"Wir müssen die Grenze aufbekommen!"

Die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zur Türkei sorgt in Armenien für Diskussionen

Von Lennart Lehmann, Jerewan *

Die Türkei und Armenien wollen im Beisein von US-Außenministerin Hillary Clinton am heutigen Samstag (10. Okt.) ihre Feindschaft begraben. Vertreter der beiden Nachbarstaaten werden in Zürich ein Protokoll zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen unterzeichnen. Ankara und Jerewan hatten ihre Beziehungen 1993 wegen des Konflikts zwischen Armenien und Aserbaidshan um die Region Berg- Karabach abgebrochen, in dem sich die Türkei auf die aserbaidshanische Seite stellte.

Der 14. Oktober rückt näher und mit jedem Tag steigt in Armenien die Spannung: Wird an dem Tag, an dem die Fußballnationalmannschaften aus Armenien und der Türkei im WM-Qualifikationsspiel aufeinander treffen, die seit 15 Jahren geschlossene Grenze zwischen den Ländern wieder geöffnet? Extrem skeptische Positionen finden sich besonders unter der jungen Generation und hier vor allem in der Provinz. »Die Türken sollen erst einmal zugeben, dass sie einen Genozid an den Armeniern begangen haben«, kommentieren Studenten häufig die politischen Annäherungsversuche. Oft werden prominente Armenier in den Medien mit der Forderung zitiert, dass die Türkei jene Ländereien, die nach der Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern durch osmanische Schergen Ende des Ersten Weltkriegs ihren Besitzer wechselten, an die Nachkommen der rechtmäßigen Eigentümer oder den armenischen Staat geben soll. Die Mehrheit der Armenier drängt auf ein türkisches Schuldeingeständnis.

Dazu wird es aber vorerst wohl nicht kommen, erläuterte Yavuz Baydar, Kolumnist der türkischen Tageszeitung »Zaman Today«, vor wenigen Tagen dem Vorsitzenden des »Jerewan Presseklub«, Boris Navasardyan, während einer Podiumsdiskussion in der armenischen Hauptstadt. »Die türkische Nation ist noch nicht bereit, sich zu entschuldigen. Aber erinnern wir uns an die Unterschriftenkampagne in der Türkei für eine Entschuldigung bei den Armeniern, wo unlängst 30 000 Unterschriften zusammenkamen. Das wäre vor 15 Jahren undenkbar gewesen. Es braucht Zeit, um das Bewusstsein einer Nation zu ändern.«

Die Ursachen für den Widerstand vieler Türken gegen eine Aufarbeitung der Vergangenheit sieht Baydar in der jahrzehntelangen Tabuisierung der schwarzen Kapitel der türkischen Geschichte durch den nationalistischen Staat Atatürks, des »Vaters der Türken«. Auf der anderen Seite fragen sich viele Armenier, was sie mit der Türkei anfangen sollten. Sie artikulieren Unbehagen vor der wirtschaftliche Überlegenheit des westlichen Nachbarn, auch wenn eine Grenzöffnung Armenien aus seiner gegenwärtigen stark eingeschränkten Lage befreien könnte – derzeit führen Landwege nur ins nördliche Georgien und im Süden nach Iran. Richtung Türkei und Aserbaidshan hingegen symbolisieren Wachtürme und Militärbarrieren das Verhältnis zu den Nachbarn. Boris Navasardyan sieht die Wurzeln dieser Angst jedoch viel tiefer in der armenischen Seele: »Was verhindert die Modernisierung in unserem Land? Der Karabach-Krieg hat bewiesen, dass wir Armenier uns mobilisieren und etwas bewegen können. Aber wir haben Angst vor dem Exotischem. Wir vermeiden die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen, weil wir Angst vor allem haben. Dazu passend misstrauen wir unseren Autoritäten, die diese Modernisierungsprozesse leiten. Die Modernisierung verändert aber unsere Strukturen. Unsere Identität muss somit auch einer Modernisierung unterzogen werden. Wir haben genau genommen keine wirkliche Identität, außer dem Karabach-Krieg und dem Genozid, verbunden mit unserer Angst vor der Türkei.« Dennoch gibt es ganz klare Erwartungen, die Armenien an die Türkei stellt, findet Navasardyan: »Wir erwarten von der Türkei, die Wahrnehmung der Armenier als weiteren Teil der türkischen Gesellschaft abzulegen und uns nicht mehr als Verräter dieser Gesellschaft darzustellen. Wir erwarten von der Türkei, dass sie sich aus unseren Beziehungen zu Aserbaidshan heraushält. Und zuletzt: Wir müssen ruhig über alles reden können, auch über die Geschichte.«

Für Yavuz Baydar gibt es gar keinen anderen Weg, als die Gräben der Vergangenheit zu überwinden. »Wir hätten das alles in den 90er Jahren machen sollen. Wir können nicht ewig warten. Wir müssen agieren. Die jüngere Generation muss das Problem lösen, weil es so nicht für immer weitergehen kann.« Aber er verweist auch auf die weit verbreitete geschichtliche Wahrnehmung in seinem Land »auf der Makroebene«: Das mit der Implosion des Osmanischen Reiches verbundene individuelle Leid vieler – auch türkischer – Familien durch Vertreibungen und Massaker dürfe nicht unter den Teppich gekehrt werden. »Sie müssen die Schmerzen des anderen verstehen, dann wird der andere ihre Schmerzen verstehen.«

Bei vielen Armeniern bleiben jedoch Zweifel: »Wie kann dies ein Dialog sein, wenn die beiden Dialogparteien sich gar nicht kennen und wenn ein Verbrechen zwischen ihnen steht?«, fragte ein Zuschauer der Podiumsdiskussion.

»Wir müssen diese Grenze aufbekommen, damit die Leute sich gegenseitig kennenlernen, selbst wenn sie anfangs nur Empörung ausdrücken und erst später zu einem Dialog finden«, antwortete Baydar. Und Navasardyan erinnerte an die von Baydar erwähnte Unterschriftenkampagne: »Es ist wichtig, den Dialog mit denjenigen zu suchen, die die Petition für eine Entschuldigung nicht unterschrieben haben.«

* Aus: Neues Deutschland, 10. Oktober 2009


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