[freywild]

I.33

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Geschichte
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Quellen

Walpurgis (fol. 32r )
Das I.33 Manuskript (auch Walpurgis (vgl. fol. 32) oder Tower Fechtbuch genannt; Tower of London manuscript I.33, Royal library Museum, British Museum No. 14 E iii, No. 20, D. vi., Tinte und Wasserfarben auf Pergament) ist das älteste erhaltene Fechtbuch; es wird um oder nach 1300 datiert. Die dargestellte Kampftechnik zweier ungepanzerter Gegner mit Einhänder und Faustschild, sowie der merkwürdige Sachverhalt, dass als Kämpfer ein Mönch und ein "Scolaris"/Schüler (auf den letzten zwei Seiten gar ein Mönch und eine Frau) erscheinen, lässt vermuten, dass es hier nicht um ritterliche oder kriegerische Kampftechniken geht, sondern eher um eine Selbstverteidigungskunst tieferer Schichten. Die unblutigen und fast witzigen Zeichnungen und der gelassene Stil geben mir den Eindruck, dass es sich hier bereits um eine von lebensgefährlichen Kämpfen abgelöste Kunst handelt, oder eine Art Hobby eines Mönchs: Der Text spricht wiederholt über die Schüler (scolaris; discipulus 4r, 4v) - bzw. die Jungen (iuvenis, fol. 9v) oder `Kunden' (clientulum, fol. 4r, 12v, 13r) des Priesters. Es scheint also, dass hier ein Mönch, wahrscheinlich ein `pensionierter' Ritter, jungen Adligen Fechtkurse offeriert hat. Die Zeichnungen stammen offenbar von einer weiteren Person (vgl. fol. 23r), aber der Text könnte vom Fechtlehrer selber stammen; der Text betont jedenfalls auffallend oft, wenn auf einem Bild der sacerdos im Nachteil erscheint, dass dies absichtlich und zu pädagogischen Zwecken geschehen sei (z. B. fol. 10v; aber der Texter muss natürlich nicht mit dem Schreiber identisch sein; Sekretär des Bischofs von Würzburg, siehe unten). Der Name des Fechtlehrers ist wahrscheinlich Liutger (fol. 1v; vgl. Frank Cinato sowie Swordforum).

Beschreibung: Ich konnte das Manuskript am 13. März 2003 im Royal Armouries Museum in Leeds einsehen. Ich hatte allerdings nur Zeit für einige allgemeine Notizen. Es ist mit einem unscheinbaren braunen modernen (18. oder 19. Jh.) Einband versehen. Auf der vorderen Deckel-Innenseite sowie auf einem eingeklebten Zettel (fol. i-iii) haben frühere Besitzer Notizen angebracht. Das Manuskript selber besteht aus 32 vorne und hinten beschriebenen Pergamentseiten mit kolorierten Tuschzeichnungen. Die Kleidung der abgebildeten Personen ist abwechselnd (und ohne erkennbares System) schwarz, blau, grün und braun eingefärbt. Der Text enthält rote Initialen sowie manchmal rot nachgezeichnete Buchstaben und durch eine rote Linie hervorgehobenen Text (Verse).

Geschichte: Das Manuskript wurde einer breiteren Öffentlichkeit erst 1997 bekannt durch den Artikel The medieval swordsman: a 13th century German fencing manuscript (Royal Armouries Yearbook 2 1997, pp. 129-136) von Jeffrey L. Singman (Forgeng).
sacerdos und scolaris (fol. 14r)
Der Artikel gibt einen guten Überblick über Geschichte und Inhalt des Manuskripts; die erste Erwähnung des Manuskripts findet sich im de veris principiis artis dimicatoriae des Heinrich von
Gunterrodt (1579). Gunterrodt schreibt dort, er sei auf ein Buch mit fechtenden Mönchen gestossen, das Johannes Herwart von Würzburg, Fechtmeister des Prinzen Friedrich Wilhelm, in einem fränkischen Kloster gefunden habe, als er als Soldat unter Markgraf Albert diente (Johannes Herwarts Name erscheint auf fol. 7r des Manuskripts). Das MS gelangte in den Besitz der Herzöge von Sachsen-Gotha und erscheint im 18. Jh. im Katalog der herzöglichen Bibliothek. Es verschwand im zweiten Weltkrieg und tauchte 1950 an einer Sotheby's Auktion wieder auf, wo es von den Royal Armouries ersteigert wurde. Alphonse Lhotsky hat das MS auf das späte 13. Jh. datiert und den Schreiber als einen Sekretär des Bischofs von Würzburg identifiziert (Hils, H.-P., Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes, Frankfurt am Main / New York, 1985, p. 85).
der 'Finder' verewigte sich auf Seite 13 (fol. 7r)

Übersetzung: Der Text liegt mir vor als Photokopie einer Transkription, zusammen mit einer englischen Übersetzung. Ich gebe den Text zusammen mit meiner eigenen Übersetzung wieder. Zum Zeitpunkt der Entstehung meiner Uebersetzung hatte ich keine Möglichkeit, den Text zu überprüfen, ausser soweit das anhand der Photokopien-Scans, die auf dem Internet zu finden sind (vgl. Quellenangaben), möglich ist. Inzwischen bin ich aber auf hochauflösende Farb-Scans des Manuskripts gestossen. Verkleinerte Versionen dieser Bilder erscheinen nun auch hier zusammen mit dem Text. Graue Passagen markieren eine vom Haupttext abweichende Hand; das Kreuzsymbol (signum crucis), das eine neue Passage markiert, stelle ich als (+) dar.


