Die Kriegsmentalität beenden!

Von Eugen Drewermann *

Auch 70 Jahre nach dem 1. September 1939 besteht das Wesen des Krieges in einer sonderbaren Unveränderlichkeit. Das Einzige, was sich verändert hat, sind nicht die Mechanismen der Propaganda ihn herbeizureden, nicht die Mechanismen der Strategen ihn durchzuführen, nicht der Massenbetrug am Volk, nicht die endlosen Qualen des Leids an Unschuldigen und nicht die Bereitschaft, am Ende das Furchtbare wieder auf der Seite der Sieger schön zu reden als das Richtige und sich zu ertüchtigen für das nächste Mal. All das hat sich nie geändert. Das Einzige, was sich geändert hat, sind die Möglichkeiten Krieg zu führen. Eine kleine Rekapitulation dieser letzten 70 Jahre mag uns zeigen, welch eine Falltür des Grauens sich unter den Füssen eines jeden von uns befindet. 1939 begann damit, das man alles verschlimmerte, was 1918 praktiziert worden war. Man musste mit Panzerarmeen chirurgisch in Kesselschlachten die Front des Gegners aufbrechen. Man musste ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung Rotterdam, Antwerpen, Coventry in ein Flammenmeer stürzen. Man musste, mit allem was man zur Verfügung hatte, töten, töten, töten. Aber man hatte vieles noch nicht zur Verfügung. 6. August 1945, 8.15 Uhr, es genügt ein einziger Bomberpulk, um schätzungsweise in wenigen Sekunden 100.000 Menschen zu töten. Und von ihnen nichts weiter übrig zu behalten als vielleicht den Schattenriss, der im Ausstoß der Lichtenergie der Bombe in den Mauerresten sich eingefressen hat. 3 Tage später Nagasaki mit 80.000 Toten, nur um statt der Implosionstechnik beim Zündmechanismus die Explosionstechnik zu testen. 14 Tage später wird man Kamerateams in die zerstörten japanischen Städte schicken, nicht um das Grauen zu dokumentieren, damit das Erschrecken die ganze Menschheit erfasst und ihnen ein Schwur abnimmt, derlei nie wieder zu tun, sondern um zu sehen, in welchen Radien die Bombe wirksam war. Um Ihre Zündung besser applizieren zu können beim nächsten Mal.

Hier in Deutschland mussten wir uns in den 50er Jahren wehren gegen den Unsinn von Adenauer und Strauss, dass Atomwaffen nichts weiter seien als die Verlängerung der Artillerie. Dann erlaubten wir den Amerikanern wenigstens in Deutschland ihre Atomwaffen vorzuschieben. Und Schritt für Schritt haben wir dabei gelernt. Neutronenbomben wurden nötig. Egon Bahr konnte sprechen von der Perversion des Denkens, dass man die Panzerarmeen des Ostblocks in rollenden Schrott verwandelt und nur die Menschen tötet. Alle Gebäude werden stehen bleiben, nur die Menschen werden nicht mehr sein. Aber nach einer gewissen Zeit kann man all die Gebäude bewohnen, ein wünschenswerter Krieg. Nur die Menschen töten, nur die Lebewesen, der Krieg in seiner reinsten Form. Es gab 1939 mindestens so etwas wie eine Tötungshemmung. Somit das schlimmste Beispiel war Heinrich Himmlers Rede an die SS-Leute: „Ihr alle, die hier seid, wisst was es bedeutet, 100 Menschen zu erschießen, 500 Menschen. Es wird ein ungeschriebenes Ruhmesblatt der deutschen Geschichte werden, dabei gewesen zu sein ohne schwach zu werden“. Was Himmler beschrieb war ein psychologisches Problem. Es hat nicht jeder die Psychologie von Massenmördern, und normale Soldaten dürfen über einer solche gar nicht verfügen. Was aber wird, wenn der Abstand vom Zielobjekt sich nur noch technisch vermittelt?

