circolare del sig. Minghetti [...] diretta ai reverendissimi arcivescovi, vescovi e vicarii capitolari del regno ed inserita nella Gazzetta ufficiale di Torino al 30 ottobre 1861. Roma [1861]. Lettera [...] al clero e ai fedeli della sua archidiocesi in occasione della definizione data dal Concilio Vaticano dell'infallibile magistero del romano pontefice. Roma 1870; Lettera pastorale [...]. Napoli 1872. Lettera pastorale [...] per la quaresima del 1876. Napoli [1876]; J.D. Mansi, Sacrorum conciliorum nova et amplissima collectio. Vol. 53. Leipzig-Arnheim 1927, Sp. 378-456.

Lit.: Francesco Di Domenico, La vita del Card. S.R.S., Arcivescovo di Napoli. Napoli 1904 (Quellen); - A. Fonck, Ontologisme, in: DThC XI (1931) 1000-1061 (bes. 1055-8); - Cosimo Damiano Fonsega, Appunti per la storia della cultura cattolica in Italia. La storiografia ecclesiastica napolitana (1878-1903), in: Aspetti della cultura cattolica nell'età die Leone XIII. Atti del convegno Bologna 27-29 dicembre 1960. A cura die Giuseppe Rossini. Roma 1961, 465-533 (Quellen); - Giuseppe Russo, Il card. S.R.S. e l'unità d'Italia (Settembre 1860 - Luglio 1861). Napoli 1961; - Ders., Servo di Dio Card. S.R.S., in: La Pontificia Università Lateranense. Roma 1963, 381; - Ders., La situazione napolitana nel periodo delle luogotenenze e il secondo esilio del card. S.R.S., in: Asprenas XI (1964) 225-319; - Ders., L'azione politico-religiosa del card. S.R.S. dal ritorno in diocesi (1866) al Concilio Vaticano I, in: ebd. XIV (1967) 66-162; - Ders., Il 1870 e gli eventi romani nella corrispondenza S.R.S. - Pio Folchi, in: Campania Sacra I (1970) 143-186; - A. Ricci, G. Ricciardi e l'anticoncilio di Napoli del 1869. Napoli 1975; - L'Anticoncilio di Napoli del 1869. Promosso e descritto da Giuseppe Ricciardi. Foggia 1982 (Napoli 1870); - Giovanni Spadolini, L'opposizione cattolica da Porta Pia al '98. Milano 1976 (zuerst Firenze 1954); - Giovanni B. Proja, Il card. S.R.S. e Pio IX, in: Pio IX 6 (1977) 219-229; - Christoph Weber, Kardinäle und Prälaten in den letzten Jahrzehnten des Kirchenstaates. Bd. 1-2. Stuttgart 1978; - Bruno Pellegrino, Chiesa e rivoluzione unitaria nel mezzogiorno. L'episcopato meridionale dall'assolutismo borbonico allo stato borghese (1860-1861). Roma 1979; - Ders., Michele Caputi. Del legittimismo borbonico al liberlismo unitario. Galatina (Lecce) 1984; - Giacomo Martina, Pio IX (1851-1866). Roma 1986; - Ders., Pio IX (1867-1878). Roma 1990; - Klaus Schatz, Vaticanum I (1869-1870). Bd. 1-3. Paderborn 1992-1994; - EncCatt X (1953) 846 f. (ältere Lit.); - Bibliotheca Sanctorum XI (1968) 149-152; - Dizionario Storico del Movimento cattolico in Italia 1860-1980. III (1984) 712 f.

Herman H. Schwedt

Letzte Änderung: 16.02.1999