Screenshot des Dienstes Sandy

Der Ausverkauf des Web 2.0

BILLIG
21. 12. 2008 - 06:00
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Die Zeit der kostspieligen Übernahmen von Start-ups ist vorbei. Stattdessen werden Web-2.0-Plattformen jetzt zum Sonderpreis verkauft - und nach Abschluss des Geschäfts umgehend stillgelegt. Auf der Strecke bleiben die Nutzer der Dienste - und ihre Daten.

Die Einkaufsliste, der wichtige Telefonanruf, die Lieblingssendung im Fernsehen: Die digitale Assistentin Sandy von Iwantsandy.com hat in den vergangenen zwölf Monaten zahllose Termine und Erinnerungen an ihre Nutzer geschickt.

Besonders beliebt unter Sandys Nutzern war die Möglichkeit, den Dienst direkt über das Microblogging-Angebot Twitter mit neuen Terminen und Notizen zu füttern. Sandy meldete sich anschließend bei ihren Nutzern regelmäßig per E-Mail, SMS oder elektronischen Kalender, um sie an die wichtigen Dinge des Lebens zu erinnern.

Sandys Nutzer müssen sich jedoch ab sofort wieder selbst an ihre Termine erinnern. Der Dienst wurde am vergangenen Freitag ersatzlos abgeschaltet.

Sandys Reste im Netz

Aufgekauft von Twitter

Grund für die Stilllegung ist die Übernahme der Sandy-Betreiberfirma Values of N durch Twitter. Values-of-N-Gründer Rael Dornfest erklärte dazu, Twitter habe keine unmittelbaren Pläne, Sandys Features in seine Microblogging-Plattform zu integrieren. Sandy-Nutzer sollten sich jedoch nicht darüber wundern, wenn ihnen in Zukunft das eine oder andere Twitter-Feature bekannt vorkomme.

Dornfest gründete Values of N, nachdem er mehrere Jahre beim bekannten Technologieverlag O'Reilly gearbeitet hatte. Sein Start-up betrieb zusätzlich zu Sandy noch einen Dienst für digitale Notizzettel namens Stikkit, der ebenfalls am Freitag dichtgemacht wurde.

Microblogger ausgesiebt

Stikkit und Sandy sind nicht die einzigen Web-2.0-Dienste, die in den letzten Tage das Zeitliche segnete. Ebenfalls betroffen war Pownce - eine Microblogging-Plattform, die Twitter mit der Möglichkeit zum Medientausch Konkurrenz machen wollte. So konnten sich Pownce-Nutzer gegenseitig MP3s zukommen lassen sowie Fotos und kurze Videos an ihre Freunde und Kontakte schicken.

Pownce setzte zudem auf Web-2.0-Prominenz, um sich von Twitter abzusetzen. Zu den Gründern gehört Kevin Rose, bekannt als Erfinder der extrem erfolgreichen sozialen Nachrichtenplattform Digg.com. Doch trotz Rose war Pownce nie sonderlich erfolgreich. Anfang Dezember gab das Pownce-Team bekannt, dass man vom Blog-Anbieter Six Apart aufgekauft worden sei. Der Dienst wurde am vergangenen Montag ersatzlos eingestellt.

Feste Jobs statt großem Zahltag

Das Aufkaufen einer Firma ohne die Absicht, ihre Produkte weiter zu unterstützen, bezeichnet man in der Sprache der Risikokapitalgeber als Übernahme der Vermögenswerte. Six Apart sicherte sich dabei beispielsweise die Rechte am Namen und an der Technologie von Pownce.

Während beim Aufkauf kompletter Start-ups oftmals Millionen gezahlt werden, fließt bei derartigen Ausverkaufsübernahmen deutlich weniger Geld. Die Haupbelohnung für die Gründer eines derart todgeweihten Start-ups liegt darin, dass sie nach dem Übernahme einen festen Job haben.

So kündigten die beiden Pownce-Entwickler Leah Culver und Mike Malone an, dass sie in Zukunft für Six Apart arbeiten werden. Sandy- und Stikkit-Erfinder Rael Dornfest bekam durch die Übernahme seiner Firma einen Job als Entwickler bei Twitter.