Nehmen wir ein relativ modernes Beispiel. 1991, Bush, der Ältere, treibt den Nahen Osten in den II. Irakkrieg. Im persischen Golf von den Flugzeugträgern werden Tomahawk-Raketen nach Bagdad geschickt. Zwei davon, entsprechend ihren Zielkoordinaten, trafen den Luftschutzbunker von Al Amarah. Die Leute, die die Tomahawks programmiert haben, mussten nicht wissen, was sie taten, sie mussten nicht sehen, was sie taten, sie mussten nicht einmal fühlen, was sie getan hatten. Sie saßen vor einem Computer und schrieben – so lakonisch wie sie irgendeine Kassenrechnung eingetippt hätten – das Zerstörungsprogramm von mehr als 600 Menschen. Würden Sie irgendeinem GI sagen, du gehst mit angelegter MP auf diesen Bunker zu und du lässt niemanden entkommen. Frauen nicht, Kinder nicht, alte Leute nicht, niemanden sage ich, du schießt alle über einen Haufen. Würde jemand, der das ernsthaft tun könnte, in keine Armee der Welt gehören, sondern in irgendeine Psychiatrische Klinik. Aber die Bomben auf den Bunker von Al Amarah waren genauso programmiert. Die erste Tomahawk schlägt ein im Eingangsbereich, um jede Flucht abzuschneiden; die zweite zerschmettert Meter von Stahlbeton, um die Vernichtung zu orchestrieren. Man mordet gründlich. Es ist wie in den Tagen der Kreuzzüge 1098 als Gottfried von Bouillion Jerusalem erstürmte mit der Erklärung „Bringt sie alle um – Gott kennt die Seinen“. Heute sind Dronen sind göttlicher als Gott. Wir müssen nichts mehr fühlen, und das ist die Bedingung dafür, dass wir es tun können.

1989 war es Gorbatschow, der dem Westen, den Amerikanern vor allem erklärte: „Ich habe euch das Schlimmste angetan, was ich tun konnte, ich habe euch den Feind genommen“. Und er plädierte dafür, dass ab sofort die Militärblöcke aufgelöst würden und die enormen wirtschaftlichen, technischen, geistigen Ressourcen umgelenkt würden im Kampf gegen die wirklichen Probleme der Menschheit. Doch 1989 wollte man die Ost-Erweiterung der NATO, man wollte Hegemonialansprüche.

1991: Bush, der Ältere, will den Krieg gegen den Irak. Und es wird blockiert über Wochen hin, die gesamte Friedensbewegung, indem man wieder und wieder und wieder Bilder zeigt, wie irakische Soldaten Kinder, Säuglinge aus Brutkästen in Kuwaitischen Kliniken herausholen und zu Boden schmettern. Muss man nicht Krieg führen gegen solche Bestien ? Ist es nicht eine humane Pflicht gegen derartige Kindermörder vorzugehen? Bush, der Ältere, wusste, dass die Filme nicht in Kuwait gedreht worden waren, sondern in London, aber er hatte in über 40 Reden diese Filme als Dokument und Rechtfertigung seines Krieges gegen den Irak dargestellt. Über 200.000 Menschen kamen dabei um. Selbst der Friedensbewegung verschlug es den Atem angesichts der Lüge, wir konnten sie nicht widerlegen. Man konnte riechen dass es faul ist und das sie stinkend sei, aber wir konnten es nicht beweisen. Für Ho Tschi Minh zu sein ging irgendwie noch in Ordnung, aber für Saddam Hussein gegen den Krieg auf die Strassen zu gehen, war doch moralisch wesentlich schwieriger.

