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22.07.2009 
Lexikon

Brockhaus beerdigt seine Enzyklopädie

von Marc Neller

Brockhaus hat den Kampf gegen das Internet verloren. Die Enzyklopädie, das Gedächtnis des Weltwissens made in Mannheim, ist tot. Auf der heutigen Hauptversammlung herrscht aber keine Beerdigungsstimmung. Die Mitarbeiter nehmen es gefasst oder sogar erleichtert hin.

Brockhaus-Attrappen (Foto: dpa)Lupe

Brockhaus-Attrappen (Foto: dpa)

MANNHEIM. Neulen gleitet mit seinem Wagen noch einmal durch diese Gegend, ohne Hast, begleitet von einer kleinen Prozession präziser Erinnerungen. Er versetzt sich zurück in eine Zeit, als dieser Tod undenkbar war. Inzwischen erscheint er auch ihm unvermeidlich.

Neulen parkt vor einer Brauerei-Gaststube, wenig später sitzt er in einer Ecke, Peter Neulen, ein Mann Mitte 50 mit hoher Stirn, umgeben von Backstein, schweren Holzbalken und schmiedeeisernen Gittern, über den Tischen hängen wattschwache Lampen, und Neulen soll erklären, warum alles Pathos und alle Empörung aufgebraucht sind, noch bevor die Tote beerdigt ist. Er überlegt, er sagt: „Man muss die Realitäten stets anerkennen.“

Die Tote ist eine alte Liebe. Eine Idee, die sein Leben geprägt hat. Die Idee, dass sich nach einer tradierten Formel eine Essenz des Weltwissens gewinnen ließe und das Interesse an dieser Essenz unvergänglich sei. Und dass die beste aller Essenzen in Form dicker Buchbände erhältlich ist und seit jeher in Mannheim und Leipzig hergestellt wird, von Menschen wie ihm, von Neulen, dem Fachredakteur. Von Brockhaus.

Brockhaus, Enzyklopädie, die (weibl.): bis zu 30 Bände, bis zu 25000 Seiten, 70 Kilo Wissen, gesammelt, katalogisiert und sorgsam ausgewählt und schließlich gereicht mit Goldschnitt und Ledereinband. Das Gedächtnis der Wissensgesellschaft. Über 200 Jahre lang, bis jetzt.

Das Bibliographische Institut & F.A. Brockhaus AG, kurz Bifab, in Mannheim hat die Marke Brockhaus Anfang des Jahres an Bertelsmann verkauft, seinen ärgsten Konkurrenten. Wenn das Bifab am heutigen Mittwoch auf seiner Hauptversammlung offiziell den Brockhaus aus dem Firmennamen tilgt und sich in „Bibliographisches Institut AG“ umbenennt, dann ist es, als hätte es Brockhaus in Mannheim nie gegeben. Der Tod ist dann offiziell festgestellt.

Der Verkauf ist das Eingeständnis, dass das Bifab die Patientin Brockhaus nicht mehr retten konnte, dass ein langes Siechtum endet: eine Folge des Internet-Virus, mit dem die Patientin sich vor einiger Zeit infiziert hatte. Brockhaus hat den Kampf gegen die Online-Nachschlagewerke wie Wikipedia verloren und damit den Rang als Autorität gedruckten lexikalischen Wissens.

Brockhaus muss neue Wege gehen. Quelle: dpaLupe

Brockhaus muss neue Wege gehen. Quelle: dpa

Die Bertelsmann-Tochter Wissen Media GmbH will das Mannheimer Wissen künftig nutzen, so viel steht fest. Ob sie eine gedruckte Enzyklopädie herausbringen wird in der Form und mit dem Umfang wie bisher, ist noch nicht entschieden.

Mehr als 93 Prozent der Deutschen kennen den Brockhaus, so bekannt ist vielleicht noch Franz Beckenbauer. Diese Marke ist tot, und die Angehörigen begehen eine der geräuschlosesten Trauerfeiern, die das Land in solchen Fällen erlebt hat. Keine Demonstrationen, keine Streiks.

