Intellektuelle Radikalität: Dritte Konferenz der Property and Freedom Society

27.05.2008, Rahim Taghizadegan (rt)

Gestern ging in Bodrum (Türkei) die dritte der jährlichen Konferenzen der Property and Freedom Society zu Ende. Wie bereits im letzten Jahr ausführlich geschildert, handelt es sich hierbei um eine Versammlung „radikaler“ Denker aus aller Welt, die auf Einladung des deutschstämmigen Professors und bekannten Autors Hans-Hermann Hoppe intellektuellen Austausch pflegen. Hoppe ist als Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Murray N. Rothbard, den er mittlerweile zugunsten seiner Unabhängigkeit aufgegeben hat, einer der führenden Köpfe der Wiener Schule der Ökonomie. Er steht allerdings in der etwas breiteren Tradition des US-„libertarianism“, einer staatskritischen Ideologie, die stark ökonomisch inspiriert ist. So handelt es sich bei erwähnter Konferenz auch nicht im eigentlichen Sinne um eine Konferenz zur Wiener Schule, sondern vielmehr um das Zusammenführen staatskritischer und marktfreundlicher Denker. Deutlich unterscheidet sich die Property and Freedom Society jedoch von üblichen freimarktwirtschaftlichen Anlässen, als hier die geistige Unabhängigkeit hochgehalten wird: das US-Regime ist verpönt, Konzerne werde kritisch beäugt, doch insbesondere gilt der Kampf der „politischen Korrektheit“. Die Abhängigkeit vieler Intellektueller von Staat oder Konzernen korrumpiere diese – bzw. sie werden überhaupt direkt als Werkzeuge der Machtlegitimierung angeheuert. Die „politische Korrektheit“ hingegen sei selbst ein Werkzeug, um den Rahmen des Diskurses einzuschränken. Laut deren Kritiker bei der Konferenz habe diese bereits das Ausmaß einer Gedankenpolizei angenommen, die nach Belieben Karrieren beenden könne und unliebsame Gedanken mit der intellektuellen Verbannung bestrafe.

Wer sind diese „radikalen“ Denker, was wollen sie, was verstehen sie unter Radikalität? „Radikal“ meint zweierlei: erstens an die Wurzel gehend, zweitens die weitgehende Infragestellung des Status-quo. Das gegenwärtige Denken, die heutigen Debatten, die politischen Systeme, die Wirtschaftslage, die dominanten Gruppierungen und Machtverhältnisse – all dies wird von den meisten Angehörigen der Property and Freedom Society einer vernichtenden Kritik ausgesetzt, die manchmal einen pessimistischen bis zynischen Unterton hat. Da die Kritik alleine zu wenig ist, vor jeder Veränderung aber zunächst das Verstehen kommen muß, ist die wesentliche Fragestellung dieser Konferenz und in der Arbeit der beteiligten Intellektuellen: Was sind die Wurzeln der heutigen Malaise?

Hierbei scheinen sich zwei Zugänge herauszukristallisieren: Einerseits die marxsche These, daß das Sein das Bewußtsein bestimme. Diese vorwiegende ökonomische Analyse (in der Tradition des Institutionalismus, der sich auch zum Teil im Zugang der Wiener Schule findet), betrachtet die Entwicklung von Institutionen und die von diesen in Gang gesetzten Anreize. Kurz zusammengefaßt: Macht korrumpiert. Daraus folgt ein sehr institutionenkritischer, teilweise jedoch etwas ahistorischer, allzu theoretischer Zugang, der dem Staat als dominantem Institutionengefüge kritisch bis ablehnend gegenübersteht.

Der zweite Zugang dreht die marxsche These um und postuliert, daß das Bewußtsein das Sein bestimme, genauer: Ideen das Handeln. So seien ursprünglich durchaus funktionelle Institutionen von Ideologien gekapert worden, die diese schamlos zur Machtausweitung benutzt hätten. Daraus folgt ein ideenkritischer Zugang, der oftmals etwas willkürlich versucht, einen historischen Sündenfall zu identifizieren, seitdem das Denken in eine Schieflage geriet.

