Stolze Tschechen in abgeschabtem Samt

Einstige Euphorie wird verdrängt durch die Nüchternheit des heutigen Alltags

Von Jindra Kolar, Prag *

Teil 47 der ND-Serie: Am 17.11.89 demonstrierten Tausende Studenten in der Prager Innenstadt. Anlässlich des Weltstudententages forderten sie Demokratie. Sie werden von der bewaffneten Staatsmacht auseinandergetrieben. Es ist der Anfang vom Ende der sozialistischen Regierung in der CSSR.

Eigentlich sollte dieser 20. Jahrestag ein fröhlicher Feiertag werden. Eigentlich sollten am 17. November keine Polizisten auf den Prager Straßen eingesetzt werden. Aber dann mussten sie doch eingreifen, Bilder, wie man sie aus der Vergangenheit kannte: Polizisten mit Helmen, Schlagstöcken und Plastikschilden. Diesmal jedoch standen ihnen keine für ihre Rechte demonstrierenden Studenten, sondern rechtsradikale Extremisten von der »Arbeiterpartei« und einer mährischen nationalistischen Vereinigung gegenüber. Bei den Ausschreitungen gab es einen Schwerverletzten unter den Rechten, drei Polizisten wurden durch Steinwürfe leicht verletzt. Wie Polizeisprecherin Andrea Zoulova später mitteilte, wurden 49 der Rechtsextremen wegen »Widerstands gegen die Staatsgewalt, Übertretung von Gesetzen und Sachbeschädigung« festgenommen.

Abseits der Randalierer ehrten die Offiziellen das Andenken an die Demonstration vom 17. November 1989, jenes Ereignis, das als Beginn der »Samtenen Revolution« gilt. Regierungschef Jan Fischer, Altpräsident Vaclav Havel und Präsident Vaclav Klaus legten Blumen an der Gedenktafel in der Narodni trida, der Nationalstraße, nieder. Und am Abend wurde es doch noch fröhlich in der Prager Innenstadt, Konzerte auf mehreren Bühnen sorgten für gute Stimmung.

Freiheit? Die ist noch nicht angekommen

Am 17. November 1989 hatten sich Studenten der hauptstädtischen Karls-Universität zu einer Protestkundgebung vor der naturwissenschaftlichen Fakultät zusammengefunden. Es war der 50. Jahrestag der Studentenproteste gegen die Schließung der Hochschulen in der besetzten Tschechoslowakei durch die Nazis, der Ermordung des Studentenführers Jan Opletal, ein Datum, das der Weltstudentenbund bereits 1941 zum Internationalen Studententag erklärte; ein würdiges Datum also.

Von der Albertova zogen die Demonstranten über den Vysehrad bis zur Narodni, wo bereits die Sicherheitskräfte der Polizei und die Staatssicherheit warteten. Als der Protestmarsch von der Moldau kommend am Nationaltheater in die breite Straße einbog, schloss sich vorn und hinten der Polizeikordon. »Wir haben leere Hände«, riefen die Studenten. Mit ihnen konfrontierten sich junge Männer in Uniform, ausgerüstet mit Helmen, Schilden, Schlagstöcken und schweren Stiefeln.

Angst herrschte auf beiden Seiten, denn auch unter den Polizisten waren Studenten: Schüler der Polizeischule, deren Brüder andere Hochschulen besuchten und vielleicht auf der anderen Seite standen. »Lasst uns gehen«, riefen die Eingekesselten. Gegen 20 Uhr begannen die Ordnungskräfte, den Demonstrationszug auseinanderzuknüppeln, Verhaftete wurden in bereitstehenden Bussen abtransportiert.

Zwei Stunden später herrschte Ruhe in der Narodni, Friedhofsruhe. Es war die letzte derartige Aktion der sozialistischen Staatsmacht, gleichermaßen ihr Ohnmachtsbekenntnis. Zwei Tage später wurde das Bürgerforum gegründet mit dem Dissidenten und Literaten Havel an der Spitze. Und noch vor Jahresende - nach Abdankung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und ihres Politbüros unter Miloš Jakeš wurde Havel zum Präsidenten der Republik ausgerufen.

Mit der Samtenen Revolution begann das Ende der sozialistischen Ära, das Ende der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (CSSR) und der Tschechoslowakei als Zweivölkerstaat. Und heute? Nach einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts STEM sind vier von fünf Tschechen stolz auf ihre Staatsbürgerschaft. Fünf Prozent lehnen diesen Patriotismus strikt ab, 17 Prozent sind bezüglich irgendwelchen Nationalstolzes skeptisch.

»Freiheit, Freiheit, Freiheit«, hatten die Demonstranten von 1989 auf dem Prager Wenzelsplatz, dem Altstädter Ring und in anderen Städten gerufen. Doch mit der Freiheit ging häufig auch die Befreiung vom Arbeitsplatz einher. Patriotismus - so zeigte die STEM-Umfrage - ist vor allem bei denen angesiedelt, die wirtschaftlich erfolgreich sind, Menschen aus der jüngeren Generation, die ihr Studium erst unter den Bedingungen der neuen kapitalistischen Gesellschaft absolviert haben. In dieser Gruppe der Befragten lag die Zustimmung zum heutigen System bei 91 Prozent.