In Leipzig haben mehr als 50 Redakteure und Verlagsmitarbeiter ihre Büros geräumt. Und in einem Glasquader in einem Gewerbegebiet in Mannheim, Dudenstraße 6, dem Sitz des Bibliografischen Instituts, bemühen sich die Verantwortlichen, dem Verkauf jede historische Dimension zu nehmen und ihn auf das sachliche Format betriebswirtschaftlichen Kalküls zu reduzieren. Brockhaus habe nicht die nötige Kompetenz der Bertelsmann-Tochter Wissen Media im Direktvertrieb. Es sei unmöglich gewesen, diese schnell genug zu erlangen.

Und Peter Neulen, der eine Reihe Lexika und die Brockhaus-Enzyklopädie als Fachredakteur und Projektleiter betreut hat, sagt noch einmal: „Man muss die Realitäten anerkennen.“ Das Bibliographische Institut gebe ein Geschäft auf, das dem Verlag in den vergangenen Jahren nur noch Verluste eingetragen habe, er wolle sich jetzt auf rentablere Geschäftsbereiche wie den Duden und Kalender konzentrieren.

Neulen spricht, wie ein Controller sprechen würde. Das ist bemerkenswert, denn Neulen ist seit 25 Jahren in diesem Unternehmen, er ist stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats. Und Brockhaus war nicht irgendeine Unternehmung, bei Brockhaus zu arbeiten war eine Haltung. Neulen nennt es „eine mentale Vorprägung: das gemeinsame Gefühl, dass wir die Objektivität schlechthin zu erreichen versuchen – auch wenn es die natürlich nicht gibt“.

Peter Neulen, geboren 1954, der Vater war Landwirt. Das Denken der Überflussgesellschaft, sagt er, sei ihm fremd. Er schätzt Augenmaß und Beständigkeit. Er war mit seiner Juristenausbildung noch nicht ganz fertig, als er im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels ein Stellengesuch aufgab. Beim Bewerbungsgespräch sagte sein künftiger Chef: „Entweder Sie gehen schnell wieder, oder Sie werden lange bleiben.“

Leicht in der Hand liegt der Brockhaus nicht, aber schön anzuschauen ist er. Quelle: dpaLupe

Leicht in der Hand liegt der Brockhaus nicht, aber schön anzuschauen ist er. Quelle: dpa

Sorgfalt, Objektivität, Distanz, vor allem gegenüber dem flüchtigen Zeitgeist. Das war das Versprechen, das mit dem Namen Brockhaus verbunden war. Jede Information wurde geprüft, jeder Text bis zu 16-mal gelesen, bevor er in den Druck ging. So wurde Brockhaus zur Festung des gesicherten Wissens im deutschsprachigen Raum.

Neulen strukturiert seine Gedanken wie Lexikonartikel. Subjekt, Prädikat, Objekt; Hauptsatz, Nebensatz, keine Schnörkel. Mozarts Musik berührt ihn, im Moment vor allem die Opern. Zehn Zeilen über Mozart, sagt Neulen, das ganz Wesentliche in solch einem Leben und Wirken zu erfassen, das sei „eine sehr befriedigende Arbeit“. Klare, nachvollziehbare, belegbare Fakten. Interpretation durch klare, belegbare Fakten.

Der Anfang vom Ende war die 21. Auflage des Brockhaus vor drei Jahren. Mit ihr hatte der Verlag noch einmal alles versucht und angedeutet, dass er eine verpasste Entwicklung aufholen könnte, dass er in der Lage ist, Bildungswissen und Multimedia sinnvoll miteinander zu verbinden – sie wurde mit USB-Stick und DVDs ausgeliefert, die Ton- und Bilddateien enthielten. Man sprach vom besten Brockhaus aller Zeiten. Doch die Prachtausgabe fand zu wenige Käufer, sie wurde ein Verlustgeschäft.

