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Alex Jürgen

Ich wurde am 7. September 1976  in Steyr (OÖ) geboren. Geschlecht – UNEINDEUTIG. Anfangs hielt man mich für einen Jungen und taufte mich auf den Namen Jürgen. Zwei Jahre und viele Untersuchungen später befanden Ärzte, man solle mich als Mädchen aufziehen, da ich mich nie in männliche Richtung entwickeln würde. Meine Chromosomen waren normal männlich aber mit meiner Testosteron – Aufnahmefähigkeit schien etwas nicht zu stimmen.Ich hatte einen zu kleinen Penis und meine Hoden waren in den Leisten verblieben. Danach ließ man meinen Namen auf „Alexi“ ändern, da dieser Name für beiderlei Geschlechter galt. Einen rein weiblichen Namen durfte ich wegen fehlender Vagina, Gebärmutter und Eierstöcke nicht annehmen. Meine Eltern aber nannten mich fortan ALEXANDRA, da sich dieser Name doch sehr weiblich anhörte und er ihnen wohl auch besser gefiel. Mit 6 Jahren amputierte man mir meinen Penis und mit 10 meine Hoden. Dass mit mir etwas nicht ganz stimmte wusste ich eigentlich von klein auf. Es gab mir zu denken auf, warum man ständig mit mir ins Krankenhaus fuhr und man mir andauernd zwischen die Beine schauen wollte. Mama sagte immer, mir sei da etwas falsch angewachsen gewesen und das hätte man entfernen müssen.

Als ich aber mit 12 in einem Selbstversuch herausfand, dass ich keine Scheide hatte, verzweifelte ich völlig und fragte nach langem Zögern meine Mutter und ging kurz danach zu meinem Arzt in die Klinik. Als der mir damals erklärte, was mit mir los sei und dabei noch erwähnte dass ich Hoden hatte, stürzte für mich mein Weltbild zusammen. Hoden gehörten nicht zu einem Mädchen. Irgendwie dachte ich damals ich sei eine Missgeburt. Mit 14 bekam ich weibliche Hormone und  erst dann entwickelte ich mich, wie es sich für ein Mädchen gehört. Brüste fingen an zu sprießen und meine Körperrundungen glichen eher dem eines Mädchens. Davor wurde ich ständig gefragt ob ich ein Junge oder ein Mädchen sei, sogar Verwandte hielten mich öfter für meinen großen Bruder. Insofern war ich damals eher froh, nun eindeutig als Mädchen erkannt zu werden. Ende meines 15. Lebensjahres wurde mir auf eigenen Wunsch hin eine Vagina in mehreren Operationen gemacht da die Ärzte eh immer sagten, dass ich das mal machen sollte um überhaupt mal normal Geschlechtsverkehr haben zu können. Außerdem bildete ich mir ein, dass ich danach ganz „normal“ sein würde. Als sich diese ersehnte „Normalität“ aber nie einstellte, begann ich mich mit Zigaretten zu verbrennen und mir die Arme zu ritzen. Danach flüchtete ich mich in Alkohol und Drogensucht.

Ich absolvierte eine Lehre im Einzelhandel und begann anschließend eine Ausbildung als Pflegehelfer bis ich 1996, mit 19 Jahren an Leukämie erkrankte. Ich lag wochenlang im Koma, hatte Lungenödeme, meine Nieren hörten auf zu arbeiten, eine schwere Sepsis brachte meine Haut dazu, sich abzuschälen und es bestand keine Hoffnung, dass ich das überleben würde. Eine Stammzellentransplantation von meinem Bruder rettete mir das Leben. Als ich wieder vom Koma erwachte, konnte ich weder Sprechen, noch bewegen. Nichteinmal ein Augenzwinkern brachte ich zustande. Ich saß im Rollstuhl und mußte voll verpflegt werden. Erst eine Rahabilitation auf der Katharinenhöhe (Schwarzwald) brachte meinen Lebenswillen und meine Beweglichkeit zurück. 2 weitere sollten folgen. Heute bin ich wieder auf den Beinen, kann sprechen, gehen und ich sehe aus, als währe nie etwas passiert, würden sich nicht langsam die Spätfolgen dieser extremen Therapie bemerkbar machen.  Vielleicht hört sich das jetzt komisch an, aber diese Erkrankung rettete mein Leben. Erst danach wurde mir klar, dass ich anfangen muss, meinen Körper zu akzeptieren so wie er ist und ich begann Freunden von meiner Geschichte zu erzählen. Als ich sah, dass man mich nicht mehr dafür verspottete, sondern mich eher besser verstand mit diesem Wissen über mich, outete ich mich zuerst im Radio (FM4  Doppelzimmer und Jugendzimmer) und danach im Fernsehen (ARD – Abenteuer Wissen und ORF – 25 Das Magazin) Da ich mit der Aufbereitung dieses Themas nicht zufrieden war kam es mir recht als ich mit der FM4 - Moderatorin Elisabeth Scharang das Filmprojekt „Tintenfischalarm“ entwickelte und das Konzept bei der Österreichischen Filmförderung einreichte. Es wurde angenommen und wir begannen mit den Dreharbeiten. Während der Aufnahmen (Beginn 2002 bis 2005) beschäftigte ich mich mit mir selbst wie nie zuvor und nach dem Buch „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides wurde mir bewusst, dass ich nicht länger als Frau leben will und begann meine Transformation zum männlichen Geschlecht. Nicht weil ich ein MANN sein wollte, sondern weil ich keine Frau sein will. Und was bleibt einem da anderes übrig.

2004 ließ ich mir die von Östrogen erzeugten Brüste amputieren und änderte meinen Personenstand auf männlich. Ein neues Leben begann.

2006 lief Tintenfischalarm in den Österreichischen Kinos an und mittlerweile ist er nach Filmfestivals wie San Francisco, Barcelona, Berlinale, Schweiz, Taipe, Hamburg, Vancouver, ... mittlerweile in Österreich und Deutschland im Handel erhältlich. In diesem Jahr fand auch das erste Treffen der ISÖ (INTERSEX ÖSTERREICH) im Raum Salzburg statt, an dem viele liebe Menschen, die ich nach meinem "OUTING" kennenlernen durfte, teilnahmen. Mögen noch viele folgen!

Alex Jürgen


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