Hans-Hermann Hoppe fügt diese zwei Thesen zusammen, indem er die Synthese argumentiert, daß das Sein das Bewußtsein benutze und das Bewußtsein das Sein: Der Staat könne sich nicht alleine auf Gewalt und Anreize verlassen, er brauche Legitimität. Diese Legitimität schließlich können ihm nur Ideen verschaffen, darum erzeuge jede Machtstruktur, die an ihrem längerfristigen Bestand interessiert sei eine Nachfrage nach Intellektuellen. „Normalerweise“, und dies wollen wir unter Anführungszeichen verstehen, da es auf die nicht unproblematische Referenz einer „natürlichen Ordnung“ verweist, sei die Nachfrage nach Intellektuellen relativ gering und instabil. Da diese jedoch Ideen produzieren können, die ihre eigene Bedeutung legitimieren, ergebe sich eine verheerende Symbiose zwischen Macht und Ideen. Die dadurch legitimierte Machtausweitung wiederum ermögliche eine noch höhere Nachfrage nach Intellektuellen, ein Teufelskreislauf, bis sowohl das Bewußtsein als auch das Sein vollständig transformiert ist: hin zu einer Herrschaftssymbiose, bei der stets unklar ist, ob die Intellektuellen die Handlanger der Politik oder die Politiker die Handlanger der Intellektuellen sind.

Diese Staats- und Ideenkritik lebte in den USA teilweise als Reaktion auf den New Deal auf und wurde weitgehend als „libertarianism“ ideologisiert, was aus der Außenperspektive bedauerlich erscheint – schließlich haben ideologiekritische Ideologie und antiintellektuelle Intellektuelle etwas Paradoxes an sich. Die Denker, die Prof. Hoppe nach Bodrum einlud, stellen jedoch eine engere Untergruppe dieses ideologischen Lagers dar und gehen zum Teil darüber hinaus. Geeint werden sie durch eine Ablehnung des Mainstreams, ob in Politik, Ökonomie, Geschichte, Medien, Universitäten oder ganz allgemein im Sinne der heute dominanten Einstellungen und Werthaltungen. Das Bedürfnis, völlig ohne Rücksicht auf „Konsequenzen“ für die eigene Karriere offen auszusprechen, was man denkt, ist stark; orientiert sich dadurch aber wohl manchmal wiederum zu stark am dem, was als Mainstream wahrgenommen wird.

Dieses Jahr war allerdings die Themenwahl etwas weniger kontroversiell. Auch wurde deutlicher, daß es nicht um Provokation als Selbstzweck geht. So findet etwa der hysterische Antiislamismus der Neokonservativen, der sich ebenfalls an „politischer Korrektheit“ reibt, weitgehende Ablehnung unter den Konferenzteilnehmern; ganz im Gegenteil stieß man bei vielen Teilnehmern auf beeindruckendes Hintergrundwissen über die islamische Welt, was ja schon der Tagungsort nahe legt. Die Mischung der Teilnehmer, die oft selbst mehrere Nationalitäten vereinen, gab der Veranstaltung ein deutlich kosmopolitisches Flair.

Eine Kurzübersicht möge ein Gefühl dafür vermitteln, mit welchen Fragen sich gegenwartskritische Denker beschriebener Richtung auseinandersetzen:

Yuri Maltsev, einst führender Sowjetökonom, der sich mit einer  atemberaubenden Flucht in den Westen absetzte, lieferte ein schillerndes Portrait des widersprüchlichen Alexander Solshenitzin, eines „reaktionären Utopisten“. Der wie immer brillante (und sehr kontroversielle) Paul Gottfried analysierte erbarmungslos die protestantisch-geprägte „Schuldpolitik“ amerikanischer Provenienz. Anthony Daniels, ein britischer Mediziner, lieferte eine außergewöhnlich eloquente Analyse der „Kultur der Unterschicht“ – aus seiner reichen Erfahrung in Spitälern und Gefängnissen. Kurz: Vergessen Sie alles, was Sie über Drogensucht und „Sozialfälle“ zu wissen glaubten. Peter Brimelov thematisierte die Problematik der Unvereinbarkeit von Wohlfahrtsstaat und offenen Grenzen. John Lott präsentierte die überraschenden Erkenntnisse aus seiner statistischen Arbeit, die populäre Vorurteile über privaten Waffenbesitz Lügen strafen. Er beschrieb die Mechanismen, die dazu führen, daß die Medienberichterstattung über Verbrechen die Wahrnehmung verzerrt. Enrico Colombatto aus Italien analysierte das Phänomen Korruption in ungewohnter Weise und machte deutlich, warum praktisch alles, was Mainstream-Akademiker dazu verfassen, unbrauchbar ist. Dem türkischen Journalisten Mustafa Akyol gelang eine beeindruckende Darstellung und Kritik des kemalistischen Machtapparates. Peter Mentzel, sprachbegabter Experte für orientalische Geschichte, gab einen interessanten Überblick über das Wirtschaftsdenken im osmanischen Reich. Der Brite Sean Gabb beleuchtete die Finanzmärkte der Antike und konzentrierte sich dabei auf Karl Polanyis Irrtümer, die bis heute das Denken dominieren. Die jungen Ökonomen Philip Bagus (Deutschland/Spanien) und Nikolay Gertchev (Bulgarien/Belgien) diskutierten Fragen der Geldpolitik und Thomas Di Lorenzo (USA) kritisierte die „Public Choice“-Theorie. Remigijus Simasius diskutierte anhand der Erfahrungen Litauens Möglichkeiten der Außenpolitik und Verteidigung von Kleinstaaten gegenüber aggressiven Nachbarn. Der Antikriegs-Aktivist Justin Raimondo und Robert Grözinger (Deutschland/Großbritannien) widmeten sich dem von der Mainstream-Presse weitgehend ignorierten US-Präsidentschaftskandidaten „aus dem Internet“ Ron Paul. Den Abschluß der Konferenz machten Hans-Hermann Hoppe und David Gordon: Hoppe präsentierte theoretische Gedanken zur Entstehung des Staates, Gordon stellte die Frage: Ist die Existenz des Staates ein Beweis für Marktversagen, verlor sich jedoch etwas in seinen Ausführungen. Ausführlichere Zusammenfassungen der Vorträge wurden in der Online-Ausgabe des ef-magazin veröffentlicht.