Ein würdevolles Ende

Die Übernahme der Vermögenswerte ist damit eine Art würdevolles Ende für Start-ups ohne finanzielle Überlebenschancen. Dabei ist die Zukunft dieser Firmen nicht immer vorgezeichnet. Dornfests Gründung Values of N schien beispielsweise unter einem guten Stern zu stehen. Einer der ersten Investoren in die Firma war Ram Shriram, der auch den Google-Gründern einen ihrer ersten Schecks gegeben hatte. Dornfest selbst war vor der Firmengründung in der Branche allseits bekannt.

Eine zweite Finanzierungsrunde kam dennoch nicht zustande, und Dornfest ging nach einer Weile ganz einfach das Geld aus. Anfangs beschäftigte die Firma knapp ein Dutzend Mitarbeiter. Seit mehr als einem halben Jahr lief die Firma jedoch als Einmannbetrieb. "Rael ist ein genialer Programmierer", erklärte ein Silicon-Valley-Insider, der nicht genannt werden will, dazu gegenüber Futurezone, "Doch praktisch niemand nutzte seine Technologie."

Tatsächlich fristeten Dornfests Dienste in der Welt des Web 2.0 ein Schattendasein. Beide Plattformen beeindruckten durch clevere Fähigkeiten zur Interpretation natürlicher Spracheingabe. Ihre Funktionsweise ließ sich jedoch nur schwer erklären. Bis zu Einstellung des Angebots konnten sich deshalb gerade mal 11.000 Twitter-Nutzer dazu durchringen, die digitale Assistentin Sandy auszuprobieren. Öffentlich zugängliche Statistiken lassen erahnen, dass Stikkit noch deutlich weniger Nutzer für sich begeistern konnte.

Kein Geld mehr für Millionenübernahmen

Fehlender Erfolg war nicht immer ein Grund für eine Übernahme mit Todeskuss. Branchenriesen gaben zu den Hochzeiten des Web-2.0-Booms viel Geld für Start-Ups aus, deren Nutzerzahlen alles andere als beeindruckend waren. So ließ sich Yahoo das soziale Widget Mybloglog zehn Millionen Dollar kosten, obwohl der Dienst zum Übernahmezeitpunkt Anfang des letzten Jahres gerade mal 45.000 registrierte Nutzer verzeichnete.

In Zeiten massiver Einsparungen ist für derartigen Kaufrausch offenbar nur noch wenig Geld vorhanden. Gleichzeitig wird es für immer mehr Start-ups finanziell eng. So warnte die Venture-Kapital-Firma Sequoia Capital kürzlich, dass es auf absehbare Zeit nur noch wenig Geld für neue Finanzierungsrunden geben werde.

Auch die Zahl der Firmenübernahmen wird nach Auffassung der Sequoia-Manager deutlich sinken, und profitable Start-ups werden dabei deutlich bessere Karten haben. Nutzer von Web-2.0-Anwendungen müssen sich deshalb darauf gefasst machen, dass die ein oder andere ihrer Lieblingsplattformen in naher Zukunft ganz einfach verramscht und dichtgemacht wird.

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(Janko Röttgers)

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Forum

 
  • Das wurde auch mal Zeit

    smash, vor 38 Tagen, 20 Stunden, 33 Minuten

    Die Überbewertung von Web 2.0 Companies nahm ja schon groteske Züge an.
    Schön, dass alle mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück kehren.Als platzt die Web 2.0 Blase jetzt nach und nach. Das bereinigt den Markt und bringt alte Werte wieder zurück.
    Mir ging es schon auf den Geist, dass 12 jährige Firmengründer in 2 Wochen ein Web 2.0 Unternehmen hochgezogen haben nur mit dem Ziel einen schnellen Exit und somit Geld, Autos, Frauen zu erreichen.

    Grüsse

    ML

  • Web 2.0

    fenris79, vor 38 Tagen, 23 Stunden, 44 Minuten

    Der Begriff „Web 2.0“ bezieht sich weniger auf spezifische Technologien oder Innovationen, sondern primär auf eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets: Die Benutzer erstellen und bearbeiten Inhalte in quantitativ und qualitativ entscheidendem Maße selbst.

