In memoriam
Prof. Dr. Jürgen Neukirch

Als nach Weihnachten bekannt wurde, daß Jürgen Neukirch auf den Tod getroffen im Krankenhaus liegt, rief diese Nachricht in der Universität, in der Stadt, in der weiten doch eng verbundenen Welt der Mathematiker, aber auch in davon entfernten Kreisen Bewegung, ja Bestürzung hervor.

So vielen verschiedenen Menschen ist Jürgen Neukirch in Gesprächen begegnet, wie er sie führte, wo es sich gerade ergab. Sein Gegenüber sah sich unvermittelt und eindringlich auf sein Innerstes angesprochen. Dabei mochte einem manchmal ängstlich werden, denn das Gespräch schien vor nichts zurückzuscheuen. Doch für so manchen blieb diese Begegnung unvergeßlich, weil man sich selber über das tägliche Geschäft erhoben und auf sein Bestes hingewiesen fühlte.

Der Mathematiker

Jürgen Neukirch war ein hervorragender Zahlentheoretiker, der unserer Universität in der Welt der Mathematik Glanz und Ansehen gebracht hat. Er beschloß sein Studium der Mathematik 1964 in Bonn mit dem Diplom. Ein Jahr darauf, 1965, war er promoviert und erhielt für seine Dissertation den "Felix-Hausdorff-Gedächtnis-Preis". Wieder nach gut einem Jahr war er habilitiert. Er war 1967 - 1969 als Gastprofessor in Kingston/Ontario (Canada) und in Cambridge/Mass. (USA). Einen Ruf nach Bielefeld lehnte er ab, bevor er 1971 den Ruf auf einen Lehrstuhl für Mathematik in Regensburg annahm. Seither hat er zwei Rufe nach angesehenen Universitäten in Deutschland und zwei ins Ausland abgelehnt und weitere Angebote nicht zur Verhandlung kommen lassen. Er besuchte berühmte Universitäten in England, Brasilien, Frankreich, Spanien, Australien und Japan zu längeren Gastaufenthalten. Sein Ziel war, die Zahlentheorie in Deutschland zu neuer Blüte zu fuhren. Ihr ist sein Hauptwerk "Algebraische Zahlentheorie" (1992) gewidmet, in dem er eine Gesamtdarstellung der Theorie nach moderner Sicht gibt. Die Gesetze der Zahlentheorie werden durch Begriffe der arithmetischen Geometrie erhellt, Begriffe, die aus der Untersuchung räumlicher Phänomene entstanden sind und mit denen sich eine geometrische Vorstellung verbindet. Über der Arbeit am zweiten Band seines Werkes ist er gestorben.

Der Schauspieler

Einem Vortrag von Jürgen Neukirch zuzuhören, war ein Genuß. Auch wer sich mit Mathematik schwer tat, fühlte sich mitgerissen und glaubte einen Moment, in das Paradies der Zahlentheorie sehen zu können. Aus einem Fortbildungsvortrag über die Fermatsche Vermutung entstand das Theaterstück "Die verlorene Wahrheit", eine kummervolle Tragödie in vier Aufzügen und einer Moritat. Das Stück wurde zu einem großen Erfolg, vielfach und vieler Orts aufgeführt. Jürgen Neukirch, in unglaublicher Wandlung, trat auf als Professor Kummer, Dr. Trockendock, als Depp bei einem Bänkelsänger und als Prof. Dr. Müller-Zykel. Es war umwerfend komisch, aber Neukirch zeigte in einer Szene auch Prof. Kummer so tief niedergeschlagen und gebrochen, daß Kinder im Saal zu weinen begannen. Wenige Jahre später gab es ein weiteres Stück: "Die Galois-Gruppe heute, ja oder nein", in dem Wissenschaftler, Politiker und Prominente über einen grundlegenden Begriff der Theorie der algebraischen Gleichungen diskutierten. Unvergessen: Jürgen Neukirch als Oswald Müller-Rudldorff MdB.

Der Musiker

In den siebziger Jahren schuf sich Jürgen Neukirch aus Mathematikern und ihren Freunden und Angehörigen einen gemischten Kammerchor, zu dessen Dirigent und Leiter er sich zugleich ausbildete. Er trat in Freundestreffen mit einem ähnlich zusammengesetzten Erlanger Chor auf und widmete sich mehr und mehr dem Lied-Werk von Brahms, das Jürgen Neukirch verehrte und gefühlvoll interpretierte. Das gab auch dem Chor seinen Namen: Der Brahms-Chor.

Wenige Jahre später gingen aus dem Brahms-Chor die "Logarhythmiker" hervor, fünf Sänger und ein Pianist, Jürgen Neukirch als Bariton, Notenschreiber, Conferencier und Organisator. Sie ließen mit Schlagern der zwanziger Jahre, mit gefühlvollen Liedern die "Comedian Harmonists" wieder aufleben. Es gab öffentliche Auftritte in Eichstätt, Köln und Bonn, in Cham, Weiden, Kulmbach, in München, Saarbrücken, bis hinauf nach Ostfriesland, und zweimal war das Audimax übervoll. Ein Auftritt im Fernsehen kam hinzu, und eine Schallplatte ist geblieben.

Wo Jürgen Neukirch auftrat, erwartete sich jedermann ein Fest: Es gab noch einen Opernabend mit vier Opern und einer Kantate über den Hauptsatz der Infinitesimalrechnung, den letzten großen Auftritt im "Musikalischen Sommernachtsspaß" im Audimax 1994, und es gab viele musikalische Begegnungen in seinem gastlichen Hause, immer wieder mit Überraschungen, mit besonderen Talenten und fremdländischen Auftritten.

Die Modellsammlung

Jürgen Neukirch nahm sich vor, die Ansammlung von Zetteln und Plakaten, von Schmutz und Geschmier im Vorraum des Mathematikgebäudes zu beseitigen und etwas anderes, etwas Schönes und der Mathematik Gemäßes an die Stelle zu setzen. Wie alles, was er unternahm, widmete er sich diesem Ziel mit Hingabe und der ganzen Energie seiner Beredsamkeit. Er gewann alle Handwerker der Universität, er reiste zu Autofirmen, zu Firmen für Lacke und Leim, zu Malern und Vergoldern, und er wurde selber zum Experten für besondere Techniken. Wenn man ihn fragte, wie es ihm gelungen sei, so große Flächen herzustellen, die sich wie eine Seifenhaut in ihren Rand einspannen, und diese zu verfestigen, so gab er gerne Auskunft: Er habe eben Seifenhäute lackiert und farbig angemalt.

Jetzt sieht man Studenten, Kollegen und Gäste vor den Schaukästen stehen und die erklärenden Texte zu den mathematischen Modellen studieren. Andere Fakultäten versuchen etwas Ähnliches.

Die vielen Menschen, die ihm begegnet sind und die ihm geholfen haben, empfinden, daß Jürgen Neukirch ihnen etwas Besonderes gegeben hat, und daß auch sie dazu beitragen konnten.

Th. Bröcker