Text:

fol. i.-iii. (Deckel-Innenseite): Notizen früherer Besitzer, wahrscheinlich aus Gotha.

quaternum .i.: fol. 1r 1v 2r 2v 3r 3v 4r 4v 5r 5v 6r 6v 7r 7v 8r 8v

quaternum .ii.: fol. 9r 9v 10r 10v 11r 11v 12r 12v 13r 13v 14r 14v 15r 15v 16r 16v

quaternum .iii.: fol. 17r 17v 18r 18v 19r 19v 20r 20v 21r 21v 22r 22v 23r 23v 24r 24v

quaternum .iv.: fol. 25r 25v 26r 26v 27r 27v 28r 28v 29r 29v 30r 30v 31r 31v 32r 32v

Inhalt:

Einleitung; die sieben Huten -- 1r / erste Hut (unter dem Arm) -- 2r (und 11v, 15r ) / zweite Hut (rechte Schulter) -- 9r / dritte Hut (linke Schulter) -- 12r / vierte Hut (über dem Kopf) -- 14v / sechste Hut (Brust) -- 17r / siebte Hut (Langort) -- 17v / "oberer Langort" -- 21r / "Fiedelbogen" -- 22r / "spezieller" Langort -- 23v / fünfte Hut (rechte Seite) -- 27r / "spezieller" Langort -- 30r.

Passagen (frusci):
# fol. Hut Versatz weitere Aktionen
1 2r 1. Hut Halbschild Schildschlag, Durchtreten
2 3r 1. Hut Halbschild Stich, Nucken
3 4r' 1. Hut Krucke Stich, Griff
4 5r' 1. Hut Krucke Eintreten
5 5v' 1. Hut Krucke Eintreten
6 6v' 1. Hut Langort Band
7 7v 1. Hut Langort Band, Wechsel
8 8v 1. Hut Halbschild
9 9r 2. Hut Schützen Durchtreten, Band, Stichschlag
10 10r' 2. Hut Schützen
11 10v' 2. Hut Halbschild Trennung, Eintreten
12 11v 1. Hut Halbschild
13 12r 3. Hut [Krucke] Band, Griff
14 12v' 3. Hut [Krucke] Eintreten
15 13r' 3. Hut Halbschild
16 14r' 3. Hut Langort Band
17 14v' 4. Hut Halbschild
18 15r 4. Hut 1. Hut
19 16r' 1. Hut Langort Band, Griff, Schildschlag, Stich, Schutz
20 17r 6. Hut [Halbschild] Stich
21 17v' 7. Hut Band Schildschlag, Griff, Ringen
22 19r' 7. Hut Band
23 20r 7. Hut Band Stich
24 20v 7. Hut Band
25 21r oberer Langort Band 'Zecke'
26 22r Fiedelbogen Band Griff
27 22v Fiedelbogen Band Schildschlag
28 23r' Langort Stich
29 23v Spezial-Langort Halbschild Band, Trennung
30 24v Spezial-Langort Halbschild Band, Eintreten
31 25r' Spezial-Langort Spezial-Versatz Stich, Band
32 26r' 3. Hut Spezial-Langort Eintreten, Stich, Schützen
33 26v' 4. Hut Spezial-Langort
34 27r 5. Hut Spezial-Langort Band
35 27v 5. Hut Halbschild Stich, Trennung, Schützen
36 28r' 5. Hut Halbschild Trennung, Stich, Schildschlag
37 29r' 5. Hut Spezial-Versatz Stich, Halbschild
38 30r 4. Hut Spezial-Langort Schützen, Stich, Band, Schildschlag
39 31r' 4. Hut Spezial-Langort Stich, Schützen
40 32r 1. Hut "spezielle" 2. Hut

Index der Fachbegriffe:

Deutsch:
albersleiben
2r
durchtreten, durchtritt 2v, 9r, 9v
halpschilt 2r, 3r, 8v, 13r, 14v, 23v, 24v, 25r, 27v, 28r, 29r, 32r
krucke 4r
langort 1r, 1v, 6v, 14r, 16r, 17v, 20r, 21r, 23r, 23v, 24v, 25r, 26r, 27r, 30r
nucken 3v
schiltslac 2r, 2v, 16v, 18r, 23r, 25r, 29r, 30v
schutzen 3v, 9r, 26v, 28r, 30r, 31v, 32r
stich 3v, 4r, 20r, 28v
stichschlac 2r, 10r
vidilpoge 22r, 22v

Latein: (Übersetzungskonventionen)
custodia `(eine) Hut'
calceo `voranschreiten, durchtreten'
contrarium `Konter'
defendo `abwehren'
dimicator; dimicatio, ars dimicatoria `Fechter; Fechtkunst'
fixura `Stich'
invado, intro `eintreten, angreifen'
ligacio, ligo `Anbindung, anbinden'
obsessio, obsedeo, obsessor `Versatz, versetzen, Versetzer' (manchmal Varianten possessor o. ä.)
plagam recipere `zum Schlag kommen'

Merkverse:


Quellen:

Seit ich diese Seiten aufgeschaltet habe, sind viele Beiträge zum Manuskript entstanden, so dass ich den Überblick verloren habe. Es folgt eine unvollständige Auswahl.

Dr. Jeffrey L. Forgeng, The Medieval Art of Swordsmanship bei Chivalry Bookshelf (swordforum-thread dazu)
Frank Cinato: zu Lutegerus.
I.33 flowcharts von John Jordan
Boar's Tooth: Bilder der dynamischen, kämpferischen Interpretation von Dave Rawlings.
ARMA Artikel und Mikrofilm-Scans.
I.33 humoristisch: Powerpoint-Derivat von Ralph Klein.
myschwerk; tschechische Übersetzung.


Dieter Bachmann, 2003.