  • Branchenriesen

    joergopopolus, vor 38 Tagen, 23 Stunden, 45 Minuten

    verhindern wie immer, das nuetzliche Dinge bekannt werden, vor allem wenn sie von der Konkurenz kommen. Die Boersenwerte von Google und Co waren schon erschreckend wenn, man bedenkt, dasz nichts produziert wird. Raeume voller Pc`s die noch dazu die Meinung im Volk bilden,..

  • was ist web 2.0?

    verständnisvollnick, vor 39 Tagen, 6 Stunden, 23 Minuten

    • web 2.0

      fenris79, vor 38 Tagen, 23 Stunden, 49 Minuten

      ist eine Sichtweise und nicht "Irgendetwas"

  • Wie auch bei Web1.0 (oder der dot.com-Bubble) werden ein paar...

    eemil, vor 39 Tagen, 8 Stunden, 33 Minuten

    ...große Unternehmen erfolgreich sein

    das ist ein ganz normaler Prozess und sollte niemanden überraschen. Ich vermute, daß digg dazu gehören wird, twitter eher nicht, facebook vielleicht (wird wohl bald von Google oder einem anderen Branchenriesen gekauft oder so). Darüber hinaus gibt es ja kaum nennenswerte Neuerungen (live-shopping, naja), zumindest keine sehr breitenwirksamen (www.polyvore.com ist z.B. interessant, aber eben nicht für Jeden). Ich warte lieber auf ein paar Hardware-Innovationen (andere Eingabegeräte, HUD-Brille usw.), dann sehen wir weiter.

  • zardoz, vor 39 Tagen, 11 Stunden, 20 Minuten

    Taschenkalender und Kuli sind zwar in höchstem Maße analog, aber dafür absturzsicher. Schmarrn-Anwendungen wie digitale Notizzettel kann sich das Web 2.0 bis hin zum Web 1000 punkt Null sonstwo hinschieben! Hahaha!

  • Stikkit und Sandy? Was zum Henker soll das sein?

    hosenbeisser, vor 39 Tagen, 16 Stunden, 6 Minuten

    Oder bin ich nur deswegen glücklich, weil ich von Stikkit und Sandy bis zu diesem Artikel noch nie was gehört habe? Und es mir daher völlig blunzen ist ob die abdrehen oder nicht.

    • cybercop, vor 39 Tagen, 13 Stunden, 24 Minuten

      ich denk mir auch grad: wieder was das mir nicht fehlen wird

    • Bin beruhigt, ..

      tomtom7, vor 39 Tagen, 9 Stunden, 26 Minuten

      daß nicht nur ich von solchen Dingen noch nie etwas hörte

  • Und wovon finanziert sich Twitter?

    mordheim, vor 39 Tagen, 17 Stunden, 32 Minuten

    Kaufen da einen anderen Dienst auf und bieten im Prinzip etwas an mit dem man wie Geld verdienen kann?

  • *loooool*

    mindmachine, vor 39 Tagen, 17 Stunden, 41 Minuten

    Auf der Strecke bleiben die Nutzer der Dienste - und ihre Daten..... Manche Menschen Leben eben in einer Welt ohne Geld :)

  • naja

    bullion01, vor 39 Tagen, 18 Stunden, 8 Minuten

    niemand wird das im großem stil "von user für user gratis" machen. wie soll das auch wer machen wenn er/sie pro woche einige stunden dafür investieren muss?
    Geld für die selbstkosten kann durch werbung verdient werden, mit der größe des Dienstes steigen auch die Kosten und somit der Personalaufwand wodurch eine Einbindung in eine große Firma vorteilhaft ist.
    Finds nicht so schlecht wenn die nen fixen sicher gutbezahlten job bekommen haben, ihr team sicher auch fast zur gänze mitgenommen und nebenbei für den verkauf der alten Platform noch einiges an geld bekommen haben.
    Vom "tellerwäscher zum Millionäer" ist wohl hier der falsche ausdruck den für den aufbau eines inovativen internetdienstes braucht man sicher viel know how und grundkapital!

