Mohren und Elefanten

125 Jahre Afrika-Konferenz: "Erinnern, aufarbeiten, wiedergutmachen" / Bis heute rühmen Denkmäler und Straßen die deutsche Kolonialzeit

Von Joachim Zeller *

Zivilgesellschaftliche Initiativen bemühen sich, Kolonialdenkmäler als »antikoloniale Mahnmale« umzuwidmen und Straßen umzubenennen.

Wer sich auf Spurensuche begibt, der findet noch so manches Denkmal, das an die imperiale Überseeherrschaft Deutschlands erinnert. Es kann sich dabei um Monumente traditionellen Typs oder um Straßennamen handeln. Das größte dieser Kolonialdenkmäler befindet sich in Bremen, wo bis heute ein riesiger aufgesockelter Elefant aus Klinkersteinen steht. Landauf, landab verzeichnen die Stadtpläne koloniale Straßennamen wie zum Beispiel die Hermann-von-Wissmann-, Togo- oder Samoa-Straße.

Einst waren die Kolonialdenkmäler »verdienten Kolonialpionieren« oder den in den Kolonialkriegen gefallenen »Schutztruppensoldaten« gewidmet. Sie sollten aber vor allem dem mit Größe, nationalem Prestige und Weltmachtstreben konnotierten Kolonialgedanken Popularität verschaffen.

Während in der DDR in den Jahren nach 1945 ausnahmslos alle Kolonialdenkmäler abgetragen wurden, blieben sie in der BRD überwiegend erhalten. Für eine lange Zeit fielen sie hier einer weitgehenden Nichtbeachtung anheim. An einigen Kolonialdenkmälern aber kommen bis heute die Mitglieder von Traditionsverbänden zu Kranzniederlegungen zusammen.

Nach antikolonialen Bilderstürmereien in den 60ern - wie etwa in Hamburg, wo Studenten 1968 das Abbild des einstmaligen Gouverneurs von »Deutsch-Ostafrika« von Wissmann vom Sockel rissen - setzte in den 1980er Jahren schließlich eine neue, antikolonialistisch ausgerichtete Rezeption der Denkmäler ein. Man entschied sich dazu, die Kolonialdenkmäler bewusst als steinernes Zeugnis der Vergangenheit zu erhalten. Durch kommentierende Texttafeln wurde ihnen nun eine neue Funktion als »antikoloniale Mahnmale« zugewiesen.

Solche Umwidmungen erfuhren die Kolonialdenkmäler in Hannover (1988), Bremen (1990/1996), Nürnberg (1998), Düsseldorf (2004), Braunschweig und Wilhelmshaven (2005), Göttingen (2006/2007) und in Berlin (2009). Die Inschriften der neuen Gedenktafeln erinnern nun auch an die bisher vergessenen Opfer unter den vormals kolonisierten Völkern. Ebenso erhielten nicht wenige koloniale Straßennamen im Zuge von Umbenennungsinitiativen neue, zum Teil antikoloniale Namen. So heißt in München die Von-Trotha-Straße seit zwei Jahren Hererostraße. Lothar von Trotha hatte 1904 den Befehl zur Vernichtung der Herero gegeben.

Bei den mittlerweile zahlreichen Umwidmungs- und Umbenennungsaktionen handelt es sich fast ausschließlich um zivilgesellschaftliches Engagement, mithin um eine Geschichtspolitik »von unten«. Nahezu keine der Gedenkinitiativen erfolgte von staatlicher Seite, sondern sie alle gingen von Dritte-Welt- und Solidaritätsgruppen, in letzter Zeit verstärkt auch von afrodeutschen Vereinigungen aus.

Es sind aber auch neue Monumente gestiftet worden, die an die Verwicklungen Deutschlands in den Kolonialismus erinnern. Zuletzt wurde Anfang Oktober auf dem Garnisonfriedhof in Berlin ein Gedenkstein für die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia eingeweiht. Er ist das dritte koloniale Mahnmal in der Bundeshauptstadt. Seit Ende des Jahres 2004 erinnert eine Stele in der Wilhelmstraße an die Afrika-Konferenz von 1884/85 und benennt auch den Völkermord, den Deutsche zwischen 1904 und 1908 an den Herero und Nama verübten. Seit 2007 gibt es zudem in Berlin-Mitte einen »Stolperstein« für Mahjub bin Adam Mohamed. Der Deutsch-Afrikaner war 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet worden.

Die Initiativen treten der noch weitverbreiteten Vorstellung entgegen, Deutschland sei eine »unbelastete Kolonialmacht« und die kolonialimperialistische Tradition eine vernachlässigbare Größe. Abgesehen davon, spielt die Kolonialgeschichte in der offiziellen Erinnerungspolitik der Bundesrepublik keine und wenn, allenfalls eine marginale Rolle. So schweigen sich auch die umfangreichen Inschriften der 1993 in Berlin eingeweihten »Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland« in der »Neuen Wache« über die Opfer des deutschen Kolonialismus aus.

Der Autor ist Historiker und hat eine Vielzahl von Aufsätzen und Büchern zur deutschen Kolonialgeschichte publiziert.


