"Luxemburg" vierteljährlich

Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung analysiert in ihrer ersten Ausgabe die Krise und ihre Folgen

Von Dieter Janke *

Kapitalismuskritische Linke haben ein ambivalentes Verhältnis zu Krisen. Für manche ist das System als solches Krise, was freilich die Frage aufwirft, warum es immer noch existiert. Viele sehen offenkundigen Eruptionen in Wirtschaft und Gesellschaft hoffnungsvoll entgegen, zeugen sie doch von der Richtigkeit eigener Position. Verbunden damit ist häufig die Erwartung, quasi per historischer Mission an Bedeutung und Schlagkraft zu gewinnen. Vernachlässigt wird dabei oft die intellektuelle Schwerstarbeit einer kritischen Reflexion der bislang gültigen eigenen Problemsicht und der sich wandelnden gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Beides war für den kritischen Geist Rosa Luxemburgs Arbeits- und Lebensmaxime. Wenn daher der Vorstand der nach ihr benannten linksparteinahen Stiftung in der Nachfolge der Autorenzeitschrift »Utopie kreativ« seine neue Vierteljahresschrift »Luxemburg« nennt, ist der Titel auch anspruchsvolles Programm.

Inhaltliches Konzept der nun erschienenen ersten Nummer, die unterschiedliche linksalternative Sichten auf die derzeitige Wirtschafts- und Finanzkrise zum Inhalt hat, wie auch die Gestaltung werden dem gerecht. Gesichert wird das nicht zuletzt durch eine auserlesene internationale Autorenschaft: darunter der philippinische Soziologe und Träger des Alternativen Nobelpreises, Walden Bello, der Vizepräsident der World Association for Political Economy David M. Kotz, der Marburger Politologe Georg Fülberth sowie der Linksfraktionsvorsitzende Gregor Gysi. Sie alle eint die kritisch-selbstkritische Sicht auf die gravierendste Wirtschafts- und Gesellschaftskrise der letzten 60 Jahre. Ihre Texte – vielfach im Stil eines intellektuell anspruchs- wie reizvoll verfassten Feuilletons verfasst – sind Analyseversuche und Beiträge auf der Suche nach Alternativen zu den sozialen und ökologischen Geisterfahrten des dominanten Neoliberalismus.

So schreibt die mexikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Ana Esther Cecena der institutionalisierten Linken ins Stammbuch, dass sich ihre Kritik am Neoliberalismus zwar verschärft habe, sie aber vielfach nicht darüber hinaus komme, »nostalgische Positionen« favorisiere sowie auf Wahlen und kurzfristige Programme fixiert sei. Ebenso nachdenklich stimmt die Feststellung von Kees van der Pijl (Universität Sussex): »Bislang schlägt sich die herrschende Klasse gar nicht schlecht!«

Kompakt ist das Diskussionsangebot des Institutes für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung, für das die Spezifik der derzeitigen Wirtschaftskrise in ihrer Verbindung mit einer Krise der Lebensgrundlage der Menschheit – Ernährung, Klima und Wasser – besteht. Das ermögliche es, eine Systemalternative auf die Tagesordnung zu setzen, ohne die der »Richtungswechsel von links nicht hinreichend klar benannt« werden könne. Für Christoph Spehr läuten die gegenwärtigen Turbulenzen einen Wechsel des Entwicklungsmodells ein. Dabei gehe es um die Entscheidung zwischen »Ökoimperialismus« oder »solidarische Ökonomie«.

Der New Yorker Politikwissenschaftler David Harvey macht einen »keynesianischen Moment« in der derzeitigen Situation aus, aus dem es politischen Gewinn zu ziehen gelte. Er warnt davor, auf einen Zusammenbruch des Systems zu setzen: »Denn die Reichen haben ihre Arche Noah gebaut und sie können allzu leicht auf der Flutwelle treiben.« Untergehen würden all jene, die sich an den Rändern befänden. Auch Walden Bellos Plädoyer gilt einem »grünen Keynesianismus«. Ähnlich argumentiert auch Nicola Bullard, für die die Krise gleichfalls eine grundlegende der gesellschaftlichen und ökologischen Reproduktion ist. Für Tadzio Müller und Stephan Kaufmann hat der Kapitalismus in den vergangenen Jahren »erstaunliche Fortschritte« in der ökologischen Modernisierung mit sich gebracht, jedoch keine relevanten ökologisch positiven Effekte. Ein »grüner New Deal« – den Frieder Otto Wolf für eine sozial-ökologische Transformation »instandbesetzen« will – ohne einen Wertewandel weg von Konsumismus und Lohnarbeit greift daher aus ihrer Sicht zu kurz.

Schließlich bringt Michael Brie mit seinem Essay »Sind wir Auto?« die technologischen wie auch die sozialökonomischen Grenzen der derzeitigen Produktions- und Lebensweise auf den Punkt. Die entsprechende Ideologie sei eine »der heilen Welt des utopischen Kapitalismus«. In ihrer Wirklichkeitsverweigerung laufe sie auf die gesellschaftliche und ökologische De-struktion hinaus. Brie macht indes in den Poren der Autogesellschaft auch Elemente einer zukünftigen Produktions- und Lebensweise wie die emanzipatorischen Potenzen der neuen Technologien und Medien aus. Zentrale Rolle spiele bei dem anstehenden Wandel die Veränderung der Arbeit.