Im Februar vergangenen Jahres zog das Bifab die Konsequenzen und kündigte an, die Enzyklopädie künftig nur noch im Internet erscheinen zu lassen. Eine Revolution in dem traditionsbewussten Haus. Aber letztlich nur ein Gedankenspiel. Denn nach der Ankündigung schnellten die Verkaufszahlen für die Printausgabe hoch, die Onlinepläne wurden wieder verworfen. Im vertraulichen Gespräch sagen Mitarbeiter, dass darin das eigentliche Problem liege: dass ihr Verlag nie eine konsequente Strategie entwickelt habe, wie auf die Konkurrenz im Internet zu reagieren sei.

In Wien geht zu einem vereinbarten Zeitpunkt Otmar Seemann an sein Telefon. Seemann, Otmar, Zahnarzt aus dem neunten Bezirk – in dem Sigmund Freud früher gewohnt hat – und bedeutendster Lexikonsammler Europas a.D.

Seemann verbrachte seine Urlaube nur an Orten, in denen es Antiquariate gab. Am Ende besaß er den Brockhaus von 1809 und alle folgenden Auflagen. Alle Meyers. Alle Herders. Alle Bertelsmanns. 12000 Bände.

Seemann gehört der aussterbenden Spezies des Privatgelehrten an, Spezialgebiet: Sachlexikographie. Er hat große deutschsprachige Lexika erforscht, begleitende Einführungen verfasst. Auf ihn geht eine Bibliografie der enzyklopädischen Literatur von den Anfängen im 16. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert zurück, ein Standardwerk.

Er wollte wissen, wer bei wem abschrieb. Wie sich der Stil der Lexika veränderte – vom Plauderton des 19. Jahrhunderts zur Sachlichkeit des 20. Jahrhunderts. Er stand um drei oder vier Uhr morgens auf, bevor er ab neun Gebisse behandelte, und genoss das Gefühl, ungehinderten Zugang zu Wissen zu haben, auch zu solchen Quellen, auf die kaum jemand sonst Zugriff hatte.

Gegen ein persönliches Interview hat er sich nach einigem Überlegen gesperrt. Was er zum Thema Brockhaus heute noch zu sagen habe, sei in wenigen Minuten gesagt. Die typische Wiener Sprachmelodie nimmt seinen Sätzen nichts von ihrer Schärfe.

Ob er bedaure, dass es die Brockhaus-Enzyklopädie künftig nicht mehr geben werde? „Nein, keineswegs.“

Obwohl ein Symbol des Bildungswillens, des Bildungsbürgertums verschwindet? „Eben drum. Es ist ein Segen, dass man all die Information, die man früher nur im Brockhaus bekam, jetzt im Internet erhalten kann. Kostenlos. Das ist demokratisch.“

Fürchten Sie nicht, dass unabhängige Information rarer wird? Dass Internet-Lexika ihre Artikel weniger sorgfältig prüfen? „Ich erinnere Sie daran, dass auch gedruckten Lexika große Peinlichkeiten unterlaufen sind. Denken Sie nur an den Knaur von 1950. Die zweite Auflage vermeldete den Tod des damaligen österreichischen Bundespräsidenten. Dass der Eintrag nicht völlig unsinnig war, lag nur daran, dass der arme Mann noch rechtzeitig vor Ablauf des Erscheinungsjahres gestorben ist.“

Ist das vergleichbar? „Oh ja.“

2001 hat Seemann seine Sammlung verkauft, an einen schwedischen Investor. Ob er es bereut? Die Frage pariert er mit einer wolkigen Antwort. Er sagt, es sei an der Zeit gewesen. Irgendwann habe er halt nichts Neues mehr erfahren. Es müsse immer Veränderung geben, Weiterentwicklung.

