erstellt am: 06.02.2010
URL: http://nachrichten.rp-online.de/article/politik/Neda-Irans-falsche-Maertyrerin/66966

Neda: Irans falsche Märtyrerin

zuletzt aktualisiert: 06.02.2010 - 02:30

Medien verbreiteten weltweit das angebliche Foto einer jungen Frau, die bei den Demonstrationen im Iran von Polizisten erschossen wurde. Doch es handelte sich um eine Verwechslung. Neda Agha-Soltan ist tot, die vielfach abgedruckte Neda Soltani lebt – und hat in Deutschland Asyl beantragt.

Neda Soltani lebt in einem schäbigen Heim für Asylbewerber, irgendwo in Deutschland. Seit fast sieben Monaten schon, seit sie aus dem Iran geflüchtet ist. Nie wollte die Dozentin für englische Literatur ihre Heimat verlassen, aber am Ende hatte sie keine Wahl. Die 32-Jährige hat ihre Identität an eine andere junge Frau verloren, deren Name fast so lautet wie der ihre: Neda Agha-Soltan. Aufgeschrieben hat diese Geschichte der Journalist David Schraven, der für die "Süddeutsche Zeitung" schreibt.

Diese andere Neda ist tot, erschossen bei den Demonstrationen gegen Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, die im vergangenen Juni Teheran erschütterten. Ein verwackeltes Handy-Video, auf dem die 26-jährige Studentin blutüberströmt auf dem Straßenpflaster im Sterben lag, tauchte schon kurz nach den Schüssen im Internet auf. Und ein Name kursierte: Neda Soltan.

Man wird wohl nie erfahren, wer dann im Internet auf den Seiten des sozialen Netzwerks "Facebook" auf das Passfoto von Neda Soltani stieß. Es schien alles zu passen: Eine junge Frau von der Islamic Azad University in Teheran, die der toten Demonstrantin stark ähnelte. Der kleine Namensunterschied zwischen der Studentin Neda und der Literatur-Dozentin Neda fiel nicht auf. Das Foto wurde kopiert und verbreitete sich rasend schnell. Erst im Internet, dann im Fernsehen.

Schließlich wurde das Bild auch von den großen Presseagenturen verbreitet und millionenfach in den Zeitungen abgedruckt, darunter auch in dieser. Das Foto von Neda Soltani, auf dem sie züchtig geschminkt und mit dem im Iran obligatorischen Kopftuch zu sehen ist, wurde über Nacht zur Ikone des politischen Freiheitskampfes im Iran – und die junge Frau zur Märtyrerin wider Willen.

Anfangs dachte Neda Soltani noch, die kleine Verwechslung ließe sich schnell aufklären. Sie schrieb eine E-Mail an den englischsprachigen US-Auslandssender Voice of America, der im Iran besonders von Sympathisanten der Opposition viel gehört wird. Sie erklärte den Irrtum und schickte zum Beweis ein weiteres Foto von sich mit. Doch dann tauchte auch dieses Foto plötzlich in allen Medien auf und wurde wieder als Bild der getöteten Demonstrantin bezeichnet. Neda Soltani bekam es allmählich mit der Angst zu tun. Sie löschte ihre Facebook-Seite, doch es war zu spät.

Die junge Frau hatte die Gewalt über ihr eigenes Bild längst verloren. Selbst als die Eltern der getöteten Studentin drei Tage nach dem Zwischenfall authentische Bilder ihrer Tochter veröffentlichten, zirkulierte das Passfoto von Neda Soltani weiter. Bei den folgenden Demonstrationen der iranischen Opposition tauchte es auf Plakaten auf, es wurde auf T-Shirts und Aufkleber gedruckt. "Engel des Iran" stand darunter. Die lebende Neda und einige ihrer Freunde versuchten verzweifelt weiter, den Irrtum aufzuklären. Aber sie stießen auf eine Mauer der Ablehnung. Regimekritiker witterten ein Propagandamanöver des Mullah-Regimes und beharrten nun erst recht darauf, das kopierte Facebook-Foto sei authentisch.

Zu diesem Zeitpunkt ging es schon längst nicht mehr um die Wahrheit. Neda Soltani, die brav in ihrem Studierzimmer saß, als Neda Agha-Soltan auf offener Straße verblutete, war zum Spielball der politischen Auseinandersetzung in ihrer Heimat geworden. Das Regime setzte sie unter Druck, will sie benutzen, um die Opposition und die ausländischen Medien der bewussten Fälschung zu überführen.

Neda gerät in Panik. Sie kratzt alle ihre Ersparnisse zusammen. Hals über Kopf, ohne ihre Eltern zu informieren, nur mit einem kleinen Rucksack flüchtet sie Anfang Juli über Griechenland nach Deutschland, wo ein Cousin lebt.

Am Tag nach ihrer Flucht tauchen in westlichen Medien erste, spärliche Hinweise auf die Verwechslung auf. Sie gehen unter. Immer noch taucht das falsche Foto gelegentlich auf. Es hat ein Eigenleben entwickelt.

Neda Soltani hat die Hoffnung inzwischen aufgegeben, sie könne die fatale Verwechslung ungeschehen machen. Sie sitzt in dem Asylbewerberheim, wo der Journalist Schraven sie aufgetrieben hat. Die junge Frau hat Angst um ihr Leben, vor allem aber sorgt sie sich um ihre Familie. Nedas Eltern gehören der iranischen Mittelschicht an. Sie hat schlimmes Heimweh. Am liebsten möchte sie zurück nach Teheran, aber das geht nicht. Seit bald sieben Monaten läuft ihr Asylverfahren, sie lebt von 180 Euro im Monat. Das banale Passfoto aus dem Internet hat ihr Leben verändert. Für immer.

Quelle: Rheinische Post

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