Luxemburg, Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, Heft 1/2009, Hrsg.: Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung, VSA-Verlag, 192 Seiten, 10 € (Jahresabo: 30 €).

* Aus: Neues Deutschland, 24. Oktober 2009


Das erste Heft fragt nach den Folgen der Krise. Welche Verschiebungen in den Kräfteverhältnissen ergeben sich aus ihr, welche neuen Herausforderungen und Chancen für die Linke?
Mit Beiträgen von:
Walden Bello, Nicola Bullard, Ana Ester Ceceña, Bill Domhoff, Rabea Eipperle, Susan George, George Fülberth, Gregor Gysi, David Harvey, Chantal Mouffe, Wolfgang Sachs, Marlene Streeruwitz, Yash Tandon und Hillary Wainwright u.a.



Editorial, 1/2009

Luxemburg ist neu. Von Rosa Luxemburg nimmt die Zeitschrift nicht nur den Namen. Sie orientiert sich an ihrer Haltung, dass optimistischer Wille sich mit intellektueller Skepsis verbinden muss. Sie bringt Gesellschaftsanalysen und linke Praxis zusammen und unternimmt die Analysen von einem engagierten Standpunkt aus, in dem das eigene Handeln, die Politik der Linken, immer schon Teil dessen ist, was zu analysieren ist. Und sie orientiert sich an dem Wissen, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen und Kämpfe um konkrete Verbesserungen nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Sie müssen zusammen gedacht und erkämpft werden.

Die Zeitschrift nimmt ihre Arbeit in der Krise auf. Krisen erschüttern, überschreiten Grenzen, machen Angst – und lassen hoffen. Neue Zusammenhänge müssen begriffen werden, Vertrautheiten zerfallen. Krisen erzwingen Entscheidungen. Handlungen, Ideen und Visionen werden plötzlich dringend danach beurteilt, welche Zukunftsfähigkeit sie besitzen: Führen sie aus der Krise? Welche Sicherung vor Krisen bieten sie? Welche Welt wird dann sein? Welche Pfade sollen wir einschlagen? Beim Aufgreifen und Beantworten dieser Fragen geht es um strategische Politik.

Die Krise zeigt Grenzen und Endlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft. Aber die Akkumulation des Kapitals läuft nicht einfach aus. Sie ist verbunden mit Macht- und Herrschaftsprojekten. Neue Akteure kommen hinzu, Öffnungen der Politik werden erzwungen. Bislang aber sind die Lösungsvorschläge und Praktiken zu ihrer Umsetzung, die Zielsetzungen und Verfahren von der alten Macht geprägt. Es scheint also weiter die Zeit der Herrschenden, nicht der Beherrschten. Die Momente des Zerfalls sind Anlass für und Begleiterscheinungen von Neuordnungen und Machtstabilisierungen. Der ganze politische Raum ändert sich. Die Herrschenden suchen nach neuen Politiken, Eingespieltes verliert seine Selbstverständlichkeit, alte Verhältnisse werden umgewälzt. Die kapitalistische Produktionsweise wird neu organisiert.

Auch die gesellschaftliche Linke muss sich verändern, sich neu zusammensetzen. Sie muss strategisch denken und handeln: Wie jetzt auf die Krise reagiert wird, legt langfristig fest, wie und wohin es weitergeht. Eine tiefe Krise erfordert radikale Reaktionen – die alte neoliberale Macht führt es vor. Kein »Weiter so«, keine Bescheidenheit, keine betulichen Konzepte werden in der Krise weiterhelfen; ebenso wenig die aufgeregte Verkündigung, dass nun alles ganz anders ist. Die Linke muss zugleich die aktuelle Krise, ihre neoliberalen Ursachen, ihre langfristigen historischen Fundamente (Fossilismus, Konsumismus, Imperialismus und Militarismus) und ihre kapitalistische Natur ins Blickfeld nehmen. Sie benötigt kritische Gesellschaftsanalysen ebenso wie die Kunst der Strategie, Projekte der Verbindung von alltäglichen Kämpfen und gesellschaftlichen Alternativen. Sie muss neu sprechen und kämpfen lernen, sich mit gesellschaftlichen Akteuren verbinden und für ihre großen, traditionellen Visionen neue Anknüpfungspunkte finden, der Zukunft einen Ort im Hier und Jetzt einräumend.

Das Heft will Zeit-Schrift sein. Es will Diskussionen und Analysen der linken Debatten zusammenbringen und fruchtbar machen. Der Blick soll nicht eingeengt werden durch die üblichen Trennungen in Richtungen, Strömungen und Schulen, Theorie und Praxis, Analyse und Politik, Ökonomie und Kultur, das alltägliche Leben und die Logik der Systeme. Im Mittelpunkt stehen Diskussionen, Strategien und Kämpfe von unten, der sozialen Bewegungen, der Gewerkschaften, der Intellektuellen, der globalen Linken.

Die Redaktion



Die Zeitschrift "Luxemburg" erscheint viermal im Jahr mit einem Jahresumfang von mindestens 640 Druckseiten.
Herausgeber: Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung
Einzelheft: 10 Euro; Jahresabonnement: 30 Euro, ermäßigt (Schülerinnen und Schüler, Studierende, Erwerbslose, Prekäre): 20 Euro.
Internet: www.zeitschrift-luxemburg.de



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