Hingegen - wen wundert es - war nur die Hälfte der befragten Kommunisten oder deren Sympathisanten mit den gesellschaftlichen Bedingungen einverstanden. Besonders viele Ältere, die Nachkriegsgeneration, fühlen sich betrogen, suchen Arbeit im Ausland, versuchen irgendwie über die Runden zu kommen.

»Die Lebenshaltungskosten sind vielfach höher als vor der Revolution«, meint Zdenek Dvorak aus Prag-Holešovice. Der 76-Jährige war jahrzehntelang bei den Prager Verkehrsbetrieben beschäftigt. Vor zehn Jahren absolvierte er seine letzte Fahrt auf der Tramlinie 22, die ihn durch die schönsten Viertel der Hauptstadt führte. »Freiheit? Die ist noch nicht angekommen«, meint Dvorak. Er sei froh, Rente zu beziehen, doch die Jungen hätten es schwer zu Zeiten hoher Arbeitslosigkeit.

Klaus warnt vor Gefahr »der Diktaturen«

»Viele Buslinien sind eingestellt worden, weil wir keinen Diesel mehr hatten, und die Fahrer sind dann nach Deutschland gegangen, wo sie bei den Speditionen als Billigarbeiter fuhren.« Für viele Menschen habe sich mit der Samtenen Revolution nicht viel geändert, meinte Dvorak, nur das tägliche Leben sei schwieriger geworden, die Mieten und die Kosten für Lebensmittel seien um ein Vielfaches gestiegen. Was nutzen da die bunten Kataloge in den Reisebüros, wenn die Menschen doch kein Geld haben zu reisen, sagt er nachdenklich und erklärt, er könne verstehen, wenn es Menschen gibt, die sich die CSSR zurückwünschen.

Der jetzige Staatschef Klaus wunderte sich noch vor fünf Jahren, dass die Kommunisten Zulauf hatten. Anlässlich des 20. Jahrestages der Samtenen Revolution warnte der Präsident vor den Gefahren »der Diktaturen«: »Die wichtigste Lehre aus dem 17. November 1939 muss sein, dass wir es nie mehr dulden, dass gefährliche Ideologien wie Nazismus und Kommunismus an die Macht kommen können.«

Forderung: Inventur der Demokratie

Differenzierter betrachtete Havel die Geschichte. »Vor zwanzig Jahren habe ich auf dem Wenzelsplatz gesagt: Wahrheit und Liebe müssen über Lüge und Furcht siegen. Dies haben wir damals geschafft.«

Vor Studenten der Philosophischen Fakultät warnte der Altpräsident jedoch vor »totalitären Regimes«. Sie kämen vielleicht in anderen Formen daher als im 20. Jahrhundert. Es gebe heute Diktaturen der Information, des Geldes und der wirtschaftlichen Macht. Man dürfe nicht zulassen, dass irgendjemand eine Art Wahrheitsmonopol aufbaut, es bestehe »ein großer Unterschied zwischen Information und Wahrheit«.

Die Gefahr neuer Diktaturen sei weiter vorhanden. Die größte Errungenschaft der Samtenen Revolution sei die Demokratie. Man solle sie weder missbrauchen noch verspielen, bemerkte der erste Präsident nach der Revolution mit kritischem Blick auf sein Land. Und schloss mit Worten des kommunistischen Schriftstellers und Journalisten Julius Fucik: »Menschen, seid wachsam!«

Eine »Inventur der Demokratie« wird auch von einer gleichnamigen Studentenbewegung gefordert. In einer Analyse stellten die in Brno und Prag beheimateten Studenten fest, wie zerbrechlich die Demokratie heute ist. »Es gibt zu viel Lobbyismus in unserem System« kritisieren sie in ihrer Analyse, die mehrere Beispiele für Korruption aus den vergangenen zwei Jahrzehnten aufzählt. Gleichzeitig fordern sie mehr Transparenz in der Gesetzgebung. Sonst bestünde die Gefahr, dass in zehn Jahren kein 30. Jahrestag der Samtenen Revolution gefeiert werden könne.

Im Alltag teilen nur wenige Tschechen diese Befürchtungen, etliche halten sie für Luxussorgen. Und so verwunderte es nicht, dass beim diesjährigen Umzug am 17. November deutlich weniger teilnahmen als vor 20 Jahren. Waren damals fast 15 000 Demonstranten auf die Straße gegangen, so kamen heuer vielleicht 5000.

Und - Ironie der Geschichte - zur diesjährigen Demonstration kamen auch Kommunisten mit Transparenten, auf denen sie mehr Demokratie forderten.

* Aus: Neues Deutschland, 23. November 2009


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