Neulen sagt, es habe sich viel verändert. Die Zeit. Das Unternehmen, für das er arbeitet. Es hat sich gewandelt, weil die Gesellschaft, in der es existiert, sich gewandelt hat. Sie hat sich individualisiert und mit ihr das Wissen. Der verbindliche Kanon des Wissens, den es früher gegeben haben mag, hat sich aufgelöst.

Dagegen allein hätte Neulen nichts einzuwenden. Was ihn stört, ist die „Übergewichtung des Gefühls“, die mit dem Wandel einhergeht. Die Menschen würden immer rationaler, heiße es, aber warum werde zum Beispiel ein Politiker gewählt? „Aufgrund rationaler Argumente, weil die Menschen seine Politik beurteilen können und sie honorieren oder aufgrund eines bloßen Eindrucks, den er macht?“ Neulens Tonfall verrät, dass die Frage keine Frage ist.

Diejenige Brockhaus-Leistung, die Neulen noch heute am meisten imponiert, war vor seiner Zeit. In den 20er-Jahren und in der Nazi-Zeit „waren andere immer viel näher an der opportunen politischen Meinung. Brockhaus hat immer die Distanz gewahrt.“ Das sei keine Frage der Mode gewesen, sondern eine Haltung, die dazu geführt habe, dass Brockhaus nach dem Krieg unbelastet weitermachen konnte.

Zu wenige junge Leute setzen auf den gedruckten Brockhaus. Quelle: apLupe

Zu wenige junge Leute setzen auf den gedruckten Brockhaus. Quelle: ap

Spät an diesem Abend, spät in diesem Gespräch, zu spät für Brockhaus in Mannheim, merkt man Neulen an, dass er trauert.

Er spricht über Haltung, über die Schönheit klarer Sprache. Er erzählt, dass er Zeitungsartikel aufhebt, weil er sich für treffende, geschliffene Formulierungen begeistern kann. Dass er sich der geschriebenen und auf Papier gedruckten Sprache verpflichtet fühlt. „Das“, sagt Neulen, „ist bedroht.“ Im Internet müssen die Anbieter von Information die Ersten sein. Ein Buch hat mehr Zeit. Moden kommen, Moden vergehen und mit ihnen Informationen, die eben noch als wichtig galten. Wie hieß, fragt Neulen zum Beweis, der Gewinner der zweiten Staffel von ,Deutschland sucht den Superstar'? „Sehen Sie!“

Er sagt: „Ich habe übrigens am gleichen Tag Geburtstag wie Helmut Schmidt.“ Er sagt: „Ende 2007 hat der Vertriebsservice die ruhigsten Weihnachtsgeschäfte gemeldet, die es jemals gab.“ Die immergleiche Sachlichkeit, die reine Essenz, das System Brockhaus. Es kann passieren, dass dabei untergeht, was wichtig ist. Es kann der falsche Eindruck entstehen, als sei Neulen der Umstand, dass er am gleichen Tag wie Helmut Schmidt Geburtstag hat, so wichtig wie das schlechte Weihnachtsgeschäft vor knapp zwei Jahren. Zufall, Zerfall – beides einen Satz wert.

Das Weihnachtsgeschäft ist die Hauptsaison für Lexika. Nach dem Weihnachtsgeschäft 2007 haben ein paar Mitarbeiter von selbst gekündigt, was bei Brockhaus noch immer ungewöhnlich ist. Sie sahen keine Zukunft mehr. Das alles könnte Neulen von sich aus erzählen, wie man es von einem stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden erwarten könnte. Er erzählt es erst, wenn man ihm eine Reihe von Fragen stellt. Wenn man bei ihm nachschlägt.

Neulen sagt: „Die Realität ist: Wir sehen, dass der Markt kleiner geworden ist.“ Er sagt: „Wir sind dennoch in unserem Geschäft immer noch Marktführer geblieben. Und Sachlexika werden weiterbestehen.“ Das ist der Stolz von einem, der einer bedrohten Spezies angehört.

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