Am 15. November 1884 empfing Reichskanzler Otto von Bismarck die Vertreter der damaligen Weltmächte in Berlin. Drei Monate lang verhandelten sie über die weitere koloniale Aufteilung des afrikanischen Kontinents. Mit der Berliner Konferenz trat auch das Deutsche Reich dem Kreis der Kolonialmächte bei.

Von all dem ist wenig hängen geblieben im kollektiven Bewusstsein. Am wenigsten von den Verbrechen, die Deutsche in den Gebieten des heutigen Namibia, Togo, Kamerun, Tansania, Burundi und Ruanda verübten. Allein während der blutigen Niederschlagung von Widerstandsbewegungen sollen mindestens 400 000 Menschen getötet worden sein.

Unverblümt tragen noch heute Straßen die Namen »großer Kolonialherren« oder enthalten, wie die Mohrenstraße im Zentrum Berlins, rassistische Begriffe. Unkommentiert zeigen deutsche Museen Raubgut aus den ehemaligen Kolonien. Bis heute lagern hier auch zu rassistischen Forschungszwecken entwendete Überreste afrikanischer Menschen.

125 Jahre nach der Afrika-Konferenz wollen Nichtregierungsorganisationen, Vertreter von Gewerkschaften und Parteien an die deutsche Kolonialvergangenheit erinnern. »Auf der Konferenz wurden willkürliche Grenzziehungen in Afrika vorbereitet, die bis heute fatale Folgen haben«, so Sven Mekarides, Generalsekretär des Afrika-Rats Berlin-Brandenburg. Weder hierzulande noch in den ehemaligen Kolonien sei das koloniale Erbe überwunden. Die Organisationen fordern eine Aufarbeitung der Verbrechen sowie eine angemessene Wiedergutmachung. Den Auftakt der dreimonatigen Kampagne am Sonntag bildet eine Demonstration in Berlin (14 Uhr, Gedenktafel zur Afrika-Konferenz in der Wilhelmstraße 92). Zum Abschluss soll am 27. Februar 2010 ein Gedenkmarsch für die Opfer von Sklaverei, Sklavenhandel und Kolonialismus stattfinden.
ND



* Aus: Neues Deutschland, 13. November 2009


Verdrängte Ansprüche

Namibia wartet noch immer auf angemessene Entschädigung

Von Reinhart Kößler **

2004 schien es so, als würde der 100. Jahrestag der Kolonialkriege in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, wirklich etwas in Bewegung setzen. Damals entschuldigte sich Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul bei der Gedenkfeier auf dem Schlachtfeld von Ohamakari für die deutschen Kolonialverbrechen. Ein Tabubruch: Bei Besuchen von Bundeskanzler Kohl und Bundespräsident Herzog waren sie noch nicht einmal vorgelassen worden. Doch fünf Jahre später fühlen sich die Nachfahren der Opfer des kolonialen Völkermordes nach wie vor von der Bundesregierung mit ihren Anliegen ignoriert. Auch die 2005 einseitig angekündigte, äußerst bescheiden dotierte »Versöhnungsinitiative« wird der Forderung nach angemessener Entschädigung nicht gerecht. Sie verfehlt vor allem das zentrale Anliegen der Opfergruppen: gehört zu werden und in einen ernsthaften Dialog darüber einzutreten, wie mit der grausamen Vergangenheit umzugehen sei.

Die Anstrengungen, hier voran zu kommen, haben in Namibia in den letzten drei Jahren zu einer politischen Akzentverschiebung und zu einem Bündnis zwischen den Führern betroffener ethnischer Gruppen geführt. Erstmals bildeten die Nama im Süden Namibias eine Assoziation ihrer unterschiedlichen Lokalgruppen. Dem schlossen sich die Mehrheitsgruppe der Ovaherero, die Rehobother, San (»Buschleute«) und schließlich auch eine Gruppe von Damara an. Sie setzen auf eine enge Kooperation mit der namibischen Regierung. Die Nationalversammlung hatte im Jahr 2006 ohne Gegenstimme eine Resolution verabschiedet, in der die Forderung nach Reparationen für den Völkermord unterstützt wird.

Zunächst ist aber eine andere koloniale Hypothek in den Vordergrund gerückt. Die vor hundert Jahren aufblühende Rassenforschung besorgte sich auch in Namibia Anschauungsmaterial, vor allem menschliche Schädel und andere Körperteile. Einige dieser Schädel stammen von gefallenen, oft prominenten Anführern. Die Rückführung dieser menschlichen Überreste ist derzeit eine zentrale Forderung der Opfergruppen. Sie verlangen zugleich die Errichtung eines »Genocide Museum« in der Hauptstadt Windhoek.

Bisher haben sich nur wenige deutsche Institutionen geäußert, in deren Sammlungen Schädel aus Namibia vermutet werden. Notwendig ist eine umfassende Bestandsaufnahme, um diesen Skandal zu bearbeiten. Andere Fälle, wo Gegenstände geraubt und in deutsche Museen gebracht wurden, kommen hinzu. Wenn die Bundesregierung im März dieses Jahres einer kleinen Anfrage der LINKEN beschied, es gebe keine Restitutionsproblematik gegenüber ehemaligen deutschen Kolonien, so bewies sie damit Unwissen und sträfliches Desinteresse. Oder sie sagte bewusst die Unwahrheit.

** Aus: Neues Deutschland, 13. November 2009


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