    • Hääää?

      tomtiger, vor 39 Tagen, 15 Stunden, 56 Minuten

      Das Kapital kommt von Risikokapitalgebern, das Knowhow ist wurscht, soferne man was Nettes, Neues hat.

      Welches Kapital hatten die Gründer von Google, ebay & Co? Genau so viel wie Know How, nämlich 0.

      Es heißt übrigens "Von UserN für User", beides Plural. Wieso soll das nicht gehen? Wenn ich mir die diversen Open Source Projekte ansehe, wäre so ein Pipidienst wie die hier besprochenen ein Furz.

    • Google & Co

      eemil, vor 39 Tagen, 13 Stunden, 40 Minuten

      bitte keine Märchen erzählen. Google (bzw. die Gründer) hatte zuerst die Unterstützung der Uni Stanford, dann 1998 einen Scheck über $100.000 von Andy Bechtolsheim und 1999 $25 Mio. Venture Capital. Später gab es noch mehr VC, aber Details sind mir jetzt nicht bekannt. Know-How hatten sie ebenfalls von der Uni, das Projekt war zu dem Zeitpunkt der Firmengründung ja schon mehrere Jahre alt.

    • An eemil:

      tomtiger, vor 39 Tagen, 13 Stunden, 20 Minuten

      Sorry, aber das Knowhow hatten andere auch, und mehr davon.

      Das Kapital gehörte nicht Ihnen!

      Es ist also nicht so, daß hier irgendjemand einzigartiges technisches Wissen oder große Summen seines Privatvermögens investiert hat - beides Grundlagen für die Erwartung, gewaltig Kohle zu scheffeln.

      Das Know How rechtfertigt einen gutbezahlen Posten bei IBM, Sun oder MS, aber keinesfalls zig Millionen in zwei Jahren!

      Wenn die Herrschaften, die diese Startups gegründet haben, damit zufrieden wären, mit den Firmen ein lukratives Einkommen zu erwirtschaften, gäbe es sie noch.

    • @tomtiger

      eemil, vor 39 Tagen, 8 Stunden, 40 Minuten

      ich weiß nicht, wo du diese komischen Vorstellungen her hast.

      Brin & Page haben sich durchaus Gedanken über ihre Suchmaschine gemacht und deshalb eine gute Umsetzung hinbekommen: http://infolab.stanford.edu/~backrub/google.html

      Google war sofort erfolgreich, auch wenn z.B. AltaVista schon viel früher am Markt (und recht bekannt) war. Ich kann mich daran noch sehr gut erinnern, Google war einfach etwas genauer und sehr schnell und hat diese Verportalisierung der anderen Suchmaschinen vermieden.

      Daß man nun eigenes (geerbtes?) Kapital mitbringen muß um viel Geld zu verdienen oder einzigartiges technisches Wissen besitzen sollte, ist völlig abstrus, wo lebst du? Siehe z.B. Red Bull oder meinetwegen Karl Wlaschek. Das war nie notwendig und wird es auch nie sein, gute Umsetzungen fremder Ideen, persönliches Engagement oder die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt reichen vollkommen aus und so sollte es auch sein, oder dürfen jetzt nur mehr Dynastien von Firmengründern existieren? Was nicht heißen soll, daß davon irgend etwas auf diese zahlreichen Web2.0-Startups zutrifft.

    • An eemil:

      tomtiger, vor 37 Tagen, 20 Stunden, 40 Minuten

      Machst Du Dir auch die Mühe, den Kommentar zu lesen, auf den ich antwortete?

      Dann reden wir womöglich nicht aneinander vorbei.

      Was Google betrifft, war erstens Altavista besser, Northernlight auch. Google ist erst seit - sagen wir - 2002 wirklich der Renner. Bei der Unternehmensgründung der google inc. hatten die schon jahrelang vorgearbeitet, die haben nicht 1998 von 0 angefangen. Die haben an der SU vorgearbeitet, und sind 1998 mit einem fertigen Produkt auf den Markt.

      Ja, google war erfolgreich, aber bei weitem nicht besser als die Konkurrenz.