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Band XII (1997)Spalten 1486-1489 Autor: Stefan Samerski

VISCONTI, Antonio Eugenio (1713-1788). - Der aus einer Seitenlinie der Visconti, signori di Brignano, entstammende Antonio Eugenio wurde am 13. Juni 1713 als jüngster Sohn des Annibale und seiner Gemahlin Claudia Erba-Odescalchi in Mailand geboren. Sein Taufpate war kein geringerer als Prinz Eugen von Savoyen, der ihm den sonst in der Familie Visconti ganz ungebräuchlichen Vornamen gab. Überhaupt verfügte die Familie über sehr gute Beziehungen zum österreichischen Kaiserhaus; sein Vater stand seit 1683 in den Diensten Kaiser Leopolds I., kämpfte in Ungarn gegen die Türken sowie in Italien und wurde schließlich Feldmarschall und Kastellan von Mailand. - Schon von Kindheit an war V. für die geistliche Laufbahn bestimmt, studierte Rechtswissenschaft und wurde 1737 in Pavia zum Doktor beider Rechte promoviert. Nachdem er einige Jahre mit großem Erfolg als Jurist in Mailand tätig war, ging er 1740 nach Rom, wo Verwandte hohe Stellungen an der Kurie bekleideten: Giovanni Battista Visconti als Rota-Auditor und Antonio Maria Erba-Odescalchi als Präfekt des Apostolischen Palastes, seit 1759 Kardinal. V.s Laufbahn machte rasche Fortschritte zunächst als Referendarius utriusque Signaturae, 1748 als Ponens der Consulta, Sekretär der Ablaßkongregation, Verwalter des Spitals S. Gallo in Rom und Primicerius der Erzbruderschaften »delli Pellegrini« sowie »del Carmine«. Erst im Dezember 1759 trat er in den Klerikerstand ein und empfing die Bischofsweihe, nachdem er am 28. Januar 1760 zum Titularerzbischof von Ephesus ernannt worden war. Klemens XIII. sandte ihn als Nuntius nach Polen, wo er im November 1760 ein neues Amt antrat. Als ausgezeichneter Redner hielt er auf dem polnischen Volkstag 1766 eine solch eindrucksvolle Ansprache, daß dieser seine Entscheidung gegen die Gleichberechtigung der polnischen Dissidenten, der nichtkatholischen Polen, fällte. Diese Volkstagsentscheidung nahmen dann Friedrich II. von Preußen und die russische Zarin Katharina II. zum Anlaß, um ihren Glaubensgenossen Schutz anzubieten. Diese Erklärung bildete schließlich den Auftakt zum endgültigen Untergang des polnischen Staates. - Sechs Jahre später - 1766 - wurde V. zum Nuntius am Kaiserhof ernannt, konnte dieses Amt aber erst antreten, als sein Nachfolger in Warschau eingetroffen war, so daß er Wien erst Ende August 1767 erreichte. Am Kaiserhof fand V. sich zu Konzessionen bereit, indem er dem Staat Befugnisse einräumte, die bis dahin von seiten der Kirche ausgeübt wurden. Ebenso erkannte er eklatante kirchliche Mißstände an und war mit ihrer Beseitigung durch den Staat einverstanden: die Überzahl der kirchlichen Feiertage, die Auflösung von kleinsten, kaum lebensfähigen Konventen etc. Auch bei der schwierigen Frage der Neuregelung der Ordensgelübde - Maria Theresia hatte das Profeßalter auf 24 Jahre heraufgesetzt - vertrat V. keineswegs vorbehaltlos den päpstlichen Standpunkt, sondern trat mit aller Vorsicht für die Heraufsetzung des Profeßalters ein. Dennoch läßt sich V. kaum in die Form des aufgeklärten Kirchenfürsten pressen, wenn er auch für die Beseitigung zahlreicher Mißstände Verständnis und Einsatzbereitschaft zeigte. - Am 17. Juni 1771 erhob ihn Klemens XIV. zum Kardinal in pectore; seine Ernennung wurde erst am 19. April 1773 publiziert, wohl aus Rücksicht auf seinen Wiener Posten. Das rote Birett erhielt er mit Päpstlichem Breve am 24. April. Die Ankunft seines Nachfolgers in Wien, Giuseppe Garampi, verzögerte sich aber derart, daß V. nicht unmittelbar auf seine Kardinalsernennung, sondern erst nach dem Tod des Papstes im Oktober 1774 nach Rom zurückkehrte, um am Konklave teilzunehmen. - Kaiser Joseph II. und Maria Theresia, die V. die größte Wertschätzung entgegenbrachten, hätten ihn gerne auf dem Papstthron gesehen und ließen daher diesen Wunsch durch den Sondergesandten Fürst Corsini im Konklave zum Ausdruck bringen. Zwischen dem weitgereisten und weltoffenen Diplomaten, der auch in nichtkatholischen Kreise Umgang pflegte, und den rein auf die Kurialpolitik fixierten Prälaten bestanden Gegensätze, die schließlich zu seinem Mißerfolg bei der Papstwahl führten. Offenbar schien V. auch den »zelanti« unter den Kardinälen - vielleicht wegen seiner jansenistischen Neigungen - als verdächtig, so daß er schließlich nicht genügend Stimmen erhielt. Bis zu seinem Tod blieb er in Rom, wo er verschiedene Würden bekleidete, aber kirchenpolitisch ohne Bedeutung war: 1780-1781 war er Camerarius Sacri Collegii, später Protektor der Mailänder Nationalkirche SS. Ambrogio e Carlo al Corso, Präfekt der »economia« der Propaganda Fide und Sekretär der Riten- und Ablaßkongregation. - Für den am 4. März 1788 in Rom ohne große Reichtümer Verstorbenen wurden die feierlichen Exequien in der lombardischen Nationalkirche abgehalten, an denen auch Goethe teilnahm und auf diese Weise dem Kardinal in seiner Italienischen Reise ein literarisches Andenken schuf. Beerdigt wurde er in seiner Titelkirche S. Croce in Gerusalemme. Moroni erwähnt ein Grabmal, mit mehrfarbigem Marmor und Familienwappen geschmückt, das heute nicht mehr erhalten ist. - Es ist nicht einfach, der Persönlichkeit V.s gerecht zu werden. Er lebte in einer Zeit des Umbruchs, des Ringens neuer Ideen mit überkommenen Vorstellungen. Oft fand er sich in einem inneren Konflikt zwischen dem, was er als die Erfordernisse der Zeit erkannte, und den Pflichten, die ihm seine Stellung als Kirchenfürst und päpstlicher Gesandter abverlangte. Seine diplomatischen Missionen im Dienst des Papstes wurden dadurch besonders erschwert, daß selbst die katholischen Mächte seinen Dienstherren nur noch als religiös-kirchliches Oberhaupt mit Entscheidungsgewalt in Glaubensfragen anerkennen wollten, ihm also die Berechtigung zur Ausübung von weltlicher Gewalt absprachen. Stets zeigte er sich hier als pflichtgetreuer Verteidiger der Kirche und ihrer Rechte. Der Begriff »katholische Aufklärung«, der sich in der modernen Forschung immer mehr durchgesetzt hat, kennzeichnet seine Geisteshaltung wohl am ehesten. So waren seine Bemühungen um eine Wiedervereinigung der Utrechter Kirche mit Rom und seine Gewissensbedenken gegen die Ablegung des Kardinalseides in der vorgeschriebenen Form doch eher Ergebnisse selbständigen Denkens als Zeichen antipäpstlicher Opposition und Ungehorsams sowie einer unchristlichen Gesinnung. Seine Abneigung gegenüber den Jesuiten gehörte hingegen mehr zum guten Ton der vornehmen Gesellschaft, als daß es ihm eine Prinzipienfrage und Überzeugungssache gewesen wäre. Auch sein freundschaftlicher Umgang mit angeblichen und tatsächlichen Jansenisten weist auf eine großzügige und selbständige Geisteshaltung hin.