Über 70 Intellektuelle, deren Selbstverständnis es ist, ohne Rücksicht auf Sensibilitäten, Karrieremöglichkeiten im Staatsdienst oder Popularität über die Fragen der Zeit nachzudenken, schufen eine großartige intellektuelle Atmosphäre, aber natürlich auch viele wunde Punkte, wenn man denn einzelne, besonders unkorrekte Themen, Fragen, Einstellungen herausgreifen wollte, um alle Anwesenden damit in „Sippenhaftung“ zu nehmen. Die anwesenden Persönlichkeiten sind überaus unterschiedlich, pflegen jeweils einen eigenen Stil und Zugang; das primär Einende ist Ablehnung des Status-quo und aller intellektuellen Tabus. Während Referenzen zu Marx und Mao, die in Vorträgen anklangen, kaum für Empörung sorgen, heute gar zum guten Ton gehören, vermag anderes – je nach persönlicher Sensibilität – empören: in Bodrum gehörte es zum guten Ton, auch in der hitzigsten Debatte niemals bloß mit Empörung, sondern immer mit besseren Argumenten zu widersprechen.

Hoffnung machten die vielen jungen Teilnehmer, die Dank der Großzügigkeit der Gastgeber Dr. Gülçin Imre und Prof. Hoppe, sowie der Unterstützer der Property and Freedom Society, teilnehmen konnten. Vergleicht man diese jungen Wissenschafter mit Mainstream-Jungakademikern ist die große Diskrepanz unübersehbar: Ungewöhnliche Brillanz und intellektuelle Radikalität im positiven Sinne (d.h. das Argument zählt mehr als jede Autorität, jedes Vorurteil, jede Befindlichkeit oder Modeströmung) zeichneten die Teilnehmer aus, während an den Universitäten heute in den Sozialwissenschaften Einheitsdenken, intellektuelle Einöde, Formalismus und Modejargon die Regel sind.

Einzig die Einengung auf den Bezugspunkt des „libertarianism“ steckte das Feld der Konferenz etwas zu sehr ab; so waren viele Vorträge auch etwas zu einführend gehalten angesichts des Publikums, was wohl an der missionarischen Tendenz ideologischer Bezüge liegt. Doch kann eine gewisse ideologische Einseitigkeit durchaus erkenntnisfördernd sein, weil sie einen Fokus anbietet, um ins Dickicht moderner Illusionen einige Löcher der Erkenntnis zu brennen, die zumindest einen Blick auf die Wirklichkeit erlauben, selbst wenn dieser eingeengt und manchmal irreführend sein sollte. Und die Erkenntnismöglichkeiten, die jene historisch bedingte Kombination fundierter Ökonomie und Staatskritik schuf, sind durchaus beachtlich. Auch wenn das, was man dann sieht, oft unerhört und geradezu empörend erscheint. Nicht alles, was empörend ist, ist wahr. Doch ist die Wahrheit in einem Zeitalter, das sonst keine Tabus mehr kennt, wohl der größte Aufreger, den man sich vorstellen kann.


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