Denkmal-Streit

Sinti, Roma oder Zigeuner?

Von Eberhard Jäckel

Die Zeit vergeht: 1999 wurde dieses Schild aufgestellt

Die Zeit vergeht: 1999 wurde dieses Schild aufgestellt

07. Februar 2005 Während das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin seiner Vollendung entgegengeht, so daß es im Mai eröffnet werden kann, steht das gleichfalls seit vielen Jahren beschlossene Denkmal für die Zigeuner noch immer in weiter Ferne.

Das Geld ist da (zwei Millionen Euro vom Bund), auch das Grundstück am Simsonweg im Tiergarten (vom Land Berlin) und sogar ein Entwurf (von Dani Karavan). Der Grund des Stillstands ist ein Streit um die Inschrift. Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, besteht darauf, daß das Denkmal unter Verwendung eines Zitats aus einer Rede des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog den Sinti und Roma gewidmet sein soll, während Natascha Winter, die Vorsitzende der Sinti Allianz, die Bezeichnung Zigeuner verlangt.

Kürzlich haben sich die kulturpolitischen Sprecher aller Fraktionen im Deutschen Bundestag (SPD, CDU/CSU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen) in bemerkenswerter Einmütigkeit dieser Auffassung angeschlossen und eine Inschrift vorgeschlagen, in der die Opfer als diejenigen bezeichnet werden, die als Zigeuner in Deutschland und Europa verfolgt und ermordet wurden. Christina Weiss, die zuständige Kulturstaatsministerin, hat diesen Vorschlag aufgegriffen und Romani Rose zu einem Gespräch darüber eingeladen. Doch Rose hat verlauten lassen, er fordere nach wie vor die Bezeichnung Sinti und Roma.

Bezeichnung Zigeuner nicht abwertend

Diese Bezeichnung hat sich zwar im deutschen Sprachgebrauch weithin durchgesetzt. Aber sie ist in vielfacher Hinsicht unsinnig und vor allem, was das Denkmal angeht, anachronistisch. In ihrer fünfhundertjährigen Geschichte und auch in der NS-Zeit, auf die es hier ankommt, wurden die Zigeuner niemals und von niemandem Sinti und Roma genannt. Die traditionelle Bezeichnung entstand im vierzehnten Jahrhundert in Griechenland (atsinganoi: Unberührbare) und wurde von dort in andere Sprachen übernommen (deutsch Zigeuner, französisch tsiganes, italienisch zingari und so weiter). Anderswo wurden die Zigeuner für Ägypter gehalten (daher englisch gypsies, spanisch gitanos). Die neue Bezeichnung wurde erst von dem 1982 gegründeten Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geprägt.

Die Begründung, das Wort Zigeuner sei abwertend, kann nicht überzeugen. Gewiß war es von den Gegnern (wie auch das Wort Jude von den Antisemiten) abwertend gemeint. Aber das ist kein Grund, es nicht mehr zu verwenden. Zumal auf einem Denkmal, das an die Verfolgung in der NS-Zeit erinnert, kann doch eigentlich der damals allein übliche Name nicht nachträglich abgeändert werden.

Viele Gruppen ausgeschlossen

Überdies ist die Bezeichnung Sinti und Roma diskriminierend, weil sie viele Zigeunergruppen ausschließt. Die Sinti sind zwar die größte Gruppe im deutschen Sprachraum, aber nicht die einzige; es gab und gibt hier auch andere Gruppen (die Lalleri, Litautikker und so weiter), und sie gehören ebenso zu den Verfolgten. Der Zusatz Roma macht die Sache nicht besser. Roma (Menschen) ist die gängigste Eigenbezeichnung der Zigeuner.

Insofern dieses Wort alle Zigeuner meint, ist die Bezeichnung Sinti und Roma unlogisch, da sie zuerst eine Teilgruppe und danach die Gesamtheit nennt (so als spräche man von Katholiken und Christen oder von Bayern und Deutschen). Wenn nach einer anderen Auffassung mit Roma die ost- und südosteuropäischen Zigeuner gemeint sein sollen, werden wiederum andere Zigeuner ausgeschlossen wie etwa die Manusch im französischsprachigen Raum, die auch verfolgt wurden, oder die Kale auf der Iberischen Halbinsel.

Auf vielen Grabsteinen ist von Zigeunern die Rede

Ferner ist zu berücksichtigen, daß die Bezeichnung Sinti und Roma von vielen, wenn nicht den meisten Zigeunern abgelehnt wird. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg ist zwar die bekannteste und erfolgreichste Vertretung der Zigeuner in Deutschland, aber keineswegs die einzige. Daneben gibt es eine weitere Dachorganisation, die Sinti Allianz in Köln, die ihrem Namen nach nur die Sinti vertritt, aber beansprucht, die Mehrheit der Zigeuner in Deutschland hinter sich zu haben. Da einer altverwurzelten Scheu folgend weder der Zentralrat noch die Allianz Mitgliederlisten führen (beide sind eingetragene Vereine mit der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestzahl von Mitgliedern), ist ein Vergleich ihrer Stärke unmöglich. Jedenfalls ist der Zentralrat nicht legitimiert, für alle Zigeuner in Deutschland zu sprechen.

Die Sinti Allianz fordert seit langem immer wieder die alte Bezeichnung; sie empfindet sie nicht als abwertend, sondern besteht auf dem herkömmlichen Namen nicht zuletzt deswegen, weil die Zigeuner unter ihm verfolgt wurden. Wer sich übrigens auf Friedhöfen umsieht, findet dort häufig Grabsteine, auf denen die Zigeuner sich auch jetzt noch selbst als Zigeuner bezeichnen.

Sinti und Roma nur in Deutschland verwendet

Schließlich wird die Bezeichnung Sinti und Roma nur in Deutschland verwendet. In allen anderen Sprachen werden die Zigeuner nach wie vor mit ihrem herkömmlichen Namen bezeichnet. Ausländische Besucher des Berliner Denkmals würden daher oft Mühe haben, überhaupt zu verstehen, wem es gewidmet ist. Die Bundesrepublik Deutschland, die das Denkmal errichtet, hätte allen Anlaß, von dem hierzulande eingeschlagenen Sonderweg zum internationalen Standard zurückzukehren.

Die kulturpolitischen Sprecher des Bundestages und die Kulturstaatsministerin verlangen dies nicht einmal. Wer mag, kann die Zigeuner weiterhin Sinti und Roma nennen. Nur auf dem Denkmal sollen die Opfer, was nun wahrlich unbestreitbar ist, als diejenigen bezeichnet werden, die als Zigeuner verfolgt und ermordet wurden. Das ist ein Kompromiß, der der historischen Genauigkeit zwar immer noch nicht ganz entspricht, aber Romani Roses Hartnäckigkeit weit entgegenkommt. Eines ist mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten: Wenn er nicht endlich nachgibt, wird es dieses Denkmal in Berlin noch lange nicht geben.

Der Verfasser lehrt Geschichte an der Universität Stuttgart.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2005, Nr. 31 / Seite 31
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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