1999 – Der Angriff auf den Balkan: Die Grünen unter Joschka Fischer haben mit der Gier nach Macht sich die Hälse so verdreht, wie ein Korkenzieher auf der Suche nach Wein in einer Flasche. Und sie müssten klar sagen, dass sie gelogen haben. Wie Herr Fischer erklärte, er habe aus Auschwitz gelernt, dass man Unrecht nicht dulden darf. Das Unrecht bestand in der Lüge eines Hufeisenplans, den es nie gegeben hat. Man hatte Milosevic in eine Enge getrieben, die den Krieg am Ende unvermeidbar machte. Wissen sie noch, dass im Kosovo, um das es dann ging, 1/10 nur serbische Bevölkerung ist, 9/10 Albaner? Was wird also die Zentralregierung in Belgrad anders tun, als dieses 1/10 zu schützen. Die Albaner wurden damals versorgt von der NATO, aus dem Drogen- und Prostitutionshandel, und man stellte ihr am Ende die Luftwaffe. Der Krieg musste erklärt werden, um das Gebiet der NATO zu arrondieren.

2001 – Herr Struck erklärt uns, Deutschland wird verteidigt am Hindukusch, diesmal gelogen von Seiten der SPD. Was eigentlich verteidigt man in Afghanistan? Wir reden von Afghanistan als einem Ort, an dem inzwischen 30 Jahre Krieg ist. Nichts als Krieg ist. Brzezinski, Sicherheitsberater im Weißen Haus, rühmte sich später dessen, dass es seine Kunst war, die Sowjets in den Fehler gelockt zu haben, Afghanistan zu überfallen. So wird es gewesen sein. Es hält sich ganz entsprechend der Hegemonialstrategie, die der NATO und dem Pentagon eigen ist: wie destabilisiert man die Südflanke des russischen Riesenreichs. Dazu gehörte Afghanistan. Islamische Aufständische, die damals unsere Freunde waren, wurden mit allem was tauglich schien, unterstützt. Bis aus den Verbündeten Gegner wurden. Als die Sowjets abzogen, sickerten die Amerikaner nach. Und sie beanspruchten dieses Land als das Scharnier zwischen den beiden künftigen Großmächten Indien und China. Was die wenigsten wissen, noch im Juli 2001 redet man in Bonn mit Vertretern der Taliban. Sie werden die Phantasie nicht gerade haben, die nötig ist, um zu ahnen worüber man redete. Den Bau von zwei Pipelines, die man brauchte, um vom Kaspischen Meer zum Persischen Golf Erdöl zu pumpen. Das einzig war der Grund. Als die Taliban das verweigerten war klar, dass sie fällig sind und der 11.9.2001 war nichts weiter als der Vorwand, genau das jetzt zu betreiben.

Es gibt Zyniker, die erklären, das einzige was man aus der Geschichte lernen könnte bestehe darin, dass man aus der Geschichte noch nie etwas gelernt hätte, aber die heutigen deutschen Politiker sind willens, uns die Konsequenzen des so genannten Dritten Reichs und des II. Weltkrieges auf ganz eigentümliche Weise lehrhaft nahe zu bringen. Es war die Erfindung von Kanzler Kohl, dass man den 20. Juli uminstrumentalisieren müsste, um die Bundeswehr als eine Friedensvereinigung im Widerstand gegen alle faschistoiden Kriege öffentlich dem Bürger und entsprechenden öffentlichen Vereinigungen und Vereidigungen nahe zu bringen. Diese Idee, Kriege seien Interventionseinsätze, Frieden schützende Maßnahmen, humanitäre Aktion, ist so korrupt, verlogen und verbrecherisch, wie wenn wir sagen wollten „Das Töten von Menschen ist das Retten von Menschen“. Das aller einfachste zu sagen ist „Katzen sind keine Mäuse“, „Schwarz ist nicht Weiß“ und „Krieg ist nicht Frieden“. Alleine das zu sagen, aber bedeutet, andere Folgerungen zu ziehen, als sie politisch opportun sind und im Rahmen der von den Medien vorangetriebenen political correctness liegen.

Es sind drei ganz einfache Folgerungen, die sich ergeben: eine ist simpel tagesaktuell, sie lautet „Raus aus Afghanistan“. Die nächste schließt sich sofort an „Raus aus der NATO“ und die nächste ist nicht minder konsequent „Auflösung der allgemeinen Wehrpflicht und Abschaffung der Wehrmacht in Europa“.

* Eugen Drewermann ist Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller

Aus: FriedensJournal, 6/2009



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