Wednesday, 03 February 2010 05:31 am Empty Rooms | Ausstellung des Fachbereichs Medienkunst 2005
Die Leerstelle in der Fotografie
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Die Präsentation von Kunst in institutionellen Räumen zu thematisieren, ist für Studierende eines medienwissenschaftlichen Studiengangs eine essentielle und notwendige Herausforderung, denn die Wirkung von Kunst ist in erheblichem Maße von ihrer Präsentation abhängig. So haben sich die Studenten der Hochschule für Gestaltung (HfG) entschlossen, in der Jahresausstellung 2005 einen ungefüllten Raum auszustellen, also sozusagen eine fest defi nierte Leere zu zeigen und diese im übertragenen Sinn mit Inhalt „zu füllen“, und zwar mit wissenschaftlichen Aufsätzen von Gastautoren. Die Texte setzen sich mit dem Begriff der Leerstelle auseinander. Die Ergebnisse dann in Form einer Zeitschrift zu sammeln, belegt den konzeptionellen Ansatz des Vorhabens. Es ist ein kuratorisches Experiment, das die üblichen Abläufe von Ausstellungen und konventionellen Rollenverteilungen zwischen Künstlern, Kuratoren und Kunstvermittlern hinterfragt, aber auch das Verhältnis der Kunst zum Betrachter und des Werks zu seinem Ort refl ektiert. Dieses Projekt greift insoweit ein höchst aktuelles Phänomen auf, da die Fragen nach der Präsentation von Kunst als eigenständigem wissenschaftlichen Zweig in den letzten Jahrzehnten stetig zu einem immer bedeutenderen Bestandteil des Kunstbetriebs geworden sind. Zahlreiche Museumsneubauten der vergangenen Jahre und eigens dafür geschaffene „space-specifi c works“ belegen diesen Diskurs. Mit dem Konzept, einen leeren Ausstellungsraum zu präsentieren, knüpft die HfG an die wissenschaftliche Tradition der Erforschung der Leer- und Unbestimmtheitsstellen an, wie sie die Kunst- und Literaturwissenschaft seit dem frühen 20. Jahrhundert kennt. Der polnische Philosoph Roman Ingarden unterschied dabei in den 20er Jahren das konkrete Erlebnis eines Kunstwerks von seinem materiellen Träger. So belegt er anhand der Fotografi e einer Person, die rückseitig aufgenommen wurde, dass die Frage, wie das Gesicht beschaffen sei, und welches Alter die Person haben mag, erst in der Vorstellung des Betrachters inhaltlich codiert wird. Ähnlich wie in der Literatur, wo bei gelesenen Texten die beschriebenen Personen erst in der Vorstellung des Lesers Gestalt annehmen, schreibt der Betrachter eines Bildes sein Wissen und seine Vorstellungen den Unbestimmtheitsstellen in Fotografi en zu. Die Kunstgeschichte nutzte also Erkenntnisse der Literaturwissenschaft, wonach das, was in einem Text nicht beschrieben oder nicht beschreibbar ist, in der Vorstellung der Lesenden selbst ergänzt wird. Die Bilder für diese Ergänzungen – beispielsweise das Aussehen der Protagonisten eines Romans – werden aus den im Gedächtnis gespeicherten Bildern von Personen zusammengesetzt. Diese Überlegung wurde u.a. von Wolfgang Kemp in den 80er Jahren mit seinem wegweisenden Buch „Der Betrachter ist im Bild“ auf die bildende Kunst übertragen. Der Beobachter ergänzt, projiziert und imaginiert. Das Kunstwerk, das meist für einen anonymen Adressaten geschaffen ist, vollendet sich somit erst in der Betrachtung. Bei der Fotografi e interessiert dabei vor allem die Selektivität, also die Frage, was vor und während des Moments der Aufnahme zum Bild erklärt und was weggelassen wird. Denn im Unterschied zum Maler kann der Fotograf die Bildkomponenten nicht frei auf dem Bildträger anordnen und zu