Werke: Antonii Eugenii vicecomitis archiepisc. Ephesini S. Sedis legati ad... Poloniae regem Stanislaum Augustum... Oratio habita Varsaviae pridie idus novembris anno MDCCLXVI (o.O., 1766). Teile der Polennuntiatur: A. Theiner, Vetera Monumenta Poloniae et Lithuaniae, Bd. VI/2 (Romae 1864), 20-37, 43-46, 80-84, 91-104, 122-129; G. Winner, Das Wiener Tagebuch des Nuntius Antonio Eugenio Visconti 1767-1774, 1. Teil: Von der Ankunft in Wien bis zum feierlichen Einzug (Ungedrucktes Manuskript, Wien 1956). Wiener Nuntiatur: I. Lindeck-Pozza, Der Schriftverkehr zwischen dem päpstlichen Staatssekretariat und dem Nuntius am Kaiserhof Antonio Eugenio Visconti, 1767-1774 (Wien-Köln-Graz 1970).

Lit.: J.W. v. Goethe, Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche, Bd. 11 (Zürich 1950), 580 (7. März 1788); - J. Bartoszewicz, V., in: Encyklopedyja Powszechna, Bd. 26 (Warszawa 1867), 232-234; - G. Moroni, Dizionario di erudizione storico-ecclesiastica 101 (1860), 72-74; - L. von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, Bd. 16, 1. Abtlg.: Benedikt XIV. und Klemens XIII. (1740-1769) (Freiburg/Br. 1931), 486, 490, 492, 494-497, 503, 505, 899, 902, 905, 933, 938, 1006; 2. Abtlg.: Klemens XIV. (1769-1774) (Freiburg/Br. 1932), 16, 19, 182, 190, 250, 282, 291, 294, 301, 318, 324, 341; 3. Abtlg.: Pius VI. (1775-1799)(Freiburg/Br. 1933), 7, 12 f, 15, 17, 20; - R. Przezdziecki, Diplomatie et protocole à la Cour de Pologne, Bd. 1 (Paris 1934), 79-85; - W. Meysztowicz, De Archivio Nuntiaturae Varsaviensis (=Studja teologiczne 12)(Città del Vaticano 1944), 6-9, 12-17, 19, 28, 30, 42, 47, 50, 53 f, 56, 58, 60, 67; - Hierarchia Catholica medii et recentiores aevi, Bd. 6: 1730-1799 (Passau 1958), 27, 209; - W. Wagner, Die Bestände des Archivio della Nunziatura di Vienna bis 1792, in: Röm. Hist. Mitteilg. 2 (1958), 85, 88, 133-134; - F. Dörrer, Der Schriftverkehr zwischen dem päpstlichen Staatssekretariat und der Apostolischen Nuntiatur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Röm. Hist. Mitteilg. 4 (1960/61), 63-246; A. Ellemunter, Antonio Eugenio Visconti und die Anfänge des Josephinismus (Graz-Köln 1963); - A. Strnad, V., in: LThK2 10, 810; - I. Lindeck-Pozza, Der Schriftverkehr zwischen dem päpstlichen Staatssekretariat und dem Nuntius am Kaiserhof Antonio Eugenio Visconti, 1767-1774 (Wien-Köln-Graz 1970), XII-XIX.

Stefan Samerski

Letzte Änderung: 26.11.1999