Am Montag, 17. März, weilte Rachid Mekhloufi, algerische Fussballlegende der 50er und 60er Jahre, zu einem kurzen Besuch am Sitz der FIFA in Zürich, wo er von FIFA-Präsident Joseph S. Blatter zu einem Gespräch empfangen wurde.

Der Ausnahmefussballer, der sich in seiner Karriere als Vollstrecker ebenso hervortat wie als Vorbereiter, und der seine größten Erfolge mit AS Saint-Etienne feierte, gehörte einst zur Mannschaft der algerischen FLN, die seinerzeit über den Fussball einen wesentlichen Beitrag zur Unabhängigkeit Algeriens leistete. Jenes Team feiert am 12. April 2008 den 50. Jahrestag seiner Gründung.

FIFA.com traf den Mann mit der fesselnden Ausstrahlung und sprach mit ihm über sein Engagement für die FLN, seine aktive Zeit in Algier und über die FIFA WM 1982, die er als Mitglied des Trainerstabes erlebte.

Rachid Mekhloufi, nennen Sie uns bitte den Grund Ihres Besuches bei der FIFA.
Ich bin anlässlich der 50. Wiederkehr der Gründung der FLN-Mannschaft, den wir am 12. April in Algier begehen werden, zur FIFA gekommen. Dazu haben wir vor einem Jahr eine Stiftung für ehemalige Mitglieder der FLN-Mannschaft ins Leben gerufen, die sich um die organisatorische Absicherung der bevorstehenden Feierlichkeiten kümmert. Ich hatte die Absicht, auch FIFA-Präsident Blatter einzuladen, doch leider lässt sein prall gefüllter Terminkalender eine Reise nach Algerien zu diesem Zeitpunkt nicht zu. Dennoch fühle ich mich sehr geehrt, dass er mich zu einem persönlichen Gespräch empfangen hat.

Was genau war die FLN-Mannschaft?
Von 1954 bis 1958 befand sich Algerien im bewaffneten Kampf um die nationale Unabhängigkeit. Im Jahr 1958 beschloss die "Front de Libération national" [Anmerk. d. Red.: FLN], der politische Arm der algerischen Unabhängigkeitsbewegung, die zehn bekanntesten algerischen Fussballprofis, die damals in Frankreich spielten, nach Algerien zurückzuholen. Das Ziel dieser Aktion bestand darin, das französische Volk wachzurütteln, da nur die wenigsten Franzosen wussten, was in Algerien tatsächlich geschah. Es war ein gelungener Geniestreich in der Kommunikationspolitik der FLN. Plötzlich fragten sich die Franzosen, warum und wohin die zehn bekannten Spieler verschwunden waren. Mit jenem "Exodus" hatten wir dem französischen Volk zu verstehen gegeben, dass in Algerien Krieg herrschte, und dass wir in erster Linie Algerier waren, die auf diese Weise die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich ziehen wollten.

Und haben Sie als Mannschaft auch weltweit gespielt?
Wir haben uns für ein oder zwei Monate auf eine internationale Tournee begeben und dabei zahlreiche Spiele bestritten. Zunächst waren wir in Osteuropa und im arabischen Raum, danach in Asien, wo wir unter anderem in China und Vietnam gespielt haben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir in Vietnam auf Ho Chi Minh trafen, der uns dann zu einem Frühstück einlud, das um sieben Uhr früh stattfand! Insgesamt haben wir damals an die einhundert Partien ausgetragen.

Welches Spiel hat Sie am meisten beeindruckt?
Einen ganz besonderen Platz in meinen Erinnerungen nimmt die Partie in Belgrad ein. Es war in der Ära von Tito und wir traten gegen die jugoslawische Nationalmannschaft an. Allerdings fand unsere Begegnung zeitlich nach der Partie einer jugoslawischen Auswahl gegen ein brasilianisches Auswahlteam statt, die natürlich für ein randvolles Stadion gesorgt hatte. Wir dagegen mussten fast vor leeren Rängen beginnen, da die meisten Zuschauer schon in der Anfangsphase das Stadion wieder verlassen hatten. Doch dann haben wir wie entfesselt aufgespielt und den Gastgebern sechs Tore "eingeschenkt". Und plötzlich hatte sich das auch herumgesprochen, so dass die Leute schon bald in Scharen auf ihre Plätze zurückeilten! Das war ein großartiges Erlebnis.

Wie und wodurch waren Sie zunächst nach Frankreich gekommen?
Damals gab es natürlich noch keine Spielervermittler. Doch ich kannte in meiner Kleinstadt einen Journalisten, der seinem in Saint-Etienne lebenden Bruder über mich schrieb und mich als seine "Entdeckung" pries. Dieser Bruder brachte meinen Namen bei AS Saint-Etienne ins Spiel, woraufhin mir der Verein ein Flugticket schickte. Und ab dem 4. August 1954 war ich dann bei den "Grünen" in Saint-Etienne!

Sie waren ein äußerst vielseitiger Spieler. Haben Sie die Tore lieber selbst geschossen oder wollten Sie eher welche vorbereiten?
Meine Karriere bestand aus zwei Phasen. Die erste lag vor meiner Zeit mit der FLN-Mannschaft, die zweite danach. Von 1954 bis 1958 war ich ein waschechter Torjäger. Ich wollte so oft wie möglich angespielt werden und ich schoss in der Tat viele Tore. Ab 1962, nach meiner Rückkehr zu AS Saint-Etienne, habe ich die Rolle eines "Regisseurs", also die des klassischen Spielmachers, übernommen. In jener Phase machte mir Robert Herbin, mit dem ich damals in einer Mannschaft spielte, ein schönes Kompliment, das mir noch heute in den Ohren klingt. Er sagte: "Aus einer Vorlage von Rachid würde selbst der Stadionwärter noch ein Tor machen!"

Nach Ihrer erfolgreichen Karriere als Spieler haben Sie die algerische Nationalmannschaft als Trainer betreut. Wie kam es dazu?
Ich hatte Algeriens Nationalmannschaft im Jahr 1975 übernommen und sofort damit begonnen, meine Freunde aus dem FLN-Team an wichtigen Punkten des algerischen Fussballs zu platzieren, um so eine schlagkräftige Mannschaft aufbauen zu können. In der Folge gewannen wir mit einem Team, dessen Spieler sämtlich noch unbekannt waren, sogar das Fussballturnier im Rahmen der Mittelmeer-Spiele. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass uns die Presse heftig attackierte, als wir den Spielerkader für jenes Turnier bekannt gaben! Im Jahr 1982 bin ich dann erneut für unsere Nationalmannschaft tätig geworden. Ich hatte es mit einem Team aus talentierten Spielern zu tun, das nach dem historischen Triumph gegen Deutschland leider nicht wieder in die Erfolgsspur zurück finden konnte.