einer seinen Vorstellungen entsprechenden Komposition zusammenfügen. Der Fotograf ist vielmehr auf das in der Realität Anzutreffende angewiesen. Die Selektion ist also werkbestimmender Bestandteil der fotografi sch-künstlerischen Arbeit. Es gibt aber noch eine weitere Selektion, nämlich die faktische Auswahl all dessen, was der Betrachter durch seine Vorkenntnisse realisiert. So wird die Aufmerksamkeit auf die Frage nach den Inhalten gerichtet, die zur Ergänzung dieser Lücken dienen. Aber nicht nur bei der Frage der Kunstpräsentation, sondern auch innerhalb der künstlerischen Medien selbst, gerade auch bei der Fotografi e, werden Fragen nach Unbestimmtheitsstellen in Kunstwerken aufgeworfen. Zwar ist wie bei keinem anderen Medium die Fotografi e immer an die Beobachtung gebunden, aber im Prinzip ist zwischen den Blick auf die Welt und die Fotografi e eine Apparatur eingestellt. Erst der visuelle Dialog zwischen Betrachter und Bildträger vollendet dann die Aussage des Werks, ungeachtet der Frage, was der einzelne mit den gelieferten Informationen eines Bildes anzufangen vermag. Gerade die Fotografi e ist neben dem Film das zentrale Medium, das diese Fragen evoziert. Ungeachtet dessen gibt es Fotos, die per se leere Räume thematisieren, man denke nur an Laurenz Berges oder an Candida Höfer. Berges zeigt Innenräume leer stehender Häuser. Die Menschen sind fortgezogen, weil ihre Dörfer in Kürze dem Braunkohletagebau weichen müssen. Die Spuren in den Gebäuden, an den Fußböden, den Tapeten oder zurückgelassene Accessoirs lassen Rückschlüsse – wenn auch begrenzt – auf die ehemaligen Bewohner zu. Die Räume zeigen Spuren menschlichen Lebens in menschenleeren Bildern. Auch die Aufnahmen der Museumsinnenräume von Candida Höfer zeigen keine Personen. Die in ihren Bildern thematisierte Präsentation von Exponaten richtet sich an Besucher, die aber in den Fotos gar nicht anwesend sind. Das bewußte Weglassen von Personen kann als eine bewußt in die Fotos platzierte Leerstelle bezeichnet werden. Aber Höfer geht noch weiter, wenn sie die Räume ebenerdig aufnimmt und damit eine fi ktive Überlagerung des fotografi erten Raums und des Betrachterraums im Museum bewirkt und mithin der Betrachter als wahrnehmende Instanz in das Bild integriert wird. Wir blicken in die Räume in der Weise hinein, dass der Blick der Kamera eliminiert zu sein scheint und identisch wird mit unserem Blick. Fotografi e zeigt also immer auch Wirklichkeitsausschnitte und verweist auf das über die Bildgrenzen Hinausgehende, das bei der Betrachtung zumindest teilweise mitimaginiert wird. Es gibt folglich eine Kommunikation, die über das Bild hinaus geht, wenn z.B. Handlungen, die im Bild zu sehen sind, mit einer außerhalb des Gezeigten liegenden Sphäre in Beziehung stehen. Jedes Bild, insbesondere jedes fotografi sche, stellt einen unvollständigen Ausschnitt einer Wirklichkeit dar. Im Besonderen gilt dies für narrative Fotos, denn dort dehnt sich das Visuelle weit über das aus, was auf einer Fotografi e zu sehen ist. Die Auseinandersetzung mit Unbestimmtheitsstellen in der Kunst, welcher sich die Studenten hier stellen, ist gerade vor dem Hintergrund relevant, dass das Universum der Bilder enorm explodiert, wenn man neben der Fotografi e an Film, Video, Computer oder das Internet denkt.


RUPERT PFAB
Pfab ist Fotohistoriker und Ausstellungskurator. Er lebt in Düsseldorf und Hamburg.
pfab@fotografie-und-wissenschaft.de
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