Konzentrierte Macht

Eine Handvoll transnationaler Konzerne kontrolliert weltweit Landwirtschaft und Nahrungsgütererzeugung

Von Benjamin Beutler *

Nach dem UN-Welternährungsgipfel in Rom, der letzte Woche mit einer wirkungslosen Absichtserklärung zur Reduzierung des weltweiten Hungers zu Ende ging, lohnt ein näherer Blick auf die Profiteure globaler Nahrungsmittelungerechtigkeit. Wo früher Lebensmittel angebaut wurde, wachsen für die Tanks unserer Bio-Autos heute Eukalyptus, Ölpalmen und Zuckerrohr. Produktivitätssteigerung durch Traktoren und Erntemaschinen und die »Grüne Revolution« kommen Entwicklungsländern kaum zugute, sie exportieren für die Industrieländer. Statt dessen importiert Mexiko Mais aus den USA, Brasilien Weizen.

Die Macht des »unsichtbaren Giganten« Agrobusineß ist heute in hohem Maße konzentriert. Mit dreistelligen Milliardenumsätzen ähnlich der Ölindustrie bilden eine Handvoll multinationaler Mutterunternehmen wie ConAgra, Monsanto, Cargill, Continental, Archer Daniels Midland (USA), Louis Dreyfus (Frankreich), Bunge and Born (Argentinien) und ein Dutzend Tochterfirmen einen soliden Machtblock. Dieser erinnert an den militärisch-industriellen Komplex, vor dessen unkontrolliertem Einfluß US-Präsident Dwight D. Eisenhower 1961 warnte. Das Agro-Nahrungsmittel­system einiger weniger Unternehmen vernetzt sich abseits öffentlicher Kontrollmechanismen immer mehr.

Wenige Privatfirmen bestimmen den Weg der Nahrung vom Feld bis zum Teller. Die transnationalen Agro-Food-Konglomerate (TNACs), Weltbank, Internationaler Währungsfond (IWF) und Welthandelsorganisation sind »treibende Kräfte hinter der Integra­tion moderner Nahrungsmittelmärkte«, beschreibt der südkoreanische Wirtschaftsprofessor Byeong-Seon Yoon die seit der wirtschaftlichen Liberalisierungs- und Privatisierungswelle der 1980er Jahre zu beobachtende Tendenz zum Oligopol. Nationale Grenzen spielen für TNACs wie Branchenprimus Cargill längst keine Rolle mehr. Genauso wichtig wie die landwirtschaftliche Produktion und die Weiterverarbeitung von Getreide, Fleisch oder Milch ist das Geschäft mit Saatgut, Düngemitteln und Agrarchemie geworden. »Der eingeschlagene Weg einer globalen Zusammenfassung aller sozialen Teilnehmer vom Farmer bis zum Konsumenten findet über alle Grenzen hinweg statt. Herz dieses Vorganges ist transnationales Kapital, das seine wirtschaftliche Macht von einer einzelnen Region oder nationalen Wirtschaft übertragen hat auf weltweit agierende Unternehmen und multinationale Organisationen«, so Yoon. In der Praxis sieht das so aus: »Cargill produziert Phosphatdünger in Tampa, Florida. Damit düngen wir in den Vereinigten Staaten und Argentinien unsere Sojaplantagen. Die Sojabohnen verarbeiten wir zu Mehl und Öl. Das Mehl bringen unsere Schiffe nach Thailand, um die Hühner zu füttern. Die werden von uns geschlachtet, gekocht, verpackt und in die Supermärkte von Japan und Europa verschickt«, beschreibt Cargill-Mitarbeiter Jim Prokopanco die totale Kontrolle der Nahrungskette durch das US-Unternehmen. Mit seinen 160000 Mitarbeitern, 1100 Niederlassungen in 67 Ländern, einem jährlichen Umsatz von gewaltigen 120 Milliarden US-Dollar und einem Reingewinn (2008) von 3,6 Milliarden US-Dollar rangiert das Familienunternehmen (den Familien Cargill und MacMillan gehören 85 Prozent) mit Sitz in Minneapolis unter den Top 10 der größten US-Konzerne. Allein der MacMillan-Clan verfügte 1994 laut Forbes über ein Privatvermögen von 5,1 Milliarden US-Dollar.

Das Geschäftsgebaren des Multis führt regelmäßig zu Beschwerden von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International. Gedealt wird heute mit der Diktatur in Usbekistan, dessen Hauptabnehmer für Baumwolle Cargill ist, trotz Berichten über Zwangsarbeit auf den zentralasiatischen Monokulturplantagen. Auch Greenpeace-Proteste gegen die Abholzung brasilianischen Regenwaldes stören das Unternehmen nicht.

Fatal ist der Einfluß der Mega-Firmen wegen ihrer »Verbraucherorientieren Angebotspalette«. In Allianz mit Handelsgiganten wie Wal-Mart (USA), Carrefour (Frankreich), Metro (Deutschland) verändern die Firmen aktiv Eßgewohnheiten der Endverbraucher. Der Trend soll hingehen zu mehr Fleisch und exotischen Früchten, so der selbsterklärte Strategiewechsel der Branche. Mit riesigen Verkaufshallen werden lokale Lebensmittelmärkte weltweit unter Druck gesetzt und zerstört. Nach Europa sind zuletzt China und Lateinamerika Orte verstärkter Investitionen und massiven Landaufkaufs geworden. Bauernorganisationen wie Via Campesina warnen unermüdlich: »Die schlechte Landverteilung und dessen Rekonzentrierung durch die Multis verursacht Monokulturen, Verschmutzung der Flüsse, Privatisierung von Wasser. All das gefährdet das Leben unserer Familien«.

* Aus: junge Welt, 23. November 2009


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