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08.01.2010

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Ausland
Nigeria: Gotteskrieger gegen einen zerfallenden Staat
Militanter Islamismus in Nigeria

Gotteskrieger gegen einen zerfallenden Staat

Nigeria will von der US-Terrorliste gestrichen werden - nicht alle Nigerianer seien Kriminelle, sagt der Justizminister. Doch das Land hat viele Probleme: Analphabetismus, Armut, Korruption. In den vergangenen Jahren kamen noch verheerende Gefechte mit Islamisten hinzu. Deren Anführer wurde dabei zwar getötet - aber das Elend führt dazu, dass seine Bewegung immer neuen Nachwuchs findet.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Nigerias Präsident Umaru Yar'Adua (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Präsident Yar'Adua wollte entschlossen gegen die Islamisten vorgehen - jetzt liegt er schwer krank in einem saudi-arabischen Krankenhaus. ]
Das Leben kehrt nur langsam zurück nach Maiduguri, die Hauptstadt von Borno State im Nordosten Nigerias. Vor einem halben Jahr haben sich hier Militär und militante Islamisten erbitterte Gefechte geliefert. Mehr als 1000 Menschen sollen getötet worden sein.

Damals zeigte Nigerias Präsident Umaru Yar’Adua noch Stärke: "Diese Menschen haben es auf unsere Gesellschaft abgesehen", erklärte er. Sie hätten Waffen gesammelt, gelernt, Sprengstoffe und Bomben zu bauen, "um den Frieden in Nigeria zu zerstören". Man setze die Patrouillen im ganzen Norden fort, um diese Leute zu finden und sofort zur Verantwortung zu ziehen.

Scharia für ganz Nigeria?

Die Sekte, die damals für Schlagzeilen sorgte, heißt "Boko Haram" - auf deutsch "Die moderne Erziehung ist eine Sünde". Sie orientiert sich an den afghanischen Taliban und fordert, dass überall in Nigeria die Scharia gelten soll, das islamische Recht. Wie stark Boko Haram ist, bleibt unklar.

"The Man Who Shamed Nigeria": Ein Nigerianer liest die Zeitung "The Guardian", die allerdings ein falsches Foto des Tatverdächtigen auf ihrer Titelseite abdruckte. (Foto: AFP) [Bildunterschrift: "The Man Who Shamed Nigeria": Ein Nigerianer liest die Zeitung "The Guardian", die allerdings ein falsches Foto des Tatverdächtigen auf ihrer Titelseite abdruckte. ]
Sektenführer Mohamed Yusuf wurde zwar damals getötet. Doch angeblich hat die Gruppe längst einen neuen Chef ernannt und verfügt noch immer über enorme Ressourcen. Informierte Kreise wollen wissen, dass Yusuf sich sogar mit Osama bin Laden persönlich getroffen und 150 Millionen Dollar für den Aufbau einer Al-Kaida-Zelle in Nigeria erhalten habe.

Nigerias Regierung betont, dafür gebe es ebenso wenig Beweise wie für die Spekulationen, dass Umaru Abdulmutallab, der verhinderte Flugzeugbomber von Detroit, bereits in Nigeria Kontakte zu radikalen Islamisten aufgenommen habe. Natürlich müsse man die Bedrohung durch Islamisten ernst nehmen, zumal es bei Kämpfen mit einer anderen Sekte im Bundesstaat Bauchi gerade wieder mehr als 70 Tote gegeben hat.

"Alles in allem ein gescheiterter Staat"

Doch von Taliban könne keine Rede sein, findet Harouna Yerima. Er hat in der Sektenhochburg Maiduguri lange an der Universität unterrichtet. Für ihn ist die Radikalisierung des Islams im Norden Nigerias zwar eindeutig auf dem Vormarsch. Aber sie sei vor allem das Symptom eines kranken Staates: "Die Armut hat sich tief in die Gesellschaft Nigerias hineingefressen. Viele Menschen haben keine Arbeit, können weder lesen noch schreiben - und die Korruption ist einfach atemberaubend." Insgesamt ist die Lage so schlimm, dass es ihn nicht wundere, dass solche Gruppen wie Boko Haram entstehen und Zulauf haben.

Frauen und Kinder haben in einer Militärkaserne Zuflucht gesucht. (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Tausende Menschen suchten während der Gefechte in Maiduguri Zuflucht in Militärkasernen. ]
Hinter der Fassade herrscht oft unfassbares Elend - im Norden kommt der Erdölreichtum Nigerias nicht an. Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen gehört Nigeria zu den 30 schwächsten von insgesamt rund 180 erfassten Ländern.

"Alles in allem ist dieses Land ein 'failed state' - ein gescheiterter Staat", sagt Yerima. "Wenn man etwas gnädiger sein will, hat Nigeria auf jeden Fall eine gescheiterte Regierung, aber der Weg zum failed state ist bereitet."

Der Präsident ist schwer krank

Und es hat derzeit auch keinen Präsidenten. Denn Umaru Yar’Adua, 2007 ins Amt gewählt, ist schwer herz- und nierenkrank und liegt seit Ende November in einer saudi-arabischen Klinik. Für die Zeit seiner Abwesenheit hat er niemanden formell mit der Führung der Amtsgeschäfte beauftragt, wie es die Verfassung erfordern würde. Zuletzt wurde der muslimische Staatschef von seinem christlichen Vizepräsidenten Goodluck Jonathan vertreten - ausgerechnet einem Politiker, der als einer der korruptesten des Landes gilt.

Ölförderanlagen des Shell-Konzerns im Nigerdelta (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Ölförderanlagen des Shell-Konzerns sind immer wieder Ziel von Rebellenangriffen ]
Und so taumelt Nigeria führungslos zwischen den Krisen hin und her: Im Norden droht neue Unruhe durch Islamisten, im ölreichen Süden könnte der Friedensprozess mit den Rebellen des Niger-Deltas scheitern - die Kämpfer der Organisation MEND, die eine größere Teilhabe der Bevölkerung an den Ölgewinnen fordern, haben immer größere Zweifel an der zugesagten Amnestie: Einen Teil ihrer Waffen haben sie abgegeben, doch sie warten bislang vergeblich auf das versprochene Geld und die Ausbildungsstellen. Präsident Yar’Adua war für sie ein ehrlicher Makler, doch seit seiner Krankheit ist völlig unklar, wer ihnen nun die Hand zur Versöhnung reicht.

Die politische Lähmung Nigerias könnte schlimme Folgen haben. "Wir sind 150 Millionen Schafe ohne einen Hirten", titelte vor kurzem die nigerianische Zeitung "Next". Und niemand weiß, wie lange das noch gutgehen kann.

Stand: 05.01.2010 16:46 Uhr
 

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